Premier Balkenende und der Sklavenhandel
von Falk MadejaEs ist Wahlkampf in den Niederlanden, und da fallen schon mal harte Worte. Premier Jan-Peter Balkenende verdanken wir nun, dass er ungewollt einen niederländischen Geschichts-Mythos entzauberte. „Warum dieser säuerliche Ton die ganze Zeit?“, sagte er im Parlament. „Lasst uns sagen: die Niederlande kann es wieder! Wir sind front runners geworden. Mit der VOC-Mentalität!“ Dann sah er in die erstaunte Parlamentarier-Runde. „Oder etwa nicht?“ Balkenende hatte sich durch die rethorisch flotte Grün-Links-Fraktionsvorsitzende Femke Halsema unter Druck gesetzt gefühlt und versuchte es mit einem VOC-Befreiungsschlag. Nun, das war aber gefundenes Fressen für seine Kritiker. Zwar sei die VOC (Vereinigte Ostindische Compagnie) sicher ein Symbol für Unternehmerschaft gewesen – aber ansonsten wurde „die Geschichte des VOC gezeichnet durch Gewalt, Sklaverei und Korruption“, so die Zeitung „Trouw“. Die Kollegen von nrc.next zitierten das Fachblatt „Spiegel historisch“, dass der erste Gouveneur des VOC – Jan Pieterszoon Coen nach heutigen Massstäben „auf keiner Hochzeit willkommen geheissen“ würden. Sieht so aus, als ob sich da der Ministerpräsident historisch vergaloppiert hat. Oder müssen die Konkurrenten der niederländischen Wirtschaft sich warm anziehen?
Erst einmal zur VOC. Deren Geschichte ist auch aus heutiger Sicht interessant. Die VOC entstand um 1602 aus purem Gewinnstreben. 4 Jahre vorher hatte der Unternehmer Jacob van Neck mit einer Investition sagenhaftes Glück. Der Mann fuhr mit einer eine Flotte von 8 Schiffen nach Asien (also in den “Osten“), und kam reich beladen mit Muskatnüssen, Muskatblüten, Seide und anderen Kostbarkeiten zurück. Mit dem Verkauf dieser Güter machte er einen Gewinn von 400 Prozent! Da war den Amsterdamern klar, dass da im Osten eine Goldgrube sein musste und sammelten für die VOC-Gründung den die damalige Zeit wahnsinnig hohen Betrag von 6,4 Millionen Gulden ein. Unter den Investoren waren nicht nur reiche Leute, sondern auch schon mal Handwerker mit 50 Gulden dabei. Mit all dem Geld sollten Schiffe gebaut und Handelsnetzwerke gegründet werden. Kurzum: eine Goldgräberstimmung wie beim Börsengang der Deutschen Telekom.
Doch auch die VOC war keine Erfolgsgeschichte. Es dauerte Jahrzehnte, bis zum ersten Mal Dividenden ausgeschüttet wurden – und auch nicht mal in bar, es gab erst einmal Muskatnüsse. Später gab es zwar Geld, aber die Dividende war nie höher als 5 Prozent. Als die VOC Ende des 18. Jahrhunderts pleite ging, blieb der Staat auf 219 Millionen Gulden Schulden sitzen – und die Aktienbesitzer konnten ihr Geld vergessen.
Sicher war die VOC in einigen Dingen gut. Zum Beispiel im Morden. 1619 eroberte VOC-Chef Jan Pieterszoon Coen von den Engländern das heutige Indonesien. Als Pieterszoon 1622 auf der Suche nach Muskatnuss die molukkischen Banda-Inseln mit 2000 Soldaten eroberte, rottete er zwecks Schutz des Handels-Monopols kurzerhand die gesamte Bevölkerung aus. So einen Mann möchte man nun wirklich nicht bei der Hochzeit seiner Kinder dabei haben. Die Niederlande hat ja daraus auch gelernt. Der Papa von Kronprinzessin Maxima Jose Zorreguieta, der ja mal bei der lustig drauf los mordenden Junta in Argentinien in der Regierung sass, durfte bsw. nicht zur Hochzeit seiner Maxima mit Prinz Willem-Alexander nach Amsterdam kommen. Inzwischen kommt er ab und zu, aber eher heimlich. Zurück in die Geschichte. Ziemlich gut war die VOC auch im Sklavenhandel-Geschäft. Sie schipperten aus Afrika Sklaven in alle mögliche Richtungen. Korruption war dann auch noch so eine Sache. Die VOC-Chefs verhökerten Ämter an die höchsten Bieter. Einen Namen machte die VOC sich dann auch noch mit Niedrig-Löhnen. Die Bezahlung für die Seeleute war dann irgendwann so schlecht, dass kaum noch ein Niederländer anheuern wollte. Dafür nahm man dann halt Deutsche. So in etwa wie heute die niederländische Bau-Industrie, die händeringend nach arbeitslosen deutschen Jugendlichen sucht. Hiermit haben wir natürlich kein so grosses Problem. Aber damals ging das mit den deutschen Seeleuten so. Die wurden in Amsterdam in billige Hotels einquartiert. Wenn sie, wie häufig, nicht bezahlen konnten, dann mussten sie halt auf den VOC-Schiffen anheuern, um ihre Schulden bezahlen zu können. Gottseidank, das sei hier noch mal mit Nachdruck gesagt, läuft das jetzt mit den Bauarbeitern anders.
Der Marine-Historiker Henk ten Heijer (Leiden) gibt dem Ministerpräsident Balkenende in Trouw dann auch eine Nachhilfe-Stunde: „Es ist eine merkwürdige, ziemlich unsinnige Bemerkung für jemanden, der auch noch selbst Historiker ist.“ Tatsächlich: wie Helmut Kohl ist Jan-Peter Balkenende nämlich Historiker. Ten Heijden würde höchstens die Risiko-Bereitschaft der damaligen Zeit vorbildlich nennen wollen. „Die VOC ist eine Folge dieser Mentalität, nicht die Ursache. Später wurde die VOC eine bürokratische, durch Korruption geplagte Organisation, die damit wurstelte, ihre mit Gewalt erobertes Monopol zu behalten.“
Wer übrigens durch Amsterdam läuft, den Reichtum der unzähligen Grachtenhäuser bestaunt und bislang auch dachte, das habe alles mit dem VOC zu tun, der sollte sich jetzt festhalten: im Jahre 1654 kamen 54 Prozent aller Importe der damaligen Republik der Niederlande aus dem Ostsee-Gebiet (z.B. Holz) – 31 Prozent aus dem atlantischen Handel (z.B. Zucker und Sklaven!) und nur 14 Prozent via die VOC. Also ehrlich gesagt: niemand wartet darauf, dass die Niederländer wieder mit dem Sklaven-Unsinn anfangen. Vergessen Sie die Bemerkung mit der VOC, Jan-Peter Balkenende! Es gibt niemanden mehr, der sich von Niederländern als Sklave über die Weltmeere schippern lassen will.
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