Bei der schönen Veranstaltung mit Christopher Just kürzlich im ‘KIOSK’ ist ein Dokumentarfilm entstanden, der von den Machern unter dem treffenden Titel ‘ABDANCEN MIT JOACHIM LOTTMANN’ ins World Wide Web gestellt wurde. Man hört mich dort z.B. ausgiebig über eine biographisch wichtige Begegnung mit Kim Wilde im Jahre 1981 plaudern, und dabei spielt Christopher Just ihren damaligen Nr. 1 Hit ‘Kids …in America’. Das ist sehr amüsant anzusehen, zumal auch Außenstehenden durch das Filmdokument vermittelt werden kann, was dieser legendäre Ausdruck bedeutet, also “abdancen”, noch dazu “mit Joachim Lottmann”: das ist ganz offensichtlich dann gegeben, wenn das ganze Haus sich im Rhythmus bewegt, die Beine, die Arme, die Kleidung, die Zigaretten, das Vodkaglas, die Mauern, die Kleiderständer, die Rauchwolken… alles vibriert, alles pulsiert, alles durchblutet sich gegenseitig oder sich selbst, ob mit oder ohne Musik, all night long… Aber seht selbst:
Dokumentarfilm, Deutschland 2012. Der legendäre Abend vom 19.… weiter lesen
Heute nahm ich mir die Geschäfte für Dessous vor, nachdem ich für die einzige echte Tageszeitung mit Niveau hier in Wien über die allgemeine und zunehmende Pornographisierung des Landes zu schreiben hatte (die Ausgabe erscheint morgen, aber schon jetzt am späten Abend sieht man die Nachtbummler Wiens diesen Artikel gierig verschlingen). Also, die Lingerie. So heißt die Branche neuerdings. Victoria’s Secret hat den neuen terminus technicus durchgesetzt. Ich gehe den Graben entlang, diese Straße in der Innenstadt, und sehe überall dieses ebenfalls neue und häßliche Wort SALE. Spricht man wohl ‘sejl’ aus. Selbst die normalen Läden mit diesem SALE Schild arbeiten mit Nacktpuppen. Früher wäre das schlicht unerhört gewesen. HUMANIC, Triumph, BIPA, Palmers, überall Nacktmodelle, auch auf Fotos. Die tragen zum Teil Strumpfbänder wie vor hundert Jahren im Bordell. Rüschen, kleine Diamanten auf der Unterhose, im Schritt, auf den Körbchen genau in der Mitte. Die Schaufensterpüppchen knochig, kindhaft, trotzdem busenbetont.… weiter lesen
Seit Jahresbeginn gibt es eine zweite Welle von Besprechungen für die im Spätherbst erschienenen Romane. Welt am Sonntag Blattmacher Matthias Wulff, nicht verwandt mit dem unseligen Bundespräsidenten, hat in seiner neuen Eigenschaft als Feuilletonchef des Berliner Spriner-Flaggschiffs ‘Berliner Morgenpost’ nachfolgende Rezension unter der kryptischen Headline ‘Ein Buch für die kalte Jahreszeit oder auch zwei’ verfaßt. Hat mir natürlich sehr gefallen. Tatsächlich beschäftige ich mich zur Zeit NOCH EINMAL mit dem Thema des Buches, also die zunehmende Pornographisierung von Staat & Gesellschaft. Dazu gleich mehr, vorher aber der Matthias-Wulff-Text:
Für Paranoiker
Aus voyeuristischer Sicht sind Joachim Lottmanns Romane interessant, weil die eine Hälfte der Wahrheit entspricht und die andere verzerrt, überhöht, verfälscht ist. Welche Hälfte wahr ist, weiß wahrscheinlich selbst Lottmann nicht.
Erstaunlich bleibt es, wie ein Mann, der Schwierigkeiten hat dem anderen unverkrampft gegenüberzutreten, einen so treffenden Blick für Schwächen und Macken des Gegenübers hat. Populär wurde er durch… weiter lesen
Im ‘Tagesspiegel’ erschien gestern eine aufwendig erstellte Rezension (9.500 Zeichen) des Romans ‘Hundert Tage Alkohol’, auf die man einmal und erstmals grundsätzlich eingehen könnte. Ich sonne mich ja seit Ewigkeiten in dem Bewußtsein, radikal mißverstanden zu werden. Das ist ein Gefühl echter Freiheit. Und es entsteht auf jedem Niveau. Also dann, wenn ich böse angegriffen werde, und auch dann, wenn ich – wieder aus fundamentalen Mißverständnissen heraus – gefeiert werde, wie jetzt bei Gerrit Bartels. Ich fragte mich gestern beim Einschlafen, ob ich eigentlich jemanden seine falsche Sicht ausreden könne, ob das überhaupt möglich sei, ganz abgesehen davon, daß es für mich natürlich geschäftsschädigend wäre. Denn meine Wirkung hat sicherlich mit diesen vielen falschen Bildern zu tun, die meine Texte hervorrufen. Bartels zum Beispiel hat nun schon den dritten Langtext über mich im ‘Tagesspiegel’ geschrieben. Wohlweislich haben wir es beide vermieden, uns jemals zu treffen oder wenigstens zu telefonieren. Seine… weiter lesen
In der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung findet sich auf der Seite eins des Feuilletons ein bemerkenswerter Essay über das euphorische Lebensgefühl in der Stadt Wien. Dort, in der österreichischen Hauptstadt, leben zumindest große Teile des gehobenen Bürgertums samt angeschlossenen Künstlerkreisen in bester Stimmung. Ja, selbst die übrigen Schichten der Bevölkerung scheinen gute Laune zu haben. Das ist erstaunlich, bedenkt man den finsteren Tenor aller Aussagen, die in Deutschland zum Jahreswechsel getan werden. Es ist ja ein einziges Geschimpfe, vom Taxifahrer bis zum angesehenen Leitartikler: alles ist angeblich korrupt, marode, geht den Bach runter, verlogen, aussichtslos, am Ende. Der Politik darf man kein Wort mehr glauben, die Wirtschaft ist ein hybrides, geistesgestörtes Spielkasino, die Religion ein Ort millionenfacher Kinderschändung, Christian Wulff der größte lebende Peinsack seit 1945. Oder so ähnlich. Ich kann nur den Sound wiedergeben, nicht das Detail. Hartz 4, diese Lachnummer, wird immer lächerlicher, angeblich, mit zehn… weiter lesen
Dieser posthume Bericht über den österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider erschien am 6. Oktober unter der Überschrift ‘Kleine Freiheit Nr. 11′. Beschrieben werden die letzten Stunden vor seinem Tod, die er in einer Klagenfurter Schwulenbar verbrachte. Christa Zöchling, die Haider gut gekannt hatte, fuhr mit mir deswegen in die Kärntner Landeshauptstadt, und wir mieteten uns in einem Hotel unweit der Bar ein. Die Momente vor unserem Einsatz waren aufregend. Würden uns die Schwulen überhaupt hineinlassen? War uns nicht die feindliche Einstellung zum Nationalsozialismus anzusehen? Durfte Frau Zöchling als Frau in dieses Männerlokal? Spürte man meine langjährige, nur mühsam auskurierte Homophobie noch immer? Würden die Homos versuchen, mich umzudrehen? Würden sie mich gar erkennen, als den deutschen Journalisten, der gern gemeine Geschichten schrieb? Oder Frau Zöchling, die mit ihrem Buch über… weiter lesen
Wen, wenn nicht ihn, und wann, wenn nicht jetzt, in der Weihnachts- und Jahresendezeit, sollte man Matthias Matussek treffen, den streitbaren Katholiken und bekanntesten SPIEGEL-Autor aller Zeiten? Ach, was heißt schon streitbar, was Katholik, was SPIEGEL – all diese Worthülsen verblassen, wenn man das innere Leuchten dieses Mannes selbst und hautnah erlebt. Es ist der vierte Advent, als der Papstfreund in Schwechat – so nennen sie den Flughafen in Wien – einschwebt. Die Maschine landet eine Viertelstunde zu früh. Kein Wunder: wo Matussek ist, erhöht sich stets das Tempo.
Mit dem Handy am Ohr läuft er beschwingt zum Ausgang. Am Apparat ist Gänswein. Matussek teilt es lapidar mit, nicht angeberisch, eher entschuldigend. Überhaupt hat man fortan nicht eine Sekunde lang das Gefühl, dieser Mann könne eitel sein. Das überrascht, ist doch sein Image das eines Egomanen. Der erste Kontakt ist sofort herzlich. Man überreicht ihm einen Schoko-Benedikt, und er… weiter lesen
Der journalistische Text, der im abgelaufenen Jahr den meisten Wirbel für mich (oder gegen mich) verursachte, war zweifellos die Reportage über Christina Stürmer in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Er wurde selbst in der Kronen Zeitung – das ist sozusagen die BILD Zeitung Österreichs – faksimile nachgedruckt, mit einem erklärenden Text drumrum. Angeblich hatte ich als Deutscher einen österreichischen Star beleidigt. Das stimmte nur zum Teil. Ich fand den Menschen Christina Stürmer völlig in Ordnung und schrieb das auch. Daß ich es mir nicht verkneifen konnte, die falsche Welt der Casting Shows mächtig unter Feuer zu nehmen, stand auf einem anderen Blatt. Eine recht honorige Rolle spielte bei allem der ebenfalls recht sympathische und noch junge Manager der Sängerin, der mir erst sehr half bei der Recherche, dann für den erstaunlich heftigen Skandal sorgte – mein Buch ‘Hundert Tage Alkohol’ war dadurch binnen Tagen ausverkauft – und der dennoch so versöhnlich… weiter lesen
Gerrit Bartels vom ‘Tagesspiegel’ schien es schon vor sechs Monaten zu wissen: “Das Jahr 2011 könnte allem Anschein nach das definitive Joachim-Lottmann-Jahr werden, und dem sympathischen, so lange schon unterschätzten Autor wäre es sogar zu gönnen.” Nun erschienen im Herbst gleich zwei neue Romane, nämlich ‘Hundert Jahre Alkohol’ und ‘Unter Ärzten’, sodaß sich die kluge Prophetie des Berliner Literaturkritikers bewahrheitete.
Soweit die Bücher des Jahres 2011. Mehr dazu in der nächsten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (*). Wer aber waren meine Menschen des Jahres? Da wären neben meiner lieben neugewonnenen Frau Christa in erster Linie die offiziellen, staatlich anerkannten Facebookfreunde zu nennen. Ihnen möchte ich alles Gute wünschen:
Adriano Sack, Albert Sellner, Albrecht Fuchs, Alexander Lass, Alexandra Ali Mühling, Alexandra Ehrlich, Alexandra Reisinger, Alrun Gerda, Amaryllis Sommerer, András Siebold, Andrea Hanna Huenniger, Andrea Maria Dusl, Andries Bonkers, Angelikinski Diem, Anja Fröhlich, Anja Kallendorf, Anja Karg, Anke Sterneborg, Ann-Katrin Dorner, Anna… weiter lesen
Grußbotschaft eines Exilierten anläßlich des Jubiläums-Treffens der Abitursklasse des Hamburger Gymnasiums Eppendorf:
“Meine lieben Klassenkameraden! Liebe Hegelianer! Vor allem lieber Dirk Koedjik, lieber Jörg Wiskemann! Lieber Peter Riechel, Hans-Georg Güler, Michael Hirt… Jochen Köttl… Harry Peters… Jochen Widegreen… und alle, alle anderen! Gern wäre ich heute bei Euch in Hamburg, doch leider habe ich unser deutsches Vaterland im Frühsommer dieses Jahres auf immer verlassen, und es ist wirklich schwer, von hier aus bis in den höchsten Norden des Landes vorzudringen. Ich hätte es dennoch getan und auch fest eingeplant gehabt – bis mich eine Order einer der beiden Zeitungen, bei denen ich unter Vertrag stehe, erreichte, wonach ich diesen Samstag, also heute, den Schriftsteller Matthias Matussek aufzusuchen habe. Ich soll mit ihm einen Weihnachtsmarkt besuchen und darüber schreiben. Falls es Euch interessiert, könnt Ihr nächste Woche in der Wochenzeitung DIE ZEIT penibel nachverfolgen, was ich in den Stunden, in… weiter lesen