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	<title>Auf der Borderline nachts um halb eins.</title>
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	<description>Joachim Lottmanns Leben als Deutschlandreporter. Frauen, Sex, Joyce. Frühling der Gefühle. Die Arbeit am gleichnamigen Buch, das im August bei KiWi erscheint. Work in progress. Der Anti-Goetz.</description>
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		<title>ABDANCEN MIT JOACHIM LOTTMANN. Der Film.</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 10:33:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei der schönen Veranstaltung mit Christopher Just kürzlich im &#8216;KIOSK&#8217; ist ein Dokumentarfilm entstanden, der von den Machern unter dem treffenden Titel &#8216;ABDANCEN MIT JOACHIM LOTTMANN&#8217; ins World Wide Web gestellt wurde. Man hört mich dort z.B. ausgiebig über eine biographisch wichtige Begegnung mit Kim Wilde im Jahre 1981 plaudern, und dabei spielt Christopher Just ihren damaligen Nr. 1 Hit &#8216;Kids &#8230;in America&#8217;. Das ist sehr amüsant anzusehen, zumal auch Außenstehenden durch das Filmdokument vermittelt werden kann, was dieser legendäre Ausdruck bedeutet, also &#8220;abdancen&#8221;, noch dazu &#8220;mit Joachim Lottmann&#8221;: das ist ganz offensichtlich dann gegeben, wenn das ganze Haus sich im Rhythmus bewegt, die Beine, die Arme, die Kleidung, die Zigaretten, das Vodkaglas, die Mauern, die Kleiderständer, die Rauchwolken&#8230; alles vibriert, alles pulsiert, alles durchblutet sich gegenseitig oder sich selbst, ob mit oder ohne Musik, all night long&#8230; Aber seht selbst:</p>
<p><iframe width="500" height="281" src="http://www.youtube.com/embed/R3sl14bdyFw?fs=1&#038;feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Dokumentarfilm, Deutschland 2012. Der legendäre Abend vom 19. Januar 2012 im Wiener &#8216;KIOSK&#8217;. Mit Christopher Just, Joachim Lottmann, Manuel Ruby, Thomas Draschan, Lilith Mathews, Michael Leon, Tex Rubinowitz, Ijoma Mangold, Dr. Benedikt Maria Föger und anderen.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1211&amp;md5=124f1d1996fed1254382e9c456efb82a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Unterwäsche</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Jan 2012 22:30:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute nahm ich mir die Geschäfte für Dessous vor, nachdem ich für die einzige echte Tageszeitung mit Niveau hier in Wien über die allgemeine und zunehmende Pornographisierung des Landes zu schreiben hatte (die Ausgabe erscheint morgen, aber schon jetzt am späten Abend sieht man die Nachtbummler Wiens diesen Artikel gierig verschlingen). Also, die Lingerie. So heißt die Branche neuerdings. Victoria&#8217;s Secret hat den neuen terminus technicus durchgesetzt. Ich gehe den Graben entlang, diese Straße in der Innenstadt, und sehe überall dieses ebenfalls neue und häßliche Wort SALE. Spricht man wohl &#8216;sejl&#8217; aus. Selbst die normalen Läden mit diesem SALE Schild arbeiten mit Nacktpuppen. Früher wäre das schlicht unerhört gewesen. HUMANIC, Triumph, BIPA, Palmers, überall Nacktmodelle, auch auf Fotos. Die tragen zum Teil Strumpfbänder wie vor hundert Jahren im Bordell. Rüschen, kleine Diamanten auf der Unterhose, im Schritt, auf den Körbchen genau in der Mitte. Die Schaufensterpüppchen knochig, kindhaft, trotzdem busenbetont. Draußen laufen die Frauen vorbei, lustig-vergnügt-kreischend die jungen, nicht viel anders die alten. Seltsame Bevölkerung. Auf einem zwanzig Meter langen Bauzaun sind Schweiß-Weiß-Fotos einer aufreizenden Carla Bruni angebracht. Ernst posiert sie, die hübsche ewige Kokotte: &#8220;Life is too important not to hafe fun.&#8221;<br />
Dann im Laden von &#8216;Wolford&#8217;. Schwarzes Leder, breite Gürtel, die Bodys kosten 300 bis 400 Euro, die anderen Dessousteile kaum weniger. Alles im dreistelligen Eurobereich. Hundehalsband, Katzenblick, rote Krallen, Sado-Maso-Anmutung überall. Bei &#8216;Triumph&#8217; hängen silbern-gläserne Schlampen schon am Eingang ab. Endlose Schaufenster mit immer neuen entblößten Puppets.<br />
Unterhemdenmädchen gibt es auch bei &#8216;Douglas&#8217; und fast allen anderen weniger bekannten Parfumerien. Die Kundschaft ist durch die Bank weiblich. Frauen fühlen sich offenbar vom porn style magisch angezogen. Vor allem alleinstehende, ältere Frauen. Dagegen bleiben die ollen Männer mit ihren häßlichen halbrunden Hiphop Strickmützen lieber draußen im Freien, glotzen vielleicht mal auf die Pin Ups im Schaufenster, gehen aber ums Verrecken nicht hinein in das Geschäft. Nein, die Überflutung der westlichen Welt mit Reizwäsche haben allein die Frauen zu verantworten. Ich wende mich ab mit Grausen&#8230;</p>
<p>Morgen: Das Treiben auf der Praterstraße (Rotlichtbezirk).   </p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1207&amp;md5=46378e20736ec52f9ade6ce28c6c1473" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Pornographisierung von Staat und Gesellschaft, neue Rezensionen</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 18:09:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Jahresbeginn gibt es eine zweite Welle von Besprechungen für die im Spätherbst erschienenen Romane. Welt am Sonntag Blattmacher Matthias Wulff, nicht verwandt mit dem unseligen Bundespräsidenten, hat in seiner neuen Eigenschaft als Feuilletonchef des Berliner Spriner-Flaggschiffs &#8216;Berliner Morgenpost&#8217; nachfolgende Rezension unter der kryptischen Headline &#8216;Ein Buch für die kalte Jahreszeit oder auch zwei&#8217; verfaßt. Hat mir natürlich sehr gefallen. Tatsächlich beschäftige ich mich zur Zeit NOCH EINMAL mit dem Thema des Buches, also die zunehmende Pornographisierung von Staat &amp; Gesellschaft. Dazu gleich mehr, vorher aber der Matthias-Wulff-Text:<br />
Für Paranoiker</p>
<p>Aus voyeuristischer Sicht sind Joachim Lottmanns Romane interessant, weil die eine Hälfte der Wahrheit entspricht und die andere verzerrt, überhöht, verfälscht ist. Welche Hälfte wahr ist, weiß wahrscheinlich selbst Lottmann nicht.</p>
<p>Erstaunlich bleibt es, wie ein Mann, der Schwierigkeiten hat dem anderen unverkrampft gegenüberzutreten, einen so treffenden Blick für Schwächen und Macken des Gegenübers hat. Populär wurde er durch den Berlin-Mitte-Roman &#8220;Die Jugend von heute&#8221; vor einigen Jahren, aber zu einer ernsten Größe des Literaturbetriebs mit den Walsers, Lewitscharoffs, Tellkamps wird es Lottmann, Jahrgang 1956, nicht mehr schaffen. Er ist zu amüsant, zu offensiv neurotisch und latent unseriös.</p>
<p>In seiner Schreibbesessenheit könnte er es mit Martin Walser allerdings aufnehmen. &#8220;Unter Ärzten&#8221; erschien in diesem Herbst bei Kiepenheuer und Witsch, ein Roman, in dem Lottmanns Alter Ego Johannes Lohmer von Therapeut zu Therapeut hüpft und wieder und wieder einen neuen Remix seines Lebens veröffentlicht, wenn er nicht gerade von seiner herzlosen, unbarmherzigen Freundin gedemütigt wird. Das liest man über 100 Seiten, auch mit Freude, aber nach der x-ten Schleife über Therapeuten reicht es dann.</p>
<p>Richtig gut ist Lottmann, wenn er Reportagen schreibt. So ist sein anderes Werk, das er im Herbst vorlegte, empfehlenswerter. Lottmann berichtet, wie er Deutschland fluchartig verlassen muss, in die Schweiz geht und nach Österreich (wo er heute tatsächlich lebt). Grund für den Aufbruch ist &#8220;Groupie&#8221;, wie er sie nennt, die sich von ihm sexuell belästigt fühlt und Anzeige erstattet. Joachim Lottmann, und das gibt dem Jahr einen passenden Ausklang, stellt sich in eine Reihe mit Kachelmann, Strauss-Kahn, Asssange et al. Natürlich ist sie kein Groupie im engeren Sinne, eine Journalistin, eine in &#8220;blühender Reife stehende Frau&#8221;, wie Lottmann ihr gehässig hinterher wirft, mit ihren 46 Jahren.</p>
<p>Lottmann glaubt in ihr ein Opfer der Pornofizierungswelle zu sehen, die sich einen Annäherungsversuch zusammenbastelt, was Lottmann, den letzten Romantiker aus Berlin-Mitte, zutiefst abstößt. Mit der ihm eigenen Paranoia sieht er sich trotzdem ständig kurz vor der Verhaftung durch die Polizei, schließlich hatte er ihr eine brillantenbesetzte Uhr geschenkt, das würde den Verdacht erhärten: &#8220;Für so ein Geschenk musste eine schöne Frau ins Bett, in allen Kulturenkreisen, in allen Jahrhunderten, ob sie wollte oder nicht.&#8221; Dass die Uhr aus Indien stammt und um die vier Euro gekostet hat, wusste Groupie ja nicht.</p>
<p>Er landet in der Schweiz (&#8220;hasserfüllte, menschenverachtende, ganz und gar böse Gesichter&#8221;), dann in Wien, auf der Suche nach einer fester Lebenspartnerin, die ihn vor Vergewaltigungsvorwürfen schützen möge, und erinnert sich höchst ungern an Berlin: &#8220;Da laufen jetzt drei Millionen Menschen herum, feiern in Clubs, reden über Sex und verblöden. Da kann keiner mehr die Miete bezahlen.&#8221;<br />
MATTHIAS WULFF<br />
(Joachim Lottmann Hundert Tage Alkohol: Kein Roman. Czernin, 164 Seiten, 19,80 Euro).<br />
Soweit die Worte des legendären WamS-Feuilletonisten. Morgen geht es weiter mit meinen Erlebnissen in der österreichischen Lingerie-Branche. Für Leute, die glauben, die Wienerinnen hätten noch mächtig viel Anstand im Leib, werden meine Beobachtungen vielleicht ein Schock sein&#8230; Jetzt noch ein Link zu einer weiteren Rezension von &#8216;Hundert Tage Alkohol&#8217;:<br />
<a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/01/vn_Kolumne_lottmann.pdf'>vn_Kolumne_lottmann</a>    </p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1202&amp;md5=98c66096e735a89f88f60d2c70ee2d1a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Immer wieder, auf und nieder: Hundert Tage Alkohol</title>
		<link>http://blogs.taz.de/lottmann/2012/01/11/immer-wieder-auf-und-nieder-hundert-tage-alkohol/</link>
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		<pubDate>Wed, 11 Jan 2012 13:23:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im &#8216;Tagesspiegel&#8217; erschien gestern eine aufwendig erstellte Rezension (9.500 Zeichen) des Romans &#8216;Hundert Tage Alkohol&#8217;, auf die man einmal und erstmals grundsätzlich eingehen könnte. Ich sonne mich ja seit Ewigkeiten in dem Bewußtsein, radikal mißverstanden zu werden. Das ist ein Gefühl echter Freiheit. Und es entsteht auf jedem Niveau. Also dann, wenn ich böse angegriffen werde, und auch dann, wenn ich &#8211; wieder aus fundamentalen Mißverständnissen heraus &#8211; gefeiert werde, wie jetzt bei Gerrit Bartels. Ich fragte mich gestern beim Einschlafen, ob ich eigentlich jemanden seine falsche Sicht ausreden könne, ob das überhaupt möglich sei, ganz abgesehen davon, daß es für mich natürlich geschäftsschädigend wäre. Denn meine Wirkung hat sicherlich mit diesen vielen falschen Bildern zu tun, die meine Texte hervorrufen. Bartels zum Beispiel hat nun schon den dritten Langtext über mich im &#8216;Tagesspiegel&#8217; geschrieben. Wohlweislich haben wir es beide vermieden, uns jemals zu treffen oder wenigstens zu telefonieren. Seine Projektion wäre sicherlich zusammengebrochen. Er hätte mich zum Beispiel kürzlich anläßlich der großen Doppelpräsentation von &#8216;Hundert Tage Alkohol&#8217; und &#8216;Unter Ärzten&#8217; in Wien aufsuchen können. Das Zimmer im Hotel Fürstenhof nahe dem Westbahnhof war schon bezahlt. Der Mann hätte womöglich einen aufrichtigen, mitfühlenden älteren Herrn kennengelernt, mitsamt seiner ebenso integren, hochintellektuellen und humorvollen Frau, und dieses Paar hätte auf ihn einen derart verliebten, ja geradezu euphorischen Eindruck gemacht, daß ihm sein Bild vom verschwiemelten, halbseidenen, sex- und spielwütigen Hasardeur und Jungspund vielleicht &#8211; leider &#8211; abhanden gekommen wäre. Aus dem großen Lügenbaron wäre Bürger Lottmann geworden. Und was dann? Mit Texten wie dem folgenden wäre es aus gewesen. Hier der Link:</p>
<p>http://www.tagesspiegel.de/kultur/antiheldenplatz/6048788.html</p>
<p>Aber es wäre auch leichter gegangen. Der Redakteur hätte mich gar nicht kennenlernen müssen. Schon der Hinweis auf meine Arbeitsweise hätte ihn stutzig machen müssen. Wie eigentlich in diesen Kreisen bekannt, schreibe ich immer nur Tagebuch. Ich tue das seit meinem sechsten Lebensjahr, und ich tue es täglich. Bevor ich erstmals veröffentlichte, lagerten schon unzählige spätere &#8216;Romane&#8217; in meinem legendären Lottmann-Bücher-Schrank. Dazu empfehle ich Helge Malchows Essay beziehungsweise Nachwort in der aktuellen Auflage von &#8216;Mai, Juni, Juli. Ein Roman&#8217;. Auch später blieben 90 Prozent meiner Texte unveröffentlicht, blieben also was sie waren: Tagebuch, von keinem gelesen, selbst von mir nicht. Bartels große, allesmitreissende These, mit der er jedes neue Buch analysiert, nämlich ich sei ein Lügner, ist also von Anfang an idiotisch. Denn warum sollte einer sich fortwährend im Tagebuch selbst anlügen? Es ist wohl eher so, daß sich deutsche Medienknechte partout nicht vorstellen können, so frei zu leben wie ich. Damit will ich nicht sagen, Gerrit Bartels sei ein Medienknecht. Das Interessante an ihm ist ja gerade, daß er sich an der in meinen Büchern gezeigten Freiheit so reibt. Wahrscheinlich spürt er, daß er selbst nah dran ist, oder war, oder sein könnte. Leider ist er im Zeitalter des Medienfaschismus aufgewachsen, ja großgeworden, aber es hätte auch anders kommen können.<br />
Eine dritte Methode, dem Buch &#8216;Hundert Tage Alkohol&#8217; gerecht zu werden, wäre die Lektüre meines eigenen Essays dazu in der &#8216;Frankfurter Allgemeinen&#8217; gewesen, letzte Woche, Titel &#8216;Im Rausch der Tiefe&#8217; (hier abgedruckt). Neun von zehn von Gerrits Thesen wären nicht möglich gewesen, hätte er diesen Text gekannt. Offenbar hatte er seine Rezension noch im alten Jahr verfaßt. Ein Glück! Aber nun kann er ihn ja in aller Ruhe lesen. Und dabei vielleicht ein Foto des real existierenden Ehepaars Joachim und Christa Lottmann betrachten:<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/01/get-attachment-13.jpg" rel="lightbox[1198]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/01/get-attachment-13-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" class="alignnone size-medium wp-image-1203" /></a></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1198&amp;md5=8bafe91f613f32fccd5023da88b5d9c7" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Im Rausch der Tiefe</title>
		<link>http://blogs.taz.de/lottmann/2012/01/03/im-rausch-der-tiefe/</link>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 10:57:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung findet sich auf der Seite eins des Feuilletons ein bemerkenswerter Essay über das euphorische Lebensgefühl in der Stadt Wien. Dort, in der österreichischen Hauptstadt, leben zumindest große Teile des gehobenen Bürgertums samt angeschlossenen Künstlerkreisen in bester Stimmung. Ja, selbst die übrigen Schichten der Bevölkerung scheinen gute Laune zu haben. Das ist erstaunlich, bedenkt man den finsteren Tenor aller Aussagen, die in Deutschland zum Jahreswechsel getan werden. Es ist ja ein einziges Geschimpfe, vom Taxifahrer bis zum angesehenen Leitartikler: alles ist angeblich korrupt, marode, geht den Bach runter, verlogen, aussichtslos, am Ende. Der Politik darf man kein Wort mehr glauben, die Wirtschaft ist ein hybrides, geistesgestörtes Spielkasino, die Religion ein Ort millionenfacher Kinderschändung, Christian Wulff der größte lebende Peinsack seit 1945. Oder so ähnlich. Ich kann nur den Sound wiedergeben, nicht das Detail. Hartz 4, diese Lachnummer, wird immer lächerlicher, angeblich, mit zehn Euro mehr 2012, da kringelt sich die Currywurst. Und so weiter. Ein scheulicher Song, den die Deutschen da in der Endlosschleife vor sich hinmurmeln, und deshalb wirkt dieser FAS-Artikel so explosiv. Man mag es zuerst einfach nicht glauben: da fühlen sich Menschen tatsächlich wohl in ihrer Haut? Sie trinken und sie tun es gern? Aus Spaß heraus und nicht aus Kummer, kann das WIRKLICH sein? Man muß es wohl erstmal selbst lesen. Voilà:</p>
<p><a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2012/01/SOZEI-FEUILLETON-SEITE01_01_01_12_.pdf'>SOZEI-FEUILLETON-SEITE01_01_01_12_</a></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1191&amp;md5=0614c9f39f10d0f646353804aeebf846" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Henri Nannen Preis 2012</title>
		<link>http://blogs.taz.de/lottmann/2012/01/01/henry-nannen-preis-2012/</link>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 19:22:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Folgender Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT wurde vom zuständigen Gremium mit dem Henri Nannen Preis 2012 ausgezeichnet:</p>
<p><a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/Zeit_2011_41_0215.pdf'>Zeit_2011_41_0215</a><br />
<a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/Zeit_2011_41_0216.pdf'>Zeit_2011_41_0216</a></p>
<p>Dieser posthume Bericht über den österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider erschien am 6. Oktober unter der Überschrift &#8216;Kleine Freiheit Nr. 11&#8242;. Beschrieben werden die letzten Stunden vor seinem Tod, die er in einer Klagenfurter Schwulenbar verbrachte. Christa Zöchling, die Haider gut gekannt hatte, fuhr mit mir deswegen in die Kärntner Landeshauptstadt, und wir mieteten uns in einem Hotel unweit der Bar ein. Die Momente vor unserem Einsatz waren aufregend. Würden uns die Schwulen überhaupt hineinlassen? War uns nicht die feindliche Einstellung zum Nationalsozialismus anzusehen? Durfte Frau Zöchling als Frau in dieses Männerlokal? Spürte man meine langjährige, nur mühsam auskurierte Homophobie noch immer? Würden die Homos versuchen, mich umzudrehen? Würden sie mich gar erkennen, als den deutschen Journalisten, der gern gemeine Geschichten schrieb? Oder Frau Zöchling, die mit ihrem Buch über Jörg Haider sowie ihrer Redakteurstätigkeit beim Nachrichtenmagazin &#8216;profil&#8217; landesweit berühmt war? Nun, die Spannung legte sich etwas, nachdem wir uns im Vorfeld der Recherche, nämlich im Hotel, mit Vodka und Sekt etwas betäubt hatten. Lest also nun die ganze, letztendlich so gelungene und preisgekrönte Reportage!   </p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1182&amp;md5=fd7a5544718ea0499acbb46baf093579" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Besinnliche Festtage mit Matthias Matussek</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 11:36:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wen, wenn nicht ihn, und wann, wenn nicht jetzt, in der Weihnachts- und Jahresendezeit, sollte man Matthias Matussek treffen, den streitbaren Katholiken und bekanntesten SPIEGEL-Autor aller Zeiten? Ach, was heißt schon streitbar, was Katholik, was SPIEGEL – all diese Worthülsen verblassen, wenn man das innere Leuchten dieses Mannes selbst und hautnah erlebt. Es ist der vierte Advent, als der Papstfreund in Schwechat – so nennen sie den Flughafen in Wien &#8211; einschwebt. Die Maschine landet eine Viertelstunde zu früh. Kein Wunder: wo Matussek ist, erhöht sich stets das Tempo.<br />
Mit dem Handy am Ohr läuft er beschwingt zum Ausgang. Am Apparat ist Gänswein. Matussek teilt es lapidar mit, nicht angeberisch, eher entschuldigend. Überhaupt hat man fortan nicht eine Sekunde lang das Gefühl, dieser Mann könne eitel sein. Das überrascht, ist doch sein Image das eines Egomanen. Der erste Kontakt ist sofort herzlich. Man überreicht ihm einen Schoko-Benedikt, und er revanchiert sich spontan mit einem Schoko-Herzen von Air Berlin. Und er sieht sofort, daß der Fotograf schwer erkältet ist. Er spricht ihn darauf an und verspricht ein schnelles Foto.<br />
Beim Taxi wartet er nicht, bis der typisch mißmutige Wiener Taxler aussteigt, sondern wuchtet selbst den Rollkoffer in den Wagen. Später macht er Witze mit dem Fahrer, der ihn in ein Gespräch über ‚zuviel Ausländer‘ verwickeln will. Angeblich gebe es schon zweieinhalb Millionen, eine Katastrophe bei einer Gesamtbevölkerung von nur elf, und es würden immer mehr! Ach, meint der Angesprochene, immerhin selbst Ausländer, der liebe Gott freue sich doch über jeden Menschen. Und spricht lieber über Sarrazin:<br />
„Sagt doch der Cem Özdemir in der Talkshow neulich, das Buch vom Sarrazin habe zu den Türkenmorden geführt. Alle nicken. Finden alle richtig. Nirgendwo eine Widerrede. Dabei ist das Buch erst nach den Morden geschrieben worden. Na, ist ja wurscht, irgendwie kommt es schon hin, denken alle. Das ganze linke Denken ist wie eine Wanderdüne. Mal ist es da, mal dort, die Zeit spielt keine Rolle.“<br />
Matussek soll an diesem Abend den Preis der rechtsgewirkten ‚Väter ohne Rechte‘-Vereinigung verliehen bekommen. Vorher möchte er auf den Christkindlesmarkt. Es dunkelt schon, als der Wagen die breite Ringstraße entlangrollt, am Parlament vorbei, am Rathaus, am Burgtheater und all den anderen Prachtbauten. Der Gast ruft überwältigt aus, das sei ja wie Paris. In dieser Stadt also hat sich diese ‚Priesterinitiative‘ gebildet, diese Revolte gegen Rom, die er wohl austreten soll, sobald sich die Gelegenheit bietet. Den papstreuen Bischof Schönborn hält er für einen großartigen Mann. Aber der schafft es anscheinend nicht allein.<br />
Die Oper zieht vorbei.Was für ein grandioses Gebäude, hell angestrahlt, geheimnisvoll lockend. Daneben die Kärntnerstraße, eine breite Konsumschneise mit tausend tanzenden Lichtern, die in eine im Weihnachtstaumel versinkende Innenstadt führt. Alles ist Licht, Freude, Wohlstand, Sorglosigkeit, und am Ende wartet der gigantische Turm des Stephansdoms. Da will der Deutsche auch noch hin. Und zwar um zu beichten.<br />
Die Herrschaften strömen in Abendgarderobe der Oper zu. Sie geben ‚Carmen‘ an diesem Abend. Wir besuchen den gegenüberliegenden Weihnachtsmarkt. Noch lange starrt ‚MM‘ der Ringstraße hinterher, den Gebäuden mit ihrer Üppigkeit, den grenzenlos verspielten Formen, Verzierungen, Büsten, Lampen, Lüstern, Bronzepferden, Tiermotiven, Säulen, Engeln, Helden. Für ein Goethedenkmal läuft er fast zurück auf die andere Straßenseite: so hat man den Olympier in Deutschland nie gesehen – fett und breit und überdimensional in einem schweren Sessel hängend, die Arme schlaff herunterhängend wie nach einem endlosen Heurigen-Abend. Jemand hat ‚Piefke‘ auf seinen Umhang geschmiert. Wahrscheinlich werden nur Mozart- und Nestroydenkmale hierzulande gut gepflegt und ständig geputzt. MM kommt zurück, sein Rollkoffer wird fast von einer der vielen rotweißen 50er Jahre Straßenbahnen überfahren, die es auch noch gibt, mitten auf der Straße, mit diesem runden Design und mit Handbimmel, zwischen acht Spuren Autos und Pferdekutschen. Letztere werden immer mehr, unmittelbar vor der Hofburg.<br />
Matussek bleibt vor einem Stand mit heißen Adventskrapfen stehen, liebäugelt mit ‚Punsch &amp; Kaiserschmarrn‘. Er bestaunt mittelalterliches Spielwerk, Duftsteine, vor Krippen betende Jungfrauen Maria, überhaupt Maria und Josef immer wieder, vornehmlich aus Laubsägeproduktion. Die Stimmung ist bestens bei den Menschen. Junge Mädchen laufen lachend und aufgeregt herum, mit goldenen Locken oder dunklen, Kinder hüpfen in Trippelschritten den Eltern hinterher. Matussek kauft gierig einen ‚Schaumbecher‘ und verschmiert sich mit der weißen süßen Paste den ganzen Mund. Die Foto-Assistentin muß das wieder richten. Kinderwagen mit Babys in Nikolauskostümen werden rumgeschoben. Aus alten Lautsprechern leiert anmutiges Liedgut. Schtii-hii-lee Nacht, haii-lii-gee Nacht. Es gibt Krokantbrösel, Zwetschkenröster und Glühapfel. Ein roher Klotz, dem da nicht besinnlich zumute wird! Matussek doziert über Väterrechte und Christenverfolgungen. Im Iran wurde gerade wieder jemand zum Tode verurteilt, weil er Christ ist. Sein Anwalt wurde gleich dazu zu acht Jahren Folter verdonnert, weil er Anwalt eines Christen ist. Und der türkische Ministerpräsident Erdogan hat der Merkel angeboten, sie in Sachen Extremismusbekämpfung zu beraten. Wobei in der Türkei jede zweite Frau zwangsverheiratet wird und die Gefängnisse überfüllt sind mit Folteropfern. So ist die Lage! Beispiele dieser Art weiß er viele, ohne dabei fanatisch oder betroffen zu wirken. Nichts scheint ihm so ernst zu sein, daß er seinen Humor dabei verlöre. Auch Papst und Kirche scheint er nicht wirklich für voll zu nehmen. Beim Beten im Stephansdom und bei der Beichte – allerpersönlichste Dinge – läßt er sich gern fotografieren. In der Konditorei Aida posiert er so lange vor den Kaffeehausbesuchern, bis alle zu lachen beginnen. Daneben hat er ständig sein eigenes Handy über dem Kopf und fotografiert sich selbst. Der Mann ist durch und durch gutmütig. Trotzdem sagt er, daß die Christenverfolgung sein todernstes Anliegen geworden sei. So steht auf seinem Programm in Wien auch das Treffen mit einer betroffenen Pakistanerin, die sich taufen ließ. Dafür fliegt er von Hamburg her ein, das ist ihm wichtiger als der Väter-ohne-Rechte-Preis.<br />
Trotzdem muß er den nun abholen. Er bekommt ihn als ‚Gründervater der Väterbewegung‘: in den 90er Jahren hat er mit seinem Bestseller ‚Die vaterlose Gesellschaft‘ das Thema quasi erfunden. Seitdem gilt das Buch als Klassiker. Damals hatte Matussek wirklich mit dem Thema zu tun, heute nicht mehr. Damals hatte er sein Kind entführt, um es nicht an die scheidungsversessene Mutter zu verlieren. Nach einem fast einjährigen Krieg kehrte seine Frau zu ihm und dem Kind zurück. Sein extremer Mut hatte ihr imponiert; die drei leben heute noch glücklich zusammen.<br />
Nun muß er damit leben, daß höchst obskure ‚verlassene Väter‘ seine Freunde sein wollen. Er stellt sich auch dem. Im Umfeld des Vereins tauchten immer einmal wieder FPÖ- und BZÖ-Mitglieder auf, aber mehr ist nicht. Es sind weniger Nazis dort als einfach verzweifelte Typen, die ihrer Kleinfamilie nachtrauern. Der Gesetzgeber kennt in Österreich kein gemeinsames Sorgerecht. Die Kinder kommen fast immer zur Mutter. Man geht davon aus, daß das Hin- und Hergezogenwerden zwischen den Elternteilen für das Kind schädlich wäre. Leute, die sich mit dem Thema auskennen, sehen das so.<br />
MM nimmt den Preis, hält eine kleine Rede, verschwindet wieder. In der Lobby trifft er noch einen verlassenen Vater ohne Rechte, der ihm sein leidvolles Schicksal erzählt. Mit Engelsgeduld hört er zu. Der Mann wachte eines Tages auf, und die Frau war weg, die Schlampe, mit den Kindern. Am Vortag hatte sie diese heimlich von der Schule abgemeldet. Monatelang suchte er vergebens, bis ein Amtsschreiben ihn aufforderte, sein halbes Gehalt der Frau zu überlassen, was er auch tat. Er hoffte, sie dadurch wiederzusehen, doch ein weiteres Amtsschreiben belehrte ihn, daß die Kinder sich inzwischen von ihm entfremdet hätten und sie nun zu dem arbeitslosen Liebhaber der Frau ein väterliches Verhältnis aufgebaut hätten. Und so weiter. Er wirkte verzweifelt.<br />
Wieder bringt ihn ein Taxi in die Innenstadt, in den Bezirk Mariahilf, wo er den legendären Club Nachtasyl aufsucht. Dort tobt die Weihnachtsparty des Czernin Verlages, dessen charismatischer Verleger viele angesagte Künstler, Autoren, Nachtschwärmer und Halbweltdamen um sich zu versammeln weiß. Einer wie Matthias Matussek wird hier natürlich wie ein Superstar empfangen. Nach dem Motto ‚George Michael liegt im Spital, aber Matthias Matussek ist quicklebendig!‘ werden sofort Freirunden für alle Anwesenden ausgegeben. Der gerade aus seinem neuen Roman ‚Exit Goa‘ lesende Autor M. Leon unterbricht sofort seine Lesung. Junge Frauen beginnen buchstäblich zu kreischen. An gleicher Stelle haben in den 60er Jahren die Wiener Situationisten ihre Skandale zelebriert. Nitsch, Mühl, Widl, Weibel haben das Lokal vor einem halben Jahrhundert bevölkert. MM weiß das. Er spricht mit einer kaum 20jährigen Autorin aus Kroatien, die ein Stück Thomas Bernhards äußerst gelungen umgeschrieben und in Sarajewo inszeniert hat: ‚Ausgehen‘. Erst war es dort der Hit, dann in Wien, wo die deutsche Fassung im Sommer Premiere hatte. Diese Erfolgsgeschichten sind typisch für diese Szene rund um das Rabenhof Theater und wären in Deutschland mit seinen festbetonierten Subventionsclans unvorstellbar.<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/get-attachment1.jpg" rel="lightbox[1180]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/get-attachment1-424x424.jpg" alt="" width="424" height="424" class="alignnone size-medium wp-image-1184" /></a><br />
Hier fühlt sich Matussek wohl, wie bei allen Querdenkern. Er hat es geschafft, innerhalb von 15 Jahren gleich dreimal zum Feindbild zu werden, eine beispiellose Leistung. Erst war er Frauenfeind, dann Nationalist, dann Papstfreund. Was wird er als nächstes sein? Die Stelle des Umweltfeindes ist noch völlig leer. Irgendwann muß ein wortmächtiger Redner und Autor kommen, der diesen ewigen Schwindel aufdeckt. Diese verlogene Ersatzreligion, wonach alle humanen Werte, Bauten, Kunstwerke weniger schützenswert sind als die blöde Natur, die ohnehin immer überlebt. Aber Matussek wird beim jetzigen Feindbild verharren. Weil er wirklich Katholik ist.<br />
Sein Vater ist noch im Opel Rekord übers Land getuckert, im Kofferraum 30 Bibeln, die er bekehrend an den Mann bringen wollte. Matthias und seine drei Brüder erlebten in ihrer Kindheit das ganze Mysterium des Glaubens. Später stürzte er sich in eine drogenverseuchte kommunistisch-anarchistische Szene, aus der er erst spät herausfand: als er seine Frau kennenlernte. Da empfand er eine Dankbarkeit, die ihn schier überwältigte. Seitdem erst geht er wieder in die Kirche. Und meint damit jene katholische, alleinseligmachende Kirche seiner Kindheit. Die Wohlfühl- und Wellness-Kirche der Lutheraner und der österreichischen Priesterinitiative verachtet er. Als ihm ein in Wien von einem Frischgetrauten stolz erzählt wird, ein homosexueller Priester habe die Ehe im Stephansdom geschlossen, verzieht der Bestseller Autor das Gesicht. Er habe nicht wirklich viel gegen so etwas, aber:<br />
„Warum ausgerechnet im STEPHANSDOM?“<br />
Die halbtausendjährige, sprituell-historische Geschichte dieses Ortes und Bauwerks läuft vor seinem geistigen Auge ab. Er erinnert sich an die klugen Worte, die Benedikt XVI an gleicher Stelle darüber verkündet hat. Und nun: eine Spaßehe mit dem Homopriester samt Gekicher aller Zaungäste!<br />
Am nächsten Morgen ist er selbst wieder da. Die Frühmesse. Er nimmt alle Rituale wahr. Das Kirchenschiff ist bis zum letzten Platz gefüllt. Meßdiener verhindern, daß Touristen den Gottesdienst stören – Fotoknipser und alle, die das Kreuz nicht schlagen, müssen draußen bleiben. Drinnen ertönt eine mächtige Orgel. Weihrauch vernebelt und euphorisiert zugleich. Ein 80-köpfiger Kinderchor hebt an, in den hohen Tönen an die himmlischen Sphären gemahnend. Matussek flüstert:<br />
„Bei uns hat Weihnachten den spirituellen Kern verloren, als man es zur Familienfeier umdeutete. Was aber wird aus Weihnachten, wenn es keine Familie mehr gibt?“ </p>
<p>Dann versenkt er sich wieder ins Gebet. Sein Gesicht verklärt sich, wie am Vortag, als der Fotograf die Bilder gemacht hat. Es ist zu vermuten, daß es ihm weniger um Papst und Kirche geht als um diese Versenkung, um das Gespräch mit Gott. Als er wieder zu sich kommt, ist er bei einem ganz anderen Thema angelangt: Helmut Schmidt, der falsche Weltökonom.<br />
„In Schmidts Amtszeit haben sich die Schulden verdreifacht. Ausgerechnet dieser Blender wird immer noch als größter Ökonom des Universums gefeiert!“<br />
Er betet wieder und ist danach in Ägypten:<br />
„Dieses Jahr haben wir zum erstenmal keinen Tannenbaum. Wir sind gar nicht da am Heiligen Abend, sondern in der Sonne. Wir haben eine billige Pauschalreise nach Ägypten gebucht…“<br />
Wieder setzt die herrliche Orgel dröhnend ein, fegt einen fast von der Kirchenbank. Auf die Knie! Fordert ein unsichtbarer Befehl von den Tausenden Gläubigen, die alle auf ein Büßerbankerl vor ihnen fallen. In Kriechstellung wird ein Gebet entgegengenommen. Dann folgt die Predigt.<br />
Ein unverschämt gutaussehender, noch junger Priester, weiße Ganzkörperkutte, dunkles, vitales Haar wie aus der Haarwasserwerbung, hebt an, die Frauen folgen verzückt seinen drohenden Worten. Er geißelt eine maßlose Diesseitigkeit, Seichtheit, Oberflächlichkeit und fordert zur augenblicklichen Umkehr auf:<br />
„Die äußeren Wüsten wachsen so sehr, weil die inneren Wüsten in Euch so sehr wachsen. Ich aber sage Euch: Kehret um, denn das Himmelreich ist nah!“<br />
Er spricht von der Trauer der Herzen, das ist sein Thema, und er sagt offen, daß er damit die heutigen – wohl gottlosen – Zweierbeziehungen meint. Er hält die Heilige Schrift dramatisch ganz hoch über den schönen Kopf und preist sie als einziges probates Gegenmittel. Wieder setzt die furchteinflößende Orgel ein, die, wie eine marmorne Tafel bekundet, mit Spenden der Bundesrepublik Deutschland instandgesetzt und renoviert wurde. Oder getuned, wie die Autobastler sagen würden. Was die Piefkes anfassen, tun sie ganz. Eine schöne Szene. Ergriffen schleichen die Christen nach draußen.<br />
Matthias Matussek will nun, nach Beichte und Kommunion, anständig frühstücken. Man wandert ins nahe Cafe Prückl. Zeitungen werden gelesen, süße Wiener Mädel angegafft beziehungsweise liebevoll begutachtet, Zeitungen gelesen, und natürlich wird politisiert. Mutti ist die größte, also Angela Merkel, und Carla Bruni tut einen guten Job. Neue deutsche Väter gibt es in Österreich noch nicht, also diese überemotionalisierten Schmuseväter, die nicht mehr arbeiten, weil sie lieber Verantwortung übernehmen wollen. Dafür gibt es in Wien noch sechs verschiedene Stufen des Verhältnisses, vom Gschpusi über Pantscherl bis zur offiziellen Affaire.<br />
Ein viel besseres Land also. Man ist sich einig. Draußen hat sich eine Pferdedroschke verirrt. Die Pferde haben eine dicke Pferdedecke mit großen Karos umhängen, aber sie frieren trotzdem. Sie haben ganz lange Wimpern und flirten geradezu mit ihren Augenaufschlägen. Die Hufe schlagen sie verschämt übereinander. Matussek läuft zurück ins Cafe Prückl, holt Zuckerstückerl und gibt sie ihnen.<br />
Er ist eben doch  &#8211; eine Seele von Mensch!<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/332707_1494943831176_1761500971_770751_8322536_o.jpg" rel="lightbox[1180]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/332707_1494943831176_1761500971_770751_8322536_o-424x392.jpg" alt="" width="424" height="392" class="alignnone size-medium wp-image-1185" /></a></p>
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		<title>Die Reportage des Jahres 2011</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 12:29:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der journalistische Text, der im abgelaufenen Jahr den meisten Wirbel für mich (oder gegen mich) verursachte, war zweifellos die Reportage über Christina Stürmer in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Er wurde selbst in der Kronen Zeitung &#8211; das ist sozusagen die BILD Zeitung Österreichs &#8211; faksimile nachgedruckt, mit einem erklärenden Text drumrum. Angeblich hatte ich als Deutscher einen österreichischen Star beleidigt. Das stimmte nur zum Teil. Ich fand den Menschen Christina Stürmer völlig in Ordnung und schrieb das auch. Daß ich es mir nicht verkneifen konnte, die falsche Welt der Casting Shows mächtig unter Feuer zu nehmen, stand auf einem anderen Blatt. Eine recht honorige Rolle spielte bei allem der ebenfalls recht sympathische und noch junge Manager der Sängerin, der mir erst sehr half bei der Recherche, dann für den erstaunlich heftigen Skandal sorgte &#8211; mein Buch &#8216;Hundert Tage Alkohol&#8217; war dadurch binnen Tagen ausverkauft &#8211; und der dennoch so versöhnlich war, mich NICHT zu verklagen. Das war eben ein Kölner. Der weiß: irgendwann sieht man sich ein zweitesmal, und dann schulde ich ihm etwas.<br />
<a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/Zeit_2011_45_0115.pdf'>Zeit_2011_45_0115</a><br />
<a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/Zeit_2011_45_0116-1.pdf'>Zeit_2011_45_0116-1</a></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1167&amp;md5=e7d5eb0c7ea53cb403a006fb4ad5b016" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Menschen und Bücher 2011</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Dec 2011 16:40:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Gerrit Bartels vom &#8216;Tagesspiegel&#8217; schien es schon vor sechs Monaten zu wissen: &#8220;Das Jahr 2011 könnte allem Anschein nach das definitive Joachim-Lottmann-Jahr werden, und dem sympathischen, so lange schon unterschätzten Autor wäre es sogar zu gönnen.&#8221; Nun erschienen im Herbst gleich zwei neue Romane, nämlich &#8216;Hundert Jahre Alkohol&#8217; und &#8216;Unter Ärzten&#8217;, sodaß sich die kluge Prophetie des Berliner Literaturkritikers bewahrheitete.<br />
Soweit die Bücher des Jahres 2011. Mehr dazu in der nächsten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (*). Wer aber waren meine Menschen des Jahres? Da wären neben meiner lieben neugewonnenen Frau Christa in erster Linie die offiziellen, staatlich anerkannten Facebookfreunde zu nennen. Ihnen möchte ich alles Gute wünschen:<br />
Adriano Sack, Albert Sellner, Albrecht Fuchs, Alexander Lass, Alexandra Ali Mühling, Alexandra Ehrlich, Alexandra Reisinger, Alrun Gerda, Amaryllis Sommerer, András Siebold, Andrea Hanna Huenniger, Andrea Maria Dusl, Andries Bonkers, Angelikinski Diem, Anja Fröhlich, Anja Kallendorf, Anja Karg, Anke Sterneborg, Ann-Katrin Dorner, Anna Gernhart, Anna Getty, Anna Meyer, Anna Wallner, Anna-Sophie von Gayl, Annchen Stiens, Anne Philippi, Anne-Katrin Hanke, Annelie Baensch, Annerose Bücklers, Annette Kusche, Annette Wagner, Anni Josef, Any Hagen, Ariadne von Schirach, Ariane Thiede, Ariel Hauptmeier, Armin Kratzert, Armin Ogris, Atina Airam Biel, Attila Kövesdi und natürlich Ava Fe.<br />
Buchstaben B bis Z im neuen Jahr!<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/24092011619.jpg" rel="lightbox[1165]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/24092011619-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" class="alignnone size-medium wp-image-1171" /></a><br />
Menschen 2011, hier auf der Mariahilferstraße im Hochsommer.<br />
<a href="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/302078_2593215944239_1069867233_2917568_1004774870_n1.jpg" rel="lightbox[1165]"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/302078_2593215944239_1069867233_2917568_1004774870_n1-424x565.jpg" alt="" width="424" height="565" class="alignnone size-medium wp-image-1173" /></a><br />
Ganz besondere Neujahrsgrüße gehen heuer auch an liebe Freunde, die noch in keinem sozialen Netzwerk integriert sind: Irma Schneider, Nina Horowitz, Joachim Bessing, Ewan James Melville, Bettina Helmi, Andrea Maria Dusl, Meinhard Rauchensteiner, Silvia Szymanski, Sabine Nikolay, Esther Attar-machane, Jub Mönster, Michael Leon, Volker Panzer, Selina Arjomand, Oliver Maria Schmitt, Ellen Lang, Eckart Lottmann und Nives Widauer.</p>
<p>(*) selbst der Boulevard kriegte es noch mit &#8211; für mich eine echte Premiere &#8211; also dieser kurze Ausbruch aus dem Hochkulturghetto:<br />
<a href='http://blogs.taz.de/lottmann/files/2011/12/vn_Kolumne_lottmann.pdf'>vn_Kolumne_lottmann</a></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1165&amp;md5=1189e0bb5dc0dcc13305f5ce23b12731" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>An die deutschen Abiturienten</title>
		<link>http://blogs.taz.de/lottmann/2011/12/15/an-die-deutschen-abiturienten/</link>
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		<pubDate>Thu, 15 Dec 2011 15:51:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lottmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Grußbotschaft eines Exilierten anläßlich des Jubiläums-Treffens der Abitursklasse des Hamburger Gymnasiums Eppendorf:<br />
&#8220;Meine lieben Klassenkameraden! Liebe Hegelianer! Vor allem lieber Dirk Koedjik, lieber Jörg Wiskemann! Lieber Peter Riechel, Hans-Georg Güler, Michael Hirt&#8230; Jochen Köttl&#8230; Harry Peters&#8230; Jochen Widegreen&#8230; und alle, alle anderen! Gern wäre ich heute bei Euch in Hamburg, doch leider habe ich unser deutsches Vaterland im Frühsommer dieses Jahres auf immer verlassen, und es ist wirklich schwer, von hier aus bis in den höchsten Norden des Landes vorzudringen. Ich hätte es dennoch getan und auch fest eingeplant gehabt – bis mich eine Order einer der beiden Zeitungen, bei denen ich unter Vertrag stehe, erreichte, wonach ich diesen Samstag, also heute, den Schriftsteller Matthias Matussek aufzusuchen habe. Ich soll mit ihm einen Weihnachtsmarkt besuchen und darüber schreiben. Falls es Euch interessiert, könnt Ihr nächste Woche in der Wochenzeitung DIE ZEIT penibel nachverfolgen, was ich in den Stunden, in denen Ihr Euch trefft, gemacht habe, und sogar freiwilligerweise, denn ich hege durchaus Sympathie für M. Matussek, übrigens auch ein Hamburger.<br />
Sicher erzählt Ihr Euch gerade wechselseitig Eure Leben, und dazu will auch ich ein bißchen beitragen. Vielleicht mag ja Dirk meine Grußbotschaft vorlesen. Er hat doch so eine schöne, klare Stimme und ist auch sonst immer schon ein würdiger, hochanständiger Zeitgenosse gewesen, eine natürliche Autorität, kurzum ein Herr, dem man zuhört, wenn er etwas vorliest.<br />
Ich wurde in Hamburg geboren, wohnte mit meinen Eltern in der Armgardtstraße – schreibt man das so? – und ging dann für nahezu anderthalb Jahrzehnte nach Niederbayern. Eine schreckliche Zeit. Ich war also schon 16 und die Jugend so gut wie vorbei, als ich Mitglied der 11. Klasse des Gymnasiums Eppendorf in der Hegestraße wurde. Dort wurde ich angemeldet, weil schon mein Vater und mein Großvater dort zur Schule gegangen waren. Mein Vater übrigens zusammen mit Wolfgang Borchert.<br />
Mir fielen von Anfang an der liberale, humane Ton auf, der unter den Schülern herrschte. Vor allem Dirk Koedjik und Jörg Wiskemann imponierten mir in dieser Beziehung. Von Bayern her war ich nur Rüpeleien, Diskriminierungen und sexuelle Übergriffe gewohnt (dort waren auch Mädchen in der Klasse). Ich wußte bis dahin nicht, daß junge männliche Erdenbewohner auch zivilisiert miteinander umgehen können. Auch Peter Riechel war so ein guterzogener, angenehmer Mitmensch, und ich war ehrlich froh, neben ihm sitzen zu dürfen. Natürlich gab es auch zotenreißende vulgäre Mitschüler, aber es waren Ausnahmen, und das Ausmaß ihrer Vulgarität erreichte nicht annähernd den Mittelwert der niederbayerischen, bäuerlichen, erzkonservativen Kameraden. Eigentlich kann ich mich nur an einen einzigen Vertreter der unteren Schichten erinnern, und der hieß Grassmann, glaube ich, und den hat der liebe Gott dann auch vorzeitig von der Erde verbannt.<br />
Also, ich will damit natürlich nichts gegen die ehemals bewußte Arbeiterklasse sagen, die ja gerade in Hamburg eine große Tradition hatte (‚untere Schichten‘), und ich will auch nicht abschweifen. Ich wurde in Hamburg nicht offen diskriminiert oder gemobbt, obwohl es doch nahegelegen hätte. In Bayern war ich der klassische Außenseiter gewesen („Saupreiß, elendiger!“), in der Hegepenne wurde ich wie ein Mensch behandelt. Aber verblüffend war der fatal niedrige Leistungsstand. Ein Unterricht fand praktisch nicht statt. Ich glaube nicht, daß ich etwas gelernt habe. Als ich das merkte, ging ich zum Direktorium und meldete zackig, in der 11b (oder war es c?) fände kein ordnungsgemäßer, leistungsbezogener Unterricht statt. Im Englisch’unterricht‘ tat ich dem Lehrer kund, den Stunden fortan fernzubleiben, und zwar solange, bis der eigentliche Unterricht wieder aufgenommen werde. Das war alles etwas seltsam und albern, da zum Beispiel mein Englisch miserabel war. Ich sprach nur bayerisches Englich, das keiner verstand. Alle schüttelten nur den Kopf. Daraufhin kam ich immer seltener in die Schule. Ich wußte, daß ich allein mit dem, was mir schon in Niederbayern mit harter Hand eingebleut worden war, das Abitur in Hamburg locker bestehen würde. So war es dann auch.<br />
In Hamburg habe ich vor allem die menschlich sehr reizenden Mädchen genossen. Es war eine schöne Zeit. Gern wäre ich für immer dortgeblieben. Unmittelbar nach dem Abitur habe ich ein sehr süßes Hippiemädchen geheiratet, Annerose Lottmann, mit der ich immer noch in Kontakt stehe. Als die Verbindung in eine vorübergehende Krise kam, wich ich erstmals nach München aus, wo ich Literaturwissenschaften studierte. Auch meine zweite Ehe, 1979 beginnend, führte mich noch einmal in die Hansestadt. Die sehr blonde Kirstin Lottmann hatte es mir angetan, eine spröde und strenge Norddeutsche, die mich alles andere als glücklich machte. So konnte es nicht überraschen, daß ich Ende der 80er Jahre diesem Kulturkreis den Rücken kehrte. Ich war in Hamburg Journalist gewesen.<br />
In Köln lernte ich endlich fröhliche Menschen kennen. Ich wurde Schriftsteller und ein freier Geist. Mein Leben war vielleicht ein bißchen so wie heute in Wien, nur daß ich heute keinen Preis zu bezahlen habe, keine Schattenseite kenne. In Köln war ich abhängig von einflußreichen Freunden, das bin ich heute nicht mehr. Damals mußte ich mich von einer Halbbeziehung zur nächsten hangeln, während ich heute glücklich verheiratet bin. Die Jahre in Köln waren bedrohlich. Für mich war die deutsche Wiedervereinigung eine willkommene Möglichkeit, nach Berlin zu ziehen. Dort hatte ich zunächst einen nie für möglich gehaltenen Erfolg als Schriftsteller. Mein Roman ‚Die Jugend von heute‘ verkaufte sich allein 2005 eine Viertelmillionen mal. Danach ging es freich ein halbes Jahrzehnt schleichend bergab, wie bei allen, die nach Berlin ziehen. Ich bin froh, diese Stadt nie mehr betreten zu müssen.<br />
Ja, so stehen die Dinge. Die charmante Wienerin an meiner Seite hätte ich Euch  natürlich gern vorgestellt. Aber vielleicht können wir ja trotz meiner Abwesenheit nunmehr einen dauerhaften Kontakt aufbauen. Ich habe heute zum Beispiel offizielle Freundschaftsanfragen der Internetfirma ‚Facebook‘ versandt. Ganz bestimmt werde ich Hamburg noch im Laufe des Winterhalbjahres besuchen. Schon jetzt hatte ich anläßlich des Abituriententreffens mit Annerose Lottmann Kontakt aufgenommen und eine Einladung erhalten, dort zu wohnen. Auch Dirk und seine Frau &amp; Töchter haben schon durchblicken lassen, mich samt Gattin einmal zum Lunch zu empfangen, wenn wir da sind. Von Peter Riechel gab es eine herbe Abfuhr, aber das muß ja nicht so bleiben. Mit Jochen Widegreen werde ich dann ganz bestimmt zum HSV gehen. Es tut mit ehrlich leid, daß ich die Karte, die er so toll für mich organisiert hat, nicht verwenden kann, morgen. Man kann da wirklich nur verzweifelt hoffen, daß der HSV trotzdem gewinnt.<br />
Bitte seid mir nicht böse, daß ich nicht kommen konnte. Alles Gute für jeden von Euch.<br />
Euer Joachim, manchmal auch Jochen genannt, oft sogar Lotti, oder Lottus, eben: Euer stets heimatverbundener JOACHIM LOTTMANN!&#8221; </p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/lottmann/?flattrss_redirect&amp;id=1160&amp;md5=5c36d3ee978ca3cc08c7992a7df7108b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/lottmann/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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