Ankommen in New York

von

Ankommen in New York wird alle paar Monate noch ein wenig schwieriger.
British Airways – leider die billigste Fluglinie – hat nun neue
Sicherheitsbestimmungen: Keine Kosmetika, keine Flüssigkeiten, als
Handgepäck nur noch eine Computertasche. Außerdem gibt es überall lange
Schlangen in Heathrow, weil drei Kontrollpunkte eingerichtet wurden, durch
die sich alle zwängen müssen. Mit Gepäck. So dauert das Umsteigen mehr als
eine Stunde. Schon bei der ersten Kontrolle schaffe es nicht, auch noch
meine Kamera in meine Computertasche zu stopfen. Der Kontrolletti schlägt
vor, ich solle das Buch herausnehmen, das ich in der Tasche habe (“I am
Spock”, von Leonard Nimoy). Ich mache das, aber warum es sicherer sein
soll, das Buch in der Hand zu tragen statt der Kamera, finde ich eher
unlogisch. In New York merke ich, dass ich einen Lippenstift in der
Hosentasche hatte. Faszinierend.

New York vor dem fünften Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center
ist merkwürdig ruhig. Eine unfassbare Anzahl von Ausstellungen,
Diskussionen, Mahnwachen, Filmen und Gedenkveranstaltungen ist angekündigt,
wahrscheinlich erschöpft es alle bereits, auch nur dran zu denken, und erst
recht, irgendwo hinzugehen. Ground Zero ist voller Touristen, die laut sind
und durch den Maschendrahtzaun in die Baustelle gucken.

Am Nachmittag hole ich ein paar Sachen in einem Lager in New Jersey ab, das
der Tante der Tochter eines Freundes gehört. Sie ist in Japan
aufgewachsen, weil ihr Vater CIA-Offizier im Auslandseinsatz war. Glaubt
sie denn, dass die Regierung vorher gewusst hat, dass der Anschlag
passieren wird? Sie lächelt. “Ganz bestimmt”, sagt sie. “Das ist das
Mindeste.” Dann fährt mich ihr Ex-Mann nach Manhattan zurück. Durch den
Lincoln Tunnel, was ein Umweg ist, aber Kleinbusse dürfen nicht mehr durch
den Holland-Tunnel fahren. Die Sicherheit. Er wohnt im Manhattan Plaza an
der West 42nd Street, ein Hochhaus, das bis vor kurzem – bevor es verkauft
wurde – ein Sozialwohnungsprojekt für Theaterleute war. Wir sind uns einig,
dass die Stadt von Immobilienspekulanten zugrunde gerichtet wird.

Am Abend gehe ich in die St. Marks Church im East Village, zum
sonntäglichen Treffen der Leute von “911 Truth.org”. Es laufen Auszüge aus
dem Internetfilm “Loose Change”, wo Wissenschaftler erklären, dass das
World Trade Center vermint war und in die Luft gesprengt wurde. Einer der
Wissenschaftler weiß sogar, dass eines der Gebäude schneller als mit
Fallgeschwindigkeit zusammengesackt ist, was eigentlich nur geht, wenn ein
Traktorstrahl mit Warp 5 dran zieht. Wenigstens ist es kein Physiker,
sondern ein Philosoph.

Auch in der St. Marks Church herrscht kein hoher Energielevel, bloß, als
der Name “Oliver Stone” fällt, kommt leichtes Gebuhe auf.. Und mit meinem
“Roswell 1947″- T-Shirt bin ich auch nicht ganz so passend gekleidet, wie
ich vermutet hatte. Hinterher, beim Einkaufen stelle ich fest, dass die
Milchpreise schon wieder gestiegen sind. Ich hoffe nur, dass George W. Bush
nicht in die Schweiz einmarschiert, sonst zahlen wir noch fünf Dollar für
den Liter.


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