Fremde Kulturen

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Im Haus der Kulturen der Welt, älteren Menschen wir mir eher als “schwangere Auster” bekannt, läuft ein New York-Festival mit Musik aus der Bronx und dem Barrio, also nicht gerade das, was einem die New Yorker Tourismuswerbung so empfiehlt. Am Wochenende kommt Reverend Billy und seine Kirche des Stop Shopping, um den Berlinern den Konsumverzicht zu predigen (was, den Klamotten der meisten anwesenden Damen nach zu schließen, in Berlin so nötig ist wie mehr Spreewasser).

In New York predigt der Reverend vorzugsweise am Times Square gegen McDonald, Coca Cola und Disney. Er ist lose assoziiert mit den “Billionaires for Bush“, Milliardäre für Bush an, die immer dort auftauchen und mit Geldscheinen wedeln, wo es den Republikanern peinlich ist. Später, im September, tritt noch Dan Diner im Haus der Kulturen auf, der meint, McDonalds und Coca Cola zu kritisieren, sei anti-amerikanisch und damit böse. Leider bin ich dann nicht mehr da, dabei wollte ich ihn immer mal fragen, ob er es für anti-amerikanisch hält, dass unser Bürgermeister Michael Bloomberg McDonalds verbietet, zu fettes Fett zu verbraten und Cola aus den Schulen verbannt, und ob Reverend Billy ein Anti-Amerikaner ist. Vielleicht ein andermal.

Das Haus der Kulturen kreierte zu diesem Anlass vier Sorten Schokolade, die tafelweise verteilt wurden (sechs davon fanden in meiner Handtasche den Weg auf meinem Küchentisch — ich bin nicht Reverend Billy). Ich traf gleich zwei meiner Mit-Hausbesitzer aus Prenzlauer Berg, sowie so viele ehemalige sozialdemokratische Größen, wie zuletzt auf der Beerdigung von Harry Ristock. New Yorker sollen auch dagewesen sein, hieß es.

Leider — auch das musste ich hier erfahren — ist es mit dem Kulturaustausch außerhalb von Berlins nicht weit her; in Sachsen wurden erst vor kurzem Inder von Neonazis durch die Straßen gejagt. Dabei sind die Inder doch Arier, und Adolf ist in Indien ziemlich beliebt, weil er das Britische Empire in die Knie hat bombardieren lassen, was letztlich zu der indischen Unabhängigkeit führte. Aber der Neonazi als solcher ist halt nicht gebildet.

Vielleicht könnte auch da ein amerikanischer Kulturaustausch weiterhelfen. Wir haben in Amerika nämlich ebenfalls oft Ärger mit betrunkenen Randalierern, bei uns aber sind es eher Celebrities wie Paris Hilton oder Lindsay Lohan, die sich anschließend weigern, in den Knast zu gehen, weil sie sich dafür zu gut sind. Wie wäre es mit einem Resozialisierungsprogramm, an dem beide Seiten partizipieren: Paris und Lindsay werden nach Mügeln geschafft und müssen dort den Einwohnern erklären, dass sie keine Inder verhauen dürfen, dafür bekommen beide ihre Haftstrafe erlassen. Und wer Paris und Lindsay überstanden hat, ist wahrscheinlich froh, in der indischen Pizzeria wieder in Ruhe sein Döner verzehren zu dürfen. So wird allen geholfen.


-37 Kommentare zu "Fremde Kulturen"

  1. Liebe Frau Schweitzer,

    Ich wollte mich einmal bei Ihnen bedanken fuer Ihre Scharfzuengigkeit und Ihre intelligenten Beobachtungen. Sie sind inzwischen der Hauptgrund fuer mich geworden, die Website der taz ueberhaupt aufzusuchen. Als
    ehemalige New Yorkerin, fast-Amerikanerin und fast-Deutsche, die urpruenglich aus einem armen Land kommt, weiss ich Ihre Kommentare zu schaetzen.

    Es verwundert mich nur, dass, wenn ich dergleichen in einem Leserbrief an die taz auessere, derselbe nie veroeffentlich wird. Tja, wir wissen ja, wie schwer es ist fuer eine/n deutsche/n Linke/n, die USA wirklich kennenzulernen und zu kritisieren. Es ist viel leichter, bei den freundlichen Bilderbuechern namens spiegel et alia zu bleiben, oder vor der Glotze von Orange County zu traeumen.

    Weiter so! Ich wuensche Ihnen auch viel Kraft, denn frau braucht sie in diesen Zeiten, in Berlin und in NYC gleichermassen.

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