vonlottmann 09.11.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Unser Autor hat drei Romane über die Gentrifizierung in Ost-Berlin nach der Wende und den verblassenden Charme des angesagten Boheme-Viertels Prenzlauer Berg geschrieben, doch über das Haus, in dem er lebt, geschwiegen. Mit Grund. Viele Thesen über die angeblich so kalte und immer kälter werdende Gegenwart werden hier widerlegt: ein literarischer Essay über eine Welt, die ein Modell für unsere Zukunft werden könnte.

Veröffentlicht im österreichischen Nachrichtenmagazin ‚Profil‘ am 3. November 2019

Als ich jung war, bin ich oft umgezogen. Meine Methode, eine billige Wohnung zu finden, war stets die gleiche. Ich ging durch eine Straße, die mir gefiel, in einem Viertel, das mir gefiel, und suchte nach dem Haus, das so aussah, als wäre dort die Miete noch niedrig. Das war dann oft das einzig unsanierte Gebäude, wo die Farbe blätterte, der Mörtel rieselte und viele Fahrräder den Eingang versperrten.
Als vor genau zwanzig Jahren, zehn Jahre nach der Wende, die deutsche Regierung vom Kölner Vorort Bonn nach Berlin umzog, saß ich mit im Zug. Die Wirren der Wende hatten einem Mitschüler von mir einen Sitz im Bundestag ermöglicht. Der ziemlich unpolitische Junge hatte mich zu seinem Büroleiter gemacht. To make a short story short: Das Polit-Abenteuer war längst vorbei, das sechsstellige Jahresgehalt verbraucht und verbraten, ich war in Köln hängengeblieben, sah den Kanzler Gerhard Schröder nach Berlin abdampfen und dachte: jetzt oder nie. So stand ich bald darauf im Prenzlauer Berg in einer Straße, die mir gefiel und suchte nach dem passenden Haus.
Die Straße war die Jablonskistraße. Ich war nur deshalb auf sie gekommen, weil mein Lieblingsroman von Hans Fallada ‚Jeder stirbt für sich allein‘ in der Jablonskistraße spielte. Das Haus fiel mir sofort ins Auge: die Nummer 36. Grau und verwittert, der uralte Putz von Braunkohle- und Trabbi-Auspuffgiften zerstört, ragte es in den lichten Himmel eines goldenen Spätherbsttages. Die anderen Häuser in der Straße waren schon renoviert worden und schienen auf Abstand gehen zu wollen zu diesem Koloß aus frühindustriellen Zeiten. Ich sah aber, daß Nachbarn aus unterschiedlichen Wohnungen oder gar Stockwerken aus dem Fenster hingen, ein Kissen unter dem Arm, und miteinander plauderten. Das war mein Haus!

Ich ging hinein und suchte nach dem Aushang der Wohnungsverwaltung. Als ich die Telefonnummer aufschrieb, stand schon ein Mieter neugierig hinter mir und fragte im netten Kumpeljargon der einheimischen Berliner:
„Suchste ne Wohnung, wa?“
Ich bejahte. Der Mann sah aus wie ein Erwachsener aus den 50er Jahren der Adenauer-Ära, altersmäßig nicht einzuschätzen, die Haare kurz, die Haut bleich, Zigarette und Bierchen in den Händen. Niemals hätte ich ihn geduzt. Ein Mann aus einer anderen Welt, einer anderen Epoche: mein erster Ossi!
„Na denn komm’ ma mit.“
Er führte mich zu meiner jetzigen Wohnung. Er zeigte mir jedes Zimmer, jedes Detail. Die kuriose Gasheizung, den baufälligen Balkon, die eingeklemmten Holzfenster, den Klapparatismus der Klospülung. Er nahm sich wirklich viel Zeit. Obwohl ich sofort begeistert war, wollte er mir nach einer halben Stunde noch eine andere Wohnung zeigen, die frei war, damit ich mich entscheiden konnte. Ich ließ es mir gern gefallen. Diese Wohnung war aber noch gar nicht frei, sondern wurde es erst im Monat darauf. Der Nachbar, der noch darin wohnte, führte uns aber hocherfreut über diesen Besuch durch seine Welt. Danach wurde gemeinsam auf dem Balkon ein Kaffee getrunken und über den Tag geschwatzt. Später lernte ich noch weitere Nachbarn kennen. Da saß ich dann schon in der Wohnung des Mannes, der mich herumgeführt hatte. Er hatte eine liebe Frau und zwei kleine Söhne, war Rechtsanwalt und hieß Volker Mundt.
Und heißt er natürlich immer noch. Inzwischen kenne ich seine Geschichte. Er war zarte 19, als der Staat zusammenbrach. Die Eltern, beide im Staatsdienst, Vater Heimerzieher, Mutter Lehrerin, glaubten nicht mehr an den Staat. Der Onkel war schon früher weg:
„Der ist über Ungarn abgehauen. Die ganze Familie hat geheult. ‚Den sehen wir nie wieder. Und gleich wird die Stasi da sein!‘“
In Prenzlau, wo er damals wohnte, brach alles zusammen. Alle wurden arbeitslos. In Hamburg machte er seinen Zivildienst, schon für den neuen Staat, anstatt Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und für den alten. 1991 begann er sein Jura-Studium, um Rechtsanwalt zu werden. 1993, nur knapp zwei Jahre später, zog er in die Jablonskistraße 36 ein. Die ‚DDR‘ war ein Leseland gewesen, und Volker Mundt kannte das Buch von Fallada. Er wußte sgar, daß das beschriebene Haus die Nummer 46 war, also fast daneben. Es gab bereits die ‚Optima‘, das war die Nachfolgerin der kommunalen Wohnungsverwaltung der ‚DDR‘, und Mundt sprach dort vor. Eine nette Mitarbeiterin namens Frau Kersten gab ihm ziemlich formlos die Wohnung. So einfach war das damals, wenn man einen menschlich guten Eindruck hinterließ. Der Preis war noch auf ‚DDR‘-Niveau.

Ich wiederum bekam die Wohnung für umgerechnet 193 Euro im Monat. Die wilden und legendären Nach-Wende-Jahre waren zwar vorbei, aber in diesem Haus noch nicht ganz. Jeder konnte irre Geschichten von früher erzählen, aber ich hatte immer das Gefühl, sie fänden hier noch immer statt. Etwa die illegalen Techno-Konzerte in verwinkelten Kellern besetzter Häuser der Kastanienallee. Das waren Events, die mit Flyern und von Mund zu Mund beworben wurden, wo man durch zerbrochene Kellerfenster an geheimen Stellen irgendwo einsteigen mußte, lange Flure, die nur Eingeweihte kannten, durchquerte, ehe man auf ein Grüppchen um einen Ghettoblaster stieß, das krachend laut sinnlos verzerrte Technomusik hörte und dazu tanzte und Bier trank. Genau das passierte aber immer noch in abgeschwächter Form im Hinterhof des Hauses Jablonskistraße 36, bei den sogenannten Hof-Festen. Dort trafen sich alle Nachbarn, aber nicht nur dann.

Eines Tages, ich war gerade erst eingezogen, stand ein junger Mann in meiner Tür. An der Wohungs-, nicht Haustür, das war so üblich. Er stellte sich nicht vor, sondern sagte, er hätte mein Buch ‚Deutsche Einheit‘ gelesen, und außerdem habe er jetzt ein Boot. Das wolle er auf den Namen ‚Deutsche Einheit‘ taufen. Ob mir das recht sei?

„Klar, Mann. Obwohl ich mit Booten nicht viel anfangen kann. Was ich bräuchte, hier in Berlin, wo alles so weitläufig ist, wäre ein Auto…“

Ich bat ihn hinein, und wir wurden gleich Freunde. Er besorgte mir umgehend einen ‚Wartburg‘. Für 350 Euro. Die letzten zwanzig Jahre haben wir uns nie ganz aus den Augen verloren, Clemens Holtzendorff und ich, obwohl er inzwischen an den Stadtrand gezogen ist, mit der neuen Freundin und seinem ein Jahre alten Baby. Da bin ich prompt Patenonkel geworden. Den ‚Wartburg‘ fahre ich immer noch. Er steht vor der Tür.

Beim nächsten ‚Hof-Fest‘ am kommenden Ersten Advent werden alle drei da sein, auch die neue Freundin. Der Hinterhof ist nämlich ein beliebter Treffpunkt geblieben, auch tagsüber, was an dem netten Mieter im Erdgeschoß liegen mag, der mit jedem gern ins Gespräch kommt. Gregor heißt er. Er ist der direkte Nachfolger von jenem Mann, der die Hofkultur begründete, der Ungar Gabor. Ein verrückter Typ, dem keiner entkam. Er brachte die Mieter auch dazu, im damals noch doppelt so großen Hinterhof eigenes Gemüse anzupflanzen.

Man war Selbstversorger, sogar in Sachen Drogen, für die allerdings ein Mieter verantwortlich war, der die Hanfpflanzen auf seinem Balkon anbaute. Jeder bekam den Stoff umsonst. Dafür halfen andere woanders, was sich ja im Prinzip bis heute nicht geändert hat. Wenn ein Fahrrad kaputt ist, repariert es Volker Juhls. Wenn es eine Waschmaschine ist, wieder ein anderer. Kinder werden mal von der einen, mal von der anderen betreut. So war das immer schon: den Vormittag verbrachten die umtriebigen Gören von Lena, Jana und Bettina – heute Jugendliche – im zweiten Stock bei Lena, den Nachmittag bei Bettina. Ging alles wohl verdammt gut, Nerd ist dabei keiner geworden.
Noch heute ist es, trotz Klimakrise und Erderwärmung, verdammt kalt im Berliner Winter. Einige wenige Wohnungen heizen noch mit Kohle. Es gibt Mieter, die gehen dann manchmal nicht raus, sondern runter zu Rüdiger im zweiten Stock, und trinken einen Kaffee mit ihm.
„Die Türen standen immer offen“, erinnert sich der Mann, der schon bald ein erfolgreicher Anwalt wurde, vor allem ein guter.

Seine Frau Bettina bastelte gern tolle Sachen für die Kinder im Haus, gemeinsam mit einem anderen Nachbarn, Herrn Kumar, einem Halb-Inder. Irgendwann kam ihre Ehe zu einem Ende, und sie zog zurück in die Schweiz, ihrem Herkunftsland. Ein Fehler? Im Prinzip wohl nicht, aber sie vermisst die vielen Freunde im Haus, die Kreutels, die Kaisers, Frau Zahn, Cordula Hammschmidt, mit der sie Ausstellungen besuchte, das zurückhaltende Fräulein Schächterle, mit dem sie Tee trank. Und sicher vermisst sie sogar ihren lieben Ex-Mann ein bißchen, der ihr Freund geworden ist. Klingt kitschig? Die Wärmewerte in der ‚DDR‘ waren höher als im Westen, auch wenn wir immer nur von der kalten Diktatur gehört haben. Reste dieser Wärme strahlen immer noch in der Jablonskistraße 36. Bettinas Kinder, inzwischen 17 und 14 Jahre alt, kriegen sogar in der Schweiz noch manchmal Besuch von anderen Kindern aus dem Haus. So stark sind die Bindungen, stärker als zu den coolen Mitschülern von jetzt.
Es scheint eine Art liebevoller Geist im Haus zu sein. Geht jemand zum Supermarkt, fragt er schon mal, ob er etwas mitbringen kann. Zum Geburtstag gibt es Geschenke von den näheren Nachbarn. An Nikolaus steht vor jeder Tür ein Papierteller mit Tannenzweigen, Nüssen, Mandarinen, Lebkuchen und einem Schoko-Nikolaus. Lange Zeit wußte ich überhaupt nicht, wer das machte.


Auf einem bestimmten Platz im Treppenhaus liegen immer Bücher, die der Besitzer schon gelesen hat und nicht mehr braucht; wer will, nimmt sich eins und liest weiter. An einem anderen Ort liegen Spielzeug und gut erhaltene Kinderklamotten, aus denen die Kleinen herausgewachsen sind. Ein Nachbar im dritten Stock, der die Frau verloren hat, nimmt immer Untermieter auf, meist Studenten aus fernen Ländern, für die er kocht oder die für ihn. Sein japanischer ‚Koch‘ Keske war dabei so gut, daß die Küche sich jeden Abend mit weiteren Hausbewohnern füllte, auch mit mir. Jetzt studiert er wieder in Tokio.
Übrigens gab (und gibt?) es auch so einige Affären im Haus, und auch einen Haus-Casanova, aber darüber zu schreiben würde mein Weiterwohnen in diesem kibbuzartigen System gefährden. Bemerkenswert ist es in jedem Fall. Wer würde sich heutzutage noch trauen, ausgerechnet mit der Nachbarin eine Affäre anzufangen? Undenkbar. Doch auch das ist immer gut gegangen.
Nur beim Drogennachbar schaute einmal ein Polizist herein und sagte:
„Ich müßte einmal Ihre Wohnung untersuchen, ob Sie, äh, Betäubungsmittel darin unterbringen.“
Er ging einmal mit starrem Blick durch die Wohnung bis zur letzten Wand und wieder zurück, bedankte sich und ging wieder. Der hatte natürlich von dem Balkon gewußt, wie alle. Aber er war eben auch ein Ossi.
Im Laufe der Jahre lernte ich alle kennen. Sogar die scheue Frau Jahnke, eine zerbrechliche, weißhaarige Frau, die als Kind noch die Reichskristallnacht miterlebte, in der Jablonskistraße. Sie kann erstaunlich gut darüber erzählen. Sie weiß auch ganz genau, welche Wohnungen im Krieg beschädigt wurden, zum Beispiel meine, auf die eine englische Brandbombe gefallen war. Das Ding konnte schließlich gelöscht werden. Wahrscheinlich stand schon damals die Hausgemeinschaft auf dem Dach und verhinderte das Schlimmste; das weiß Frau Jahnke nicht, sie war sieben Jahre alt und nicht dabei.

Immer wieder erstaunte mich, wie wenig Fluktuation es im Haus gab und gibt. Alle bleiben wohnen, bis sie alt werden und sterben. Zwei hat es schon erwischt. Besondern vermißt wird Helga Zahn, die sich fast nicht nachvollziehbarer Beliebtheit erfreute. Als sie krank wurde, kümmerten sich sofort mehrere Haushalte um sie. Etwa Oskar Kreutel, 20, Krankenpfleger-Azubi und Sohn von Jana Kreutel, 52. Die Kranke war wie seine Omi. Sie hatte ihm viel von früher erzählt. Er sagt: „Mich interessiert, wie es vor dem Fall der Mauer war. Man hört soviel Schlechtes über den früheren Osten. Aber mein Vater sagt, er hat eine schöne Kindheit gehabt.“ Er spricht dann auch über die negativen Aspekte von heute, dem Haß überall, vor allem im Internet. Das hört man sonst wohl nicht von einem 20-jährigen.

Er hat sein ganzes Leben in der Jablonksistraße 36 verbracht und in der Umgebung drum herum. Er kennt nichts anderes. Alle Mieter sind ihm vertraut wie eine Großfamilie. Wenn er auszieht, muß er in einen Randbezirk umsiedeln, in eine Trabantenstadt, ein anonymes Hochhaus in Lichtenberg oder Marzahn. Die Mieten im Prenzlauer Berg sind zu hoch geworden. Es gruselt ihm vor diesem Tag.
Es gab und gibt viele Kinder im Haus. Noch vor wenigen Jahren standen sieben Kinderwagen unten im Treppenhaus. Jetzt sind es immerhin noch zwei. Wenn neue Mieter kommen, dann immer junge Familien. Die Miete ist nämlich nur moderat gestiegen. Sie ist keinesfalls explodiert wie überall sonst. Trotzdem finden sich bei jeder Mieterhöhung Nachbarn bei Volker ein, die dagegen etwas machen wollen, juristisch. Volker Mundt ist ja der Rechtsanwalt für alle in dem Haus. Er hat auch den Spitznamen ‚Armenanwalt‘, entsprechend dem Begriff vom ‚Armenarzt‘ früher, da er sich immer so vehement und fulminant für die Armen unserer Gesellschaft einsetzt. Er ist vernetzt mit den Prominenten der Linkspartei und hat schon öfters in die Gesetzgebung des Landes in diesen Dingen eingreifen können, etwa durch Gutachten über die Anwendung der Hartz-Gesetze.
Die Eigentümer der Jablonskistraße 36 müssen wahre Engel sein, in dieser unserer Zeit, in der jede Wohnung locker für eine Viertelmillion an einen chinesischen Großinvestor weggehen würde. Sie haben nicht nur die Mieten auf menschlichem Niveau gelassen, sondern auch immer wieder schonend investiert und ausgebessert. Nach und nach wurden Wohnungen von Kohlenheizung auf neuere Systeme umgestellt, die knarrenden Holzfenster ausgewechselt und das Treppenhaus von der alten Tapete der Zwischenkriegszeit befreit. Sogar die Fassade wurde gestrichen. Das Haus gehört einer Erbengemeinschaft, nämlich einem Geschwisterpaar, das hoffentlich hundert Jahre alt wird. Wären die Bewohner religiös, könnten sie dafür beten. Aber es sind natürlich alle echte atheistische Ossis. Bis auf den Anwalt, der hat sich vor einigen Jahren – für alle überraschend – evangelisch taufen lassen.

Die alte Arbeiterkultur im Osten hat die Menschen bekanntermaßen zusammengeschweißt. Es war auch das gemeinsame Kriegs- und Nachkriegserlebnis, dann die Russen, die Diktatur, das Verschwinden bürgerlicher Schichten und schließlich das Wende- und Nachwende-Erlebnis, das diese Leute zu Brüdern und Schwestern machte, zu einer im Wortsinne Schicksalsgemeinschaft. Leute auf Distanz zu halten ging nicht. Alle waren per Du.

Das vermehrte Einströmen der Wessis in ihre Welt in den Nuller- und Zehnerjahren dieses Jahrhunderts muß wie ein Schock gewirkt haben. Sie wurden irgendwie auf dem falschen Fuß erwischt, denn die Wessis waren in ihrem Weltbild doch ‚die Guten‘. Bis heute haben sie keine Antwort darauf. Auf diese Schwaben und Württemberger mit den tollen IT-Berufen und hohen Gehältern, die ihnen den Wohnraum wegnehmen und rational-rechtschaffen, sprich humorlos mit ihnen verkehren. Kalte und selbstgerechte neue Nachbarn, die im Treppenhaus kaum noch grüßen, geschweige denn ein Pläuschchen halten wollen. Bis in die Jablonskistraße 36 haben sie es aber noch nicht geschafft.
Hier lebt immer noch Rüdiger Boscheinen, 54, im ewig boomenden Berliner Filmgeschäft tätig, verantwortlich für Locations und Requisite. Er ist der einzige, der nicht von der Nacht des Mauerfalls erzählt. Die erlebte er nämlich in Kreuzberg, also im Westen. Er ist gebürtiger Hamburger, dann aber rasch zum 120-prozentigen Ossi mutiert. Er trägt noch immer lange Haare und hält die Werte des alten Ostens hoch, genauer: der Nach-Wende-Jahre des Ostens. Kein Konsum, kein Luxus, keine Formalitäten, alles ist Punk. „Aus dieser Wohnung kriegt man mich nur mit den Füßen nach oben“, soll er einmal zu Dr. Mundt gesagt haben. Ein Rebell ist er trotzdem nicht. Seine politischen Ansichten sind gemäßigt, Toleranz geht ihm über alles. Bei einer ‚Extention Rebellion‘ Veranstaltung wird man ihn nie sehen, Greta Thunberg ist ihm wahrscheinlich nicht cool genug. Er kann wunderbar erzählen, meist von früher, steht aber voll im Hier und Jetzt, geht jeden Abend aus und kennt das Nachtleben als wäre er Türsteher vom ‚Berghain‘. Freilich sieht er deswegen auch ein bißchen älter aus, als er ist, was ihn aber nur amüsiert. Alle mögen ihn.


Aber wen mag man nicht? Etwa die hübsche Christin Schröder, geschätzte 33, die ein bißchen esoterisch angehaucht ist? Bestimmt nicht. Sie ist eine echte Berlinerin, und das heißt Ostberlinerin, denn im Westteil leben seit Generationen kaum noch gebürtige Berliner. Sie hat Kunstgeschichte und Ethnologie studiert und ist durch und durch sympathisch. Nein, der böse Nachbar, die große Ausnahme, der unbeliebte Hausgeist, hat einen Namen, und zwar „Frau Riske“. Zu ‚DDR‘-Zeiten war sie eine Art Blockwart. Über sie erzählen sich alle, die sie erlebten, Schauergeschichten. Sie soll jeden und jede verpfiffen haben, auch noch nach der Wende, als sie längst weder Funktion noch Ansprechpartner bei der Stasi hatte.
„Die hat einfach weitergemacht, die konnte nicht anders. Mensch, die mochte wirklich keener. Bis zuletzt hat sie an die Tür geschlagen und sich beschwert, wenn mal jemand Geburtstag gefeiert hat.“
Vielleicht, weil sie als einzige nicht eingeladen war? Sie ist dann irgendwann gestorben, ein paar Jahre vor ihrem Vorbild Margot Honecker.


Bärbel Kaiser – sie wohnt im minimal eleganteren Vorderhaus – hat vielleicht noch mehr erlebt als er. Als ich sie zum Interview besuche, läuft gerade die Wahlsendung über die Landtagswahl in Thüringen. Jeder Vierte hat AfD gewählt, den ‚Faschisten‘ Björn Höcke. Zum ersten Mal in 15 Jahren erlebe ich die Frau komplett wütend. Sie ist so angefressen, daß sie eine Viertelstunde nicht redet, nur in der Küche aggressiv herumwerft und Berliner Flüche ausstößt.
„Mensch, wir ham doch Gesetze gegen sowat! Volksverhetzung! Warum wenden die det nich an?!“
Ihre Eltern waren wohlhabend in der ‚DDR‘, hatten Haus und Garten, sogar einen Wartburg 353, das bis heute unerreichte Spitzenmodell im gesamten kommunistischen Machtbereich, waren trotzdem keine Regime-Freunde. Sie hat sogar als Kind mitbekommen, wie die Mauer gebaut wurde. Sie heiratete einen 29 Jahre älteren Mann, der Stücke schrieb, wurde Schauspielerin am Theater, machte Regie, dann wieder, noch vor dem Mauerfall, tauchte sie in Ostberlin auf, wo sie im legendären Aufbau Verlag tätig wurde. Der Verlag, den einst Gregor Gysis Vater geleitet hatte. Die Gysis, Vater wie Sohn, werden im Osten bis heute ziemlich gemocht. „Ich glaube, Gregor Gysi ist der netteste Mensch, den es je gegeben hat“, sagt einer der Mieter mit belegter Stimme, will aber nicht, daß es in einer West-Zeitung steht.

Dann wieder wechselte Bärbel Kaiser komplett das Fach und arbeitete jahrzehntelang in der GEW, das ist eine große Gewerkschaft. Mit allen Nachbarn ist sie bestens befreundet. Auch mit Nachbarn aus anderen Häusern. Es ist ihr gar nicht möglich, in irgend eine Isolation zu fallen oder das zu beschwören. Im Gegenteil. Sie hält die These vom nachlassenden ‚Zusammenhalt‘ in einer kälter werdenden Gesellschaft für Quatsch und sagt:
„Meen Jott, der Zusammenhalt! Den hat doch nicht der Staat damals jemacht! Der kam doch von uns. Den macht doch jeder Mensch selbst!“
Es ist eine Einzelmeinung. Jana Kreutel, die als 17-jährige mit den Eltern einst in den Westen ‚rübergemacht‘ hatte, kam nach dem Mauerfall reumütig in die ostdeutsche Heimat zurück. Sie hatte den Westen als schieren Horror erlebt. Sie war in der Schule als ‚Ossi‘ mehr als gemobbt worden. Da wollte sie nie wieder hin. Was für ein Glück für sie, daß die Mauer fiel!
Von allen im Haus Jablonkistraße 36 ist sie die einzige, für die der 9. November 1989 der schönste Tag ihres Leben war. Andere sehen es eher gemischt. Etwa Volker Mundt, dem auf die Frage nach einem Fazit bezüglich des großen Umbruchs, der Geschichte und der Weltgeschichte, auf einmal diese Anekdote einfällt:
„Ich stand heute zehn Minuten vor dem Supermarktregal, um zu entscheiden, was ich mir heute in die Pfanne haue. Jetzt blicke ich sehnsüchtig auf die Küche meiner Mutter, die sich wegen der Mangelwirtschaft aus 50 Kaninchen, einer Kuh, Hühnern, einem großen Garten, eingewecktem Obst, selbstgemachter Brombeermarmelade und so weiter immer lecker und nachhaltig bediente. Leider habe ich nach der Wende nicht mehr so gut gegessen wie in der DDR.“

Freundschaft!

(Ende)


JOACHIM LOTTMANN, 59, ist ein deutscher Schriftsteller und lebt in Berlin und Wien. Zuletzt wurde er bekannt durch den in den Wirren der Flüchtlingskrise spielenden Roman ‚Alles Lüge‘.

 

Die Fotos von THOMAS DRASCHAN, 48, hier beim Shooting, wurden vor allem mit einer Spiegelreflex Kleinbild-Kamera aus ‚DDR‘-Produktion hergestellt (Praktica LTL Carl Zeiss Jena, Objektiv Meyer-Optik Görlitz 2.8/50mm, Film Kodak Gold 400 ASA).

Alle Fotos von THOMAS DRASCHAN und der vollständige Originaltext von JOACHIM LOTTMANN wurden in ‚profil‘ Nr. 45 vom 3. November 2019 abgedruckt:

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https://blogs.taz.de/lottmann/2019/11/09/mein-haus/

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