Sandys Rache

Gestern nacht, auf der East 42nd Street in der Kälte des herannahenden neuen Sturmes Nor’easter, nach einer Wahlparty der Republikaner, die am Ende nicht mehr so lustig war, traf ich eine Kollegin. Sie wohnt in Brooklyn. Ich selber lebe in Manhattan, Uptown, der sandyfreien Zone, wir haben Licht, Heizung und Elektrizität, wenngleich es gar nicht so einfach war, dorthin zu gelangen, nach Sandy. Brooklyn; nicht so sehr. Die Kollegin hat keine Heizung, keine Elektrizität, es gebe auch kein Benzin mehr für Autos, Taxis weigerten sich, nach Brooklyn zu fahren, und die U-Bahn fährt so lala und das auch erst seit ein paar Tagen.  Immerhin, ihre Kinder wissen nun, wie man illegal Benzin aus Autos saugt (ein Freund aus Rockaway erzählte mir, ein Bus habe ihn neulich nachts um elf in der Wildnis drei Meilen vor seinem Haus abgekippt. Er wurde von der Polizei gerettet). Ansonsten sind die Autotunnel noch voll Wasser, und die Börse hat, wie eigentlich alles in der Downtown von Manhattan, kein Telefon, kein Internet und dafür jede Menge Wasser. Auch viele Notstromgeneratoren sind abgesoffen, wie das halt so ist, wenn eine fünf Meter hohe Flutwelle über die halbe Insel hinwegschwappt.

 

Man hat in New York City eigentlich immer das Gefühl, man sei im Auge der Welt, und über den Sturm ist in deutschen Zeitungen auch viel berichtet worden, aber das scheint an den Deutschen als solchen spurlos vorbeigegangen zu sein. “Meinst du, ein einziger Kollege aus der Redaktion hat mal angerufen und gefragt, wie es uns geht, ohne Strom und Heizung und mit kleinen Kindern?” Jetzt, wo ich drüber nachdenke, nein, bei mir auch nicht. Auch sonst übrigens niemand, auch die nicht, die sonst den lieben langen Tag von Solidarität plaudern. Bei ihr hatte nur ein Redakteur angerufen, der wollte eine Story über die Börse. Dass man dort gerade nicht anrufen und nachfragen kann, verstand er nicht.

 

Mich wollten sie in die Bronx schicken. Ich bin nicht sicher, ob der U-Bahn-Tunnel der 2/5 schon leergepumpt ist. Wichtiger allerdings ist, dass die Leute, die ich dort interviewen soll, wirklich was anderes zu tun haben, als Fragen von Journalisten zu beantworten, zum Beispiel, den Keller leer zu pumpen, und Batterien und Essen zu kaufen. Es ist so ein bisschen wie damals, als in Berlin die Kongresshalle einstürzte: Ein Kollege einer Tageszeitung, nennen wir den Namen nicht, aber es war nicht die Morgenpost oder die taz oder das Spandauer Volksblatt, war zufällig da, weil er über einen Kongress berichten sollte, er kam mit leeren Händen zurück und meinte, es gebe nichts zu schreiben, das Ding sei eingestürzt.

 

Jedenfalls, sagte die Kollegin, sie wünsche sich von ganzen Herzen, dass über diese Deutschen eine fünf Meter hohe Flutwelle hinwegrauscht und sie anschließend ohne Licht, Strom und Heizung für ein paar Wochen bei Minusgraden dasitzen. Dann rufen wir nicht an. Und das geht ja auch gar nicht, weil die dann kein Telefon mehr haben.

 

Eva C. Schweitzer: Tea Party, Die Weiße Wut. Was Amerikas Neue Rechte so gefährlich macht. dtv; Januar 2012. 14,90 €

 

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

CAPTCHA-Bild

*