Tuvia Tenenbom in New York: Die Nackte Madonna

Grad lese ich im SPIEGEL, dass Tuvia Tenenbom sein neues Buch über Deutschland veröffentlicht hat, I Slept in Hitler’s Room. dass es mit der Publicity aber nicht so richtig klappt. Das ist erstaunlich, nicht nur hat das Buch alle verkaufsfördernden Elemente —  Hitler! Nazis! Juden! KZs! Celebrities! Hitlernazis! Gasometer! Autobahn!—es hat zudem eine interessante Backstory, wie der Amerikaner sagt, ein fröhliches Hickhack zwischen Anwälten, Kulturbeauftragten und Verlagsrepräsentanten, wie übrigens eigentlich jede Tuvia-Produktion, wo ich gerade darüber nachdenke. Hier ist eine fast gar nicht übertriebene Geschichte über ein Tuvia-Theaterstück in New York, aus meinem Erzählband Manhattan Moments.

 

Das Triad Theater liegt an der Upper West Side, an der 72nd Street, östlich von einem dreieckigen Platz am Broadway, der Verdi Square heißt. In You´ve Got Mail finden Meg Ryan und Tom Hanks hier zu einander. An diesem Samstagabend aber hat ein weniger hochkarätig besetztes Theaterstück Premiere, nämlich Kaballah, von Tuvia Tenenbom.

Tuvia ist ein rundlicher, semmelblonder Israeli mit dickem hebräischen Akzent, er und seine österreichische Frau Miriam sind vor ein paar Jahren nach New York gezogen. Tuvia hat schon vieles getan in seinem Leben: Er war orthodoxer Rabbi, Journalist und Taxifahrer, nun ist er Agent Provocateur. Er hat das Jewish Theater of New York gegründet, dessen Inszenierungen von symphatischen Selbstmordattentätern handeln, von Liebesbriefen an Hitler oder von Sex zwischen Schwarzen und Juden. Zu Tuvias Stücken kommen wir Deutsche gerne, da gibt es umsonst was zu trinken, jüdische Themen sind ohnehin irgendwie immer auch deutsche Themen und außerdem hält mein Theaterredakteur Tuvia für ein Genie, was heißt, dass ich das Stück rezensieren kann und dafür bezahlt werde.

Auch Kaballah hat natürlich ein jüdisches Thema. Es geht um jene mystische Religion – manche halten sie auch für Spinnerei –, die auf eine Art antiken Zahlenzauber zurückgeht. Ich bin mit den Details dieser Zauberkunst nicht restlos vertraut, aber ich glaube, wenn sieben weiße Eulen auf einer Bühne auftauchen, dann bedeutet dass, dass J.K. Rowling zwei Copyrightprozesse anstrengt, und dann verliert der Autor des Stücks vier Millionen Dollar.

Die Kaballah ist die Lieblingsreligion von Hollywood, gleich nach Scientologie, und sie hat gegenüber Scientologie den Vorteil, dass ihre Anhänger ein ganz kleines bisschen weniger gaga sind. Kaballah-Anhänger – oder genauer Anhängerinnen, denn der Kult zieht vor allem Frauen an – tragen rote Armbändchen und halten sich Rabbis als private Gurus. Die prominenteste Kaballistin ist Madonna Louise Veronica Ciccone, bekannt als Madonna, und davon handelt auch Tuvias neues Stück. Es geht um eine Reise einer Hollywood-Diva, die vage an Madonna erinnert, nach Israel, wo sie ihren Rabbi und Kaballah-Guru trifft.

Welches Stück wäre besser geeignet, um Daniel mitzunehmen? Daniel hat Familie in Israel, er interessiert sich für Theater und er hat sogar eine spirituelle Seite. Zwar verbringt er seine Tage damit, bei einer Biotechfirma in der Downtown zu arbeiten, aber sein Herz gehört dem Broadway. Vor allem dem Musical. Und er kennt sich mit Restaurants an der Upper West Side aus. Dort lebt Daniel nämlich in einer Broadway-Seitenstraße in einem dieser alten Häuser ohne Portier, mit Terrazzo und einer leicht angeschlagenen Marmortreppe.

Das Stück, finde ich rasch heraus, hat zwar viele zauberhafte Elemente, aber es ist nicht Cats. Die Madonna-Figur gelangt nach Israel, schlüpft in einen Bikini nebst rotem Faden – der ihre Menstruation simuliert – und trifft sich auf dem Friedhof von Jerusalem mit dem Kaballah-Rabbi, der seinerseits nur auf ihr Geld aus ist. Irgendwann tauchen auch ein toter muslemischer Terrorist, der eine Reinkarnation von Jesus ist, sowie ein Dybbuk auf, eine Art jüdischer Zombie, dessen Zauber der Rabbi nur besiegen kann, indem er mit ihm analen Sex hat. Dann ziehen sich alle aus, der Rabbi bindet sich einen roten Strick um den Penis und sie tanzen auf dem Friedhof, während sich Madonna in die Jungfrau Maria verwandelt, dann in Eva aus dem Paradies, dann in Gott. Ein typisches Tuvia-Stück eben.

Erstaunlicherweise findet Daniel das Stück nicht so richtig klasse. „Wie kannst du mich nur in sowas reinschleppen?“, sagt er. „Das ist doch total geschmacklos.“

Daraufhin ich: „Das ist mein Beruf! Dafür werde ich bezahlt!“ Daniel mag nicht glauben, dass deutsche Zeitungen sich wirklich für sowas interessieren, und ich bin mir jetzt gerade, offen gestanden, auch nicht mehr so sicher. Deshab verlassen wir das Theater, bevor wir Tuvia in die Hände fallen, und gehen zu Docks.

Docks ist ein Fischrestaurant am oberen Broadway, in dem wir Hummer in Buttersauce bestellen, dazu in Milch gekochten Maisbrei. Daniels Lieblingsmusical, so erzählt er mir, ist West Side Story. Dann sagt er noch mal ausdrücklich, dass seine Familie in Israel die Nächte nicht nackt auf dem Friedhof mit Dybbuks verbringt. „Und auch nicht die Tage.“

Ich erzähle Daniel, dass auch ich irgendwann ins Theaterbusiness möchte. Ich würde gerne meine Doktorarbeit über die Disneyfizierung des Times Square auf die Bühne bringen, mit Harvey Fierstein als Michael Eisner und Tobey Maguire als Arthur Sulzberger Jr, obwohl, der ist wahrscheinlich zu teuer. Ich bräuchte nur noch einen passenden Künstlernamen, mein Name klinge so langweilig. Wenigstens möchte ich ihn amerikanisieren.

„Was bedeutet dein Name denn?“, fragt Daniel.

„Sowas wie Kuhhirte oder Melker“, sage ich, „die Schweizer waren Leute, die von Baden-Württemberg in die Schweiz gegangen sind, um dort Kühe zu melken.“

Daniel denkt eine Minute lang nach. „Nenne dich doch Cowgirl!“, schlägt er vor

Keine schlechte Idee! Schießen und reiten kann ich bereits. Dann bestellt Daniel für uns beide noch einen Liter Chardonnay. Der passt gut zu Fisch.

Morgens in aller Früh klingelt mich mein Handy aus dem Schlaf. Tatsächlich, mein Theaterredakteur ist dran. Er will wissen, ob es sich lohnt, über Tuvias Stück eine Kritik zu schreiben. Fürs Nichtschreiben werde ich nicht bezahlt, also erkläre ich ihm, dass es sich bei Kaballah um einen Phänotyp des Experimentiertheaters handelt, der die Strukturelemente der New Yorker Postmoderne mit der Erzähltradition des jüdischen Stetls verbindet. Gut, dass Daniel kein Deutsch versteht. Der Theaterredakteur meint, er müsse trotzdem erst mal gucken, ob er überhaupt Platz hat. Das bessert meine Laune nicht gerade. Dann stelle ich fest, dass Daniel keinen Kaffee in der Küche hat. Und keine Milch. Und keine Zeit, weil er gleich zur Arbeit muss. Ich glaube, Tuvia wird keine ganz so gute Kritik bekommen.

Am Wochenende lese ich, dass die New York Times Kaballah „grauenvoll und stumpfsinnig“ findet. Noch ein paar Wochen später bekomme ich eine aufgeregte E-Mail von Tuvia: Er wird verklagt, und zwar von der Anwaltskanzlei Pryor, Cashman, Sherman & Flynn LLP. Folgendes stellt sich heraus: Die nackte Madonna mit dem roten Faden wird von Emily Stern gespielt, der Tochter von Howard Stern. Howard Stern ist ein bekannter Radiotalker, der öffentlich über Masturbation, Orgasmus und Gruppensex plaudert und Frauen, die zu ihm ins Studio kommen, nötigt, sich auszuziehen, um dann ihr Äußeres zu beschreiben. Wenn es sich um die eigene Tochter handelt, findet Howard Stern Nacktheit aber offenbar nicht mehr so unterhaltend, und so hat er ihr verboten, die Madonna zu spielen.

„Was soll ich tun?“, sagt Tuvia verzweifelt. „Ohne eine Hauptdarstellerin bin ich aufgeschmissen!“ Und deshalb werde auch er Howard Stern verklagen. Er habe sogar schon einen Anwalt engagiert, Ron Kuby. Kuby ist ein bekennender Marxist, und er vertritt am liebsten Klienten, die gegen die Macht der Maschine kämpfen, also den militärisch-industriellen Komplex. So hat er beispielsweise Omar Abdel Rahman verteidigt, das ist ein blinder ägyptischer Scheich, den das FBI für den Anschlag auf das World Trade Center von 1993 verantwortlich macht – Kuby hält es für möglich, dass das FBI selber hinter dem Anschlag steckt.

Ich finde, so wie die Rolle der Madonna angelegt ist, sollte Tuvia sie besser mit Hape Kerkeling besetzen. Immerhin, bei den deutschen Medien erwacht endlich das Interesse an dem Stück. Ich verkaufe die nackte Madonna an drei verschiedene Zeitungen. Danach rufe ich Daniel an, um ihm das alles zu erzählen. „Ich habe dir ja gleich gesagt, der Typ ist ein Schaumschläger“, sagt Daniel.

Wenig später bringt Tuvia ein neues Stück auf die Bühne des Triad, The Last Jew, der letzte Jude. Darin treffen saufende Polen, jüdische Nazis, missionierende Mormonen, libysche Terroristen und faschistoide Priester aufeinander. Das Stück sei, sagt Tuvia, typisch israelischer Humor, der viel schärfer sei als der langweilige und verwässerte amerikanisch-jüdische Humor. Übrigens werde er die New York Times auffordern, ihren Theaterkritiker zu feuern, denn der boykottiere das neue Stück. Vermutlich aus Antisemitismus.

Leider weigert sich Daniel, The Last Jew zu sehen. So gehen wir stattdessen in The Wizard of Oz. Nackte Madonnen gibt’s darin nicht, aber gezaubert wird auch.

 

 

Mehr dazu in: Manhattan Moments. Geschichten aus New York. Droemer-Knaur TB, 9,95 €

 

 

 

 

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  1. An kalten Morgen in New Yaaark oder Teutschland – etwas Ermunterung: Es gibt noch Lebendige auf der Welt! Sieh youtube video “Youth Orchestra Bahia Tico”.