Geschichten aus meinland: Vom Musikvideodreh zur Integrationsfrage

Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg: Der zugezogene Rapper Beatyov will ein Video gegen Gentrifizierung drehen. Das funktioniert auch ganz gut, bis ein als Bettler bekannter Mann auftaucht.

Eine kleine Menschenmenge biegt um die Straßenecke. Junge und Alte halten Schilder in die Höhe, die gegen Verdrängung und für das Bleiberecht der hier Lebenden streiten. Andere Mittdreißiger tragen Kinder auf ihren Schultern oder schieben diese im Kinderwagen vor sich her und lassen die Meute eher familiär-bürgerlich als links-autonom wirken. Aus einer Lautsprecherbox tönt dazu ein Rap-Song. Die Catchphrase behauptet: „Identität gibt’s nicht bei Ikea“.

Der Straßenzug ist keine angemeldete Demo, sondern das, was heute „Flashmob“ genannt wird. Dieser wird hier dazu inszeniert, um aus dem im Studio aufgenommenen Rap ein buntes Video zu machen. Deshalb läuft ganz vorne, noch vor dem gestikulierenden Sprechartisten, ein junger Mann mit Kamera. Mit dabei auch jemand, der so etwas wie den Trump-typisierten Klischee-Immobilienmakler verbildlichen soll – mit Anzug und Krawatte verkleidet, und einer blonden Perücke ausgestattet.

Bunter Protest gegen Gentrifizierung

Die gespielte Szene wirkt auf mich wie sympathisches Engagement. Vor diesem Real-Life-Bühnenbild werden aber auch Widersprüche sichtbar. Es ist Samstag Nachmittag, auf den Sitzbänken nahe eines Jugend- und Familientreffs sitzen alkoholisierte Menschen. Der Flashmob nimmt den Platz vor der Begegnungs- und Unterbringungsstätte ein, die Betrunkenen verziehen sich missmutig. Ihnen ist das Getöne zu laut.

Kameramann und Beatyov geben Anweisungen an die Statist*innen. Diese sollen sich im Kreis um den Protagonisten stellen, sodass die Kamera dem sich drehenden Rapper folgen kann, während dieser seinen Text performt und immer eine unterstützende Menge im Rücken behält.

Die eingenommenen Rollen folgen einer klaren Verteilung, die vorgesehenen Abläufe sind klar anvisiert.

When keeping it unreal goes wrong

Doch auf einmal tritt ein junger Mann von außerhalb mit in die Mitte des Kreises und legt seinen Arm um den Rapper, fängt an, die Gestiken nachzuahmen und zu ergänzen. Für mich sieht es blitzartig wie ein Glücksfall und eine spaßige Angelegenheit aus. Der Kameramann sieht das anders. „He, geh weg da. Geh raus aus meinem Bild!“ Als der junge Mann nicht (oder zumindest zu langsam) reagiert, schubst der Kameramann ihn leicht. Diese Handgreiflichkeit lässt die Stimmung ruckartig aus den Fugen geraten: Der Eindringling bringt sich in Kampfstellung, die er sich aus Karatefilmen abgeschaut haben könnte, und greift in seine rechte Hosentasche. Heraus zieht er etwas, was nach Pfefferspray aussieht. Der Kameramann versteht quasi instinktiv, welchen Verlauf er damit losgetreten hat. Er zuckt zusammen und flüchtet ein paar Meter außerhalb des Kreises.

Die umstehende Menge versucht, zu beschwichtigen. Auf Deutsch und auf Englisch.

Dem Rapper fällt selbst erst nach ein paar Sekunden ein, den Video-Take an der Stelle abzubrechen: „He, macht mal die Musik kurz aus!“.

Ein älterer Statist nutzt eine Sprache, die außer ihm und dem Hinzugekommenen niemand versteht. Die nonverbalen Gesten werden daraufhin bedrohlicher. Ein deutschsprechender Mann im hellblauen Anzug und sommerlichen Strohhut bietet sich Mediator an und führt den Hinweggewiesenen um die Ecke.

Nicht mit ins Bild gepasst

In der Abwesenheit des als Störer empfundenen Mannes erklären mir die am Dreh beteiligten, eben jener „Gypsi“ (wie er von jemandem bezeichnet wird) sei ihnen schon öfters aufgefallen, der hätte so seine Maschen. Auch ich kannte den „Typen“ (wie ich selbst ihn lieber nenne) auch schon von zwei Tagen zuvor. Mit einem kleinen Jungen, vielleicht ein Bruder, Neffe oder Sohn, war er im Görlitzer Park umher gelaufen, hatte ein Schild mit englischen Schilderungen seiner Lebenssituation dabei, zeigte es und bat um Geld.

Die Absurdität dieses leicht entglittenen Videodrehs wird von einem Passanten zusammengefasst. Mit Bierflasche in der Hand und übergestreifter Jeansjacke murmelte ein etwas älterer Mann:

„Da macht ihr hier ’ne Demo gegen Leute, vor denen ihr Angst habt, weil sie noch reicher sind als ihr es seid. Ihr seid mir ja Spinner!“

Wer verdrängt hier wen?

Ich schwankte zwischen Schmunzeln, Entrüstung, Mitleid und Ermüdung. Es ist ein Drahtseilakt, ein Video mitten im Szenekiez drehen zu wollen und dabei einen rappenden Yuppi-Gegner filmisch in Szene zu setzen. Noch komplexer wird die Herausforderung zwischen Wohnquartieren, in denen sich sowieso schon verschiedene Hintergründe aneinander drängen. Die Widersprüche treten noch schärfer hervor, wenn sich jemand mit ins Bild bewegt, der während des Drehs spontan und eigeninitiativ hinzu stößt. Vor allem, wenn es sich um jemand handelt, der selbst hier lebt, leben will oder sich vielleicht saisonbedingt Arbeit sucht.

Kameratechnik und Zurückdrängung: Rahmen setzen, Schnitt machen

Alles in allem: ein verblüffendes Erlebnis mit Zügen einer Real-Satire. Vor allem mich als innerdeutschen Wirtschaftsmigranten, dem Berlin wohl auch nur vorübergehend Heimat ist, erdet so eine Erfahrung. Menschen suchen nach Lebensraum, und dieser wird auch in solchen zwischenmenschlichen Begegnungen ausgehandelt – mit unterschiedlichen Machtressourcen. Wohlwollend vermute ich hinter dem Schubser des Kameramanns hektische Gedanken, die auch der Überforderung in so einer Situation geschuldet sein können: Vielleicht ist der Typ da betrunken oder versteht kein Deutsch. Vielleicht versteht er eine körperliche Geste besser.

Dennoch schade und fast tragisch, wenn authentische Laune in Form eines echten Menschen im Kamerafokus auftaucht, dann aber aus dem Bild gedrängt und raus geschnitten wird.

LION HÄBLER, Redakteur taz.meinland

(Foto: Lion Häbler)

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