Obama und die deutsche Seele

Die Wahl ist vorbei, nun dürfen wir in deutschen Zeitungen lesen, was die Wahl von Obama für die deutsche Seele bedeutet, übrigens vornehmlich von Kollegen, die Amerika eher aus dem Urlaub kennen, wenn überhaupt. Generell ist an in Deutschland niemanden vorbeigegangen, dass a) Obama gewonnen hat, und b) die große Mehrheit der Deutschen das mit Erleichterung, wenn nicht Begeisterung aufgenommen hat. Hier erstmal ein Hinweis: Nicht nur die große Mehrheit der Deutschen, guckt mal in englische, französische oder kenyanische Zeitungen (falls ihr denn englisch oder französisch versteht). Da hat Obama auch eine solide Zustimmung von 75 bis 95 Prozent.

 

Weil aber der deutsche Selbstgeißelungspublizist unbedingt eine Made im Kuchen finden muss, ist es natürlich ganz, ganz schlecht, wenn Deutsche über Obama froh sind. Erstens ist das antiamerikanisch, der echte Amerikaner ist nämlich weiß und rotnackig und keinesfalls ein schwarzer muslimischer Sozialist aus Kenya… nein, keine Sorge, so offen dämlich begründet das in der deutschen Presse keiner, da wird eher dran entlang laviert. Beispielsweise gibts die, die die einhellige Obama-Begeisterung infantil finden. Herzlich willkommen nach dem ersten Tag aus dem Mustopf, wie wars denn da, dunkel? Begeisterung war vor vier Jahren, jetzt ist es eher der Stein, der vom Herzen fällt. Natürlich muss die Obama-Liebe, auch diese Schlaufe wird gerne gedreht, irgendwie mit einem Minderwertigkeitskomplex der Deutschen zusammenhängen. Und außerdem sei die Begeisterung unehrlich, warum hat denn Deutschland dann keinen schwarzen Kanzler? (weil wir dazu erst einmal unsere Millionen von schwarzen Sklaven freilassen müssten, damit die Wählerbasis da ist?) Oder warum hat Deutschland keinen türkischstämmigen Migrationshintergrundkanzler? (Ha! Wer das fragt, glaubt im Grund seines Herzens, Obama ist ein in Kenya geborener Muslim und outet sich damit als Rassist). Dann gibts noch die verkappten Republikaner-Liebhaber, die schon George W. Bush klasse fanden, und es bedauern, dass Romney es nicht geschafft hat, und daran sind irgendwie auch wir Deutschen schuld. Oder dass überhaupt so viele einer Meinung ist, ist das nicht Gleichschaltung? Die Deutschen werden auch gerne gescholten, weil sie Obama bloß aus mangelnden Verständnis gut finden, der echte Amerikaner als solcher will nämlich gar keine starke Regierung, die ihn bevormundet. Und dass wir Obama mögen, heißt, wir sind alle Beamtenseelen, die wollen, dass der Staat sich kümmert. Also, kurz und gut, wenn man der deutschen Presse trauen darf, beweist die Tatsache, dass viele Deutsche Obama gut finden, dass wir allesamt naive langweilige verbeamtete rassistische Anti-Amerikaner sind. Die Autoren natürlich ausgenommen, wie immer.

 

Zunächst mal ein Wort zur Staatsferne: Was das angeht, wir hatten hier in New York einen Hurrikan, und all diese republikanischen Wähler in Staten Island, Far Rockaway und New Jersey sitzen immer noch strom- und heizungsfrei im Nassen; also, kein einziger von denen fordert, dass die Regierung fortbleibt und statt dessen private Initiativen Dosen verteilen, nein, ganz im Gegenteil, die können alle nicht laut genug nach der Regierung schreien. Eingeschlossen ihr eigener Gouverneur, Chris Christie.

 

Nun ein Wort zur Kritik an der allumfassenden Begeisterung über Obama: Hallo? Jemand zuhause im Oberstübchen? Die Deutschen sind begeistert? Was glaubt ihr eigentlich, was hier in New York los ist, ihr wisst schon, liebe Kollegen, die Stadt mit den vielen Intellektuellen, der Wall Street, der Entertainment-Industrie und dem Hurrikan, der die halbe Stadt überschwemmt hat, die ihr alle aus Zeitungsartikeln über New-York-Serien kennt? Gerade mal, dass hier in der Wahlnacht kein Feuerwerk abgebrannt wurde (das wäre auch verboten, wie Coca Cola und U-Bahn-Prügeleien). Jeder hier, von einer Handvoll Republikaner abgesehen, ist froh, dass Obama wiedergewählt wurde. Jeder. Selbst wildfremde Leute, die man auf der Straße trifft oder Leute, die man wegen was ganz anderem interviewt. Under Bürgermeister, der gerade noch Republikaner war, hat zu Obamas Wahl aufgerufen. Obama hatte in Manhattan höhere Wahlergebnisse als Honecker, als es die Nationale Front noch gab. Finden die Deutschen uns New Yorker jetzt infantil oder was? Are you talking to me? You wanna piece of me?

 

Eva C. Schweitzer: Tea Party, Die Weiße Wut. Was Amerikas Neue Rechte so gefährlich macht. dtv; Januar 2012. 14,90 €

 

1 Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

CAPTCHA-Bild

*

  1. Rommneys body lies amoulding in the grave
    But Obama ‘s going on
    Solidarity for ever…