Reisetagebuch: Frühlingshafte Zugfahrt

taz.meinland reist ins Saarland, um mit Betroffenen, Verantwortlichen und Interessierten über die dortige Behindertenpolitik zu sprechen. Laila Oudray über ihre Zugfahrt nach Neunkirchen.

Ein Zwitschern unterbricht immer wieder die Stille im Zug. Es klingt, als wäre ein Vögelchen ins Abteil geflogen. Ich drehe mich und sehe: Die Frau im Vierer neben mir ist mit offenen Mund eingeschlafen. Ihr Atem macht dieses vogelähnliche Geräusch.

Als ich wieder aus dem Fenster schaute, merke ich: Ihr Atemgezwitscher passt. An meinem Fenster fliegen die frühlingshaften Landschaften an mir vorbei. Die Sonne scheint und Vögel sitzen in den Bäumen.

Ich bin für eine taz.meinland-Veranstaltung unterwegs ins Saarland. Das letzte Mal war ich Ende Januar in Neunkirchen. Da lag noch Schnee und das Bild aus meinem Fenster glich dem „Winterwonderland“.

Impressionen durch das Zugfenster

Der gegenwärtige Besuch fällt mit dem ersten wirklichen Frühlingstag des Jahres zusammen. Der erste Tag, an dem man, wenn vielleicht auch zögerlich, die offenen Schuhe trägt. Ich könnte mich ärgern, weil ich an diesem ersten schönen Tag nicht im Park sitze, sondern im Zug – aber gleichzeitig ist es der perfekte Einstieg in die warme Jahreszeit.

Ich bekomme quasi den deutschlandweiten Frühling. Überall, wo ich hinschaue, nimmt alles wieder Farbe an – die Wälder sind grüner, die Acker gelber. Und vor allem bemerke ich Menschen.

Wenn der Zug an Feldwegen vorbeifährt, sehe ich die Fahrrad fahrenden Menschen, die auf Bänken sitzenden Senioren, Spaziergänger. Alle strömen nach draußen.

Wir fahren an einer Schrebergarten-Siedlung vorbei und mir fällt mir auf, dass bereits am Vormittag Bewohner in ihren Gärten sitzen, ihn verschönern: Es wird angebaut, gemäht, gerupft.

Als der Zug durch eine Stadt fährt, kann ich kurz sehen, wie zwei Mädchen an einem Brunnen hocken und ganz in Ruhe ihr Eis genießen.

Der Frühling ist da. Im Zug ist es jetzt andächtig ruhig, die meisten Menschen schlafen oder schauen auch gebannt aus dem Fenster. Auch das Gezwitscher ist weg. Die Frau ist aufgewacht. Gerade rechtzeitig, denn der Zug wird gleich seine Endhaltestelle erreichen.

 

LAILA OUDRAY, Reporterin taz.meinland

Foto: dpa

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