vontaz.meinland 28.02.2017

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Mannheim war für mich immer mehr ein Rückkehrort als eine Heimat. Warum diese Stadt trotzdem etwas Besonderes ist und taz.meinland hier Halt machen wird.

Mannheim – das war nie meine Wahlheimat. Dort habe ich die ersten 20 Jahre meines Lebens verbracht. In der Eichhörnchen-Gruppe des Maximilian-Kindergartens lernte ich, dass man Mädchen nicht ärgert. Und dass man, wenn man es doch tut, alleine spielen muss. Beim MFC 08 Lindenhof bereitete ich meine Fußballkarriere vor, zu der es dann allerdings nie kam. Meine besten Freunde im Team hießen Pietro and Fathi, meine Trainer Jose und Juan.

Die Vereine, gegen die wir spielten nannten sich Türkspor oder Turanspor. Gesprochen wurde auf allen möglichen Sprachen. Was uns verband, das war der Sport. Auf dem Bach-Gymnasium kamen neue Freunde dazu: Marian, Johannes, Lena. Wir alle wohnten in Häusern, die sich deutlich von den Wohnungen der Fußballfreunde unterschieden. Auf dem Platz hat das niemanden interessiert. Irgendwann wurde Fußball zu Tennis. Der Musikgeschmack änderte sich passend zum Kleidungsstil.

An den Rheinterrassen bekam ich meinen ersten Kuss von einer französischen Austauschschülerin namens Marie. Wenig später war ich das erste Mal betrunken und fiel vom Fahrrad. Der Kieselstrand am Rhein wurde zum Fluchtpunkt der Pubertät. Die Schule lief irgendwie nebenher. In der 11. Klasse verbrachte in ein Jahr in den USA. Danach fand ich Mannheim langweilig und Englisch cooler als Deutsch.

Von Mannheim nach Maastricht

Im Estragon brachte mir Mark das Cocktailmixen bei und ich lernte, dass man rauchen muss, um Pausen machen zu dürfen. Ich machte das Abitur und wollte ins Ausland. Natürlich war ich zu spät dran mit der Bewerbung und machte stattdessen meinen Zivi in Mannheim am Nationaltheater. Erst als ich einen Studiengang fand, der so schwammig klang wie meine Zukunftspläne, verließ ich Mannheim und zog für die nächsten drei Jahre nach Maastricht.

20 Jahre Mannheim – mit kleineren Unterbrechungen – waren plötzlich vorbei. Zurück wollte ich seitdem nie. Okay, die Familie besuchen, Freunde sehen. Aber in Mannheim leben? Meine Zukunft irgendwo zwischen Rhein und Neckar, zwischen „ajo“ (ja) und „do unne“ (dort unten) verorten? Nein, danke.

Inzwischen hat sich mein Bild von Mannheim gewandelt. Wenn im ICE die ersten „Glei simma do“ sagen, beginne ich zu lächeln. Ja, ich würde fast sagen neben Familie und Freunden freue ich mich auch auf Mannheim selbst. Denn wo sonst gibt es Stadtteile namens Käfertal, Vogelstang oder Jungbusch? Wo sonst würde man darauf kommen, Lebkuchen „Mannheimer Dreck“ zu nennen? Welche andere Innenstadt besteht aus Quadraten und Buchstaben statt Straßennamen? Und wo sonst sagt man „Alla“ an Stelle von „Tschüss“ (kein Scherz!)?

Ehrlich, dreckig, authentisch

Mannheim ist speziell. Ehrlich, dreckig, irgendwie authentisch. Das „Klein-Istanbul“ hinter dem Marktplatz, wo „Allah“ eine ganz andere Bedeutung hat, gehört genauso zum Stadtbild wie das Schloss, die Pop-Akademie oder das hässliche, aber irgendwie Mannheim-typische Collini-Center. Fast die Hälfte der Einwohner hat einen Migrationshintergrund. Auch für mich war das normal, dass Pietro zu Hause nur Italienisch sprach und Fathi kein Schweinefleisch aß. Oder, dass der Dönermann „kumm noi“ sagte und ich mir erst nicht sicher war, ob ich den richtigen Eingang genommen hatte.

Klar gibt es auch hier Probleme. Sehen kann man das immer wieder an Ausschreitungen zwischen Erdogan-Anhängern und Kurden. Gerade nach dem dem Putschversuch im letzten Jahr kam es auch in Mannheim zu großen Demonstrationen. Politik, die in die Stadt hinein getragen wird und die ihr und den Bewohnern schadet.

Trotzdem: 150 Nationen in 144 Quadraten, die größtenteils friedlich zusammenleben – das ist schon etwas Besonderes. Dazwischen Künstler und Kreative. Das Theater, die Popakademie, auch die Uni – sie alle ziehen junge Menschen an. Die Mannheimer sind stolz auf ihr Mannheim. „Monnem is halt onnerscht“, sagen sie.

An Mannheim kommt auch taz.meinland nicht vorbei. Zum Glück. Mitte/Ende Mai sind wir da.

 

PAUL TOETZKE, Reporter taz.meinland

Foto: dpa

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