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Beiträge von November 2006

30.11.2006

Telegraaf-Journalisten wieder freigelassen

von Falk Madeja

Bart Mos und Joost de Haas, die zwei eingesperrten Journalisten der niederländischen Tagszeitung De Telegraaf, werden nach drei Tagen Haft wieder freigelassen. Das jedenfalls beschloss das Gericht in Den Haag. Der Fall hatte sich für die niederländische Justiz als PR-GAU erwiesen. Mehr als 7000 Unterschriften aus dem In- und Ausland forderten die Freilassung, im Haager Parlament liefen etliche Abgeordnete mit Abzeichen „Lasst sie frei!“ herum. Tja, wer sich mit der grössten Zeitung seiner Landes anlegt und dann mal eben deren Mitarbeiter einsperrt – der muss mit kräftig Gegenwind rechnen. Zumal die zwei Journalisten völlig zu Recht darauf bestanden, dass ein hohes Gut bestand haben muss: Quellenschutz, d.h. Journalisten müssen das Recht verteidigen, ihre Zeugen nicht nennen zu müssen.

Was war passiert? Zu Beginn diesen Jahres berichteten Mos und De Haas in De Telegraaf über ein Leck beim niederländischen Geheimdienst AIVD. Sie enthüllten, dass AIVD-Akten über den Top-Kriminellen Mink K. und Korruption bei den Behörden in die Hände von Unterwelt-Figuren gefallen waren. Kurz nach dem Erscheinen des Artikels wurde Ex-Schlapphut Paul H. unter dem Verdacht verhaftet, er habe die fraglichen Akten herausgeben.
Nun wollte das Gericht gern wissen, wie nun die Journalisten Bart Mos und Joost de Haas, Zeugen in der Rechtssache gegen Paul H an die  AIVD-Akten kamen. Aber die zwei Journalisten wollten ihre Quellen nicht preisgeben.
Aus dem Gefängnis schrieben die zwei einen offenen Brief: “Mit ihrer Entscheidung uns zu geiseln bringen Sie die Pressefreiheit in Gefahr”, schrieben Mos und De Haas am Mittwoch Morgen an Richter Van Steen. Ihre Meinung nach könne die Pressefreiheit nur funktionieren, wenn Menschen, die das Risiko bereit sind geheime Information weiterzugeben, auf den Quellenschutz der Journalisten rechnen können.

Der PvdA-Abgeordnete Aleid Wolfsen will nun ein Gesetz im Parlament eindienen, in dem der Quellenschutz von Journalisten besser geregelt wird. Dazu müsse allerdings erst einmal eine Parlements-Mehrheit gefunden werden.

29.11.2006

Hollands Geheimdienst lässt Journalisten einsperren

von Falk Madeja

Auch in den Niederlanden gibt es eine Art Cicero-Fall. Die Polizei verhaftete zwei Reporter der Tageszeitung „De Telegraf“, der grössten Tageszeitung des Landes. Sie heissen Joost de Haas und Bart Mos – und sitzen nun im Gefängnis von Scheveningen ein. Sie konnten kurz mit der Redaktion telefonieren und bescherten sich, dass sie in einer nach Urin stinkenden Zelle von 2 mal 4 Meter einsitzen müssten. In Scheveningen gab es offenbar anders als im friesischen Drachten kein Luxus-Zellen-Bau-Programm, ich schrieb darüber ja vor einigen Tagen. Auf der Website von De Telegraaf steht noch, dass der fragliche Zellen-Komplex nach dem Krieg diente, um Nazis einzusperren.

Was war geschehen? Nun, die zwei Reporter hatten im Auftrag ihrer Zeitung geschrieben, dass es beim Geheimdienst AIVD offenbar ein Leck gab. Denn irgendjemand verkaufte staatsgeheime Akten über Mink K., laut Zeitschrift wie Vrij Nederland „ein Top-Krimineller“, an andere Kriminelle. Aber wer? Die Journalisten hielten ihre Quellen wie es sich gehört geheim – und Hollands Schlapphüte grämten sich. Erst versuchten sie monatelang, die zwei Journalisten abzuhören. Aber die bekamen das mit, es folgte eine juristische Prozedur und der Richter verbat die Spionage.

Doch Den Haags Geheimdienst wollte sich dabei bewenden lassen. Das Leck musste wie auch immer gefunden werden. Schliesslich erreichten sie, dass das Gericht die Journalisten in Geiselhaft nahm. Die Reaktionen waren zu Recht heftig. De Telegraaf machte am Dienstag auf Seite 1 grosslettrig auf mit „Lasst sie frei!“. Die Chefredaktion gesellte sich zum Gefängnistor und teilte dort die Zeitung aus. Für die Journalistengewerkschaft NVJ protestierte Sekretär Thomas Brüning: „Es ist für Journalisten lebenswichtig, dass sie ihre Quellen schützen können. Sobald Journalisten gezwungen werden, ihre Quellen zu nennen, dann werden die als verlängerter Arm der Justiz angesehen.“ Die Presse habe nun einmal eine wichtige Rolle – und das sei das Aufdecken von Missständen.

Arounda Joustra, Chefredakteur des einflussreichen Magazins Elsevier nannte den Vorgang „absurd“. Die Journalisten hätten lediglich ihre Arbeit gemacht. “Wenn das der einzige Weg ist für einen Geheimdienst, der ein Leck in der eigenen Organisation aufzuspüren, dann ist dieser Geheimdienst wertlos. Lasst sie erst einmal die eigenen Mitarbeiter befragen und nötigenfalls in Geiselhaft nehmen.“

Es gab schon einmal eine Erzwingungshaft für einen Mitarbeiter der Telegraaf-Organisation. Im September 2000 wurde Koen Voskuil, Reporter der gratis erscheinenden Telegraaf-Tochter „Spits“ 17 Tage lang eingesperrt, weil er die Quelle eines Artikels nicht nennen wollte. „Mund halten und durchhalten“, gab er seinen Kollegen Joost de Haas und Bart Mos als Tipp.

28.11.2006

Burka-Fans wollen Donnerstag in Den Haag demonstrieren

von Falk Madeja

Der Burka-Streit geht weiter. Die Niederländer können sich am Donnerstag, um 12:00 Uhr, auf eine ordentliche Burka-Fan-Demo gefasst machen. Angeblich, so dass Algemeen Dagblad, wollen „ca. 100“ Fans der mittelalterlichen Frauen-Verhüllung mit Plakaten und Flugblättern in Den Haag direkt gegenüber dem Parlament gegen das ihrer Meinung ungerechte Burka-Verbot demonstrieren.

Es gibt eine Website, auf der die Niederländer virtuelle Unterschriftenlisten zu allen möglichen Themen platzieren können: www.axci.nl. Die Petition gegen die Legalisierung der Pädo-Partei unterschrieben 1615 Leute, den Aufruf, der Trainer Willem van Hanegem solle zum kriselnden Fussballclub Feyenoord Rotterdam 1005 und die Aktion gegen das Burka-Verbot unterschrieben immerhin auch schon wieder 770 Menschen.

Was haben die Burka-Fans eigentlich für Argumente? Sind ja in der Petition zu lesen. Verkürzte Übersetzung eines Textes, der lt. Algemeen Dagblad einer gewissen Naima Nafi zugeschrieben wird:

Wir sagen Nein! gegen das Burka-Verbot

(…) „In den Niederlanden hat jeder das Recht auf freie Meinungs-Äusserung, und das kann sich auch in der Wahl eines Kleidungsstückes wie der Burka ausdrücken. (…). (Moslim)Frauen mit oder ohne Burka sind erbost über die Diskussion und erfahren die Disskussion und ein eventuelles Verbot als Unterdrückung. Auch der Vergleich mit der Bivakmütze und dem Integralhelm (ala Demo-Vermummungsverbot in Deutschland, Anm. Falk Madeja) stösst die Gruppe Frauen sehr gegen die Brust weil eine Burka eine religiöse Bedeutung hat und die anderen zwei (Verhüllungs-Instrumente, Anm. Falk Madeja) mit Kriminalität in Zusammenhang gebracht werden.

Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft und das bedeutet, dass es neben der niederländischen Kultur auch andere Kulturen gibt. Um gut mit einander zusammen leben zu können, müssen wir gegenseitigen Respekt vor einander aufbringen, mit dem Gedanken in unserem Hinterkopf: was Du selbst nicht erleben willst, darf Du auch nicht einem anderen antun. Integrieren bedeutet nicht assimileren!

(…) Von Klein auf an machen Kinder mit dem Fakt Bekanntschaft, dass in den Niederlanden verschiedene Menschen wohnen, und dass diese Menschen unter Einhaltung der Gesetze ihr Leben nach eigenem Gutdünken einteilen können. Das zur Zufriedenheit aller Betroffener. Und was ruft dann ein Minister in der Hitze des Wahlkampfes, dass sie ein Gesetzes-Vorschlag vorlegen will, um die islamische Gesichtsbedeckung zu verbieten. Das kulturelle Gedankengut von einer Million niederländischer Bürger wird damit vollkommen lächerlich gemacht. Die niederländische Kultur muss die Norm sein und auf eingewanderte Niederländer wird mit dem Finger gezeigt als sei das eine minderwertige Gruppe. Auf diese Art und Weise die eigenen Vision auf Freiheit an den Mitbürger aufzudringen ist eine beunruhigende und polarisierende Bewegung die dazu führen wird, dass der Abstand zwischen Moslems und den Nicht-Moslems in den Niederlanden wächst und das wollen wir gern.

Wir müssen vom Vorurteil Abstand nehmen, dass Frauen die mehr oder weniger verschleiert über die Strasse gehen, unterdrückt sind. Es ist ein unbegründetes Vorurteil, dass man zu hören bekommt, wenn es um das Thema Frauen-Emanzipation geht. Der Fakt, dass diese Frauen trotz der (politischen) Ärgernisse standhaft bleiben, und mit stolz erhobenen Haupt zur Arbeit, Schul oder einfach so in der Stadt rumlaufen, zeugt von grossem Mut und Durchsetzungsvermögen, das nicht bestraft sondern belohnt werden muss! Es ist ein Frage der Akkzeptanz. Nichts hindert eine Frau daran, um am Arbeitsmarkt und sozialen Leben teilzunehmen, ausser die dominante Arroganz einiger einheimischer Niederländer eingeflüstert durch Politiker wie Verdonk, Pastors und Wilders. Diese Menschen halten gern die Vorurteile warm, weil es ihnen in die eigene politische Agenda passt. Und leider gibt es genug Menschen, die dafür empfänglich sind. Diese Menschen hören gerne, dass sie besser sind als andere und dadurch denken sie, dass sie da Recht haben Mensen verbal oder körperlich ab zu weisen.

Aber mit dieser Petition wollen wir das verhindern. Moslimfrauen sind sehr wohl emanziert, und gerade unsere Kleidung beweist das. Wir wollen nicht beurteilt werden aufgrund der Grösse unseres Vorgipfels, der Menge Peroxide in unserem Haar. Warum sollten wir uns Gesicht voll schmieren mit Make-Up (der Niqaab des Westens, gemeint ist wohl der Schleier der westlichen Frauen, Anm. Falk Madeja), nur um gewürdigt zu werden? Wir leben im Zeitalter der Faltenfüller, der Lippeneinspritzung usw.! Das haben wir als emanzipierte Moslemfrauen überhaupt nicht nötig. Wir wollen lieber beurteilt werden auf der Basis unserer Qualitäten. Es ist eine andere Sicht auf die Emanzipation, die nicht so einfach an die Seite geschoben werden kann.

Schlussendlich versucht die Politik auch noch, einen Link zum Kampf gegen den Terror zu legen. Wieviele Frauen im Niqaab sind eigentlich wegen des Terror-Verdachtes verhaftet worden? Man will gern das Gesicht der Menschen erkennen können. Warum dann nicht anfangen mit der Abschaffung des Bartes? Wir wohnen in einem Land, wo Männer als Frauen durch das Leben gehen, und die Akzeptanz ist da. Warum ist es dann so schwierig für einige Politiker eine Frau mit Gesichtsbekleidung zu akzeptieren? Es geht um ein Stückchen Stoff von 30 mal 30 Zentimeter. Es gibt da in der niederländischen Sprache ein Wort, das ich lieber nicht verwenden will. Es hat was mit dem Geschlechtsdrang von Ameisen zu tun!“

Ende

Ehm, was mir auffällt ist der für Extremisten typische Drang, sich gleichsam als Wortführer einer ganzen Gruppe aufzuschwingen. Von den Moslem-Frauen, die ich so in meinem Leben auf den Strassen Berlins oder Amsterdam gesehen habe, trägt nur ein Bruchteil eine Burka. Dennoch heisst es, mit dem Burka-Verbot werden gleichsam alle eine Millionen in den Niederlanden lebenden Moslems beleidigt. Ausserdem finde ich ganz klar: eine Burka hat in unserer Demokratie nichts zu suchen. Und mir kann keiner weissmachen, dass die Frauen in Afghanistan freiwillig ganzkörperverschleiert rumlaufen…

27.11.2006

Kriminelle Welle an Hollands Deichen

von Falk Madeja

Eine erstaunliche Meldung fand ich in De Telegraaf. Einer Untersuchung des Büros Ernst & Young zufolge sind sage und schreibe ein Fünftel aller Niederländer in irgendeiner Weise vorbestraft. Noch schlimmer ist es bei den 30jährigen: dort haben bis zu 30 % aller Niederländer etwas auf dem Kerbholz. Peter Schimmel, Chef der abteilung Betrugs-Untersuchung bei Ernst & Young: „Dieser Umfang machte mich regelrecht schockiert.“ Auch wenn schon mitzählt, wenn ein Jugendlicher unter Einfluss von Alkohol mit der Polizei in Konflikt gerate, sei der Befund „sehr beunruhigend“. Zumal Ernst & Young sich offizieller Justiz-Dokumente bedienen konnte.

Die ökonomischen Folgen seien katastrophal. Manche Firmen verlieren 5 bis 6 Prozent ihres Umsatzes durch Betrug. Einige Tausend Arbeitnehmer werden jährlich erwischt. Schimmel sagt, dass der Mensch in der Firma das grösste Risiko sei. „Ein Computer betrügt nicht bewusst, es ist immer ein Mensch. Und Betrug zerstört nun einmal Vertrauen.“

Niederländer würden nicht nur auf Arbeit betrügen. So hat Ernst & Young herausgefunden, dass 30 Prozent aller Niederländer, die eine sexuell ansteckende Krankheit haben, ganz bewusst ungeschützt Intim-Verkehr hätten. 30 % aller Männer und 25 % aller Frauen würden ausserdem fremdgehen. Tja, und da sei es fast schon logisch, dass 15 Prozent aller Kinder zum falschen Mann „Papa“ sagen würden.

25.11.2006

Wilders - der Schill Hollands

von Falk Madeja

In diesem Moment sieht alles danach aus, dass die Sozialistische Partei vom Ex-Maoisten Jan Marijnissen eine grosse Chance hat, im nächsten Kabinett zu sitzen. Wer das will? Die Links-Wähler. Einer Umfrage zufolge wollen 90 Prozent aller Links-Wähler (die also Sozialdemokraten, Ex-Maoisten und GrünLinks wählten), dass CDA, PvdA und SP die Regierung bilden. Das Verfahren läuft in den Niederlanden in etwa so. Die Partei-Führer finden sich erst direkt bei Königin Beatrix ein, später wird dann formell durch sie ein sogenannter Informateur benannt. Nennen wir ihn „Regierungs-Bilder“. Er ist meist ein Alt-Politiker, im Gespräch ist jetzt etwa der Ex-Justizminister Donner. Der Besucher-Reigen der Partei-Führer bei Königin Beatrix hat schon angefangen. Wenn alle da gewesen sind, wird also der „Regierungs-Bilder“ ernannt. Der muss dann schauen, wie Wahlprogramme zu kompromissreicher Regierungs-Konstellation gefügt werden…

Viele halten den inhaltlichen Unterschied zwischen den Christdemokraten und Ex-Maoisten allerdings für zu gross. SP-Führer Jan Marijnissen nannte eine eventuelle Koalition mit CDA „einen historischen Akkord“. Die SP sei „bereit für Kompromisse“. Allem Anschein nach ist die PvdA am stärksten an der Regierungs-Teilnahme der ihr im Nacken sitzenden SP interessiert – in der Opposition würden die Sozialisten wohl noch grösser.

Das Problem für die Christdemokraten von Minister-Präsident Kann-Peter Balkenende: lediglich 38 Prozent der eigenen Anhänger wollen die Koalition mit Rot (PvdA) und Rot-Rot (SP). Dazu kommt allgemeine Ungeduld bei den Wählern. Der oben genannten Umfrage zufolge wollen 60 Prozent aller Niederländer bis zum April eine stabile Regierung – andernfalls wollen sie noch einmal Neu-Wahlen.

Die Alternative zu CDA-PvdA-SP ist höchstens CDA-VVD-Christenunie-Geert Wilders – wobei die liberale VVD wohl einige Mühe hätte, als liberale Partei zwei konfessionelle Partner plus einen nicht-mehr-liberalen Wilders zu haben. Wilders ist je bekanntlich aus der VVD ausgetreten.

Geert Wilders ist ein ganz schön schriller Typ. So wie einst Ronald Barnabas Schill in Hamburg. Ein Beispiel: Wilders regte sich dieser Tage auf, weil die Polizei der Stadt Den Haag 25 Polizisten zur Weiterbildung nach Marokko schicken wollte. Die Agenten sollen die marokkanische Kultur kennen lernen, damit sie mit den sogenannten Problem-Jungs marokkanischer Herkunft besser zu Recht kommen. Ich finde das eigentlich eine gute Idee. Eine Freundin von mir, Carlien, arbeitet in einem Amsterdamer Krankenhaus. Sie nahm an einer Weiterbildung über kulturelle Unterschiede und Wege des Dialogs teil – und sie besuchte etwa bestimmte von vielen Einwanderern geprägte Stadteile in englischen Städten. Ihre Schlussfolgerung: “Die verschiedenen Kulturen müssen viel mehr mit einander reden. Anders geht es nicht.“ Wilders aber redet nicht – er schreit herum.

24.11.2006

Katholischer Bischof gegen Burka-Verbot

von Falk Madeja

Unerwartete Schützenhilfe für alle Burka-Fans kommt jetzt vom Bischof niederländischen Tiny Muskens aus Breda. Der Mann ist innerhalb der katholischen Kirche der Niederlande verantwortlich für den Dialog mit den Moslems. Wusste gar nicht, dass es so was gab.

Muskens erklärte nun dem KRO-Radio (katholischer Radio-Sender innerhalb der öffentlich-rechtlichen Stationen), dass er das Burka-Verbot für überflüssig halte. Er verglich das mit der Situation in den 60er Jahren, als auch in den Niederlanden überall noch Nonnen herumliefen. „Wir hatten viele tausende katholische Schwestern in den Niederlanden und woanders, und die waren auch gut eingepackt. Man konnte das Gesicht kaum sehen, vor allem wenn dann eine Nonne auch noch eine Brille aufhatte.“ Die Klosterorden hätten die gesichtsverhüllende Kleidung schliesslich von selbst abgeschafft. „Niemand hat ihnen gesagt: weg mit den Kleidern. Das passierte von allein. Das wird so auch mit den Burkas geschehen,“ denkt Muskens.

Der Bischof griff dann Einwanderungs-Ministerin Rita Verdonk an, die seiner Meinung nach „gern übertreibt“. Sie solle doch „etwas vorsichtiger sein“. Er könne nichts damit anfangen, wenn Verdonk und andere Parlamentarier behaupten würden, dass die Burka „die Sicherheit in der Gesellschaft in Gefahr“ bringen würden. „Ich kenne kein Beispiel.“

Interessant war auch sein Plädoyer für die Einführung eines islamischen Feiertages in den Niederlanden. „Wenn wir vom Ende des Ramadan einen freien Tag machen, wäre das sehr gut für die Integration. Ich habe so etwas in Indonesien erlebt.“

Ich glaube kaum, dass dieser Zwischenruf gehört werden wird. Einer der Wahlgewinner, Geert Wilders, war nun ausgerechnet der, der einmal im Parlament die Initiative für das Burka-Verbot genommen. Wilders, ehemals Partei-Kollege von Rita Verdonk in der liberalen VVD, wird sich in Zukunft noch mehr am Thema Islam, abarbeiten. Immerhin ist er fast mit 10 Mann im Parlament. Und die können noch viel mehr Geschrei machen als Wilders, der ja lange ein One-Man-Team war.

Persönlich glaube ich aber, dass die Burka wie auch immer ein Symbol ist, dass viel stärker als das normale (und mir auch schon unsymphatische) Kopftuch symbolisiert: Frauen seien angeblich weniger wert als Männer. Sehr viel anders denkt ja die katholische Obrigkeit auch nicht darüber. Auch wenn Muskens ansonsten eher umgänglicher und in den Medien nicht als extrem rüberkommender Bischof ist – er denkt am Ende über den freiheitlichen Begriff „Gleichwertigkeit von Frau und Mann“ eben doch ganz anders als Atheisten.

23.11.2006

SP muss erst mal eine Mao-Beichte ablegen

von Falk Madeja

Rätselraten, Verwirrung. Das war eine Wahl, da in den Niederlanden. Den Wahlabend selbst verbrachte ich in der niederländischen Botschaft in Berlin, den Morgen schon wieder in Utrecht. Die drei grossen Parteien haben eine Klatsche bekommen: CDA mit 40 (-4), PvdA mit 33 (-9), VVD mit 22 (-6). Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende ist also ein Verlierer-Gewinner. Es reicht nun nicht für eine Zweier-Koalition, mit wem auch immer. Lachen können ein paar Radikale: Ex-Maoist Jan Marijnissen schnellte von 9 auf 26 Sitze, der nach Rechts abgedriftete Ex-VVDer Geert Wilders kam von 0 auf 9, die leicht linksgerichtete Protestanten-Partei Christen-Unie von 3 auf 6. Die Zerissenheit konnte ich fühlen, mancher meiner Freunde entschieden sich erst im Wahllokal für welche Partei auch immer.

Was nun? Es sind sowohl ein „rechtes“ Kabinett mit CDA, VVD, Christenunie unmöglich als auch ein „linkes“ Kabinett mit PvdA, SP, GrünLinks. Nicht mal das, was einige deutsche Kommentatoren eine „Grosse Koalition“ nannten, also CDA und PvdA. Ich würde das übrigens nicht „Grosse Koalition“ nennen, denn die VVD ist in meinen Augen auch eine der grossen Parteien. Also: eine „Grosse Koalition“ wäre für mich CDA, PvdA, VVD. Vielleicht wäre das die beste Lösung, bei allen anderen Konstellationen müsste irgendwelche Kleinparteien mit einbezogen werden.

Ach ja, die SP. Meiner Meinung dürfte die erst dann in der niederländischen Regierung sitzen, wenn Chef Jan Marijnissen endlich die Wahrheit spricht. Warum er aus freiem Willen einem Massenmörder wie Mao Tsetung nachgelaufen ist. Wie das alles war. Sprich es aus. Reinige Dein Gewissen, Jan.

21.11.2006

Burka-Verbot

von Falk Madeja

Es geschah kurz vor den Wahlen – und hatte Symbol-Charakter: am vergangenen Freitag kündigte die niederländische Regierung noch mal schnell ein Burka-Verbot an. Burkas – das sind die mittelalterlichen Ganz-Körper-Schleier der Extrem-Moslems, die das Frauen-Gesicht bis auf einen kleinen Schlitz verhüllen. Ich habe in diesem Sommer einmal in Berlin und einmal in Utrecht eine Burka-Frau gesehen, die einem Mann halb blind hinter her trappelte. Und dann im Sommer beim Schwimmbad nahe des Nordbahnhofes in Berlin zu meinem Schauern Moslem-Familien wahrnehmen können, die ihre Mädchen voll bekleidet ins Wasserbad schickten. Sozusagen eine Burka-Vorstufe. Brr, lass die Leute glauben was sie wollen, denke ich – aber Mädchen mit langen Hosen ins Schwimmbad schicken und Frauen in Burka herumlaufen lassen, das machen nur Männer (und Frauen), die die Frau für wenigwertig halten. Mit dem Burka-Gebot haben die Extrem-Moslem-Männer ein Symbol, dass sie den Frauen ihren Willen auferlegen können. Ich denke: warum sollten wir westliche Länder Burka-Frauen akzeptieren, die als Gesichts-Verhüller nie einen Job bekommen und uns dann folgerichtig uns allen auf der Tasche liegen?

Jedenfalls wird die Burka in den Niederlanden nun verboten. Die gesetzliche Grundlage wird wohl das Vermummungs-Verbot, das schon in anderen Fällen (etwa Demos) greift. Das neue Parlament bekommt dann Gesetzes-Vorschlag, und dann wird das Burka-Verbot wohl durchgezogen. Ich sehe keine nennenswerte Opposition gegen das Gesetz. O.k., die orthodoxen Extrem-Christen von der SGP vielleicht – die genau wie die Extrem-Moslems die Frau als minderwertig betrachten. Aber die SGP wird bei den Wahlen am Mittwoch höchstens 2 der 150 zu vergebenden Parlaments-Sitze erhalten.

Natürlich gab es Protest. Der Aussenminister von Malaysia soll laut NRC Handelsblad gesagt haben: „Leicht bekleidet Menschen verurteilt ihr nicht.“ Ja, guter Mann, so ist es. Denn die leicht bekleideten Menschen werden von keinem Reli-Führer dazu gezwungen, etwa den Bauchnabel sehen zu lassen. Sie tun es, oder sie tun es nicht. Wir nennen das Freiheit. Die Los Angeles Times schrieb dann am Samstag: „Alles ist erlaubt, ausser der Schleier,“ anspielend auf Homo-Ehe (ein falscher Begriff, denn auch Homos heiraten in NL normal wie Heteros), Euthanasie, Drogen, Prostitution etc. Die Niederländer tolerieren scheinbar alles, ausser Intoleranz. Das ist zwar nicht ganz wahr, aber ein akzeptabler Mythos.

20.11.2006

Randale bei ADO Den Haag

von Falk Madeja

Als Jard und ich am Sonntag das flotte Spiel Ajax Amsterdam gegen den FC Twente Enschede (1:1) machte mir die begeisterte Jard (8) den Vorschlag: „Papa, lass uns doch einfach jedes Spiel von Ajax ansehen, ich meine, wenn du da bist.“ Wir sehen uns alle 2 Wochen. Gute Idee. Diese Woche will sie ihre neue Ajax-Kappe in die Schule mitnehmen.

In dem Moment, als wir die Amsterdam Arena verlassen, werden noch die anderen Ergebnisse eingeblendet. ADO Den Haag – Vitesse Arnheim 0:3. Erst zuhause erfahre ich, dass sich bei dem Spiel ein Drama abgespielt hat. In der 63. Minute stürmten so um die 100 sogenannte ADO-Fans auf den Rasen – der Zwischenstand hatte die Tabellensituation von ADO, Letzter, natürlich nicht verbessert. Schon am Samstag, als ADO trainierte, hatte einige der Uultra-Bekloppten das Trainingsfeld gestürmt – und selbst am Tag nach dem Abbruch tauchten die aggressiven Typen beim Trainer Frans Adelaar zu Hause in Ijsselstein auf. Das Algemeen Dagblad berichtet, dass dabei „menschen-entehrende“ Äusserungen gefallen seien – und während des Spiels wurde offenbar die Familie des Trainers beschimpft und bedroht. Er trat daraufhin zurück.

Dem Club geht es jetzt ans Leder. Der Shirtsponsor DSW, eine Versicherung, kündigte an, dass der DSW-Schiftzug von den ADO-Trikots entfernt werden solle. „Der Sponsor-Vertrag hat für uns nur noch negativen Wert“, erklärte DSW-Direktor Chris Oomen. Der Vertrag läuft allerdings noch bis 2008 – und werde respektiert. „Aber wenn die Sache noch einmal aus der Hand läuft, stoppen wir sofort.“

Übrigens bekommt der Club im kommenden Jahr ein neues Stadion, für 15.000 Zuschauer am Prinz Claus-Plein. Da sollen die Sicherheitsvorkehrungen viel besser sein. Bin mal gespannt, ob die verbale Gewalt bei ADO damit auch abnimmt. Auch bei ADO wollen Eltern ihre Kinder ohne Angst zum Spiel mitnehmen.

Bei Ebay, wo einige Fans vergangene Woche den Club verkaufen wollten, konnte ich den entsprechenden Eintrag nicht mehr finden.

18.11.2006

Preis-Kampf mit dem Jippy-Kondom

von Falk Madeja

In der Tat ein Problem: in Holland sind Kondome schweineteuer – beim Drogisten kostet etwa ein Packung Durex mit 12 Stück gleich mal 8,00 Euro, also 66 Cent pro Stück. Kein Wunder, denn von den 18 Millionen jährlich in den Niederlanden verkauften Kondomen kommen 80 % von einer Kondom-Marke, nämlich Durex. Für viele Jugendliche sind 8,00 Euro für so eine Packung ein schöne Stange Geld und darum kaufen sie nach Meinung mancher zu selten Kondome.

Doch jetzt kommt Bewegung in den Markt. Die Stiftung „Jippy“ aus Groningen kommt mit Kampfpreisen: „Bei uns gibt es 10 Kondome für einen Euro“, sagte Rodger Kiekens von „Jippy“ in De Volkskrant. In nur einem halben Jahr habe man 1 Million Kondome für den Niedrigpreis absetzen können. Kiekens: „Die Produktion eines Standard-Kondoms kostet höchstens 10 Cent.“ Man habe eine grosse Kondom-Fabrik in China gefunden, die für einen erheblich niedrigeren Preis liefern könne. In den kommenden 5 Jahren wolle Jippy durch Freiwillige im ganzen Land 50 Millionen Jippy-Kondome austeilen.

Marktführer Durex hat damit kein Problem. „Alle Aufmerksamkeit für Safer Sex ist gut“, erklärt Frans Smits, Sprecher vom Durex-Produzenten SSL. „Die Verbraucher sagen uns, dass der Preis kein wichtiger Faktor ist bei der Frage, ob man ein Kondom benutze oder nicht. Wer 5 Euro für einen Breezer ausgibt, hat auch 60 Cent für ein Kondom.

Wir werden sehen. Jippy will jetzt im grossen Stil die Billig-Kondome austeilen und ich gehe jede Wette ein, dass Durex am Ende doch die Preise senken wird müssen. De Volkskrant schreibt, dass nur in Irland die Preise noch höher sind. In Irland ist der Markt viel kleiner, auch weil Verhütungsmittel auf der katholischen Insel viele Jahre verboten waren.