88 % aller Marokkaner Hollands lehnen Schwule im Freundeskreis ab
von Falk MadejaIm Herbst 1997 drehten wir für die ARD einen Beitrag über die erste Homo-Ehe in den Niederlanden. Wobei die Wortschöpfung Homo-Ehe nicht zutreffend war – denn, wie Hollands einflussreicher Publizist und Herausgeber der Gay-Krant (Gay-Zeitung) immer zu Recht sagte, handelte es sich nicht um eine „Homo-Ehe“ (wer sagt denn Hetero-Ehe?) sondern um Ehe. Um genau zu sein in dem fraglichen Moment auch nicht um Ehe sondern um registrierte Partnerschaft. Inzwischen ist es auch wirklich Ehe, und als Pieter und Peter (Onkels meiner Tochter Jard) sich im September 2006 das Ja-Wort gaben, dann ist das alles ganz normal. Jard (8 Jahre alt) wächst schon damit auf, dass eben auch Frauen Frauen und Männer Männer heiraten können. Das ist auch gut so, sagten wir uns, als wir vor einer Woche bei Pieter und Peter in aller Seelenruhe in ihrer Wohnung in Utrecht Cafe tranken.
Doch ist es noch lange nicht so, dass Homosexualität in den Niederlanden frei von Kontroversen ist. Um nicht um den heissen Brei zu reden: es ist natürlich so, dass bestimmte Einwanderer-Gruppen mit dem Thema nicht viel anfangen können. Das Algemeen Dagblad berichtet, dass 80 % der in den Niederlanden lebenden Türken und 88 % der im gleichen Land wohnenden Marokkaner einer Untersuchung zufolge einen Homosexuellen im eigenen Freundeskreis nicht akzeptieren würden.
So ist es dann auch logisch, dass das Thema im Wahlkampf besprochen wird. Rita Verdonk war bei der Vertretungsorganisation der niederländischen Homosexuellen, COC, eingeladen. Demonstrativ sagte sie dem COC zu, dass das Haager Kabinett 700.000 Euro zur Verfügung stellen werde, um Homosexualität bei den besagten Einwanderer-Gruppen aus der Tabusphäre holen zu können. Das COC bekommt 500.000 Euro für eine Info-Kampagne, das Institut für Multikulturelle Entwicklung 200.000. Rita Verdonk erschrak, weil es offenbar doch manche Gewalt von Einwanderer-Jungs gegenüber Homosexuellen gibt. Homosexuelle Lehrer haben es bei den in Macho-Kultur aufwachsenden Moslem-Burschen hier und da nicht einfach, und dann war da noch ein Mann, dessen Haus sogar von Einwanderer-Jungs in Brand gesteckt wurde.
COC-Vorsitzender Frank van Dalen sagte: „Wir wollen Homosexualität bei den Einwanderern ein Gesicht geben. Niederländische Marokkaner sind häufig konservativer als Marokkaner in Marrakesh. Dort gibt es inzwischen eine lebendige Homo-Szene.“
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Gibt es eigentlich auch Untersuchungen darüber, wieviel % der deutschen Berlin-Hellerdorfer, Rostocker oder Vorpommeraner was gegen Schwule haben? “Nur” 50, 60, 70 % oder mehr? Ob es wohl möglich ist für zwei Männer in Brandenburg händchenhaltend spazieren zu gehen? Ich glaube, in Kreuzberg (über 60% Migranten) ist es nicht nur angenehmer, es ist sogar ungefährlicher.
Lieber Jörg Neubauer,
ja, so leicht kann man es sich machen. Es geht nun aber in der Untersuchung nicht über Hellersdorf sondern um die Niederlande. Und da sind so manche schwule und lesbische Niederländer, die die heute geltenden Rechte für Homosexuelle für etwas halten, das gegen die mittelalterlichen Vorurteile verteidigt werden muss. Wenn Sie also Geschichten über Hellersdorf von mir erwarten, dann muss ich Sie enttäuschen. Da kenne ich micht nicht besonders aus.
Die Niederlande haben zur Zeit mit die reaktionärsten Gesetze für Immigranten in Europa. Gleichzeitig herrscht große Liberalität gegenüber Frauen und Schwulen, die es nun bis zur Führungsposition rechtsradikaler Parteien bringen können. In Deutschland gibt es ähnliche Tendenzen, wie am Beispiel des Ex-CDU Senators Kusch deutlich wird.
Es ist verrückt, dass ausgerechnet diejenigen, die so lange vehement gegen Frauengleichstellung und die der Lesben und Schwulen gekämpft haben, gar die Familie in Gefahr wähnten, ausgerechnet deren Errungenschaften nun als Beispiel für den “demokratischen, freien Westen” gegen den Islam hochhalten und instrumentalisieren. Dieser Gedanke wird in dem Text nicht ansatzweise einbezogen.
Wenn der Satz “Macho-Kultur aufwachsenden Moslem-Burschen” auftaucht, dann empfehle ich eben doch einen Spaziergang nach Hellersdorf. Würde das Geschehen dort so formuliert werden? “Macho-Kultur aufwachsender Christen-Boys?” oder was sagt man eigentlich dazu? Leben die auch im “Mittelalter” oder ist das schon “Neuzeit”?