vonlottmann 01.07.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Diese Woche fand wieder einmal der Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt statt, und in der Redaktion fand sich absolut niemand mehr, der darüber schreiben wollte. So wurde gelost, und die Wahl fiel auf mich.
„Aber ich kann jetzt nicht weg aus Tel Aviv“, wehrte ich mich zunächst. Auch ich hatte bereits mehrere Male über die Veranstaltung geschrieben, nämlich als noch junger Mann 1998 und dann, schon mit Christa Zöchling verheiratet, im Jahr 2011.
„NOCH EINMAL?!“ krächzte ich verzweifelt ins Smartphone. „Sie müssen nicht hinfahren, es wird ja alles übertragen, jede Minute, jeder Satz, jedes Wimpernzucken des Jury-Leiters.“
„Ich weiß!“ Es war mir kein Trost.
Es gab trotzdem ein Problem, also ein echtes. Der einzige Star unter den Autoren war Tom Kummer, und der las erst ziemlich am Ende des viertägigen „Lese-Vergnügens“. Da die Zeitung – die WELT am Sonntag – schon vorher in Druck ging, konnte ich Tom Kummer nicht mehr berücksichtigen. Ich machte das geltend. War es nicht fast schon unseriös, nicht das Ende abzuwarten?
„Über den G-20 Gipfel wird auch nicht erst berichtet, wenn er zu Ende ist, im Gegenteil. Es wäre unseriös, nicht laufend darüber zu informieren“, sagte der Ressortleiter.
Der G-20 Gipfel fand zeitgleich in Japan statt. Das war viel weiter weg als Klagenfurt, aber kein Kollege weigerte sich, dort hinzufahren.
Ich sah mir also die ersten Tage im Fernsehen an und schrieb brav meinen Bericht, der auch ohne Änderungen gedruckt wurde. Nämlich folgendermaßen:


WORTSCHNITZEREIEN MIT ACHT VERSCHIEDENEN BEDEUTUNGSEBENEN

Irgendwer muss sich das Wettlesen in Klagenfurt, den sogenannten Ingeborg Bachmannpreis, ja jedes Jahr ansehen. Diesmal trifft es den deutsch-österreichischen Schriftsteller JOACHIM LOTTMANN
Das Wort Identität wird man nach diesen vier Tagen in Klagenfurt nicht mehr hören können. Und das Wort Frau. Natürlich erwartet man auch nichts anderes. Da ist also dieses extreme Missverhältnis von im Grunde unbedeutenden, künstlichen, wertlosen Texten einerseits, und heillosen, absurden, als Eigenpersiflage daherkommenden Überinterpretationen auf der anderen, der Jury-Seite. Gut, das wußten wir vorher, das war schon immer so, das will man auch nicht noch einmal anprangern.
Jeder gute – oder soll man sagen ‚echte’ – deutsche Schriftsteller hat schon einmal seinen Klagenfurt-Verriß abgeliefert, manche schon vor 43 Jahren, manche erst vor fünf. Zuletzt hatte sich dieses Unter-Genre totgelaufen, und den Preis gibt es immer noch.
Das muß Gründe haben. Es wäre doch schön, auch und trotz des immer gleichen und offensichtlichen Befunds, noch Zwischentöne zu finden, leichte oder mittlere Veränderungen, Belege für ein Weiterdrehen der Welt, ja vielleicht sogar für eine gestiegene Qualität der Texte? Marcel Reich-Ranicki, der diese erste Casting Show des deutschen Fernsehens erfand, sagte im Jahr seines Todes, bei den vorgetragenen Schnipseln handele es sich gar nicht mehr um Literatur, sondern um Stimmungsbilder. Es würden keine Stories mehr entwickelt.
Das war zu Beginn dieses Jahrzehnts. Könnte sich das nicht verbessert haben? Der große Clemens J. Setz trug die Eröffnungsrede vor. Er, der vor lauter Talent kaum noch laufen konnte, einst, der fast jedes Jahr einen 400 oder 1000 Seiten starken Roman raushaute und von Anfang an mit Preisen zugeschüttet wurde, er, dessen leerlaufendes Schreibergehirn alle beeindruckte und der dennoch nichts Sinnvolles hinterließ, tauchte jetzt komplett verändert im ORF Landestheater auf. Nämlich als Taliban-Rübezahl mit langem Rauschebart, kurzen Hosen, Badelatschen, strenger Brille und gelbem Strohhütchen. So kannten wir ihn noch gar nicht. Und auch innerlich ist er ein anderer geworden.
Er hat seit vier Jahren keinen Roman mehr geschrieben und verachtet sich für die Rolle, die er dem Literaturbetrieb früher vorgespielt hatte. Seine Rede war brilliant und gestochen scharf vorgetragen. „Ihr wisst ja nicht einmal mehr, wer euch schreibt“ war einer der Sätze darin. Sein Credo: Wir alle folgen unbewusst fremden Ideen und fremden Geschichten. Zumindest auf ihn traf das zu, aber nun nicht mehr. Er hatte das abgestellt, die übrigen Bachmann-Menschen noch nicht.
Also neue Karten, altes Spiel. Vierzehn AutorInnen, die meisten natürlich Frauen, sieben Juroren. Und ein Star, nämlich Tom Kummer. Banale Texte, überbordende Erklärungen. Das Wort ‚banal‘ ist vielleicht unpassend für Wortschnitzereien, die in jedem Satz acht verschiedene Bedeutungsebenen haben. Aber ihre Wirkung ist banal, nämlich ein tönendes Nichts. Es sind Texte, die allesamt nicht für Käufer von Büchern gedrechselt werden, sondern für die Bachmann-Juroren. Schon die Teilnahme an dem vom Fernsehen live übertragenen Wettbewerb garantiert eine solide Karriere als lesereisende SubventionsschriftstellerInnen. Über tausend weitere Literaturpreise warten auf die neuen Kandidaten, Stipendien, Dorfauftritte. Oder zeitgemäß ausgedrückt: eine feine Identität.
Dazu ist es nötig, den angeblichen Identitätsverlust in unserer Gesellschaft unablässig zu thematisieren. So gut wie kein Text ohne ein „Zerbrechen einer Identität“, „Spiel der Identitäten auf allen Ebenen“, „alle Identitäten kommen ins Schwimmen“, „virtuosem postmodernem Spiel mit Erzählebenen“. Überall gibt es gleichzeitig eine Ich- und eine Er-Perspektive, weitere Autoren-Ichs mit verschiedenen Namen, Charakteren, ethnischen Zugehörigkeiten und vor allem Geschlechtern. Alles sehr kompliziert, aber eigentlich nur deppert. Die Juroren laufen jedesmal vor Beglückung aus dem Ruder. Wahnsinn, wie kompliziert der Autor alles arrangiert hat! Ganz große Kunst! Was für ein geniales Stückwerk! Denn jede gezeigte Talentprobe – 15 Seiten – ist ja angeblich nur Teil des „großen Romans“, der bald folgen soll. Viel Spaß, kann man da nur sagen. Nur Tom Kummer, wie gesagt der einzige Star, war schon vorher durch ganze Bücher aufgefallen. Leider nicht nur dadurch.
Die Juroren waren lange Jahre die Stars der ganzen Sache. Ihretwegen hat man eingeschaltet. Die wirklich unfassbare Selbstverliebtheit, mit der sich etwa Burkhard Spinnen eitel gackernd um sich selbst drehte, war phänomenal. Auch Hubert Winkels lief immer wieder als Karikatur seiner selbst auf, konnte so schön den wahnsinnig wortmächtigen, pseudoklugen Extremintellektuellen geben, daß man vor Freude jauchzen wollte. Doch Spinnen ist nicht mehr dabei, und Winkels hat sich sehr verändert, wie Clemens J. Setz. Er ist ruhig geworden und redet nun ganz vernünftig.
Bleibt die Frage nach der unverhofften Entdeckung, nach der Ausnahme von der Regel. Die Hoffnung stirbt zuletzt, und beim Bachmannpreis nie: war nicht doch, quasi aus Versehen, ein Genie dabei, ein großer Schriftsteller, ein Autor der Zukunft, ein Peter Handke des 21. Jahrhunderts? Immerhin hatte auch Rainald Goetz einmal dort angefangen.
Die Antwort lautet: Ja, nämlich der wie gesagt weise gewordene, sich selbst durchschauende, erstmal nicht mehr sinnlos weiterschreibende Clemens J. Setz. Von ihm werden wir eines Tages Bücher bekommen, die wir auch kaufen wollen.

JOACHIM LOTTMANN

Aus und Ende.

Soweit mein schöner Bericht.

Ich schrieb ihn recht rasch, in nur 40 Minuten, denn der Redaktionsschluss war um zwölf Uhr mittags. Um 14.30 Uhr las dann Tom Kummer. Das sah ich mir dann schon noch an.
Der Mann war ja der einzige, der schon vom Alter her so etwas wie eine Biographie haben konnte. Er war doppelt oder dreimal so alt wie die anderen. Er hatte seine Lebenszeit nicht in literarischen Instituten, Schreibschulen, kulturellen Workshops oder geförderten interdisziplinären Seminaren des Goethe Instituts verbracht, sondern als gefeierter Reporter in Hollywood, verkrachter Tennislehrer in Kalifornien und abgestürzter, aber fürsorglicher Familienvater in der Schweiz. Die schlimmsten denkbaren Schicksalsschläge hatten ihn gebeutelt. Er hatte nicht nur seinen guten Ruf verloren, seine berufliche Ehre und Integrität, sein Einkommen, seinen Freundeskreis, sondern auch noch auf tragische Weise die junge Mutter seiner Kinder, die er nun als VIP Taxifahrer durchbrachte. Die Lesung in Klagenfurt war nur der Versuch, ein breiteres Publikum zu erreichen, nachdem er in allen anderen Welten eine persona non grata geworden war. Warum eigentlich? Das wäre eine lange Geschichte.
Aber eine interessante. Als Reporter waren ihm die Antworten der Hollywood Stars derart langweilig, daß er sie durch eigene Phantasie aufhübschte. Man kann ihm glauben, daß er es wirklich aus innerer Not tat. Um sich in seine Lage, in diese innere Not hineinzuversetzen, muß man nur an unsere sogenannten Interviews denken, die wir mit Fußballern führen. Das Gesagte ist derart erbärmlich, daß es an ein Wunder grenzt, immer noch Menschen zu finden, die diese Sätze abtippen und vom Tonband in den Laptop übertragen („Ich wußte, daß wir Qualität haben in der Mannschaft und klar freue ich mich über das Tor, aber wichtig ist jetzt nur, dass ich der Mannschaft helfen konnte…“). Das schreit danach, es dem Leser nicht zuzumuten. Tom Kummer handelte entsprechend, er konnte nicht anders.
Als es aufflog, war er journalistisch für immer gestorben. Er schrieb dann Bücher, was er ebenso gut konnte, aber die floppten, weil… sie zu gut waren? Zu direkt, zu lebensnah, zu männlich? Ich war gespannt.
Kummer las also. Mitten in dem akademischen Hühnerhaufen – Entschuldigung, das Wort ist zu hart – auf einmal ein richtiger Autor, ein richtiger Mensch.
Was ist das, richtige Literatur? Das ist, wenn man den ersten Satz hört, und man sofort den zweiten hören möchte. Das war nun der Fall. Die Leute lauschten fassungslos, legten die mitgelieferten Seiten weg, an denen sie sich sonst, bei den anderen ‚Autoren‘, immer festhielten.

Man war plötzlich in einem anderen Theater, einer anderen Veranstaltung. Der Bachmann Wettbewerb verhält sich zum echten Buchmarkt ja wie der European Song Contest zur echten Popmusik. Oder wie ‚Germany’s next Top Model‘ zur wirklichen Modewelt. Auf einmal hörten die Leute tatsächlich Literatur, also eine Geschichte, die sie fesselte. Das ewige Mantra der Klagenfurter Jury, man könne einen dieser Texte erst verstehen, wenn man ihn mehrmals gelesen habe (und am besten ganz langsam und im stillen Kämmerlein), galt auf einmal nicht mehr. Es war, als wäre gegen jede Erwartung auf einmal Cara Delevigne bei Heidi Klums Idiotenshow aufgetreten, ein real existierendes Super Model mitten in Germany’s next Lachnummer.
Ich erwartete Jubelstürme nach der Lesung. Doch weit gefehlt, es herrschte betretene Stille. Die Debatte danach war kühl und beispiellos kurz. Nur Jörg Fauser war im letzten Jahrhundert ähnlich schroff zurückgewiesen worden. Die Juroren und JurorInnen fanden keine doppelten Böden, dreifachen Identitäten, achtfachen Bedeutungsebenen. Sie ließen Tom Kummer durchfallen.
Sein Text kam nicht einmal mehr in die Vorauswahl. Es wurde nicht einmal mehr über ihn abgestimmt.

Joachim Lottmann, geboren 1959 in Hamburg, lebt als Schriftsteller in Wien und Tel Aviv. Demnächst erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch sein Kurzgeschichtenband ‚Israel Short Stories‘.

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