Die große Ohnmacht

Wohnungstür

Trautes Heim, Glück allein – das war einmal. Steigende Mieten, Wohnungsnot und Verdrängung sind in Berlin längst keine Ausnahme mehr. Wieso, weshalb, warum und wie sich das Problem lösen lässt fragten Avanti/ IL Berlin und luden zum Gespräch in den Club „Monarch“.

 

Wer vor ein paar Jahren eine bezahlbare Wohnung suchte, wurde in Neukölln fündig und bekam noch ein Blümchen von der Hausverwaltung obendrauf. Rasant hat sich die Situation geändert. Bei Wohnungsbesichtigungen quetscht man sich inzwischen mit 60 anderen Suchenden durch die Wohnungstür, hat am besten alle Unterlagen dabei und prügelt sich um die Selbstauskünfte. Wohnungsannoncen beginnen inzwischen etwa so: „Luxussanierte Drei-Zimmerwohnung im hippen Kreuzkölln…“. Und wer keine Lust auf „luxussaniert“ hat, bezieht die „hippe Retrowohnung im In-Kiez“.

Neukölln ist mit seinen steigenden Mieten nicht allein, bezahlbarer Wohnraum ist im gesamten Innenstadtbereich rar geworden. Neukölln wurde von dieser Entwicklung aber in kürzester Zeit überrollt. Als 2006 Detlev Bucks Film „Knallhart“ in den Kinos anlief und die Rütli-Schule durch ihren Brandbrief deutschlandweite Berühmtheit erlangte, war Neukölln das Schmuddelkind unter den Berliner Bezirken. Keiner wollte hin, der Kiez galt als zu gefährlich. Dann kamen die ersten Projekträume, Kneipen, Cafés und Ateliers. 2007 hat der Stadtsoziologe Andrej Holm im Mieterecho die Situation in Nord-Neukölln noch als „Gentrifizierung im Wartestand“ bezeichnet. Inzwischen ist der Bezirk so beliebt wie kaum ein anderer. Dass es so schnell gehen wird, damit hatte kaum jemand gerechnet.

Schuld an der Gentrifizierung, an steigenden Mieten und Verdrängung sind natürlich Hipster, Touris und Schwaben. Ob diese Gleichung nicht doch zu einfach ist und es „einen statistischen Zusammenhang zwischen Nerdbrille und Mietspiegel“ gibt, wurde am letzten Montagabend im „Monarch“ diskutiert. Der Titel der Veranstaltung „Hipsteralarm!? Warum in Berlin die Mieten steigen – und was man dagegen tun kann“ zog. Das „Monarch“ am Kottbusser Tor war voll, das Publikum überwiegend jung, Mittzwanziger und thirty-somethings. Auf dem Podium diskutierten neben Andrej Holm, Matthias Merkle von der Kneipe „Freies Neukölln“, Mascha Schuster vom Bündnis „Zwangsräumung verhindern“ und ein Vertreter von der Mietergemeinschaft „Kotti & Co“.

 

Im Gespräch: Andrej Holm, Matthias Merkle, Moderator, Vertreter v. Kotti & Co, Mascha Schuster (v.l.n.r.)

Im Gespräch: Andrej Holm, Matthias Merkle, Moderator, Vertreter v. Kotti & Co, Mascha Schuster (v.l.n.r.)

 

Die Schuld allein auf den Hipster, wer immer er auch ist, zu schieben, sei natürlich unsinnig. Darin waren sich fast alle einig. Auch WGs seien nicht das Problem, sondern vielmehr ein Ausdruck dessen.

 

Mit Mietraum lässt sich Profit erzielen

 

Des Pudels Kern ist ein kapitalistischer: Vermieter und große Hausverwaltungen wollen mit den Mieten Geld verdienen. Und sie können Geld verdienen. Mietobergrenzen gibt es nicht und gerade bei Neuvermietungen wird gerne ordentlich raufgeschlagen.

Protest zeigen ist ein Mittel, um sichtbaren, politischen Druck aufzubauen.

Bei „Kotti & Co“ richtet sich dieser in erster Linie gegen Mieterhöhung und Verdrängung im eigenen Haus. Im Fokus des Protests steht der soziale Wohnungsbau. Der Hochhauskomplex am südlichen Kottbusser Tor ist in privater Hand und gehört den Gesellschaften Hermes und GSW. Die haben scheinbar kein Interesse an sozialverträglichen Mieten. 2011, nach einer weiteren Mieterhöhung sahen sich die Mieter zum breit angelegten Protest gezwungen: Straßenprotest, Kundgebungen und Platzbesetzung gehören zu ihren Ausdrucksformen ebenso wir soziale und kulturelle Aspekte, politische Arbeit und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern.

Zwangsräumung, so Mascha Schuster, ist die brutalste Art der Verdrängung. Ein Protestkonzept gab es bei „Zwangsräumung verhindern“ am Anfang nicht, vielmehr einen politischen Anspruch – Solidarität zeigen und Mut zu zivilem Ungehorsam. Mit Blockaden und Kundgebungen kämpft das Bündnis gegen Zwangsräumungen. Einmal ist es schon gelungen, die Verwertung von zwangsgeräumten Wohnungen zu verzögern: Eine WG, die beim Einzug nichts von der Vorgeschichte der Wohnung wusste, trug ihre Kisten wieder in den Transporter.

Welche Rolle das „Freie Neukölln“ im Kampf gegen Mieterhöhung und Verdrängung spielen will, ist den Betreibern selbst nicht ganz klar. Für sie sei es schwierig, Widerstand zu leisten. Ihr Mietvertrag läuft Ende 2014 aus und wird definitiv nicht verlängert. Das „Freie Neukölln“, die Kneipe eröffnete 2006 in der Pannierstraße, gehört nach 8 Jahren nicht mehr zur Zukunft des Kiezes. Künstlerisch werden sie wohl ihren eigenen Untergang begleiten, einen Film über Gentifizierung würde Matthias Merkle heute aber anders machen.

 

Wem gehört die Stadt?

 

Geht es um Mieterhöhungen, Verdrängung und Gentrifizierung, hat man das Gefühl, auf eine große Ohnmacht und Hilflosigkeit zu treffen. An wen soll man sich auch wenden? Der Staat, so Andrej Holm, war in den 1960er/ 1970er Jahren noch Ansprechpartner, heute sind es die Vermieter. Und die kümmert das Thema bezahlbarer Mietraum oft nicht, sie sehen sich nicht in der Verantwortung, eine Stadt, die allen gehört, zu gewährleisten. Wohnungen sind eine Ware, die Nachfrage regelt den Preis und Häuser gelten in Zeiten permanenter Finanzkrisen als sichere Anlage. Kann man vom Staat erwarten, das Mietenproblem zu lösen? Kann und darf und will er Spekulation und Profit mit Mietraum unterbinden?

Die Antwort vieler Politiker auf die Wohnungsnot ist der Neubau. Aktuell geplant ist unter anderem die Bebauung am Rand des Tempelhofer Feldes. Letzte Woche hat der Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) die Pläne vorgestellt. Am Sonnabend startete das Volksbegehren; seit dem Wochenende werden Unterschriften gegen die Bebauung gesammelt.

Mehr neue Wohnungen lösen das Problem nämlich auch nicht. Statt günstiger Mieten folgen Mitnahmeeffekte: Auf dem Wohnungsmarkt ist eine teure, neue Wohnung und eine zweite Wohnung, die teurer neuvermietet werden kann, der Mietspiegel steigt, was wiederum Mieterhöhungen ermöglicht.

Welcher Weg führt nun aus der Misere? „Kotti & Co“ fordert neben der Mietensenkung eine Rekommunialisierung. Andrej Holm beobachtet Bewegung und meint, dass aber noch viel mehr Protest nötig ist. Um Mietsteigerung aufhalten zu können, müsste man den privaten Verwertungsinteressen der Eigentümer etwas entgegen setzen. Das Geschäft mit Wohnungen muss zum Risiko werden. Es darf nicht um eine Balance zwischen Mietern und Vermietern gehen, sondern es muss die Legitimität, mit Wohnraum Geld zu machen, in Frage gestellt werden.

Die Grundbücher zu verbrennen, sei doch eine Idee, sagt Mascha Schuster lachend und ein junger Mann aus dem Publikum fragt, wie man Eigentümern die Lust am Eigentum nehmen kann? Mutwillige Zerstörung ist nicht unbedingt eine gute Strategie.

Die Diskussion ist inzwischen offen für Meldungen aus dem Publikum. Eine Mieterin aus dem Haus Fuldastraße/ Weichselplatz beginnt von ihrem Kampf um ihre Wohnung zu erzählen, man merkt ihr ihre Wut an. Was sie sich wünscht, ist mehr Widerstand.

 

Am 28. September 2013 findet ein bundesweiter Aktionstag statt: Keine Profite mit der Miete! Die Stadt gehört allen! In Berlin startet die Demo um 14 Uhr am Lausitzer Platz.

 

Kommentare (2)

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  1. Die Menschen lieben wieder die Stadt. Wenn sich nun aus diesem Grund ständig 200 Interessenten auf 100 freie Wohnungen melden, steigen die Mieten im freien Wohnungsmarkt. Eine Mietpreisbremse – wie auch immer installiert und ausgestaltet – wird am Grundübel dieser Tatsache aber nichts ändern. Immer noch bekommen von den 200 Interessenten nur die Hälfte eine Wohnung. Die freuen sich natürlich über niedrigere Mieten, was wiederum zur Folge hat, dass die freie Wirtschaft weniger Interesse am Neubau hat, da dieser sich nicht lohnt. Mietbremsen sind mittelfristig damit schädlich für Mieter und Stadtentwicklung.

  2. Einen Audio-Mitschnitt der Veranstaltung ist mittlerweile auf
    https://www.vimeo.com/hipsterberlin/hipsteralarm
    zu finden.