Generationen im Dialog: Revolte gestern und heute?

In der Neuköllner Oper wurde am 18. Juni unter dem Titel „Revolte heute“ zum Generationendialog über die Bedeutung der Revolte in unserer Gegenwart geladen. Das Panel besetzten Stefan Greiner (Die EPILOG), Tarik Tesfu (Internetaktivist und Spezialist für Genderfragen), Hannes Schrader (Zeit Campus Online), Knut Nevermann (Studentenführer und Staatssekretär f. Wissenschaft a.D), Wolfang Kraushaar (Historiker) und Jan Feddersen (Projektleiter von taz.meinland). Moderiert wurde die mäßig besuchte Diskussionsrunde von Katharina Meyer. Aber was heißt denn Revolte überhaupt? Ist es eine Sehnsucht oder eine Notwendigkeit?

Eröffnend betonte Bernhard Glocksin (künstlerische Leitung der Neuköllner Oper), dass die Oper selbst 1972 als antiautoritäres Projekt konzipiert war. Die 68er Dissidenten stellten sich gegen den Zugriff des Staates und die verpieften Konformitäten der adenauerschen Traditionspolitik. Aber wie steht es denn heute mit der Dissidenz, gerade wenn das Gros der Oper-Finanzierungen vom Staat kommt? Und da liegt der Hund auch schon begraben: Revolte lässt sich leicht sagen – gegen bzw. für wen oder was wissen jedoch die Wenigsten. Vielleicht ist es einfach nur ein unbestimmtes emotionales Verlangen nach etwas Neuem? Erneuerungsbedarf gäbe es ja genug, oder?

Neue Chancen, neue Risiken

Zu Beginn der Runde war erwünscht, dass die Panelgäste persönliche Gegenstände vorstellen, mit welchen Sie die gesellschaftliche Veränderung seit den 68ern beschreiben sollten. Jan Feddersen zeigte am Beispiel der Pop-Band ABBA, dass sicher geglaubte bürgerliche Ideale – die der weißen, heterosexuellen Familie im Eigenheim – bis zu den 80ern zerbrochen wurden. Der Begriff Zukunft wurde zunehmend undruchsichtig. Ein wenig Ungewissheit schlummerte auch in den weiteren materiellen Verbindungen zwischen den Zeiten: Kommunikationsapps, Gedichtbänden, Pussyhats und Europafahne.

Alle Gegenstände zeigten, die Rahmenbedingungen haben sich geändert: digitale Medien, die Welt mit einem Click erreichen, globale Wirtschaftsvernetzungen usw. – neue Chancen, neue Risiken. Bieten diese Risiken den Stoff für eine Revolte? Wo kann man anfangen? Bei den Institutionen und ihrer starken Position, Gesellschaft maßgeblich mitzugestalten. Kritik an den Institutionen sei unabdingbar, ein blindes einfach-dagegen-sein hingegen eher kontraproduktiv, so Wolfgang Kraushaar. Das erinnert an Rudi Dutschkes Forderung nach einem langen Marsch durch die Institutionen. Ein Vermächtnis der 68er.

Und Internet?

Tarik Tesfu ist hingegen überzeugt, dass wir öfter mal den Mittelfinger zeigen sollten, besonders „denen da oben.“ Er versteht den Mittelfinger als Ausdruck einer Bewegung von unten. Und den zeigt er am liebsten online, wenn er sich charmant gegen Hatespeech, Alltagsrassismus und -sexismus engagiert. „Manchmal reicht der Mittelfinger nicht aus, aber zumindest ist er ein guter Anfang“, so Tarik Tesfu. Der digitale Aufstand ist hier. Das Internet hat heute die Funktion des Megafons von damals und kann Betroffenen Gehör verschaffen. Reichweite ist das A und O. Die Straße ist für Tarik Tesfu aber eher weniger attraktiv. Also eine rein digitale Revolte? Wie soll das gehen?

Hannes Schrader widersprach, denn der digitale Protest stoße schnell an seine Grenzen. Seine Einschätzung: Wahlen sind nach wie vor die zentralen Mitgestaltungsorgane der Demokratie. Wahlen haben die Kraft, Menschen zu mobilisieren – auch für die Straße, das zeige der Brexit.

Protest ungleich Revolte

Protestformen wie die des französischen Nuit Debout wurden als bürgerliches Mittelschichtsphänomen diskreditiert. Die Bewegung habe versäumt, die konkreten gesellschaftlichen Ungleichgewichte zu adressieren – beispielsweise die ungleichen Verhältnisse materiellen Reichtums sowie Bildungs- und Aufstiegsperspektiven, berichtete Hannes Schrader.

So lässt sich Ähnliches am Revolten-Projekt der 68er beobachten, das von weißen, heterosexuellen Männern dominiert war. Es ist an der Zeit neue Sichtweisen nicht nur zuzulassen, sondern dafür zu kämpfen. Die neuen Kommunikationskanäle des Internets bieten nie gekannte Chancen, doch erkennen wir sie? Klar ist: Analog und digital schließen sich nicht aus.

Knut Nevermann und Wolfgang Kraushaar berichteten als Zeitzeugen von den 68ern. Sie gaben äußerst spitzfindige Einblicke in die Studentenbewegung und vermittelten das Gefühl von Aufbruch, das zu jener Zeit geherrscht haben muss. Leider verloren sie sich im Geschichtenerzählen und die zuvor angeklagte Dominanz der weißen-hetero-Bürgerlichkeit wiederholte sich auf der Bühne. Können sie die geeigneten Anwälte eines gegenwärtigen Revolte-Gedankens sein?

Die Frage, was nun Revolte für uns bedeuten kann, kam zu kurz. Antworten gab es keine. Zwar wurde die Diskrepanz zwischen analogem und digitalem Protest angesprochen, doch die eigentlichen Internet-Aktivist*innen kamen nur selten zu Wort. Aus den 68ern können wir vieles lernen, doch können Sie unser gegenwärtiges Ringen nicht gänzlich erklären. Eine Empfehlung an Professor*innen, die von vergangenen aber gewonnen Kriegen zu erzählen lieben?

TORBEN BECKER, Redakteur taz.meinland

Foto: dpa

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