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	<title>Auf der Borderline nachts um halb eins.</title>
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	<description>Joachim Lottmanns Leben als Deutschlandreporter. Frauen, Sex, Joyce. Frühling der Gefühle. Die Arbeit am gleichnamigen Buch, das im August bei KiWi erscheint. Work in progress. Der Anti-Goetz.</description>
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		<title>Wird Barlach gelyncht?</title>
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		<pubDate>Tue, 07 May 2013 10:44:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Immer war es der rote Faden aller revolutionärer Bewegungen: der Einzelne, sollte er gegen die Gruppe handeln, mußte sozial geächtet werden. Im Jargon gesprochen: das Arschloch / das bürgerliche Individuum / die Heuschrecke und so weiter sollte sein egoistisches / kapitalistisches / volksfeindliches Verhalten vor einem Bürgerkomitee / Kommando / Standgericht / Parteitag verantworten müssen und danach mit einem Schild um den Hals herumlaufen: „Ich habe wider das Volk gehandelt“ / „Ich bin den revolutionären Massen in den Rücken gefallen“ / „Ich bin ein dekadenter Bourgois“ und so weiter. In unserem heutigen Rechtsstaat ist das anders. Wer legal damit durchkommt, darf die Allgemeinheit schröpfen und schädigen, ohne dafür geächtet zu werden. Nur im Fall Suhrkamp gegen Barlach beobachten wir staunend eine Ausnahme. Hans Barlach, eine klassische Heuschrecke, wird für seinen Versuch, den Suhrkamp Verlag gewinnbringend zu zerschlagen, an den Pranger gestellt. Von Leuten, die etwas davon verstehen: den betroffenen Autoren.<br />
Zu recht? Natürlich. Gehen die schreibenden Widersacher mit ihrer öffentlichen Verteufelung zu weit? Keineswegs. Können sie damit Erfolg haben? Gerade hat Barlach erneut vor Gericht gesiegt. Suhrkamp muß ihm 2,2 Millionen Euro überweisen, angeblich ein entgangener Gewinn aus einem früheren Geschäftsjahr. Ein weiterer schwerer Schlag gegen die Lebensfähigkeit des Verlages, der Berufung einlegte. Wird es dem „abrundbösen Unhold“ (Peter Handke über Barlach) nützen? Kollege Rainald Goetz faßt das hysterische Bashing gegen Barlach wie folgt zusammen: „Es gibt nur schlimme Geschichten über ihn, und wenn man ihn sieht, glaubt man sie alle. Die blaue Blumenhändler-Rolex, das schütter gewellte, mittelbraun getönte Haar, die dicke, glasig gespannte Sonnenstudiohaut im Gesicht. Ich habe ihn in einer Prozesspause angesprochen, was er seine Anwälte da für einen wahrheitswidrigen Unsinn erzählen lässt. Da reagiert er wie ein stumpfer Automat, redet sofort von seinen Rechten, die er ja nur in Anspruch nimmt. Er ist auch noch ein Wimp, nicht nur ein Rechtsquerulant, ein Feigling, ein unsicherer Mensch!“<br />
Darauf soll Barlach laut Zeugen gesagt haben: „Ein Autor, der mich in derartiger Form beschimpft, gehört aus dem Verlag geschmissen.“ Barlach bestreitet die Aussage.<br />
Um die Lage einschätzen zu können, lohnt ein Blick in die Geschichte des Konflikts. Dieser Verlag, der die höchste geistige Sphäre unserer Demokratie verkörpert, wurde nach dem Krieg gegründet und ein halbes Jahrhundert lang von einem großen, äußerlich grobschlächtigen Mann namens Siegfried Unseld geprägt. Wenn man von Suhrkamp Kultur spricht, meint man nie den früh verstorbenen Gründer Peter Suhrkamp, sondern diesen normannischen Kleiderschrank Useld, der die in Deutschland einzigartige Gabe besaß, alle namhaften Talente ungeachtet ihrer politischen Haltung zusammenzuführen. Ihm geschah in seinen letzten Jahren, was vielen älteren Herren seiner Generation und Position geschieht, nämlich die freundlich-feindliche Übernahme durch eine junge, attraktive Frau: Ursula Schmidt, die sich mit dem Künstlernamen Ulla Berkewics anreden läßt. Sie ist 33 Jahre alt, als Unseld ihr zuliebe einen ‚Roman‘ aus ihrer Feder bei Suhrkamp veröffentlichen läßt. Später, schon im siebenten Lebensjahrzehnt stehend, heiratet er die verführerische, als leicht spinnert-esoterisch verschrieene Frau.<br />
Sie gab in den folgenden Jahren die Klischee-Hexe in dem unappetitlichen Stück ‚Der Untergang des Hauses Suhrkamp‘. Wie einst die Mao-Witwe, nur viel erfolgreicher, riß sie die Macht nach Unselds Tod an sich. Wer bis dahin etwas zu sagen gehabt hatte im Verlag, wurde abgeräumt. Die besten Autoren wurden vergrault, „sogar der scheußliche Martin Walser“ (Rainald Goetz). Geschäftsführer und Leiter der Theaterabteilung Rainer Weiss, für viele der gefühlte Kronprinz des Patriarchen, der es auch von der Sache her gekonnt hätte, wurde ebenso weggemobbt wie Joachim Unseld, der keineswegs ungeniale Sohn des Alten. Damit begann aber das heutige Debakel: Dieser Sohn warf genervt seine Anteile am Verlag weg – und Hans Barlach in den Rachen. Daß dieser eine Heuschrecke war, hätte er wissen können. Barlach hatte sich sein ganzes Geschäftsleben lang mehr oder weniger darauf spezialisiert, Zeitungen und andere Medien zu ruinieren. Heute ist Joachim Unseld entsetzt über seine Tat. Aber er hatte den Krieg mit der zickigen Frau seines Vaters wohl einfach nicht länger ausgehalten.<br />
Die offenbar macht- und geltungssüchtige neue Chefin legte von Anfang an zielstrebig die ganze Suhrkamp Tradition in Schutt und Asche. Obwohl das Haus so untrennbar mit Frankfurt verbunden war wie die deutsche Klassik mit Weimar, verfügte sie den Umzug in ein kulturloses Neuberliner Szene Viertel. Das Stammhaus wurde abgerissen, das kostbare Archiv verscherbelt. Die verbliebenen Mitarbeiter erzählten sich Schauergeschichten über die böse Witwe, die bald ihren Weg in die Redaktionsstuben der Feuilletons fanden. Etwa die: der alte Unseld war gerade unter die Erde gebracht, da lotste sie das Führungspersonal in einen Raum mit großen Lautsprechern. Über Tonband erklang die krächzende Stimme des sterbenden Chefs, man möge fortan seiner jungen Frau folgen: „Ihr müßt jetzt alle der Ulla helfen!“<br />
Nach fünf Jahren Regentschaft schien die Geschichte zuende erzählt zu sein. Insider rechneten mit dem Aus des Verlages binnen eines Jahres. Was sollte noch kommen? Es handelte sich offensichtlich um einen Klassiker. Ein Imperium zerfällt nach dem Tod des Königs. Doch es kam anders. Die verbliebenen Autoren entwickelten ein enges Verhältnis zur Chefin. Es wuchs so etwas wie echte Solidarität. Die ständigen Angriffe des abgrundtiefen Unholds schweißte Belegschaft, Autoren und Verlegerin zusammen. Viele einsame Entscheidungen der schönen Witwe erwiesen sich als politisch glücklich und modern. Auch und gerade der Wechsel vom absterbenden Frankfurt in die aufblühende Weltmetropole Berlin. Das Verlagsprogramm wirkte attraktiver und gegenwartsbezogener als zu Unselds Zeiten. Finanziell ging es aufwärts. 2010, acht Jahre nach Unselds Tod, konnte seine Nachfolgerin einen Millionengewinn ausweisen. Schließlich entwickelten sich die vielen literarischen Stellungnahmen der Autoren zum Prozess mit Barlach zu einer echten Gruppendynamik. Wie einst bei der SPIEGEL Krise 1962 kam es zu einer lagerübergreifenden Solidarisierungswelle, die von Intellektuellen getragen wurde und wird. Die irrationale Forderung ‚Enteignet Springer‘, die dann sechs Jahre später die Studentenbewegung befeuerte, hatte wohl gedanklich denselben Nährboden: Kultur, Meinungsfreiheit und hochwertige Bücher so zu lieben, daß ekelhafte Spekulanten, die dagegen vorgehen, bekämpft werden müssen, und zwar ohne Ansehen der juristischen Lage.<br />
Nun gibt es natürlich selbst bei Suhrkamp ein paar spießige Bedenkenträger, die den fanatischen Kampf gegen Barlach nicht mitmachen, jedenfalls wenn sie aus der behäbigen Schweiz kommen, in den 50er Jahren geprägt wurden und Adolf Muschg heißen. Aber mit dem Vornamen hat man ohnehin die Arschkarte. Solche Leute darf man nicht weiter ernstnehmen.<br />
Wie wird die Sache ausgehen, jetzt, und am Ende? Zuletzt haben die Gerichtsbeschlüsse durchaus so etwas wie Weisheit gezeigt: man vertagt gern, am liebsten so weit nach vorn wie möglich, damit dem Verlag Chancen erwachsen. Die Witwe, das ist klar, wird bis zur letzten Stunde des letzten ihr von den Gerichten zugestandenen Tages im ‚Amt‘ verbleiben. Schon letztes Jahr wurden sie und die gesamte Geschäftsleitung offiziell abberufen. Jeder normale Manager hätte sich nach solch einem desavouierenden Urteil empört davongemacht. Nicht so Uschi Schmidt, äh, Ulla Berkewics. Sie ging in Berufung, und die scheint sich zu ziehen. Das ist gut für den Verlag. Ein, zwei Jahre werden Ulla wohl bleiben. Viel Zeit, um den öffentlichen Shit Storm gegen den sonnenstudiogebräunten Kulturbarbaren soweit anschwellen zu lassen, daß der Gesetzgeber eingreifen muß. Vielleicht mit einer Lex Suhrkamp. Dann, und das wird nicht nur Rainald Goetz so sehen, sollte man Ulla Berkewics ein Denkmal bauen. Direkt am Hackeschen Markt, in Berlin Mitte. Nur hat Hans Barlach auch gegen diese Strategie inzwischen ein Mittel gefunden. Im letzten SPIEGEL ließ er auf vier Heftseiten recht breit und bräsig einen offenen Brief abdrucken, der gar nicht erst versucht, ins langweilige juristische Dickicht einzudringen, sondern das viel wichtigere Ziel hat, das eigene Image umzudrehen. Begleitet von einem frühen vorteilhaften Foto, das den heute 57jährigen als jungen Recken im hippen Rainald-Goetz-Outfit zeigt, bastelt der Schreiber unentwegt an Verbindungen zu seinem Großvater Ernst Barlach, der 1938 verstarb. Was Ulla Berkewics der angenommene Name ihrer jüdischen Großmutter einbringt, nämlich die semantische Verbindung zu den Opfern des Nazi Regimes, soll bei Barlach der nicht einmal angenommene, sondern echte Name des Großvaters bewirken. Was natürlich nur funktioniert, wenn der Bildhauer Ernst Barlach irgendwie in die Nähe der sogenannten Inneren Emigration geschoben wird, was der Enkel hurtig versucht. Spätestens jetzt wird endlich klar, daß dieser nicht nur die Millionen will. Der will genauso mit einer feinen hochkulturellen Ich-bin-einer-von-denen-die-auf-der-richtigen-Seite-standen-Identität herumlaufen wie seine Gegnerin. Deswegen sagt er in dem im altertümlichen Stil gehaltenen Brief auch nichts über den aktuellen Streitpunkt – nämlich daß er das Geld, das der Verlag beim Verkauf des ‚Tafelsilbers‘ erhielt, nicht zur Rettung desselben einsetzen will, sondern für sich und sein Luxusleben – sondern phantasiert sich in einem altertümelnden, ziemlich unerträglichen Stil eine hochmoralische Familiengeschichte zusammen, in der selbst der Vater das Schicksal des ‚verfemten‘ Großvaters mitgetragen haben soll.<br />
Schlimm ist das alles keineswegs. In den meisten deutschen Familien lassen sich diese Phänomene der eigenen Geschichtsschreibung beobachten. Schon gar nicht schlimm ist die Geste der Verlegerin, den Namen der jüdischen Verwandten anzunehmen, eine Tat, die emotional total in Ordnung ist. Schlimm ist höchstens, daß der SPIEGEL soviel Platz für eine platte Image-Aufbesserung bereitstellte. Nun kann das Schattenboxen weitergehen. Die verfolgte Enkelin gegen den widerständigen Enkel. Viel Spaß dabei!</p>
<p>(Abgedruckt in der aktuellen Ausgabe von Jakob Augsteins <a href=" https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/the-show-must-go-on ">&#8216;DER FREITAG&#8217;</a>)</p>
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		<title>Der Papst! Der Papst!</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Feb 2013 17:12:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die größte Medienfigur der Menschheit ist abgetreten, der beste Player, der netteste. Nie werden wir das zitternde Zusammenfalten der Hände vergessen, ja die ganze unverwechselbare Motorik dieses einzigartigen Menschen, der unser Heiliger Vater aus Deutschland war. Wie er ging! Wie eine perfekte Demonstration der motorischen Möglichkeiten eines hochintelligenten Menschen, der den Körper eines leider tendenziell Hundertjährigen zu bewegen hat. Jeder Muskel, jede Wegstrecke, jeder Zentimeter wird eingerechnet – nicht viel anders als beim Robotergehirn der Marssonde Curiosity, wenn sie Steine einsammelt da draußen in der fernen Welt. Das war er: UNSER PAPST.<br />
Unvergessen natürlich auch der bohrende Hundeblick von unten nach oben, aus der gebückten, gramgebeugten Haltung heraus. Wobei Hundeblick das falsche Wort ist. Benedikt war das Gegenteil eines hündischen, sprich unterwürfigen Charakters. Er war von Anbeginn an ein freier Geist, einer, wie jetzt hervorgehoben wird, der größten geistigen Führer auf dem Papstthron. Als junger Flakhelfer holte er im Zweiten Weltkrieg jene Flugzeuge vom Himmel, die Hitlers Propagandisten Terrorbomber nannten, da sie den gottlosen Nazifrauen und Nazikindern den Tod brachten. Nur er selbst &#8211; und der Allmächtige natürlich &#8211; werden wissen, wie oft er damals absichtlich danebengeschossen hat.<br />
Nach dem gewonnenen Krieg dann der rasante Aufstieg, von seiner Rolle beim Zweiten Vatikanischen Konzil, wo Kardinal Frings seine Sprechpuppe wurde (zu zweit verwandelten sie die Veranstaltung in ein revolutionäres Tribunal), bis zu seiner Krönung zum Papst Benedikt XVI. Seitdem die immer gleichen Bilder, sowie die jeder Medienlogik hohnsprechende tonlose Stimme. Wir haben sie geliebt. Niemand sonst hatte je vorher solch eine jederzeit identifizierbare Stimme, außer Marcel Reich-Ranicki. Die wehenden Gewänder beim Flugplatz, neben dem Helikopter, vor der riesigen Papstmaschine, beim Abschreiten der militärischen Ehrenformationen. Präsidenten, Kanzler, Blaskapelle, Staatsorden, die silbernen vollen Haare, das wegfliegende weiße Käppi, die glückstrunkene Merkel, die Jahrhundertrede im Bundestag: alles vorbei, weg, vergangen! Alles nun Geschichte! Es ist nicht zu fassen. Wir dachten, es würde ewig währen. Wir waren zu uns selbst gekommen. Gebe ihm Gott noch zehn Jahre!, baten wir innerlich an seinem 85. Geburtstag. Warum sollte das vermessen sein, unwahrscheinlich, in einer Zeit, da die Menschen locker die 90 erreichen und dann die 95? Die Lebenserwartung ist so. Und Benedikt war erkennbar um eine Dekade rüstiger als sein Vorgänger in dem Alter. Und jeder wußte doch, daß Päpste bis zur letzten Stunde des letzten Tages ihres Erdendaseins im Amt ausharren. Doch nun dies. Was für ein Schock!<br />
Wie er Babys anfaßte, die ihm gereicht wurden! Wie Nitroglyzerin. Oder wie Dynamitstangen, deren Lunte schon brannte. Wie er die Tiere fütterte in seiner Sommerresidenz, vor allem die im Teich, dunkle schwererkennbare Wassergeschöpfe, wahrscheinlich Krokodile. Sein unsicheres Gucken, wo er hinfallen würde, wenn er stolpern würde mit seinen wackeligen Greisenbeinen. Sein wacher Gesichtsausdruck, wenn er mit der Kanzlerin redete. Vorbei, vorbei. Der liebe Bruder in Regensburg, sein inniges Verhältnis zu ihm. Die Sondersendungen den ganzen Tag. Die gleißend hellen Vatikangebäude. Seine brokatbestickten herrlichen Gewänder, schwer wie Rüstungen. Die Zwiesprache mit Gott, wenn er etwas zu entscheiden hatte. Vorbei, vorbei.<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2013/01/332707_1494943831176_1761500971_770751_8322536_o.jpg" rel="lightbox[1261]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2013/01/332707_1494943831176_1761500971_770751_8322536_o-424x392.jpg" alt="" width="424" height="392" class="alignnone size-medium wp-image-1265" /></a><br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2013/02/get-attachment-2.aspx_.jpeg" rel="lightbox[1261]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2013/02/get-attachment-2.aspx_-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" class="alignnone size-medium wp-image-1268" /></a></p>
<p>Joachim Lottmann erhielt im Sommer 2005 in Köln vom damals frischgewählten Papst Benedikt XVI die Generalabsolution (Vergebung aller Sünden). Im Sommer 2012 traf er ihn erneut in Castel Gandolfo. Fotos: Mit dem Pontifex im vatikaneigenen Düsenflugzeug 2011 (oben). Gefaßt und dennoch verunsichert verfolgen der Autor und seine Frau Christa heute mittag um kurz vor zwölf Uhr die Ereignisse in Rom am Fernsehgerät (unten).</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1261&amp;md5=dfafafd93595af87aea002ee3ad6ba99" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Entdeckung: das Radio!</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Jan 2013 19:09:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von der Wiege bis zur Bahre Stress und und Alkohol. Der Schriftsteller und &#8220;Borderline-Journalist&#8221; Joachim Lottmann. Feature von Claudia Gschweitl. Gesendet am 31. Januar 2013 um 16.00 Uhr (das ist heute, Donnerstag) in Ö1, das ist das Erste Radioprogramm des Österreichischen Rundfunks:</p>
<p>http://oe1.orf.at/programm/327024</p>
<p>Eigentlich verträgt Joachim Lottmann keinen Alkohol. Das Trinken hat er sich in Österreich erst mühsam angeeignet. 2011 zieht der Autor von Berlin nach Wien. Um seinen Alkoholspiegel an das Niveau der Wiener anzugleichen, unterzieht sich er sich einer hunderttägigen Trinkkur.</p>
<p>In seinem Buch &#8220;Hundert Tage Alkohol&#8221; schildert Lottmann seine Ankunft in Wien. Als berühmter deutscher Schriftsteller wird Lottmann in Wien gierig empfangen und sogleich in die einschlägige Szene eingeführt, sprich: ins Café Anzengruber, wo sich die die selbsternannte Wiener Bohème täglich trifft. Man geht auf Vernissagen, Buchpräsentationen und andere Kunst-Happenings. Später trinkt man sich gemeinsam ins Koma.</p>
<p>Lottmann erlebt in Österreich einen märchenhaften Aufstieg. Er ist der gefeierte Popautor, dessen Debüt unlängst zum wichtigsten Buch der letzten 20 Jahre gekürt wurde. Innerhalb kürzester Zeit wird er vom Bundespräsidenten abwärts allen wichtigen Personen des Landes vorgestellt. Stimmen, die ihn vor einem jähen Niedergang warnen, verhallen ungehört.</p>
<p>Lottmann suhlt sich in der neu gewonnenen Aufmerksamkeit. Noch dazu wird ihm der Auftrag für ein neues Buch erteilt: &#8220;Hundert Tage Alkohol&#8221; soll es heißen. Sein Experiment endet allerdings, relativ abrupt, bereits nach 50 Tagen &#8211; durch eine Schreibblockade. Diese baut Lottmann ganz einfach ins Handlungsgerüst ein, und der Roman erscheint dennoch.</p>
<p>Cover<br />
Auf der Borderline nachts um halb eins</p>
<p>Das Buch gerät zu einer verschrobenen Karikatur der Wiener Literatur- und Kulturszene. Der Satiriker Lottmann läuft in Wien zur Hochform auf, in der Tageszeitung &#8220;Kurier&#8221; bietet man ihm eine Kolumne an. Unter dem Titel &#8220;Auf der Borderline nachts um halb eins&#8221; schreibt er bereits seit einigen Jahren Reportagen für die &#8220;Berliner Tageszeitung&#8221;. Selten basieren diese auf schnöden Fakten. Wahrheit und Fiktion wirbelt Lottmann wild durcheinander. Ein weiteres Wiedererkennungsmerkmal: Beharrliches Namedropping. Die Danksagung an all seine Wiener Freunde und Freundinnen liest sich im neuen Roman fast wie ein Verzeichnis der auftretenden Figuren: von Doris Knecht über Angelika Hager bis zu Lydia Mischkulnig.<br />
Zitat</p>
<p>Nach wie vor wurde ich abends in diesem Lokal mit dem hässlichen Namen &#8220;Anzengruber&#8221; anderen Menschen vorgestellt. Sie gaben mir manchmal ihre Karte, mit der ich später nichts anfangen konnte. Wer war Thomas Gratzer? Oder Mitzi Hohenleitner? Xaver Schachinger? Birgit Minichmayr? Elfriede Jelinek? Nun, Letztere kannte ich, da sie berühmt war und einen lustigen Vornamen hatte, aber die anderen bekamen auch durch ihre Karte kein Gesicht. Das war bei meiner Karte anders. Schweres gelb-elfenbeinfarbenes Büttenpapier, außen zerfasernd, und dann eben nur der Name: Joachim Lottmann, Schriftsteller. Ja, in der Tat, ich war also Schriftsteller! Ich besaß den höchsten in Wien geltenden Status. Das war, als wäre ich in Teheran ein Mulla oder in Hollywood Filmregisseur, in Pjöngjang Kernkraftbetreiber.</p>
<p>Joachim Lottmann<br />
Lob über Lob</p>
<p>Über seine Biografie lässt sich nicht viel mit Sicherheit behaupten. Irgendwann zwischen 1956 und 1959 &#8211; die Angaben variieren &#8211; wurde Joachim Lottmann in Hamburg geboren, die Kindheit verbrachte er angeblich in Belgisch-Kongo. Neben belegbaren journalistischen Tätigkeiten für die &#8220;Spex&#8221; und &#8220;Die Zeit&#8221; gibt er an, als Straßenbahnfahrer in Oslo und Leibwächter von Rainer Langhans gearbeitet zu haben.</p>
<p>Grandios beherrscht Lottmann sein eigens erfundenes Stilmittel des &#8220;Zu-Tode-Lobens&#8221;, für das ihn seine Schriftstellerkollegen fürchten. Ein Mittel, das er übrigens auch bei sich selbst anwendet. Mitunter empfiehlt er sich den Lesern auf seinen Klappentexten selbst: &#8220;Einen Lottmann-Text lesen ist wie einen Woody-Allen-Film sehen. Joachim Lottmann<br />
Bereits mit fünf Reporter</p>
<p>Von Kind an konzentriert Lottmann sich aufs Schreiben. Mit seinem Zwillingsbruder gibt er bereits mit fünf Jahren seine eigene Zeitung heraus, überlegt sich Tag für Tag neue knallige Schlagzeilen. Als die Pubertät kommt, legt Lottmann sein Amt als Kinderreporter zurück, vermeidet es jedoch weiterhin Bücher aufzuschlagen. Er schreibt nun Tagebuch. Anfang 20 heuert Lottmann schließlich in der Jugendredaktion einer Hamburger Tageszeitung an. Man erkennt Lottmanns Talent, bald wird er von einer großen nationalen Illustrierten abgeworben. Bei der &#8220;Bunten&#8221; liefert er neue, sensationelle Schlagzeilen.</p>
<p>Lottmann verlässt den Boulevard, lässt sich allerdings heute noch von dessen Kunstfertigkeit inspirieren. Später schreibt er unter anderem für den &#8220;Spiegel&#8221;, die &#8220;Frankfurter Allgemeine Zeitung&#8221; und die &#8220;Süddeutsche Zeitung&#8221;. Und treibt dort weiter seinen Schabernack. Am 5. Jänner 2011 etwa, klagt er in einem Essay für die österreichische Tageszeitung &#8220;Der Standard&#8221; über die Mühen des Nachtlebens und des Alkoholkonsums.<br />
Zitat</p>
<p>Von der Wiege bis zur Bahre Stress und Alkohol. Die Nachtlebenlüge eben. Er erzählt sie tapfer, unser kleiner Soldat an der Ausgehfront, ob jung oder alt. Dass das Nachtleben, auch Ausgehen genannt, geil ist, versteht sich angeblich von selbst. Dies anzuzweifeln hieße ein Tabu brechen. Als würde man einen Kollegen fragen, ob es ihm im Bordell gefallen habe. Natürlich hat es ihm nicht gefallen. Es war todtraurig, grauenvoll, und natürlich war er impotent. Aber das aussprechen? Niemals.<br />
&#8220;Das ist kein Buch, das ist das Leben&#8221;</p>
<p>1987 gelingt Lottmann seine erste Veröffentlichung. Bei Kiepenheuer &amp; Witsch erscheint &#8220;Mai, Juni, Juli&#8221;. Es handelt von den Monaten Mai, Juni und Juli im Jahre 1987, in denen ein erfolgloser Schriftsteller versucht, einen Roman zu schreiben. Das Buch wurde durchwegs verrissen. Ende der 1980er Jahre erreicht die Neue Deutsche Welle in den Metropolen des Landes ihren Höhepunkt. Lottmann schlägt mit seinem Debütroman exakt in die Kerbe. Trotz oder vielmehr wegen der schlechten Kritiken verkauft sich das Buch ganz passabel.</p>
<p>Es folgt eine Dekade, die er als die &#8220;verlorene&#8221; bezeichnen möchte, sagt Lottmann. Zehn Jahre lang habe er am Hungertuch genagt und unter unwürdigsten Bedingungen versucht, den nächsten Tag zu erreichen. 2003 kommt es schließlich zur entscheidenden Wende. Die &#8220;Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung&#8221; wählt &#8220;Mai, Juni, Juli&#8221; zu einem der &#8220;wichtigsten deutschen Bücher der letzten 20 Jahre&#8221;.</p>
<p>&#8220;Das ist kein Buch, das ist das Leben&#8221;, jubelt man. &#8220;Mai, Juni, Juli&#8221; gehöre zu den &#8220;anderen&#8221; Klassikern &#8211; zu jenen Büchern, die nicht im Kanon von Marcel Reich-Ranicki auftauchen, aber eine tiefe Spur im Gedächtnis einer heutigen, jüngeren Generation hinterlassen hätten. Nicht zuletzt, weil er am Anfang dessen stehe, was heute unter dem Label Pop-Literatur subsumiert wird.<br />
Der Pop-Literat</p>
<p>Sein wahrscheinlich größter Coup gelingt Lottmann 2003, als er behauptet, die deutsche Popliteratur erfunden zu haben und man ihm glaubte. Der Begriff &#8220;Popliteratur&#8221; ist in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre einer der meist verwendeten Begriffe innerhalb des deutschsprachigen Literaturbetriebes, wobei die etablierte Kritik dahinter durchgängig literarische Minderwertigkeit vermutet. Man unterscheidet zwischen erlaubtem, politisch engagiertem Suhrkamp-Pop und oberflächlichem KiWi-Pop. Zu Letzterem zählt Lottmann sich fortan. Auf den Klappentexten wird er als Popautor präsentiert, irgendwann ist schließlich auf Wikipedia zu lesen: &#8220;Joachim Lottmann gilt als ein exponierter Vertreter der deutschen Popliteratur.&#8221; Derzeit schreibt Lottmann an einem großen autobiografischen Wien-Roman, mit dem Arbeitstitel &#8220;Happy End&#8221;.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1257&amp;md5=f402068e01d9672b181f5c57a3d74991" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Wenn der Thommy singt</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Nov 2012 18:24:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wunder Welt</p>
<p>Von Joachim Lottmann</p>
<p>Wenn am Ende der Thommy singt – ist es wie Weihnachten und Sylvester auf einmal. Das ist das stille Wissen aller Gäste in meinem Stammlokal dem ‚Anzengruber‘ in der Schleifmühlgasse. Nein, eigentlich singt er ja gar nicht, unser geliebter Wirt. Da kann man hundertmal kommen, und man hört ihn nicht. Aber wer es doch einmal erlebt hat, und sei es vor Jahren, der sehnt sich nach dieser Stunde zurück und will sie noch einmal haben. Bis dahin sitzt man da und läßt sich von diesem großen Bär aus Kroatien bedienen, nein verwöhnen. Der Thommy ist bestimmt der schnellste Bär der Welt, strahlt aber das Gegenteil aus, nämlich Ruhe und Aufmerksamkeit. Liebevoll ruht sein Auge auf jedem seiner Bärenkinder im Lokal. Stellt er ihnen das Bier, den Teller mit Wiener Schnitzel, die Runde Averna vor die Nase, klopft er ihnen dabei behutsam auf den Rücken. Jeder fühlt sich gemeint, wenn ihn das grundgute, besorgte Gesicht des Thommy ansieht. Und so ist es ja auch. Der Mann vergißt keinen Gast, den er jemals bedient hat. Er hat sowieso das absolute Gedächtnis. Alle Rechnungen  stellt er im Kopf aus. Er weiß, was jeder der 150 Freunde seit sieben Stunden bestellt hat. Er hat für jeden die Summe bis auf den Cent im Kopf. Und sagt dann doch einen viel kleineren Betrag, wenn er eine Verlegenheit spürt.<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/08/get-attachment.jpg" rel="lightbox[1252]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/08/get-attachment-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" class="alignnone size-medium wp-image-1255" /></a> Das Verrückteste jedoch ist folgendes: der Thommy ist schüchtern. Deswegen singt er nämlich nicht. Er hat die Verantwortung für seine Bärenkindergäste, er muß Autorität bleiben. Wer singt, macht sich angreifbar. An guten Tagen sperrt er schon um zwei Uhr zu, und da alle bleiben, trinkt er dann vielleicht selbst mit. Und an solchen sehr guten Tagen, wenn alles verschmilzt, in der letzten Viertelstunde vor dem Löschen der Lichter, ertönt er plötzlich, wie aus dem Nichts, dieser stolze Heldengesang. Es sind wohl patriotische Lieder seiner Heimat. Man versteht sie nicht. Aber alles andere, mit einemmal. </p>
<p>Hier der Link zum Originaltext (KURIER, Wien): </p>
<p><a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/08/ngen-46-52184760.pdf'>ngen-46-52184760</a></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1252&amp;md5=55b7d283867fcffba305b47aafb7ae24" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Apple zensiert Joachim Lottmann und zehn weitere Autoren des Czernin Verlages</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jul 2012 20:08:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In einem Schreiben von heute an den Czernin Verlag erklärt das Unternehmen iBookstore (APPLE), die Autoren Robert Palfrader, Thomas Glavinic, Philipp Hochmair, Barbi Markovic, Joachim Lottmann, Julya Rabinowich, Christopher Just, Melanie Kretschmann, Thomas Draschan und Michael Leon &#8211; allesamt in der von Ela Angerer herausgegebenen Anthologie &#8216;Porno&#8217; in der Reihe Moderne Nerven vertreten &#8211; in der digitalen Verwertung zu unterbinden, das heißt, sie, besser gesagt nämliche Anthologie, nicht als i-Book bei Apple zuzulassen. Eine genauere Begründung erfolgte praktisch nicht. Man läßt durchblicken, das Werk sei so, wie es heißt, nämlich Pornographie. Wörtlich heißt es in dem Brief an den Verleger des Czernin Verlages Dr. Benedikt Maria Föger: &#8220;(&#8230;) Porno wird als zu explizit betrachtet und wurde daher nicht freigeschaltet. Wir bitten um Verständnis. Herzliche Grüße, iBookstore Germany, Austria, Switzerland.&#8221;<br />
Was &#8216;explizit&#8217; bedeuten soll, kann man sich denken. Verblüffend ist die Vorstellung, überall in der Welt sitzen Apple-Mitarbeiter, die die Millionen Neuerscheinungen pro Saison durchlesen und prüfen. Aber so richtig durchgelesen haben sie die &#8216;Moderne Nerven&#8217; Reihe wohl nicht: Daß sich die Autoren gerade GEGEN die Pornographisierung von Staat und Gesellschaft stark machen, wurde da wohl übersehen. Thomas Glavinic: &#8220;Da ist doch sogar &#8216;Madame Bovary&#8217; pornographischer.&#8221; Stimmt &#8211; und deshalb wird Flauberts Roman vielleicht als nächstes zensiert.<br />
Zum Glück gibt es noch die Konkurrenz &#8216;Amazon&#8217;, wo die Czernin Anthologie nach wie vor zu ordern ist. Aber ein seltsamer Vorgang ist das schon. Apple ist nicht irgendwer, sondern für manche schon &#8220;der Herrscher der Welt&#8221; (Th. Draschan). Das glaube ich natürlich nicht. Doch was tun, wenn Amazon sich der Zensur anschließt? Dann haben wir etwas, was man seit Jahrhunderten in Kerneuropa für ausgerottet hielt, eben die Zensur, das Verbieten seriöser literarischer Texte.<br />
Ich werde hier meinen eigenen Beitrag in der Anthologie wiedergeben, damit jeder sehen kann, daß es sich um alles mögliche handeln mag, vielleicht um Verrücktes, um Mißratenes (wahrscheinlich), aber ganz bestimmt nicht um Pornographie:<br />
JOACHIM LOTTMANN / &#8216;Porno&#8217; / Einleitung<br />
&#8220;Pornographie ist wie der Islam, wie die Atomdebatte, wie Aids: Dinge, die es gar nicht gibt, die aber die Welt bewegen. Die großen Menschheitsverbrechen werden immer für etwas begangen, die es gar nicht gibt. Für Gott zum Beispiel. Für die Überlegenheit des arischen Blutes. Für die Abwehr der Strahlengefahr. Es gibt keine Strahlengefahr. Es gibt auch kein Aids. Die Menschen in Afrika sterben nicht an einem geheimnisvollen, die Population des Planeten aulöschenden Virus, sondern daran, daß sie mutwillig ihr Immunsystem zerstören. Via Superpornographie nämlich. Auch der Schwerstalkoholiker stirbt ja nicht am mysteriösen Vodkavirus, der jeden anstecken kann, der aus Versehen mit der leergetrunkenen Flasche in Berührung kommt, sondern daran, daß er zuviel säuft.<br />
Trotzdem stülpen sich Milliarden völlig ungefährdeter braver Bürger diese lusttötenden Gummis über. Ihren Kindern erzählen sie, daß die Liebe schnell zum Tod führt. Die Schulen verbreiten dieselbe Lüge, unisono, unwidersprochen. Ganze Generationen sind nun schon mit diesem Bewußtsein großgeworden. Die Lehrer tun so, als sei der erste Mensch, mit dem die Kleinen auf Klssenpartys knutschen, ein älterer Wanderarbeiter aus Simbabwe, der schon mehrere hundert afrikanischen Frauen, viele davon krank und geschwächt,  den Hintern durchbohrt hat. Die Auswirkungen dieses Bewußtseins sind verheerend. Liebe ist kein intimer Raum mehr, geschützt, persönlich, poetisch, relativ sicher vor Verrat. Es ist der Tummelplatz von allem, was Angst macht, und am liebsten tummeln sich darin Pädagogen, Politiker, korrupte Medien und natürlich die Pornoindustrie. Sie alle singen das Lied von der großen Aids-Gefahr. Nur das Lied von der großen Atomgefahr erklingt noch schriller und hysterischer.<br />
Die gesamte westliche Hemisphäre kennt seit mehr als zwei Jahrzehnten nur noch ein echtes politisches Ziel: den Ausstieg aus der Atomenergie. Darum dreht und wendet sich alles, jede Sonntagsrede, jeder Zeitungsartikel, jeder Schulunterricht, jede Diskussion im Fernsehen, beim Frühstück mit den Kindern, im Bett mit der Nachbarin. Atomkraft nein danke. Was können wir tun, was können wir lassen, damit der Ausstieg gelingt. Damit die ‚Todeswolke über der Menschheit‘ (Bild Zeitung) verschwindet. Aber natürlich ist das alles Unsinn. Es gibt keine Strahlen, die ganze Kontinente entvölkern, oder wenigstens ein kleines Land, nicht einmal eine Stadt. Als das, wovor sich der Planet so fürchtet, dann tatsächlich geschah, als also der seit Nostradamus prophezeihte Weltuntergang stattfand, in Tschernobyl nämlich, machten die Leute einfach weiter. Die drei noch verbliebenen Reaktoren wurden einfach weiterbetrieben, noch Jahrzehnte, mit denselben Wachmannschaften. Millionen Tote, unbewohnbare Ukraine? Keine Spur. In Fukushima dasselbe. Drei Arbeiter verbrannten sich die Füße, es heilte bald ab. Doch bleiben wir lieber beim Thema Aids, es ist näher dran am eigentlichen Thema, der Pornographie.<br />
Die Auswirkung der bis heute andauernden staatlich und medial gelenkten Aidsangst war eine veränderte Einstellung der Heranwachsenden zur Liebe. Sie wurde vom Leben in die Phantasie verschoben. Nicht mehr reale Menschen wurden geliebt und berührt, sondern virtuelle pornographische Bilder angesehen und dabei der eigene Körper berührt. Der love and peace Generation folgte die Generation der Wichser. Und politisch gesehen folgte der Generation, die für Freiheit und Nächstenliebe kämpfte, also für reale Menschen, eine Generation, die gegen ‚das Atom‘ kämpfte, also für etwas Irreales.<br />
Der Kampf gegen die nicht existierende Atomgefahr wurde zur Volksreligion. Also zu einer für alle verbindlichen Meinung, zu einem Auftrag von oben. Wie die spanischen Eroberer ganz Amerika ausrotteten, weil die ebenfalls nicht existierende heilige Jungfrau ihnen den Auftrag dazu gegeben hatte und diese frei erfundene Meinung eines Tages von allen geteilt wurde, so… aber ich bin schon wieder beim falschen Thema. Was ist mit dem Sex? Ach richtig, führte zur Pornographisierung von Staat und Gesellschaft, deshalb sitze ich hier und schreibe darüber. Was kann ich also darüber sagen?<br />
Pornographie ist blöd, ist dämlich, sogar unsagbar dämlich. Deshalb fällt es mir ja so schwer, etwas dazu zu sagen. Aber sie ist eben auch zur Volksreligion aufgestiegen, wie ‚die Atomfrage‘. Das heißt, alle glauben inzwischen daran. Sobald der letzte lebende Hippie in Deutschland, nämlich Rainer Langhans, das Zeitliche gesegnet haben wird, gibt es niemanden mehr, der an der verordneten pornographischen Weltsicht zweifelt. In dem Roman UNTER ÄRZTEN gibt es eine Stelle, die manchen Leser selbst heute aufhorchen lassen könnte, oder zumindest irritieren könnte – aber nur wenige Sekunden lang, nehme ich an. Nämlich:<br />
„…Vielleicht sollte ich an dieser Stelle ausnahmsweise ein paar Bemerkungen über das Unwort ‚Sex‘ verlieren, das in jener Zeit häufig fiel. Daphne vermittelte gern den Eindruck, auch bei meinem Psychiater, ‚der Sex‘ sei mit mir so gut. Ich stutzte dann immer. Einmal, weil ‚der Sex‘ immer wie eine dritte Person klang, wie ein weiterer Mann, der mit im Bett gelegen hätte, also neben ‚dem Johannes‘ auch noch ‚der Sex‘. Ich dachte es deshalb, weil unser Liebesleben eben gerade nicht gut war, sondern hundsmiserabel. Ein gutes Liebesleben ist, wenn man wochenlang kaum aus dem Bett kommt und zum Beispiel beim Küssen die Zeit vergißt. Wenn man nicht mehr weiß, ob man schon seit zwanzig Minuten küßt oder seit zwei Stunden. Oder ob der Fuß da unten der eigene ist oder nicht. All das gab es mit Daphne niemals. Da sie jünger als ich war, hatte sie die Liebe generationsbedingt nicht mehr kennengelernt. Sie kam auf seltsame Weise zum Orgasmus, und sie nannte dieses viel zu kurze und absurde Zucken, das ich nicht bemerkt hätte ohne ihre Kommandos, ‚guter Sex‘. Dabei schaute sie verschwörerisch, später, wenn sie davon im großen Kreis erzählte. Auch Dr. Stahlmann, der wiederum zu alt war, um die Liebe zu kennen, glaubte ihr, also Daphne, dieser frühen Vertreterin des pornographischen Zeitalters. Und mich blaffte er an:<br />
„Guter Sex, mein Lieber, den Sie ja offensichtlich haben im Bett, ist eine größere Wahrheit als alles Gefasel über Probleme und Nöte in der Beziehung! Merken Sie sich das!“<br />
Einige ältere Leser – wahrscheinlich kaufen sowieso nur noch ältere Mitbürger papiergedruckte Bücher – werden sich womöglich an ihre erste Freundin erinnern. Wie das damals war, noch vor dem Aids-Schock. Wie diese verklemmten, ahnungslosen Oswalt-Kolle-Filme nichts weiter waren als Gaudi für die Jungen, die es besser wußten. Oder der ebenso kreuzblöde Sexualkundeunterricht, wo frigide, humorlose alte Jungfern Liebe mit Eileiterkunde und Laborwissenschaft verwechselten. Ihre körperlichen Erfahrungen bezogen sie nicht aus dem Lotterbett in Amsterdam, sondern aus der Pathologie im Krankenhaus.<br />
Dabei waren beide Strömungen, also die sogenannten Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle und die von staatlichen Stellen finanzierten (‚Helga. Deine Frau, das unbekannte Wesen‘), sowie der Sexualkundeunterricht bereits reine Pornographie. Die Botschaft lautete, und sie wurde gnadenloser repetiert als bei jedem Propagandafilm: es gibt Sex an sich, völlig unabhängig vom Menschen. Als könnten Körper, während die in ihnen wohnenden Menschen sich gerade im Schlaf befinden, miteinander lustvoll kopulieren. Die Szenen in den Filmen wurden stets von einer tiefen, superseriösen Stimme aus dem Off kommentiert. Das ging ungefähr so: Ein junger Mann erwartet in der Wohnung seiner Eltern eine junge Frau. Sie ist seine Freundin. Die Eltern sind nicht im Haus. Die Freundin hat noch eine andere junge Frau mitgebracht, was den jungen Mann überrascht. Er macht ein enttäuschtes Gesicht, sagt:<br />
„Ich dachte, du kommst alleine, Gabi.“<br />
Die angesprochene junge Frau sagt:<br />
„Das ist Simone. Sie wird uns nicht stören.“<br />
„Aber…“ sagt der junge Mann, woraufhin Gabi lacht. Später zieht die andere junge Frau ihren gelben Ringelpulli aus und beginnt, Gabi zu küssen. Auch der junge Mann zieht sich aus. Im Off erklingt die tiefe Stimme:<br />
„Was viele ältere Bürger womöglich als unmoralisch empfinden, ja vielleicht sogar als schockierend, ist für die jungen Leute von heute vollkommen normal. Sie suchen sich ihre sexuelle Betätigung frei aus und achten nicht mehr auf die Vorstellungen ihrer Eltern, die sie als überholt und nicht mehr zeitgemäß ansehen.“<br />
Diese verschmockten Filme liefen nur noch im Fernsehen, als ich jung war, und wir belustigten uns daran, oft auf Partys. Undenkbar, daß tatsächlich jemand auf die perverse Idee gekommen wäre, seine geliebte Freundin mit irgendeinem dritten und unbekannten Menschen zu teilen. Doch nun, eine volle Generation später, hat Kolle gesiegt. Was er da herbeifaselt, würde jeder unterschreiben. Die Millionen Nachfolgefilme, die rasend schnell in unverstellte Pornographie abrutschten (‚Es jodelt in der Lederhose Teil III‘), vielleicht nicht, vielleicht doch, weiß nicht. Dazu gibt es keine Haltung mehr, außer: so ist es eben.<br />
Moment, eine Ausnahme vergaß ich. Nicht nur Rainer Langhaus, auch Alice Schwarzer stemmt sich noch gegen die Pornographie. Jedenfalls noch vor drei Jahren. Inzwischen ist derart dafür verprügelt worden, zuletzt von der Bundesfamilienministerin Christina Schröder, daß sie wahrscheinlich lieber den Mund hält. Selbst ihre Kommentare gegen den Sadomaso-König und Wettermoderator Jörg Kachelmann trugen ihr eher Befremden ein. Nach dem Motto: Was geht sie das an, wie und mit welchen Instrumenten dieser ehrenwerte Herr in ganz Europa seine Frauen be- und mißhandelt? Hey, it’s sex, Mann! Wofür wir alle kämpfen! Was gibt es da rumzumäkeln? Klar, wenn er sie wirklich fast kaltgemacht hätte, okee, das wäre was andres, also wenn er das wirklich vorgehabt hätte. Aber die Alte hat das bisher nur behauptet. Vielleicht nur, weil er prominent ist. Muß man auch verstehen. Hätte man vielleicht auch so gemacht. Mit ihren Memoiren verdient sie dann Millionen. Okee, so ist das Spiel, aber der Sex selbst: alles bestens!<br />
Anfangs, wie gesagt, hat die arme Alice Schwarzer noch gegengehalten. Ich habe sie übrigens immer gemocht. Von Anfang an, solange ich denken kann. Für mich war sie nie eine Feministin, sondern eine Aufklärerin. Entgegen aller Verleumdungen fand ich immer, daß sie gar nichts gegen Männer hatte, im Gegenteil. Sie mochte Männer, weil auch sie eine Eigenschaft besaßen, die sie extrem schätzte: sie waren Menschen. Einmal, ich habe das oft erzählt, sah ich sie zufällig in der Abfertigungshalle des Frankfurter Flughafens. Sie stand sicher fünfzig Meter entfernt, also weit weg, aber ich erkannte sie. Ohne Nachzuden bin ich auf sie zugelaufen und habe ihre Hand geschüttelt. Sie lachte über das ganze Gesicht, und wir haben uns dann sofort über Gott und die Welt unterhalten, sowie über die Stadt Köln, den Kunstmarkt und die gefälschten Hitler Tagebücher, die gerade erschienen waren.<br />
Eine tolle Frau. Als sie später ihre antipornographische ‚PorNo!‘-Kampagne startete, habe ich mich daran beteiligt, und meine damalige Freundin Ariadne von Schirach auch. Für uns beide brachte das im Mediengeschäft negative Reaktionen, über die ich lieber nicht schreiben will.<br />
Nein, die Pornographisierung von Staat und Gesellschaft hat sich durchgesetzt und ist inzwischen abgeschlossen, so wie die anderen antihumanistischen Ideologien Strahlenangst und Aidsgefahr. Insgesamt ist das Ergebnis, daß die Welt nicht mehr klar gesehen wird, sondern Nebel des Irrationalen die Sichtweiten radikal verkürzen. Hat man früher noch erkennen können, wie alles funktioniert, zuletzt übrigens während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009, pappt das Bewußtsein im Kopf nun zusammen wie eine verklebte Pizza, auf der nur noch die Zutaten ‚Umwelt‘ und ‚Sex‘ herauszuschmecken sind.<br />
Wer diese kleine Analyse für paranoid und wenig glaubhaft hält, möge sich einfach diese Anthologie anschauen. Die besten Köpfe des Landes haben sich hier versammelt. Es sind keine korrupten Zeitungsfritzen und Medienknechte, die es hier für Geld tun. Sie schreiben honorarfrei, sie denken das alles wirklich, was sie da über Pornographie absondern! Und Du, lieber Leser, tust es auch! Freiwillig! Du hast sogar ein paar Euro dafür bezahlt, Dir Deine verdruckste, schlüpfrige, pseudoliberale Meinung zu dem traurigen Thema bestätigen zu lassen.<br />
Wenn das kein Beweis ist, daß ich recht habe!&#8221;<br />
JOACHIM LOTTMANN: &#8216;Porno&#8217; (in der gleichnamigen Anthologie von Ela Angerer, 1. Kapitel, Czernin Verlag 2011) </p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1234&amp;md5=745c2ec019617d1f1b6ad896f20e4bae" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Bekommt Tex Rubinowitz den Wolfgang Koeppen Preis?</title>
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		<pubDate>Mon, 07 May 2012 12:49:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>FRAGEN SIE JOACHIM LOTTMANN<br />
„Bekommt Tex Rubinowitz in diesem Jahr den Wolfgang Koeppen Preis?“ L.K. Bennett, Klagenfurt (in Kärnten).<br />
Antwort: Der deutsch-österreichische Schriftsteller, sing-a-song-writer, Performance-Punk-Künstler und Karikaturist Tex Rubinowitz hat gewiß das Potential, den anerkannten Wolfgang Koeppen Preis der Stadt Greifswald zugesprochen zu bekommen. Leider bin ich jedoch verpflichtet, bis zum 15. Mai darüber Stillschweigen zu bewahren.<br />
„Was halten Sie vom wenig bekannten Werk der Autorin Lydia Mischkulnig? Hätte sie nicht den Wolfgang Koeppen Preis verdient, und wenn nicht, warum?“ Hugo Meisl, Wien 14. Bezirk (Hütteldorf).<br />
Antwort: Hierauf gebe ich dieselbe Antwort wie auf die Frage nach Tex Rubinowitz. Ich bitte um Verständnis. Ich bin nicht mehr der Jüngste, habe die Fünfzig unlängst überschritten und kann nicht mehr jede Frage individuell retournieren.<br />
„Haben Sie in Ihrer Jugend den Lübecker Romancier Thomas Mann gelesen?“ Michaela Kors, Arnsberg bei Zürich.<br />
Antwort: Natürlich habe ich beide Manns gelesen, Thomas und Heinrich. Am meisten hat mich ‚Der Untertan‘ beeinflußt, mit dem ich mich in den Flegeljahren kolossal identifizierte. Aber auch die Buddenbrocks haben mir gefallen. Ich halte dieses Buches wegen sowie einiger Kapitel im ‚Zauberberg‘ auch heute noch Thomas Mann für einen guten Autor.<br />
„Halten Sie die Liebe für das größte Thema der Weltliteratur, und wie steht es damit in Ihrem eigenen Werk?“ Georgina Decker, Kopenhagen (Dänemark).<br />
Antwort: Liebe wird in der Weltliteratur nur selten kongenial dargestellt. Das gelang nur wenigen, denn es ist auch wirklich das schwerste Sujet. Man muß zwischen den Zeilen spüren, was geschehen sein könnte. Mich hat vor allem das völlig verzweifelte Verlangen Nagels nach Dagny in Knut Hamsuns ‚Mysterien‘ mitgenommen, vielleicht noch die Liebe, die Madame Bovary seitens ihres Mannes auszuhalten hatte. Geradezu abschreckend sind zeitgemäße Versuche wie der ‚Liebesroman‘ Hans-Jörg Schertenleibs, wo frühpensionierte Gymnasiallehrer beim gepflegten Rotwein in der Toskana die Liebe entdecken. In meinem eigenen Werk kann nur ‚Happy End‘ als echter Beitrag zu diesem Thema gelten.<br />
„Wird Dr. Wolfgang Kubicki neuer Chef der Freien Demokratischen Partei?“ Thomas Forstner, Deggendorf in Niederbayern.<br />
Antwort: Woher soll ich das wissen? Ich bin kein Hellseher und halte mich lieber an die Fakten: ein junger Mann namens Lindner löst Philip Rösler als Vorsitzenden ab und gibt, ganz im Geiste unseres neuen Bundespräsidenten, und dann womöglich auch mit Kubicki, die neue Linie vor, nämlich eine Wiedergeburt der Idee Freiheit.<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/04/05052011219.jpg" rel="lightbox[1227]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/04/05052011219-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" class="alignnone size-medium wp-image-1232" /></a><br />
Der in Wien lebende deutsch-österreichische Autor Tex Rubinowitz (50). Bekommt er dieses Jahr den Wolfgang Koeppen Preis?</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1227&amp;md5=38f448303a478c5bb184ee65dfcf4d16" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Joachim Lottmann vs. Wolfgang Koeppen</title>
		<link>http://blogs.taz.de/lottmann/2012/04/25/joachim-lottmann-vs-wolfgang-koeppen/</link>
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		<pubDate>Wed, 25 Apr 2012 12:28:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hier noch einmal die ursprüngliche, noch unredigierte, handschriftliche Fassung des gestern ins Netz gestellten FAZ-Textes. Inzwischen hat sich natürlich viel getan, und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich preisgebe, daß Anna Katharina Hahn fast uneinholbar in Führung liegt, gefolgt von Tex Rubinowitz, der allerdings bereits als Favorit für den diesjährigen Ingeborg Bachmann Preis bei den Literaturtagen in Klagenfurt gilt (Kandidat von Hubert Winkels):</p>
<p>&#8220;Im Juni 2010 wurde der Schriftsteller Joachim Lottmann auf Vorschlag von Sibylle Berg mit dem angesehenen Wolfgang Koeppen Literaturpreis der Stadt Greifswald ausgezeichnet. Das Besondere dieses Preises ist, daß der Preisträger nach zwei Jahren seinen Nachfolger selbst bestimmt. </p>
<p>Die Suche nach dem Koeppen Preis</p>
<p>Von Joachim Lottmann</p>
<p>Am liebsten hätte ich Christian Kracht als neuen Preisträger gesehen. Es wäre eine Herzensentscheidung gewesen. Ich las vorab seinen neuen Roman ‚Imperium‘ – sein Verleger Helge Malchow hatte ihn überglücklich aus Kenia mitgebracht, wo der Autor wohnte &#8211; und fühlte mich mehr als wohl. Ich muß sagen: jeder Satz, jede Seite haben mir gefallen, und ich mußte nicht mehr länger suchen. Malchow sagte ernst: „Christian hat auch noch nie einen Preis bekommen, wie du. Der würde sich echt freuen.“<br />
Wirklich? Ich streckte meine Fühler aus, bekam aber keine Signale zurück. Im Betrieb galt es als unwahrscheinlich, daß Kracht mich mochte. Er stand unter dem Druck seiner Freunde im sogenannten Goetz Kreis, die mich regelrecht haßten. Ich wiederum stand unter dem Druck von Sibylle Berg, die mir den Preis vor zwei Jahren mit der Bitte verliehen hatte, ihn bloß nicht den Schurken um Goetz, Biller, Stuckrad und Kracht zu vermachen. Sie hatte nicht Schurken gesagt, sondern sich noch derber ausgedrückt. Sie haßte diese Leute und dachte, ich würde es auch tun. Durfte ich Sibylle enttäuschen? Ja, denn plötzlich wurde Kracht denunziert, aus heiterem Himmel, als faschistoid, natürlich zu unrecht. Der Literaturkritiker des SPIEGEL Georg Diez zog über mein so geliebtes ‚Imperium‘ her, und so hatte ich ein weiteres Motiv. Ich konnte dem Denunzierten beistehen. Das würde sogar Sibylle Berg verstehen.<br />
Leider irrte ich mich. Das Buch schoß aufgrund des Skandals die Bestsellerlisten hoch, wurde ein phantastischer Verkaufserfolg. Wozu brauchte ein reichgewordener Autor dann noch das Preisgeld von 5.000 Euro? Die Gefahr, daß Kracht den Preis aus meiner Hand glatt ablehnte, stieg. Von den Leuten aus dem elitären Kreis um Rainald Goetz war nur Benjamin von Stuckrad-Barre bereit, mir überhaupt die Hand zu geben. Bei Veranstaltungen und zufälligen Begegnungen trat er immer beherrscht auf mich zu, Gesicht und Körper vollkommen angespannt, gab mir kurz und bestimmt die Hand, nickte und wandte sich wieder ab. Man konnte nur ahnen, wieviele Prügel er sich damit einhandelte. Er hätte den Preis angenommen, und sein bisheriges Lebenswerk paßte zu ihm. Sogar besser als das von Kracht. Stuckrad machte sich angreifbar, ging dahin, wo es wehtut, nämlich in den Strafraum der Mediengesellschaft. Ich hatte das in diversen Publikationen schon behauptet, leider. Nun würde eine Laudatio auf den Helden der 90er Jahre angestaubt wirken. Wir leben inzwischen nicht mehr in der Ära des Medienfaschismus, sondern in der des Internets. Zudem war Stuckrads letzte Tat ein unverzeihlicher Flop. Er hatte mit Dietl zusammen das Drehbuch zu einem ‚Rossini‘-Remake geschrieben. Schon das Original war der Endpunkt eines jahrzehntelangen Sturzes, ein sexistisches Männerbesäufnis. Nein, ich prüfte lieber andere Autoren. Gut wäre eine Frau gewesen, eine Feministin. Ich hätte dauerhaft das Gerücht zerstreut, meine Texte seien frauenfeindlich. Und so studierte ich Marlene Streeruwitz, Sabine Gruber, Elfriede Jelinek, Alina Bronsky und Anna Katharina Hahn.<br />
Die Jelinek las ich gern, aber die hatte ja schon den Nobelpreis. Alina Bronsky mochte ich als Mensch, aber ihre Bücher irritierten mich. Das neueste kam gerade auf den Markt, ist ein Jugendbuch und für 15jährige Mädchen mit Migrationshintergrund sicher die Rettung. Dafür, dachte ich erst, geht es bei dem Roman davor um Speisen und Kochanleitungen aus dem Balkan. Scheußlich! Ich konnte und durfte kein Kochbuch derart ehren und belohnen. Inzwischen kenne ich ‚Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche‘ besser – ein gewaltiger Fluß, doch doch.<br />
Alina Bronsky ist zudem immerhin jung, und damit automatisch ein gerüttelt Maß feministisch. Junge Frauen konnten, wollten sie ihre Realität nicht verbiegen, gar nicht anders schreiben. Wie aber stand es mit den alten? Ein interessanter, weil mir bis dahin unbekannter Jammertonfall schlug mir bei Streeruwitz und Gruber entgegen. Diese Leute schrieben offenbar aus der Opferperspektive. Und aus einer ewigen Vergangenheit heraus. Die stöberten in Zeiten herum, die ich nie erlebt hatte, in Orten, die ich nie gesehen hatte, etwa Südtirol 1951. Alles war immer ungerecht und freudlos. Ich spürte gute Literatur, aber keine, die Wolfgang Koeppen gemocht hätte. Der schrieb, bei aller Kritik an der Gegenwart, doch immer in diese hinein und interessierte sich für sie. Alte Nazis wurden ihm nur ein Thema, wenn diese eine neue Rolle im hier und jetzt einnahmen. Ein wehleidiger Blick zurück wäre ihm kein Blatt Papier wert gewesen. Und ich hatte nun einmal die Vorgabe, einen Autor mit Koeppenaffinität zu finden.<br />
Da ich den nicht fand, suchte ich in Buchhandlungen. Wühlte die ‚Neuerscheinungen‘-Tische durch. Und rief Kritiker aus den Zeitungen an. Wen halten Sie für preiswürdig? Wer ist Ihr Lieblingsautor? Was haben Sie zuletzt entdeckt? Ernst A. Grandits empfahl mir Karl Werner Gauß. Das Buch hieß ‚Ruhm am Nachmittag‘. Meine Frau las das und war entsetzt. Ich mußte das Lesen ja delegieren, da immer mehr Titel in die Wohnung kamen, und meine Frau, geborene Leseratte, versteht mehr von Büchern als ich. ‚Ruhm am Nachmittag‘ sei unerträglich maniriert. Ein arroganter Autor sitze da am Schreibtisch und schnitze an den Sätzen herum. Ich dachte, aha, selbst meine gebildete Frau favorisiert inzwischen die Popliteratur alten Schlags, für die, fälschlicherweise, mein Name steht. Auch eine Wiener Freundin ging in diese Richtung. Ich müsse mehr Stolz zeigen für jene frische, moderne, tragigkomische Art, für die mich meine Leser liebten; ich dürfe mich nicht selbst verraten. Den Preis einer alternden Feministin zu geben, sei Verrat an meinen eigenen Büchern.<br />
Hm. Also rief ich weiter bei Kollegen an. Volker Weidermann mußte sofort passen. Er war sich augenblicklich sicher, niemanden zu wissen. Thomas Meinecke drohte sogar, mir die Freundschaft zu kündigen. Wörtlich: „Wenn Du über mich schreibst, ist es vorbei.“ Er wolle sich schon gleich zu Anfang aus der (Koeppen)-Affaire ziehen. Vielleicht meinte er damit sogar, den Preis für sich selbst auszuschlagen. Denn tatsächlich hatte ich inzwischen eine long list mit möglichen Kandidaten zusammengestellt. Die war ihm wohl zu Ohren gekommen, und auf der stand auch sein Name.<br />
Tex Rubinowitz war da anders. Er bombardierte mich mit Manuskripten, Geschenken, Mails, Einladungen. Wir trafen uns privat, wobei er weinte und wehklagte. Er wolle den Preis, er brauche ihn, sein Leben hinge davon ab. Ich überlegte daraufhin, eine Tour durch Deutschland und die Schweiz zu machen. Um nicht von einem einzelnen Autor manipuliert zu werden, mußte ich alle persönlich treffen. Dabei konnte kostendeckend eine Reisereportage dienen. Also ein bißchen. So etwas war ja sehr teuer. Für eine Zeitung, etwa die ‚taz‘, konnte ich den Essay ‚Wie ich den Koeppen-Preisträger fand‘ schreiben. Das war der Plan. Als ich das aber dem ersten Autor erzählt hatte, nämlich Tilman Ramstedt in Berlin, ging ein – verständlicher &#8211; Schrei durch die innere Literaturszene. Ich würde aus dem Preis eine Casting Show machen. Ich lief also Gefahr, die Sache zu ruinieren.<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/04/770.jpg" rel="lightbox[1221]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/04/770-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" class="alignnone size-medium wp-image-1225" /></a><br />
Andere Leute testen und dann beurteilen, nein, das ging nicht. Ihre Bücher testen, ja das schon. Also ging das Wettlesen bei mir zu Hause weiter. Ich war erstaunt, wie schnell ich immer abgestoßen war von den eitlen Fleißarbeiten. Das Geplapper der schreibenden, putzigen, selbstverliebten Frauen in der Nachfolge Ildiko von Kürthys ging mir besonders auf den Wecker. Was wollten diese kleinen Frauen? Was fanden sie interessant an diesen unpolitischen Beziehungsreimereien? Warum gab es keine Bücher, die mir gefielen? Selbst Sibylle Lewitscharoff begeisterte mich nur halb. Vielleicht war ich auch nur abgestumpft. Das Leben aus der Sicht alleingelassener, frauensolidarischer, männerverachtender Schwestern, nun gut, das war klasse und herrlich geschrieben, aber dennoch eben nur halb wahr. Die ganze Wahrheit wäre mir schon lieber gewesen. Zudem spüren wir doch alle die bevorstehende Zeitenwende bei dem Thema. Die Piraten fordern schon, daß das Geschlecht nicht mehr im Personalausweis stehen darf. Im Netz gibt es ohnehin keine sexuelle Identität mehr. Es wird bald vorbei sein mit dem elenden Mann-Frau-Gerede, auch in der Literatur, so wie eines Tages das elende Rassen-Gerede aufgehört hat. Außer dem 85jährigen Harry Belafonte in seinem neuen Buch ‚My Song‘ schreibt niemand mehr, seine Hautfarbe definiere ihn. It’s over, old man, träum weiter! Da würde man doch lieber eine Erzählung in Händen halten, die die kommende Dekade schon vorwegnimmt. Wo finden? Erstmal mußte ich mich auf eine short list einigen. Anna Katharina Hahn schob sich ganz nach vorn. Wolfgang Herrndorf kam mit ‚Sand‘ dazu, Leif Randt mit ‚Coby County‘. Herrndorf hätte ich noch vor zwei Jahren blind ausgezeichnet, doch zwischendurch hatte der Mann drei Bestseller und sieben Literaturpreise mit einem sechsstelligen Gesamtwert aufgestellt. Der war satt. Und wieder gesund. Jahrelang hatte es geheißen, sein tragischer junger Tod stünde unmittelbar bevor.<br />
‚Coby County‘ dagegen war eine Frechheit. Da schrieb einer lupenreine Nordrhein-Westphalen-Prosa, mit all den typischen, geschichts- und bewußtlosen heutigen Deutschen, und verlegte das alles nach Amerika. Es klang so scheußlich wie Sido, der deutsche Rapper, der tut, als lebten unsere Wohlstandskids im Gangsta Ghetto. Und auch Leif Randt hatte mit Mitte 20 schon Preise über Preise, sechs Stück, also sechs mehr als Christian Kracht, das politisch uncorrecte Genie, mein Ausgangspunkt. Zum Glück gefiel mir dann aber Anna Kataharina Hahn immer mehr, sodaß sich endlich eine Preisträgerin herausschälte. Die Begründung steht dann ausführlich in der Preisrede. Also, wenn ich bei meiner Meinung bleibe und sie gewinnt. Wenn nicht, sei hier gesagt: Hahn schreibt präzise, unideologisch, gegenwärtig, also Stuttgart 21 kommt vor, schwache Vätermänner, die aber liebevoll zu ihren Kindern sind. Die negative Hauptfigur hat einen ‚Migrationshintergrund‘ (klingt, als hätte sie Aids). Jeder führt ein Leben, für das der Leser Verständnis hat. Man sieht alle Beschädigungen und kann sich nicht auf eine Seite schlagen. Wundervoll. Eben echte Literatur. Einziges Manko: Ich hatte mir vorgenommen, der ersten Frau, die auf der ersten Seite nicht über Körperflüssigkeiten schreibt, den Preis zu geben. Anna Katharina Hahn tut aber genau das.<br />
Hinzu kommt Clemens J. Setz. Ein Schriftsteller, dessen Talent und Kraft alle überragt. Sein ‚Mahlsdorfer Kind‘ war mir frühzeitig aufgefallen, doch dann vergaß ich ihn. Erst ganz am Ende, als ich mich schon für Anna K. Hahn entschieden hatte, las ich seinen 713-Seiten-Ziegel ‚Die Frequenzen‘. Den hatte er mit Anfang, Mitte 20 ausgebrütet. Keine Frage, daß sich da noch mehr Können manifestierte als bei Hahn. Aber Können wozu? Ein Können für oder gegen die Arbeiterklasse, hätte man früher gefragt, in der K-Gruppe. Auf heute bezogen müßte man vielleicht fragen, ob das Buch in der Tradition der Aufklärung stand, ob es Licht brachte ins Dunkel unserer manipulierten, inhumanen, sexistischen, englischsprachigen Konsumwelt, ob es gute Laune machte und befreite. Nein, das tat es nicht. Somit hätte es Dostojewski gefallen, war aber kein Titel der Popliteratur. Na und?<br />
Einerseits mußte ich mich entscheiden, andererseits durfte ich vor einem bestimmten Stichtag nichts verraten. Auf die short list schafften es neben den gerade Genannten noch Doris Knecht, Erwin Koch, Paul Nizon, Lydia Mischkulnig, Elke Naters, Leander Scholz, Matthias Matussek, Heike-Melba Fendel, Severin Winzenburg, Eva Menasse, Doron Rabinovici, Tanja Dückers, Thorsten Krämer aus Köln am Rhein, der Lyriker Frank Hornung aus München, natürlich Feridun Zaimoglu, Kerstin Grether, Maike Wetzel, Juli Zeh, Peter Handke (‚Die schönen Tage von Avanjuez‘), Werner Kofler und der schon erwähnte pop-goes-gender-grandmaster Thomas Meinecke. Kofler wäre perfekt gewesen: unbequem, widerspenstig, unangepaßt, alle beleidigend, sich mit allen anlegend, eben vollständig unbestechlich. Ein letzter echter Außenseiter in einem Berufsfeld, das tägliches intensivstes Networking verlangte. Doch Werner Kofler starb plötzlich! Nicht Herrndorf starb, sondern er. Man hatte den Falschen mit Ehrungen überhäuft. Verzeihung, diese Pietätlosigkeit darf so nicht stehenbleiben. Ich meine: natürlich ist ‚Sand‘ ein Quantensprung im bis dahin problematischen Werk Herrndorfs und hat jeden Preis verdient, etwa den, den Rainald Goetz gerade ohne jeden Anlaß abgeräumt hat (25.000 Euro), und beide, Goetz und Herrndorf, mögen noch lange leben. Der Stefan-George-artige Kult um Goetz ist mir lieb und teuer, genauso wie das nächste Buch nach ‚Sand‘.<br />
Maxim Biller wäre ein würdiger Held der Literatur gewesen, doch sein Superbuch ‚Esra‘ – mein Lieblingsroman der letzten zwölf Jahre – lag schon zu lange zurück. Erwin Koch, den Sibylle Berg so mochte, was ich verstand, war mehr ein Moritaten-Erzähler. Er suchte nach Schauergeschichten in der Wirklichkeit und verkürzte die dann noch zu Horror-Songtexten. Sein Material hatte er aus der Boulevard-Presse. Nein, das war nicht die Welt, die ich meinte. Schließlich stand Tex Rubinowitz wieder vor der Tür. Er hatte Karikaturen und Schallplatten dabei. Ja, als Karikaturist war er genial. Auch als Musiker. Seine Band ‚Mäuse‘ verkaufte in Japan Millionen Tonträger. Er wollte nun den Koeppenpreis, so seine Bücher dafür nicht ausreichten, für sein Lebenswerk.<br />
„Schaun mer mal“, sagte ich und legte die Sachen zu den übrigen Büchern, Fahnen, Ausdrucken und Briefen. Bis zum Tag der Bekanntgabe des Preisträgers durch die Pressestelle der Stadt Greifswald in einigen Wochen heißt es zumindest theoretisch „Nichts ist unmöglich“. Bis dahin wird der zuständige Kulturreferent Andreas Sappelt, ein ambitionierter und verdienstvoller Arbeiter am Weinberg des Herrn Wolfgang Koeppens, alles vorbereitet haben für die Preisverleihung und die mediale Begleitung des Ereignisses. In der nicht unbedeutenden und geschichtsträchtigen Universitätsstadt Greifswald nimmt man den großen Sohn der Stadt und seine Ehrung durchaus ernst, was für die Entwicklung des Preises in den letzten Jahrzehnten förderlich war. Die Folge ist, daß der Literaturbetrieb nun gespannt auf die Entscheidung wartet. Der Druck auf den noch amtierenden Preisträger wird weiter ansteigen. Auf mich.</p>
<p>Joachim Lottmann, 49, in Hamburg geborener Schriftsteller, lebt seit März 2011 in Wien. Im Herbst 2011 erschienen gleichzeitig der Therapeuten-Roman ‚Unter Ärzten‘ (Kiepenheuer &amp; Witsch) und die Wien-Erzählung ‚Hundert Tage Alkohol‘ (Czernin Verlag).</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1221&amp;md5=54d12d1a66ee8d38c3fce930d69900c8" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Wolfgang Koeppen Preis 2012</title>
		<link>http://blogs.taz.de/lottmann/2012/04/24/auf-der-suche-nach-dem-koeppen-preistrager/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 Apr 2012 13:25:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Marcel Reich-Ranicki hat einmal über das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt, es sei fehlerhaft, ärgerlich, schlecht, sehr schlecht, aber doch das beste Feuilleton des deutschsprachigen Raumes. Das muß man wissen, wenn man auf seiner eigenen Seite den Bericht über die verzweifelte Suche nach dem Koeppen-Preisträger von 2012 liest, verfaßt vom noch amtierenden jetzigen Preisträger, der ja bekanntlich Joachim Lottmann heißt:</p>
<p><a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/02/f1204211.z04.pdf'>f1204211.z04</a></p>
<p>Ein guter Text, ein SEHR guter Text, würde ich mit MRR sagen&#8230;</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1216&amp;md5=103eb29bd5f13cffc98c0bf1eecbe1e0" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>ABDANCEN MIT JOACHIM LOTTMANN. Der Film.</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 10:33:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei der schönen Veranstaltung mit Christopher Just kürzlich im &#8216;KIOSK&#8217; ist ein Dokumentarfilm entstanden, der von den Machern unter dem treffenden Titel &#8216;ABDANCEN MIT JOACHIM LOTTMANN&#8217; ins World Wide Web gestellt wurde. Man hört mich dort z.B. ausgiebig über eine biographisch wichtige Begegnung mit Kim Wilde im Jahre 1981 plaudern, und dabei spielt Christopher Just ihren damaligen Nr. 1 Hit &#8216;Kids &#8230;in America&#8217;. Das ist sehr amüsant anzusehen, zumal auch Außenstehenden durch das Filmdokument vermittelt werden kann, was dieser legendäre Ausdruck bedeutet, also &#8220;abdancen&#8221;, noch dazu &#8220;mit Joachim Lottmann&#8221;: das ist ganz offensichtlich dann gegeben, wenn das ganze Haus sich im Rhythmus bewegt, die Beine, die Arme, die Kleidung, die Zigaretten, das Vodkaglas, die Mauern, die Kleiderständer, die Rauchwolken&#8230; alles vibriert, alles pulsiert, alles durchblutet sich gegenseitig oder sich selbst, ob mit oder ohne Musik, all night long&#8230; Aber seht selbst:</p>
<p><iframe width="500" height="281" src="http://www.youtube.com/embed/R3sl14bdyFw?fs=1&#038;feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Dokumentarfilm, Deutschland 2012. Der legendäre Abend vom 19. Januar 2012 im Wiener &#8216;KIOSK&#8217;. Mit Christopher Just, Joachim Lottmann, Manuel Ruby, Thomas Draschan, Lilith Mathews, Michael Leon, Tex Rubinowitz, Ijoma Mangold, Dr. Benedikt Maria Föger und anderen.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1211&amp;md5=124f1d1996fed1254382e9c456efb82a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Unterwäsche</title>
		<link>http://blogs.taz.de/lottmann/2012/01/28/unterwasche/</link>
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		<pubDate>Fri, 27 Jan 2012 22:30:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute nahm ich mir die Geschäfte für Dessous vor, nachdem ich für die einzige echte Tageszeitung mit Niveau hier in Wien über die allgemeine und zunehmende Pornographisierung des Landes zu schreiben hatte (die Ausgabe erscheint morgen, aber schon jetzt am späten Abend sieht man die Nachtbummler Wiens diesen Artikel gierig verschlingen). Also, die Lingerie. So heißt die Branche neuerdings. Victoria&#8217;s Secret hat den neuen terminus technicus durchgesetzt. Ich gehe den Graben entlang, diese Straße in der Innenstadt, und sehe überall dieses ebenfalls neue und häßliche Wort SALE. Spricht man wohl &#8216;sejl&#8217; aus. Selbst die normalen Läden mit diesem SALE Schild arbeiten mit Nacktpuppen. Früher wäre das schlicht unerhört gewesen. HUMANIC, Triumph, BIPA, Palmers, überall Nacktmodelle, auch auf Fotos. Die tragen zum Teil Strumpfbänder wie vor hundert Jahren im Bordell. Rüschen, kleine Diamanten auf der Unterhose, im Schritt, auf den Körbchen genau in der Mitte. Die Schaufensterpüppchen knochig, kindhaft, trotzdem busenbetont. Draußen laufen die Frauen vorbei, lustig-vergnügt-kreischend die jungen, nicht viel anders die alten. Seltsame Bevölkerung. Auf einem zwanzig Meter langen Bauzaun sind Schweiß-Weiß-Fotos einer aufreizenden Carla Bruni angebracht. Ernst posiert sie, die hübsche ewige Kokotte: &#8220;Life is too important not to hafe fun.&#8221;<br />
Dann im Laden von &#8216;Wolford&#8217;. Schwarzes Leder, breite Gürtel, die Bodys kosten 300 bis 400 Euro, die anderen Dessousteile kaum weniger. Alles im dreistelligen Eurobereich. Hundehalsband, Katzenblick, rote Krallen, Sado-Maso-Anmutung überall. Bei &#8216;Triumph&#8217; hängen silbern-gläserne Schlampen schon am Eingang ab. Endlose Schaufenster mit immer neuen entblößten Puppets.<br />
Unterhemdenmädchen gibt es auch bei &#8216;Douglas&#8217; und fast allen anderen weniger bekannten Parfumerien. Die Kundschaft ist durch die Bank weiblich. Frauen fühlen sich offenbar vom porn style magisch angezogen. Vor allem alleinstehende, ältere Frauen. Dagegen bleiben die ollen Männer mit ihren häßlichen halbrunden Hiphop Strickmützen lieber draußen im Freien, glotzen vielleicht mal auf die Pin Ups im Schaufenster, gehen aber ums Verrecken nicht hinein in das Geschäft. Nein, die Überflutung der westlichen Welt mit Reizwäsche haben allein die Frauen zu verantworten. Ich wende mich ab mit Grausen&#8230;</p>
<p>Morgen: Das Treiben auf der Praterstraße (Rotlichtbezirk).   </p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1207&amp;md5=46378e20736ec52f9ade6ce28c6c1473" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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