vonlottmann 18.08.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Österreich spielt wieder einmal Wahlkampf. Die kleine, theaterverliebte Nation tut das ja eigentlich immer. Es sind noch endlose 78 Tage bis zur Wahl, aber die Medien kennen kein zweites Thema. Diesmal ist es etwas interessanter, denn mit dem Popstar und Überflieger Sebastian Kurz und der schönen Pamela Rendi Wagner sind zwei besonders attraktive Kandidaten im Rennen. Im Ensemble haben wir weitere hübsche Rollen, wie den Ibiza-Schurken HC Strache, der fast stündlich seine 800.000 Follower anstachelt. In Deutschland wäre ein Mann, der vor laufender Kamera die ungeheuerlichsten Verbrechen gesteht, politisch tot. Oder im Gefängnis. Keineswegs im Alpenland. The show must go on!
Auch die alerte Chefin der neugegründeten liberalen Partei Beate Meinl-Reisinger, ein Temeramentsbolzen, der jede Demokratie bereichern würde, jung, blond, kampfeslustig, kriegt ständig Szenenapplaus. Oder der in die Rhetorik verliebte Grünen-Altmessias Werner Kogler, der seine Partei, gerade aus dem Parlament geflogen und medial beerdigt, im Handumdrehen von vier auf vierzehn Prozent pushte. Am geilsten natürlich brilliert Herbert Kickl als Mega-Mephisto der vermeintlichen Nazi-Partei FPÖ. Seine Gemeinheit und Durchtriebenheit schlägt alles, was man seit Gustaf Gründgens in der Faust-Inszenierung von 1957 kannte. Selbst Donald Trump sieht dagegen wie ein wahrheitsliebender Kirchgänger aus dem Zillertal aus. Wir werden noch Beispiele von Kickls Perfidien liefern, müssen uns aber auf die beiden Hauptgegner konzentrieren, also Altkanzler Kurz und die ‚schöne Rendi‘.
Letztere wird von einem altgedienten Mitarbeiter ihrer Parteizentrale recht glaubwürdig so beschrieben: „Von allen Parteichefs, die ich erlebt habe, ist sie die erste wirklich sympathische. Ich konnte es erst gar nicht glauben. War es wirklich möglich, daß sie so nett, menschlich und aufmerksam zu mir war? Ihre Vorgänger hatten mich nur gegrüßt, wenn Kameras dabei waren. Aber es ist so. Sie ist der anständigste Mensch in der Politik, den ich kenne.“
Das sind Sätze, die sonst nur über Sebastian Kurz fallen. Leider hat man der mitfühlenden Ärztin einen altmodisch-aggressiven Wahlkampfstil  aufgepfropft, der überhaupt nicht zu ihr paßt: Wie die gesamte sozialdemokratische Partei läßt sie kein gutes Haar am politischen Gegner. Das heißt, grundsätzlich alles schlechtreden, was der andere sagt und tut, und selbst ALLEN ALLES versprechen.
Dabei werden dann in einer ermüdenden Litanei sämtliche Opfergruppen aufgezählt, alleinerziehende Mütter, Frauen überhaupt, Kinder und Jugendliche, Studierende, Auszubildene, Migranten, Verfolgte, Kranke, Alte, Pflegebedürftige, in Not geratene Selbständige, Kleinunternehmer, Mittelständler und Kleinbauern. Jedem wird es besser gehen nach dem Wahlsieg. Nur die Reichen, die sollen geschröpft werden.
Das ist Klassenkampf aus dem vorvorigen Jahrhundert und wird von der Bevölkerung kaum noch geschätzt. Die Leute wissen heute, daß all die sozialen Wohltaten nicht von den Reichen bezahlt werden, sondern von ihnen selbst, über immer höhere Abgaben und Steuern. Auch mag niemand mehr dieses Geschimpfe hören. Im Parlament nicht, wenn ein Redner einer Partei grundsätzlich und zu 100 Prozent alles verdammt und polemisch geißelt, was die gegnerische Partei vorträgt und umgekehrt. Das ist oldschool und widerlich. Sebastian Kurz meidet diese Rituale und ist genau deswegen so beliebt. Pamela Rendi-Wagner aber tutet im Wahlkampf wieder in das alte Horn. Im Wochentakt verliert sie an Zustimmung in den Umfragen.
Ihre Reaktion: noch mehr draufschlagen, noch extremer und vulgärer werden. Inzwischen wird der politische Gegner wie ein korrupter Mafiahaufen beschrieben, gekauft von den Reichen, eine Marionette des Geheimdienstes. Man spricht nur noch von der „Ibiza-Koalition“, als hätten der populäre Altkanzler und sein Koalitionspartner das Video aus unerfindlichen Gründen selbst gedreht.
Immer wieder wurde suggeriert, die alte Regierung sei bestechlich gewesen, nämlich durch Spenden, und rasch, wie um das zu untermauern, haben sie, die Sozialdemokraten, gleich mit der neuen Mehrheit jenseits der ÖVP, also mit den Stimmen der Neonazis, ein Gesetz zum weitgehenden Verbot von Spenden durchgepeitscht. Nun leben die Parteien in Österreich aber kaum von Spenden, sondern von den über 200 Millionen Euro jährlicher staatlicher Parteienfinanzierung. Das ist unfassbar viel und einmalig in Europa. Sebastian Kurz fordert seit Jahren, das abzubauen. Aber da ist er ein einsamer Rufer in der Wüste, verständlicherweise.
Alle anderen leben nämlich gut und glücklich mit dem vielen Geld, die Parteien, die Politiker, die befreundeten Journalisten und die Zeitungen, die ständig fette Inserate von den Parteien bekommen. Sommers wie winters inserieren sie, als hätten sie ein Produkt zu verkaufen wie Nivea und Haarshampoo. Einige der klammen Zeitungen wären schon pleite ohne die üppigen Aufträge. Im Gegenzug werden die Parteien dann gut dargestellt.
Dessen ungeachtet zieht die SPÖ-Kandidatin furchtlos von Dorf zu Dorf und tönt, mit dem neuen Gesetz „den korrupten Spenden-Sumpf“, in dem die Kurz-Regierung versunken sei, „endlich trockengelegt“ zu haben. SPÖ-Mitarbeiter reden gern davon, daß diese „Regierung der Reichen“ nur die Interessen der obersten fünf Prozent vertreten habe, während die unteren 95 Prozent darbten. Oben knallen die Champagnerkorken wie einst im Schloß Versailles, unten kocht das arme Mütterchen eine Wassersuppe auf dem Camingkocher. Mit so einem Weltbild kann man zwar leben, aber keine Wahlen im Jahre 2019 gewinnen.
Es wäre auch zu einfach. Schließlich hat die Partei hochbezahlte ‚spin doctors‘, die sich in zahllosen ‚brain stormings’ sogenannte Kampagnen ausdenken. 20.000 Euro Monatsgehalt bekommt allein der in diversen Wahlniederlagen kampferprobte Kampagnen-Oberberater.
Was ist nun seinen Soziologen, Politologen und Eggheads diesmal eingefallen? Eine klassische Kopfgeburt, die an Irresein grenzt: der zentrale SPÖ-Begriff dieses Wahlkampfes soll ‚Mut‘ sein. Mut gegen Feigheit. Wer Rendi wählt, gibt dem Mut eine Stimme. Denn Rendi ist mutig. Und Sebastian Kurz ist feige.
What?! Wieso ist Kurz feige, dieser zupackende, sehr tatenorientierte junge Mann, der bei der Schließung der Balkanroute seinen Kopf riskierte? Der mit vielen Taten in Verbindung gebracht wird, etwa dem 1.500 Euro Familienbonus für Steuerzahler? Und was ist an Rendi ausgerechnet mutig? Im allgemeinen Bewusstsein sieht das genau umgekehrt aus. Demnach – das sagen alle, auch enge Mitarbeiter – fehlt der Kandidatin gerade die Courage, ihre ewig querschießenden männlichen Parteifreunde zu disziplinieren. Mit ihrer weichen Art habe sie keine Chance.
Pamela („Yes we Pam“ ist der Slogan) versucht es trotzdem. Und sie wahlkämpft unermüdlich mit dem Etikett ‚Ärztin‘. Wo sie hinkommt, stellt sie sich als Ärztin dar. In Interviews erklärt sie das als den entscheidenden Unterschied zu den anderen, gescheiterten Politikern: als Ärztin habe sie einen menschlichen Zugang zu den, äh, Menschen.
Bürger bringen ihre Befunde mit, holen sich ärztlichen Rat auf Marktplätzen. „Was sehen Sie in der Röntgenaufnahme, Frau Doktor?“
Das Bild der Hausärztin entsteht im Kopf des Wählers, oder der Tierärztin, die nachts noch zum entlegenden Hof fährt und bei der schwierigen Geburt des Kälbchens hilft.


Aber auch hier scheint bald wieder das Theaterhafte der Österreicher durch. Nichts ist das, was es zu sein scheint. Frau Rendi war nie praktische Ärztin, sondern stets in der Forschung tätig, davon viele Jahre im Ausland, im sonnigen angesagten Tel Aviv etwa. Verheiratet ist sie nicht mit dem Bergbauern Sepp aus der ‚Ja, natürlich!‘-Werbung, sondern mit einem erfolgreichen Elite-Diplomaten. Ihre Töchter gehen auf Privatschulen.
Die Arbeiter, die längst zu 90 Prozent die kleine-Leute-Partei FPÖ wählen, aber immer noch als Zielgruppe mißverstanden werden, sollen davon lieber nichts mitkriegen.
Egal. Dann könnte sie eigentlich erst recht einen modernen Wahlkampf machen? Klar. Im Rahmen ihrer eingeschränkten Möglichkeiten tut sie das auch, also im kleinen Kreis, im persönlichen Umgang. Da ist ihr Lächeln nicht nur strahlend, sondern überwältigend strahlend. Die Leute fühlen sich gemeint, ganz einfach weil sie es auch sind. Sie ist dann ‚Pamela‘, und beglückt die Leute auf Gemüsemärkten, im Kinder Ferienlager, im Altersheim des Arbeiter Samariterbundes. Sie herzt Babys, streichelt Tiere, tröstet gebrechliche Omis. Man muß kein Psychoanalytiker sein, um zu sehen: sie mag Menschen. Also wirklich jetzt.
Fast so sehr wie Sebastian Kurz, der geradezu süchtig danach ist, nach diesen Menschen. Der macht das sogar ohne Kameras. Das dürfte unter Politikern einmalig sein. Sein Kontakt zu den Fans ist so intensiv, daß er sich fast schon ertappt fühlt, wenn ein Reporter unvermittelt auftaucht.
Dennoch, mit Pamela könnte man Wahlen gewinnen, wenn man sie von der negativen Partestrategie und -semantik befreite. Sie ist sogar ikonentauglich, bedenkt man, wie viele Frauen und Mädchen sich in den letzten Wochen die berühmte ‚Rendifrisur‘ zugelegt haben: knabenhaft kurz, aber das Haar raffiniert um den musikalischen Hinterkopf bis zur fast bedeckten Stirn herumgedreht. Das ist androgyn, cool, vor allem unschlagbar modern. Rendi sieht besser aus als Jackie Kennedy in ihren besten Jahren! So etwas sagt man aber in der SPÖ nicht, es wäre ‚männliches Denken‘.
Ex-Kanzler Kurz, selbst ein Popstar, sagt denn auch hinter vorgehaltener Hand, die Rendi sei ja super, aber ihre „grausliche Partei“ nicht. Das wird wohl am Ende die banale, aber wahre Erklärung für das nahende Wahldebakel sein.


Aber vielleicht hilft am Ende doch ein Bündnis mit den lange als Quasinazis oder ‚rechtsextrem‘ verschmähten FPÖ-lern? Zusammen hätten sie die Mehrheit, und Rendi würde doch noch Kanzlerin. Sie könnte versprechen, die braunen Gesellen besser in den Griff kriegen zu können, als Kurz das konnte. Und irgendeiner muß ja regieren. Dann besser sie. Es wäre eine Frage der Geduld und der besseren Nerven, nach vermutlich monatelangen ergebnislosen Versuchen bei der Regierungsbildung nach dem Wahltag.
Schon jetzt arbeitet die Rendi-Partei mit dem FPÖ-mastermind Herbert Kickl auffällig gut und nahtlos zusammen. Als ein Kurz-Mitarbeiter nach dem Ende der Regierung die Datei eines Druckers fehlerhaft löschte, was vor einigen Tagen herauskam, gelang es dem dämonischen Propagandachef umgehend, daraus einen veritablen Skandal zu basteln. Er legte den Gedanken nahe, dort seien Spuren zum Ibiza Video vernichtet worden: „Wieder ein – und wahrscheinlich nicht der letzte – Stein zum schwarzen Netzwerk-Sumpf. Da nützt auch das freundlichste Lächeln von Sebastian Kurz nichts mehr!“
Ibiza, das ist in dieser Lesart jetzt Kurz und der Geheimdienst. In Wirklichkeit war es Kickl, der in seiner Zeit als Innenminister in einer haarsträubenden Nacht- und Nebelaktion zentnerweise Festplatten aus den Räumen des Geheimdienstes beschlagnahmen und wegschleppen ließ.
Rendi-Wagner assistierte ihm sogleich bei der neuen Verschwörungsthese. Sie forderte am Montag eine hochoffizielle parlamentarische Untersuchung über die gelöschte Daten des gewiß harmlosen Druckers.

 

Der gesamte Text erschien in der überregionalen deutschen Tageszeitung DIE WELT. Die Fotos machte Kurt Prinz. Das Beitragsbild stellte die SPÖ zur Verfügung.

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