vontaz.meinland 04.08.2017

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Berliner unter 40 stehen gerne mal eine Dreiviertelstunde für Mustafas Gemüsekebap an. Die meisten lassen sich aber, zumindest ab und zu, auch für Hausmannskost begeistern. Bei einem bestimmten Gericht wird jeder nostalgisch. Für taz.meinland-Redakteur THILO ADAM sind das zerhäckselte Wurstreste in Kartoffelmatsch.

Wenn nach einem langen Schulvormittag Oma die Haustür aufmachte, war die Vorfreude groß. Denn meistens hieß das: Es gibt Wurstknödel. Niemand, der uns Geschwistern sonst die hungrigen Mäuler stopfte, traute sich da ran. Bis heute gilt: Wurstknödel? Nur von Oma. Wenn sie dann aber mal die Verantwortung für die Küche hat, muss sie auch. Wurstknödel, beste.

Dabei machen die massigen, bleichen Klumpen erst mal weder optisch noch phonologisch sonderlich Appetit: Zwischen Quinoa- und Chia-Samen, zwischen Grünkohlsmoothies und Kimchi sind „Wurst“ und „Knödel“ für urbane Europäer, für die kulinarische Bohème alt-bundesrepublikanische Relikte, die mehr als tennisballgroßen Ergebnisse ihrer Vereinigung verachtenswerte Anachronismen. Höchstens in Subzirkeln der elitären Ernährer verspricht ihr Retro-Chic – als gustiöses Pendant zu Ohrensesseln und orange-braunen Mustertapeten – Hipness und Distinktionsgewinn.

Ein Gericht wie das geteilte Berlin: außen trist, innen rosig

Aber nicht nur exegetisch (Form und Inhalt!) ist der Wurstknödel gefundenes Fressen. Abseits von Zeitgeist- entscheiden jedoch Geschmacksfragen: Mantel oder alles durchmischen? Semmelbrösel oder Kartoffelteig? Nach dem Kochen in Butter anbraten? Und wie heißt eigentlich die einzig legitime Beilage: Rot- oder Blaukraut?

Für Oma gibt es einfache Antworten. Wurstknödel sind auf jeden Fall Kartoffelknödel. Die kleinen Löckchen der faschierten Saiten- und Brühwurstreste werden locker zu Bällchen geformt und eigelb-artig eingeschlossen von kompaktem Kartoffelmatsch. Im Anschnitt mimt der Wurstknödel also das 70er-Jahre-Berlin: außen trist, innen rosig – klare Grenzen. Die Knödel werden sanft angebraten und serviert wird natürlich an Blaukraut. Soweit Oma.

Über den größten Vorzug allerdings herrscht Uneinigkeit zwischen den Generationen: Wurstknödel bleiben übrig. Selbst bei ausgeprägtem Hunger und allgemeiner Opferbereitschaft – nach dem fünften, spätestens sechsten faustgroßen Kloß spannt auch bei Fans der Ranzen. Umso besser: Das Blaukraut ist am nächsten Tag erfahrungsgemäß aufgebraucht. Am puren Knödel hat man doppelt Freude.

THILO ADAM, taz.meinland

 

Foto: dpa

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