27.10.2006 von
Afghanische Knochen und kein Ende. Bloss in Amerika interessiert das leider keinen Schwanz. Hier warten alle nur ungeduldig darauf, dass Deutschland endlich mehr Soldaten in den Mittleren bis Fernen Osten schickt, statt den wenigen, die unten sind, das Leben so schwer zu machen, dass sie wieder nachhause wollen.
Das wundert mich nicht. Merkwürdig ist aber dass sich die üblichen Verdächtigen in Deutschland ebenfalls nicht zu Wort melden. Wo bleiben die mahnenden Stimmen von Wolf Biermann, Henryk M. Broder und Ralph Giordano, dass ganz Deutschland wegen des menschenverachtenden Umgangs mit besagten Knochen in die Nazibarbarei zurückgefallen ist? Immerhin könnte es sich ja um den Schädel eines im Afghanistankrieg gefallenen russischen Soldaten jüdischen Glaubens handeln. Und im Gegensatz zu den rechtsradikalen Übergriffen prekariatsnaher Ossis wurde der Afghanistan-Einsatz von einem frei gewählten deutschen Parlament beschlossen, wogegen sich, wenn ich noch einmal darüber nachdenke, auch von Seiten der o.g. Berufsbetroffenen kein Widerspruch geregt… weiter lesen
26.10.2006 von
Deutsche Soldaten posieren mit Totenschädeln in Afghanistan? Deutsche und Totenschädel! Das sollte eigentlich ein gefundenes Fressen für die amerikanische Presse sein, die den Nazi hinter jedem Baum sieht, aber nein, die kollektive Empörung in den USA bleibt aus. Statt dessen ein paar dürre Agenturmeldungen. Das wird doch nicht daran liegen, dass die Amis Angst haben, unsere Jungs könnten aus Afghanistan abziehen und die U.S. Army dort alleine lassen? Oder? Ich meine, die sind doch immer echt empört und nicht etwa berechnend oder so?
Auch die Afghanis regen sich nicht auf. Andererseits, Leute, die ihre eigenen Töchter zu Tode steinigen lassen, wenn sie vergewaltigt werden, finden so einen Totenschädel wahrscheinlich auch weniger beeindruckend.
Bloss Deutschland ist mal wieder Betroffenheitsweltmeister. Ganz schlimm ist es offenbar, wenn Bundeswehrsoldaten ihren Schwanz in einen afghanischen Totenschädel stecken — viel, viel schlimmer, als wenn sie ihn in ein serbisches oder ukrainisches Mädchen stecken, dass als Zwangsprostituierte in… weiter lesen
26.10.2006 von
Ein bisschen auf dem Prüfstand steht George W. Bush’s Irakpolitik bei den Wahlen allerdings schon. Gut sieht es im Moment nicht aus, das Hauptproblem aber ist, dass kein Mensch weiss, was Dubya im Mittleren Osten eigentlich will.
Das ursprüngliche Kriegsziel war Rache für den Anschlag auf das World Trade Center, hinter dem Saddam Hussein stecken sollte; so soll sich Mohammed Atta in Prag mit irakischen Geheimagenten getroffen haben (übrigens fast am gleichen Tag an dem sich Osama Bin Laden, einer anderen Verschwörungstheorie, zufolge, in eine Klinik in Dubai auf Kosten der CIA einchecken ließ, ob das Zufall ist?). Die Theorie wurde bald fallengelassen, nun ging es darum, Massenvernichtungswaffen zu finden. Auch das war nix. Inzwischen wollen die USA einen Bürgerkrieg verhindern, den es nicht gab, bevor sie einmarschiert sind. Und natürlich wollten sie den Irak von Saddam Husseins mörderischer Diktatur befreien und dafür eine israelfreundliche Musterdemokratie einführen. Seit Beginn… weiter lesen
23.10.2006 von
Das Datum der Wahl zum Kongress — der 7. November — rückt immer näher, und die Demokraten hoffen inständig, dass sie nun diesmal endlich die Mehrheit bekommen, die sie bei der letzten Präsidentschaftswahl eigenhändig vergeigt haben, indem sie einen Kandidaten aufgestellt haben, der zu jedem Problem drei Meinungen hatte, so ungefähr wie Guido Westerwelle. Was sie mit der Mehrheit dann anfangen, ist eher unklar; dem Krieg gegen den Irak haben die Demokraten damals zugestimmt, und jetzt sitzen die USA dort sowieso fest.
Der Wahlkampf dreht sich aber auch gar nicht so sehr um den Krieg, sondern mehr um Mark Foley, einen republikanischen Abgeordneten, der erwischt wurde, wie er begehrliche emails an 16-jährige männliche Praktikanten schickte. Foley hatte inzwischen sein Coming Out, trat zurück, sagte, er sei als Ministrant von einem Priester belästigt worden, und versprach, in eine Klinik für Alkoholabhängige zu gehen (woraufhin sich die Lobby der Alkoholiker beschwerte, dass… weiter lesen
16.10.2006 von
Im besseren Teil von New Orleans, im Garden District, läuft das Remake von „All the King’s Men.“ Sean Penn spielt Huey Long, den populistischen Gouverneur von Louisiana, der 1935 erschossen wurde. Der Film schwelgt in Bourbon, Zigarrenrauch und Sex, bloß, worum es eigentlich geht, läuft leider an mir vorbei. Ungefähr wie bei Syriana, wobei hier die finsteren Ölmänner keine Araber sind, sondern aus Louisiana. Zu der verwickelten Handlung kommt noch hinzu, dass die Schauspieler einen breiteren Südstaatenslang aufgelegt haben als Blanche aus den Golden Girls, sogar Jude Law. Ich lese aber hinterher mit Erleichterung, dass der Filmkritiker des New Yorker auch nur die Hälfte verstanden hat. Am Ende des Films wird Tony Soprano Gouverneur.
Hinterher stellt sich heraus, dass die Straßenbahn zur Canal Street nicht mehr fährt. Katrina hat die Transformatoren absaufen lassen. Vor dem jüdischen Gemeindezentrum an der St. Charles Avenue steht ein gepflegt gekleideter Mann, der gerade dabei… weiter lesen
09.10.2006 von
Die New York Times, muss man leider sagen, ist endgültig ins Gaga-Gaga-Land abgedriftet, was den Irakkrieg angeht. Wir erinnern uns: Die Times war eigentlich immer für den Krieg. Allerdings nicht für einen Krieg, in dem richtig geschossen wird, mit Blut und so, sondern mehr einer, in dem amerikanischen Soldaten Wattebäuschchen werfen und von begeisterten Irakis mit Blumen, Champagner und US-Fähnchen empfangen werden. Das hat irgendwie nicht so richtig geklappt, und Schuld sind, natürlich, die Irakis.
Bereits im vergangenen Juli fand Times-Kolumnist John Tierney heraus, was der wirkliche Grund ist, warum die Irakis die amerikanischen Truppen bekämpfen: Ausländerfeindlichkeit! Darauf hätten wir damals mal kommen sollen, als wir in Polen einmarschiert sind! Kürzlich legte Times-Über-Neocon David Brooks nochmal nach: Die Irakis seien — einer amerikanischen Umfrage zufolge — das ausländerfeindlichste Volk der Welt, drei Viertel wollten keinen Fremden als Nachbarn. Vor allem keine US-Soldaten, die mitten in der Nacht die Tür eintreten und die… weiter lesen
06.10.2006 von
New Orleans fühlt sich an wie ein Martin-Scorcese-Film, der in einem New York spielt, das es nicht mehr gibt. Gleich am ersten Tag gerate ich in einen Polizeieinsatz. Vor meinem Guesthouse an der Canal Street ziehen zwei dutzend Einsatzfahrzeuge mit Lalü auf, auf der Suche nach einem Verbrecher mit Schusswaffe, der sich auf einem Altmetalllager gegenüber versteckt hat. Die Cops legen mir dringend nahe, die andere Straßenseite zu benutzen. Dort, auf dem Bürgersteig vor dem Guesthouse, sammeln sich Neugierige. Wen die Cops da wohl suchten? „Einen Verbrecher“, sage ich. „Mit Schusswaffe.“
Noch mehr Neugierige kommen, während die Saga zu einem geflüchteten Bankräuber mutiert. Dann kreuzen meine Wirtin auf, sowie ein Nachbar. „Das ist gar nicht so schlimm,“ sagt die Wirtin gelassen. „Früher gab’s von denen viel mehr.“ Früher, das war vor Katrina. Der Nachbar will wissen, wo sich der Verbrecher denn versteckt halte. „Auf dem Altmetalllager gegenüber“, erkläre ich. „Und… weiter lesen
01.10.2006 von
Wer in diesen Wochen in Amerika fernsieht, ist praktisch in der Zukunft. Jetzt fangen all die Serien neu an, die es geschafft haben, den Sommer zu überleben und die ihr in Deutschland erst in ein oder zwei Jahre sehen dürft.
Dazu gehört selbstredend „Desperate Housewifes“, kein Wunder, bei den Cliffhangers, mit denen sich die Drehbuchschreiber im Frühjahr verabschiedet haben. Paul Young, der Witwer der in der ersten Folge verstorbenen Mary Alice Young sitzt wegen Mordverdachts im Knast, Mike der Klempner liegt nach einem Autounfall im Koma, die heiße blonde Edy hat Susans Haus angesteckt, weil die mit ihren Verlobten geschlafen hat, Gabrielle hat ihre von ihr selbst schwangere chinesischen Haushaltshilfe mit ihrem Mann im Bett ertappt (im Auto, um genau zu sein), Lynette’s Mann hat ein uneheliches Kind von einer Frau, die alle in den Wahnsinn treibt, und Bree hat ihren Sohn hinausgeworfen, endlich. Dafür ist ihre Tochter knapp… weiter lesen