vontaz.meinland 22.08.2017

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Zum 25. Jahrestag der rassistischen Angriffe auf AsylbewerberInnen in Rostock-Lichtenhagen: Engagierte aus Politik und Zivilgesellschaft wollen durch aufrichtiges Erinnern zur Wachsamkeit drängen.

Das taz.meinland-Team lernte Heidemarie Beyer als engagierte Bürgerin bei unseren Veranstaltungen in Güstrow und Rühn kennen. Statt das Vorurteil einfach stehen zu lassen, mit dem wir aus Berlin nach Mecklenburg kamen – nämlich, dass in Güstrow das größte Problem die ReichsbürgerInnen seien – lud sie uns erneut ein und zeigte uns stattdessen ein engagiertes, aktives Mecklenburg.

Auch zu Rostock-Lichtenhagen hat sie persönliche Bezüge und Erinnerungen. Zu dem Ortsteil im Nordwesten der Ostsee-Stadt, der seit den rassistischen Angriffen und Unruhen im August 1992 im kollektiven Gedächtnis Deutschlands ruht. Viele kritisieren seitdem das damalige Versagen der Politik, was vielleicht sogar mehr gewesen sei: gewolltes Wegschauen, um die Zustände eskalieren zu lassen. So konnten diese von Seiten der CDU als Verhandlungsmasse für parlamentarische Streits mit SPD und Grünen genutzt werden.

Die politischen Auseinandersetzungen mündeten im darauf folgenden Dezember tatsächlich im sogenannten Asylkompromiss. Heidemarie Beyer ist immer noch engagiert und fasst zusammen:

Die zentrale Aufnahmestelle selbst war schon überfüllt. Man hat die übrigen Leute aus den Balkanstaaten direkt davor im Freien campieren lassen, ohne für Toiletten oder Ähnliches zu sorgen. Wir hatten den Eindruck, dass man die Stimmung anheizen wollte, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Ich verstehe, dass die Situation somit für die dort benachbarten, deutschen Anwohner eine Zumutung war, aber auch das rechtfertigt nie solch ein Maß an Hass und Gewalt

Gestern, heute, morgen

Frau Beyer kontaktierte uns, um auf die Aktionstage hinzuweisen, die zum 25. Jahrestag der Pogromstimmung und Ausschreitungen stattfinden. Unter anderem soll die Seite der Kunst das Thema aufarbeiten. Bei der städtischen Ausschreibung dazu konnte die Gruppe SCHAUM überzeugen. Unter dem Mantel „Gestern, heute, morgen“ entstanden seitdem steinerne Blöcke, die nun als „Gedenkstücke“ dienen sollen. Diese werden vom Dienstag, den 22. August bis Samstag, den 25. August öffentlich eingeweiht, und zwar an verschiedenen Orten, dezentral in der Stadt verteilt.

Ziel ist es, das Gedenken an mehreren, gut sichtbaren Punkten des öffentlichen Lebens zu platzieren. So soll die gesamte Gesellschaft, „also die fünf Grundpfeiler der Demokratie“, wie Alexandra Lotz von SCHAUM sagt, in die Verantwortung genommen werden. Denn: „Wenn alle fünf gleichzeitig versagen (wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen eben), dann passiert so etwas in dieser schrecklichen Form, Angriffe auf Menschenleben.“

Alle gemeinsam in der Verantwortung

Nicht nur VertreterInnen von Seiten der Gesetzgebung, -anwendung und Rechtsprechung sollen adressiert werden. Auch die Medien spielten und spielen ihre Rolle, taten und tun ihren Beitrag, oder eben nicht. Und da sei eben noch die Zivilgesellschaft selbst als fünfte notwendige Kraft, die Demokratie zu stützen und in Balance zu halten. So werden nicht nur in Richtung der „Politik“ und der „Staatsgewalt“ unbequeme Fragen gestellt – aufs Rathaus gerichtet in Form eines Tränenbeckens und vor einer Polizeiwache in Form einer steinernen Gesetzestafel.

Die Werke appellieren gleichzeitig auch an die Bürgerinnen und Bürger selbst. Alexandra Lotz erklärt:

Wir fanden wir es wichtig, nicht nur in die Vergangenheit zu verweisen, sondern auch generelle Fragen zum menschlichen Umgang aufzuwerfen. Zum Umgang mit Menschen, die nicht bei uns beheimatet sind. Wir wollen sozusagen keine einfache Befriedung schaffen, sondern fordern an allen fünf Orten auch die Betrachter dazu auf, sich selbst zu fragen: Was würden wir tun, wenn so etwas passiert? Wie haben wir uns damals verhalten? Und wie werden wir uns zukünftig verhalten, wenn die Flüchtlingsströme (wie wir sie auch jetzt aktuell haben) auch wieder zunehmen?

Auf der Internetseite www.Rostock-Lichtenhagen-1992.de können sich Interessierte auch außerhalb Rostocks über den künstlerisch-fordernden Umgang mit Geschichte und Zukunft informieren. Auf www.Gedenkstücke.de lässt sich eine Übersicht der Aktionstage finden.

LION HÄBLER, Redakteur taz.meinland

Foto: dpa

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