Viel zu früh und für uns Nachgeborenen schmerzlich verstarb letzte Woche Christian Kracht (im Foto Dritter von links neben der Buhlschaft während der Salzburger Festspiele 1937). Ich habe ihn gut gekannt. Nach dem Krieg war er wie ich Volontär bei der WELT. Später wechselten wir als Redakteure zum Hamburger Abendblatt. Kracht wurde Assistent des aufstrebenden Verlegers Axel Cäsar Springer.
Wirklich nur Assistent? Es gab Jahrzehnte, da leitete er de facto den Springer Verlag. Spätestens dann, wenn der visionäre Verleger dieses Lieblingswort, ‘visionär’ also, zu ernst nahm und sich monatelang für Jesus Christus hielt. Dann war es Kracht, der den übergeschnappten Springer diskret aus dem Verkehr zog und jeden Skandal unbemerkt und säuberlich austrat. Krachts Gespür für spannende Storys (s.a. ‘Faserland’, der Romanerfolg seines Sohnes, dessen Story vom Vater stammte) und schnelle, aktuelle Nachrichten halfen, die Auflagen der Springer Zeitungen rasant in die Höhe schießen zu lassen.
Als Springer… weiter lesen
In Wien gibt es einen bemerkenswerten jungen Künstler, der Thomas Draschan heißt und manchmal als der ‘Martin Kippenberger des 21. Jahrhunderts’ bezeichnet wird. Ich mag ihn sehr, und so tat es mir leid, ihn aufgrund unserer Deutschlandreise längere Zeit aus den Augen zu verlieren. Dabei war unsere erste Station Hamburg, eine Stadt also, in der Kippenberger seine besten Jahre verbracht hatte.
Wir besuchten D.Trance Stamer im Grindelhof 8, die Lottmanns in der Fontanestraße 3 in Hochkamp, stellten uns überall vor und reisten nach Berlin weiter, wo wir Helge Malchow, Eva Menasse, Michael Kumpfmüller, Tilman Spengler, meinen Bruder Eckart und alle people aus der Medienszene trafen. Thomas Lindemann interviewte mich in der Maxim Biller Bar in der Kastanienallee. Überall ging es um die bevorstehende Hochzeit und die Doppelpräsentation der Romane UNTER ÄRZTEN (Kiepenheuer & Witsch) und HUNDERT TAGE ALKOHOL (Czernin Verlag) am 5. Oktober 2011. Helge Malchow, bedeutendster Verleger im… weiter lesen
Auf vielfachen Wunsch folgt hier nun der besprochene Text von Gerrit Bartels im Tagesspiegel:
“Nein, so leicht lässt sich dieser Schriftsteller nicht unterkriegen. Ja, er schwimmt geradezu obenauf nach der Verleihung des Wolfgang-Koeppen-Preises im vergangenen Jahr. Dass 2011 das ultimative Lottmann-Jahr werden könnte, das deutete Joachim Lottmann vor ein paar Wochen mit seinem Erscheinen beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt an. Als Berichterstatter für das Wiener Nachrichtenmagazin „Profil“ war er an den Wörthersee gekommen, um sich wie üblich mit der seiner Ansicht nach wirklichkeitsfernen Jury auseinanderzusetzen, die von der Jury arg gerupfte Jungautorin Antonia Baum über alle Maßen zu loben und den Gewinner des Publikumspreises exakt vorherzusagen, wie man in seinem taz-Blog nachlesen konnte: den „ostdeutschen Autor“ Thomas Klupp (der übrigens in Erlangen geboren ist.
In einem Nachtrag jubelte Lottmann: „Der tollkühne Jungmarxist hat den Preis wirklich gewonnen!“
Natürlich gab es noch andere Gründe für Lottmann, seinen Lieblingswettbewerb des deutschsprachigen… weiter lesen
Gerrit Bartels, alter Freund aus gemeinsamen taz-Tagen, war in den unseligen letzten Berliner Tagen der einzige, der noch – gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten – Verrisse über mich veröffentlichte. Eines Tages war es auch damit vorbei. Mit traurigen Augen gestand er mir, als ich wieder einmal darum bettelte, er könne nun auch nichts mehr für mich machen.
Es ist daher nicht verwunderlich, sondern eine große Herzensfreude, daß Gerrit Bartels nun auch der erste ist, der wieder anfängt mit der hämischen Berichterstattung. Im TAGESSPIEGEL titelt er eine Geschichte über mich ‘Der Große Lügenbaron III’ und warnt: “Das Jahr 2011 droht zum ultimativen Lottmannjahr zu werden.” Danke, Gerrit Bartels! Wir bleiben uns weiter treu.
In der Wochenzeitung DIE ZEIT habe ich inzwischen selbst zur Feder gegriffen. In der aktuellen Ausgabe könnt Ihr meine Eindrücke über die Salzburger Festspiele lesen (siehe Link):
http://www.zeit.de/2011/34/A-Salzburg
Jetzt ist er also da, der Weltuntergang, also die double-dib-recession, die nicht mehr steuerbare Wirtschaftskrise. Aber wer hat das alles schon mit viel Sachverstand am 2. Juni 2008 vorausgesagt? Lest selbst, hier ist der Link:
http://blogs.taz.de/lottmann/2008/02/06/obama-vs-foer/
Und für alle, die wie ich nicht wissen, wie ein Link funktioniert, hier nochmal der Gesamttext jenes Tages mit der luziden Wahrnehmung:
“Puh – das ist ja gerade nochmal gutgegangen. Obama bleibt außen vor, die große Bewegung ist gestoppt. Hillary Rodham Clinton und ihr sympathischer Mann Bill haben New York und Kalifornien gehalten, und damit unser aller Arsch gerettet. Jonathan Safran Foer schickte mir eben eine Jubel-Mail deswegen und hängte ein Foto an, das uns in Berlin in der American Academy zeigt, wo Jonathan ein halbes Jahr im Philip-Albers-Trakt wohnte. Er bat mich am Abschiedsabend um ein Foto von uns beiden, und ich sagte scherzhaft, das könne er machen, wenn er es nicht in… weiter lesen
Ferien in Italien sind eine feine Sache, wie jeder weiß (Foto am Ende des Artikels), vor allem, wenn man womöglich einer der letzten ist, der in den Genuß dieser tausendjährigen deutschen Tradition kommt (die deutschen Kaiser, Goethe, die Zigarette danach, und so weiter). Das Land bricht aber nun zusammen. Berlusconi weint (!) im Fernsehen:

Schon wieder sollen 47 Milliarden eingespart werden. Völlig unmöglich. Der Gangster ‚regiert‘ gerade noch mit einer (mühsam gekauften) Stimme Mehrheit. Die sogenannten Bunga Bunga Partys gibt es nicht mehr. Die Prozesse sind im Wesentlichen im Sande verlaufen. Der Cavaliere hat zuletzt sogar mit Hilfe gekaufter Zeugen beweisen können, daß kein einziger Cent aus Steuergeldern für die Bezahlung von Callgirls geflossen ist. Mehr noch: Silvio hat nicht nur die ihm zugetanen Prostituierten aus eigener Tasche auf Heller und Pfennig bezahlt, sondern, zusätzlich, ohne Not, doch wohl aus Idealismus, einzig für die „politische Landschaftspflege“… weiter lesen
Der ostdeutsche Autor Thomas Klupp hat bei den diesjährigen 35. Tagen der deutschsprachigen Literatur angeblich den für den Markterfolg entscheidenden Publikumspreis gewonnen. Nach noch nicht bestätigten Berichten – alle sechs Preise werden erst am Sonntag um 11.30 Uhr offiziell bekanntgegeben – übertraf der Text des jungen Görlitzers, der als Letzter der 14 Teilnehmer am Samstag Nachmittag antrat, alle bis dahin gesetzten Favoriten. Neben Antonia Baum behandelte der Autor als einziger die tatsächlichen Veränderungen der Wirklichkeit, die in den letzten Jahren in dramatischer Weise stattgefunden haben. “Das Verhalten der Menschen hat sich durch Facebook, Internet, Freundes-Netzwerke und die allesdurchdringende Pornographisierung von Staat und Gesellschaft in den letzten drei Jahren stärker verändert als in den 30 Jahren davor, und das Ergebnis ist ein nie für möglich gehaltener Antihumanismus, der in Thomas Klupps Werk in bisher nie gekannter Schärfe beschrieben wird”, lautet die Begründung. Abgesehen davon, daß bei diesem schönen Lob Michel Houellebecq… weiter lesen
‘Brüning’ ist ein Wort, das Westdeutsche schon mit der Muttermilch mitbekommen. Jedes Kind weiß bei uns, daß Brüning unseren verschuldeten Staat erst kaputtsparte und dann Hitler überließ. Etwas genauer: von 1929 bis 1932 dauerte die Roßkur (dieselbe, die unsere geschichtsvergessene Ossi-Kanzlerin den Griechen aufzwingt), danach stand kein Stein mehr auf dem anderen, die Schulden waren natürlich immer noch da, und das Vaterland hatte keine Wahl mehr: Hitler mußte her, mit dem Kärcher, wie Sarkozy sagen würde.
Dies alles wissen wir. Wir wußten es schon vor Jahresfrist, als die Krise ausbrach. Kluge Leute haben es auch gesagt, in Talkshows zum Beispiel. Aber es ist schon wahnsinnig, wie solche Stimmen binnen Sekundenbruchteilen von Anne Will und so weiter runtergebügelt wurden. Der Mainstream Diskurs, der jetzt endlich abebbt, war ein anderer: die Pleite-Griechen müssen sparen, sparen, sparen! Dürfen wir ihnen Geld geben? Kriegen wir es zurück? Alles drehte sich ums Geld, nichts… weiter lesen
Vorgestern, am Tag nach Pfingsten, war beim SPIEGEL Matussek-Tag, berichtet Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung. Der wohl prominenteste SPIEGEL-Autor Matussek hatte in einem Radio-Interview für einen unbekannten regionalen Kirchensender bestätigt, daß seine Zeitung seit 1947 das offizielle antikirchliche Kampfblatt in Deutschland ist. Ganz gewollt und voller Stolz hat Rudolf Augstein dies ein halbes Jahrhundert lang betrieben. Fast könnte man sagen, dieser Antiklerikalismus sei der innerste Kern der SPIEGEL-Identität gewesen, etwa wie das Wort ‘Castor Transport’ für die grüne Bewegung. ‘Sturmgeschütz der Demokratie’ war die üblichere Selbstbezeichnung des SPIEGEL, aber gemeint war damit nur allzu oft ein lustvolles Dauerschießen gegen die christliche Religion und deren Kirchen, besser gesagt: nur die katholische. So war es, so sollte es sein, so liebten es die Leser. Nun aber, da Matussek diesen Umstand beiläufig noch einmal erwähnt – im Rahmen der Präsentation seines Bestsellers ‘Das katholische Abenteuer’ – bricht plötzlich ein Sturm der Empörung… weiter lesen
Dies ist der Führerbalkon (Foto). So heißt diese Empore wirklich. Ganz offiziell. Wegen März ’38 und so. Es gibt sogar einen Führeraufzug, der auch so genannt wird, also ganz normal und arglos Führeraufzug (damit fuhr der Führer vom Erdgeschoß nach oben bis zum Balkon). Im Innern dieses Aufzugs ist heute noch eine kleine, aber gut sichtbare Messingtafel angebracht, die zu fotographieren ich mich nicht traute, leider, während einer unerlaubten privaten Besichtigung, und auf der steht: “Die Benutzung des Aufzugs ohne den Führer ist ausdrücklich nicht gestattet.” Dadurch wollte man damals vielleicht der Vorbereitung weiterer Attentaten auf Hitler vorbeugen. Gebildete Leute werden erkannt haben, daß es sich um das Gebäude vor dem Heldenplatz handelt, in Wien. Ich finde es natürlich unfaßbar, daß der Balkon immer noch so heißt, und der Aufzug, 66 Jahre nach den Untaten des NS-Staates. Ich spreche mich dagegen aus. Ich befinde mich nämlich im Widerstand gegen den… weiter lesen
