Sh’ma Ysrael…

Heute ist der letzte Tag, an dem sich New York von Ed Koch verabschiedet. Koch war 88 Jahre alt, schon lange nicht mehr Bürgermeister, aber immer noch bekannt wie ein bunter Hund. Gestern, zur Beerdigungsfeier im Tempel Emanu El an der Upper East Side, kamen Tausende; Bill Clinton hielt eine Rede, auch Michael Bloomberg und der Botschafter von Israel sprachen. Es war ein echtes Veteranentreffen; Henry Stern war da, Ray Kelly, Peter Vallone, Al D’Amato, Chuck Schumer, Andrew und Mario Cuomo, Eliot Spitzer, Rudy Giuliani und David Dinkins. Nur Donald Trump fehlte. Koch hätte es gefallen.

Heute trifft sich die Familie zur Shiva, der jüdischen Trauerfeier, in der Bürgermeistervilla Gracie Mansion, vor der Schaulustige stehen. Der Grabstein hat Koch schon gekauft, auf dem Trinity-Friedhof am Broadway und 155th Street. Und er hat die letzten Worte von Daniel Pearl auf den Stein setzen lassen, der, ein seltsamer Zufall, ebenfalls am 2. Februar starb. “Nur in New York kann ein polnische Jude auf einem episkopalischen Friedhof in einer dominikanischen Nachbarschaft beerdigt werden”, bemerkte Bloomberg. Am Ende der Trauerfeier spielte die Orgel Frank Sinatras “New York, New York”, gefolgt von “Lullabies of Broadway”. Danach ließ das Polizeiorchester die irischen Dudelsäcke tönen.

Über Tote soll man nichts Schlechtes reden, aber Koch war, vorsichtig gesagt, umstritten. Unter seiner Regentschaft haben sich Immobilienspekulanten, Parteibonzen und korrupte Rathausbeamte bedient; er unterschrieb den an der Wall Street ausgehandelten Vertrag, der die Stadt der Kuratel des Staates New York unterstellte (bis heute, weshalb auch der Neubau des World Trade Centers fröhlich an der Stadt vorbeiläuft), zur AIDS-Krise sagte der Mann, der vermutlich homosexuell war, wenig, und für die schwarze Community von New York, immerhin ein Viertel der Bevölkerung, hatte er nichts übrig.

Als Koch antrat, war New York die von Graffiti überzogene, chaotische, wilde, gefährliche Stadt, die Stadt von Son of Sam, der Aufstände in Harlem, Roger Starrs Planned Shrinkage, der erratischen U-Bahn, die man nach zehn Uhr tunlich nicht benutzte, des CBJBs, der besetzten Häuser an der Lower East Side. Koch löste (in der Parteiführung) Carmine de Sapio ab, der letzte Chef des legendären demokratischen Clubs Tammany Hall, der mit William Marcy Tweed begann, aus dem Scorcese-Film Gangs of New York einem weiteren Publikum bekannt. Letztlich repräsentierte Koch ein New York, das sich von der Zeit spannt, als die irischen Einwanderer kamen und Manhattan an der 23rd Street endete, bis zur vollautomatisierten Futurama-Metropole von heute.  

Heute ist New York sauber und sicher, ohne drei Ausweise kann man kein Bürogebäude betreten. Die U-Bahn teilt einem mit, in welcher Minute der nächste Zug einfährt, Rauchen ist verboten, wenn man sich über ein hupendes Auto beschwert, kommt die Polizei in Mannschaftsstärke, Brunch in Chinatown ist nicht mehr exotisch, der Times Square gehört Disney, die Mafia hat sich nach New Jersey zurückgezogen und die Communities von Einwanderern, die sich gegenseitig hochhelfen, sind südost-asiatisch oder afrikanisch. Das neue New York hat, auch für den Normalbürger, Vorteile. Aber es ist weniger leicht zugänglich.

 

Manhattan Moments. Geschichten aus New York. Knaur TB, 9,95 €

 

 

 

 

 

 

1 Kommentar

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  1. New York hatte zwei interessante Kulturepochen: The Jazz Age – 1920-1940 Dixieland, Swing, Big Band). Und “Nueva York” 1950-1960 (Sonora Matancera, Tito Rodriguez). Diese Epoche habe ich in New York noch “erlebt”! (Anderorts in “Starke Meinungen” habe ich vor einigen Tagen zur Kulturanalyse das Video erwaehnt: armando manzanero big band jazz mia . Und das Video : luana carvalho 1800 . ) Aber auch in Lateinamerika ist heute die “Goldene Epoche” vorbei. Die noch singenden und darbietenden Kuenstler meiner Zeit – sind heute nicht mehr jung und ziehen heute mit der neusten Welle: musica religiosa. Gestern sangen sie ueber die “Liebe zu Dir”, heute ueber “Liebe zu Jesus”.