Chinatown
von Eva SchweitzerWenn ich was für meinen Kreislauf tun will, lese ich Artikel von Kollegen über Amerika, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Heute erfahren wir aus der Frankfurter Rundschau von Robert Kaltenbrunner neues über ethnisch segregierte Stadtviertel in New York, die er mit arabischen Vierteln in Neukölln vergleichen möchte:
Eigentlich ist es ja bekannt: Phänomene wie Chinatown oder Little India erbringen eine enorme Integrationsleistung für die jeweils betroffenen städtischen Gesellschaften, werden oftmals auch als Bereicherung, gar als touristische Attraktion empfunden. Einerseits Anlaufpunkt und Auffangnetz für Einwanderer (allerdings bei recht prekären Lebensverhältnissen), andererseits möglicherweise ein Ort, an dem die Ordnungsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft ein Stück weit außer Kraft gesetzt werden.
Nee, Robert, sorry, das ist allenfalls “bekannt” unter Touris, die New York nur aus dem Reiseführer kennen. Erstens sind Chinesen und Inder so ehrgeizig wie keine andere Immigrantengruppe, niemand anderes bemüht sich so sehr, Kinder nach Harvard und Yale zu schicken und sich überhaupt rundum zu integrieren. Und die Ordnungsvorstellungen der Mehrheit sind auch nicht so richtig außer Kraft, tatsächlich arbeitet der Business Council von Chinatown mit der New Yorker Polizei zusammen, etwa, um den Verkauf von gefälschten Produkten zu unterbinden.
Und, Tatsache, diese hübschen bunten Fassaden in Chinatown mit den rotgoldenen Ballons dienen dazu, Touristen anzulocken. Nicht “auch”, sondern ausschließlich. Mehr noch, schockschwerenot, halte dich fest, wohnen die Immigranten noch nicht einmal unbedingt dort. Little India ist ein Geschäfts- und Restaurantviertel, die Inder wohnen in Queens. Und in Little Italy lebt kein einziger Italiener. Das ist alles bloß für die Touristen. Die kriegen noch nicht einmal eine vernünftige Pizza hin. Andererseits, würdest du den Unterschied merken?
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Jeden Tag, alle Tage jetzt in der Jahreszeit “Hoelle” ist es hier im Suedwesten ueber 40 Grad (103 F). Aber die Chinese sind trotzdem hier, aber nicht als duerftige Einwanderer oder Bahnbaukulis sondern als Turisten von Shanghai. Zur Weihnachtszeit wimmelt es mit ganzen Turistensippen von China: Da tut sich nichts in der lokalen Konferenzindustrie – und die Hotels brauchen Gaeste – und in China gibt es :”gott-sei-dank” kein X-mas – da ist alles normal im Dezember. Vorgestern – bei meinem Spaziergang – nur nach 22 Uhr wegen der Hitze, hielt ich inne den einige Chinese fotografierte sich. Eine Chinesin fragte mich in einem einwandfreien internationalen Englisch: “Das ist ein wunderbares Hotel – wissen Sie etwas darueber?” Sie hatte ausgerechnet den groessten Gelehrten ueber dieses Hotel gefragt. Ich erklaerte den Chinesen: “Das ist im spanischen Kolonialstiel gebaut, weil diese Stadt 1724 von spanischen Einwanderern von den Kanarischen Inseln gegruendet wurde.” Dann bin ich ja nicht mehr aufzuhalten – aber die Chinesen hoerten sich das eifrig an. (Die Deutschen “wissen schon alles” -die Erwachsenen quatschen nur ueber Geschafeft, und die Jugendlichen sind Lumpen – da mache ich einen grossen Bogen wenn ich deutsch hoere!). Mein Vortrag ueber die politische Vergangenheit der Region wurde von den Chinesen lehrbegierig angehoert – und meine ideologische Analyse wurde vollkommen verstanden: Der Mann ist Rechtsanwalt in Shanghai.