Frankfurter Fatwa

Ich habe mal bei einer kleinen Kreuzberger Zeitung gearbeitet, die immer am Rande der Pleite war, aber das Motto war “Hauptsache Provo”. Das hat sich offenbar auch die Frankfurter Rundschau zu Herzen genommen; heute schrieb Martin Mosebach, dass er es eigentlich ganz prima findet, wenn Künstler von fanatischen religiösen Irren bedroht werden. Er fragt “Ist die Drohung von Zensur und Strafe im Fall der Blasphemie eine Bedrohung der Kunst?” Nicht wirklich, denn:

“Entgegen der Forderung nach unbedingter Freiheit, die Künstler gern beanspruchen, ist in der Geschichte der Kunst die Beschränkung dieser Freiheit der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen. (…) berühmt ist die Devise „Die Zensur verfeinert den Stil“ oder die Maxime des wahrhaft zensurerfahrenen Karl Kraus: „Ein Satz, den der Zensor versteht, wird zurecht verboten.“ Und: “In diesem Zusammenhang will ich nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.

Nun schrieb Karl Kraus das als Spotterwiderung auf die aufsteigenden österreichischen Nazis, und es wäre interessant zu hören, ob Mosebach und die Frankfurter Rundschau auch Verständnis haben, wenn Neonazis einem linken Redakteur der FR einen gewaltigen Schrecken einjagen. Immerhin freut er sich nicht, wenn Juden einen gewaltigen Schrecken bekommen, wenn Neonazis Hakenkreuze an eine Frankfurter Synagoge pinselt (oder er traut sich nicht, das zu schreiben). Na, ein kleiner Fortschritt ist auch Fortschritt.

Gleichviel, Mosebach meint dann weiter, der Künstler zahle zwar einen Preis für die Freiheit, aber: “Ich bin davon überzeugt, dass der wirklich freie Künstler diesen Preis gern bezahlt.” Das bringt uns zu dem nächsten Punkt: Wer bezahlt diesen Preis eigentlich? Es geht ja nicht bloß darum, dass sich ein Künstler, nennen wir ihn Salman Rushdie, einschränken muss oder sich Sorgen macht, nein, damit ist auch echte Kohle verbunden, denn Sicherheit kostet, ob das nun private security ist oder umständlichere Reiseplanung. Nehmen wir einmal an, ein Feuilletonist in der Frankfurter Rundschau legt sich mit dem iranischen Revolutionsrat an, oder mit Al Qaeda, oder mit der Neonazi-Sportgruppe Sachsenhausen — heutzutage alles nicht so wahrscheinlich, aber man weiß ja nie — zahlt die Rundschau dann die security? Oder der Redakteur selber? Das würde uns doch mal echt interessieren.

 

Eva C. Schweitzer: Tea Party, Die Weiße Wut. Was Amerikas Neue Rechte so gefährlich macht. dtv; Januar 2012. 14,90 €

 

Kommentare (3)

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  1. Im Zuge der sich rasant ausbreitenden, islamfaschistischen Internationale spüren auch reaktionäre Christen Morgenluft.

    Eine Frage wird dabei allerdings von Mosebach nicht angeschnitten: Wer denn die Instanz sei, die über Blasphemie zu entscheiden habe?

    Vermutlich aus der Selbstverständlichkeit heraus, daß hierfür nur die Teheraner Menschenrechtler um Khamenei, in Frage kommen.

    Als Journalist hätte er aber durchaus Shahin Najafi fragen können, wie sehr das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld zur Verfeinerung seiner Kunst beiträgt.

    Shahin Najafi? Wer das ist? Nicht so wichtig, war eine Meldung von vorgestern …

  2. Die Denke, daß es förderlich für den wahren Künstler ist, ein bißchen mehr oder weniger verfolgt zu werden erinnert mich an die These, in der Internat-Simulation ‘Second LIfe’, man ist nicht wirklich heiß, wenn man nicht mindestens einmal ordentlich gestälkt wurde.

    Aber Hauptsache, mal wieder ein paar kontroverse Sätze rauskloppen, daß macht sich immer gut, damit man in der Zeitung steht.

    Und wenn man ncht in der Zeitung steht, dann verkauft man schlecht.

    Ein Schelm, der böses dabei denkt ;)

  3. Salman Rushdie hat einmal gesagt: “Beim schreiben muss ich immer ein Gemaelde von Haiti vor mir haben welches mit ein Freund geschenkt hat!” Haiti ist Weltklasse in the naiven Malerei – teilweise bis zu $ 20 K von bekannten Kuenstlern. Sieh HAITI PAINTING usw. Was aber wenig gekannt ist – Haiti hat auch Weltklasse Musiker, sieh youtube Video FRERES DEJEAN NAIDE , und auch eins der Videos von TABOU COMBO NEW YORK CITY – das mit dem Reisefilm in die Karibik um Martinique.