vontaz.meinland 25.07.2017

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Wie ich erst nach und nach feststellte, dass das mit dem Dazugehören auch als Einheimischer doch nicht immer ganz so selbstverständlich ist.

„Woher kommst du denn? …Naja, weil du so Schlitzaugen hast.“ Diese Frage hörte ich oft genug, häufiger noch als die Frage nach meiner Geschlechtszugehörigkeit. Oft genug, um einen Teil meiner Kindheit zu prägen. Oft genug, um schon damals einen Eindruck davon zu bekommen, dass zum „Von-Hier-Sein“ mehr dazugehört, als hier geboren zu sein. Und auch oft genug, um zu merken, dass an mir zwischen mehrheitlich weiß-deutschen, blonden und rundäugigen Menschen irgendetwas auffällig sein muss. Aber ich hörte diese Frage – zum eigenen Glück – bei Weitem selten genug, als dass ich sagen müsste, in meinem Leben Opfer von Rassismus gewesen zu sein.

Doch nur dreiviertel-deutsch?

Ich war mir meines Deutsch-Seins und des „Hier-gehöre-ich-hin“-Gefühls bewusst und sicher genug, um die Fragen nach meiner sogenannten Herkunft nicht als bösgemeinten Angriff zu verstehen. Oder als In-Frage-Stellen einer  vermeintlich von außen gegebenen Erlaubnis, mich hier heimisch fühlen zu dürfen. Um solcherlei Zweifel aufkommen zu lassen, waren meine Eltern auch einfach zu deutsch. Erst nach und nach begann ich zu verstehen: Um als „wirklich deutsch“ zu gelten, reicht es einigen nicht, wenn man hier geboren ist und deshalb gut deutsch spricht.

Erst spät verstand ich, was es bedeuten kann, wenn man als Kind einen dritten Opa vorgestellt bekommt. Zwei auf mütterlicher Seite, den einen erst mit sieben Jahren. Damals war ich wohl zu überfordert, um den Besuch aus der Türkei einordnen zu können. Deutlicher erinnern kann ich mich daran, wie ich mich über die Nintendo-Konsole gefreut habe, die dieser alte Mann mir und meinem kleinen Bruder ganz selbstverständlich beim gemeinsamen Shopping-Ausflug kaufte.

Ich war zu überfordert, um einzuordnen, worauf die stolze Freude meiner Mutter, aber auch ihre Aufgeregtheit hinweisen könnten und was der Umstand bezeugt, dass nur kurze und mit Akzent versehene Sätze in meiner Sprache, Deutsch, aus seinem Mund zu hören waren. Nur einmal war ich bisher selbst zu Besuch in Istanbul.

Ganze zwanzig Jahre, nachdem ich meinen Großvater kennengelernt hatte, und 15, nachdem ich ihn zum zweiten und damit letzten Mal gesehen hatte, bevor er ein paar Jahre später starb. Dort in der Türkei holte ich nun, von meiner dort lebenden Halb-Tante begleitet, zumindest einen Teil der Ferne ein, die meiner Mutter auferlegt war. Und ihr während ihres Aufwachsens im oberbayrischen Heimatdorf ein Stück Fremdheit bescherte.

Das alte Bayern keine Heimat, das neue Bayern innerdeutsches Neuland

Und auch diese bei mir selbst verankerte Distanz zu Bayern lernte ich erst später einzuordnen: die intuitive Distanz zum Dialekt, der um München herum so freischnauzig und bellend zu hören ist (und mich oft genug zum schüchternen Nachfragen zwang). Und die angeödete Distanz zu traditionellen Gepflogenheiten, die auf mich schon immer ungelenk, folkloristisch-fremd bis albern wirkten.

Meine Eltern sind zwar beide mit deutschen Eltern in Bayern aufgewachsen, jedoch wenn überhaupt mit Restbeständen der Traditionen aus Schlesien und Pommern. Und auch diese hatten sich in der Nachkriegszeit verschliffen. Religion war unwichtiger geworden oder hatte ihre versprochene Heilsmacht längst einbüßen müssen – im Angesicht der Shoa und dem Umgang mit und der Teilnahme an Faschismus und Krieg.

Erst in den letzten Jahren wurde mir klarer, welche Konflikte auch zwischen den Generationen meiner Großeltern und Eltern in der Umbruchstimmung der 68er-Bewegung ausgefochten wurden. Diese machte die Generation meiner Eltern zu anderen Eltern: Es galt, Autoritäten und Anweisungen zu hinterfragen. Sowohl innerfamiliär als auch in Konfrontation mit Staat und Gesellschaft. Und zu erkennen, dass es da draußen so viel mehr Wahrheiten und Blickwinkel gibt als die, die uns durch kulturelle Mauern vor die Pupillen geklebt werden.

LION HÄBLER, taz.meinland-Redakteur

Foto: dpa

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