Potenz und PR

Journalisten glauben insgeheim, sie sind was Besseres als andere Menschen, und um sie dafür zu bestrafen, hat der Liebe Gott die PR-Industrie erfunden. Und weil das nicht ausreichte, hat er sie privatisiert.

Früher war es so, dass Behörden oder Firmen Presseabteilungen hatten, die waren klein und übersichtlich, und mehr oder weniger funktionsfähig. Journalisten, die in einem bestimmten Bereich arbeiteten, kannten die sechs bis acht Pressesprecher, mit denen man Kontakt hielt, man wusste, wer was von seinem Fach verstand und wen man bloß kurz vor Redaktionsschluss anrief, um seinen Hintern zu bedecken, wie die Amerikaner sagen, und das war es.

Heute gibt es tausende von PR-Firmen und freiberufliche PR-Fritzen, die sich zwischen die Journalisten und die, nennen sie wir mal Nachrichtenerzeuger drängeln. Letzteren versprechen sie, Neuigkeiten in die Medien zu bringen (oder Probleme unauffällig zu vertuschen), sei es ein neues Potenzmittel, ein nicht öffnender Flughafen oder eine überarbeitete Zweckentfremdungsverbotsverordnung, und den Journalisten versprechen sie, Themen aufzuspüren.

Nun gehören PR-Fritzen zur „Klasse B“ der Telefondesinfizierer, Unternehmensvertreter und Filmproduzenten, die Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ durch dieselbe segeln lässt. Ein Thema, das einen PR-Hack als Krücke braucht, ist keines, und wie gut das mit der Problemvertuschung klappt, konnte man an Christian Wulff bewundern.

Das Hauptproblem ist aber, dass sich mit dem Internet diese Species vervielfacht hat, ähnlich wie die „Klasse B“ aus Golgafrincham auf der prähistorischen Erde. Ich vermute mal, dass Spamsammler Emailadressen von Journalisten im Tausenderpack verticken, ich selber bekomme nämlich auch dauernd solche Angebote. Deshalb schicken freiberufliche PR-Fritzen nun ihre Presseerklärungen im Tausenderpack hinaus. und zwar gänzlich oder jedes Bewusstsein, dass das Spam ist.

Ich selber bekomme praktisch stündlich Angebote über neue Museen in Amsterdam, Schlagerwettbewerbe in Kyrgyzstan und Dreharbeiten für deutsche Dokusoaps (und ich berichte aus Amerika, was eigentlich jedem beim ersten Blick auf meine Website klar sein sollte). Das wäre ok, wenn diese Dinger, wie bei Spam übrigens auch gesetzlich vorgeschrieben, ein automatisiertes Opt-Out hätten. Das ist aber meistens nicht der Fall.

Nicht nur das, beschwert man sich, erhält man die allermerkwürdigsten Reaktionen. Ich bin mal auf die Liste einer Agentur geraten, die mich über die Auf und Abs eine deutschen Dauersoap auf dem Laufenden halten wollte. Als ich mich beschwerte, hieß es, meine Adresse sei „im System“, und man wüsste nicht so genau, wie man sie daraus entfernen könne. Den Vogel schoss ein junger Mann ab — Name leider vergessen, aber wenn ich ihn finde, liefere ich ihn nach — der mich nach einem ZEIT-Bericht über industrielle Trends auf der New Yorker Buchmesse BEA kontaktierte: Ich sei doch an Büchern interessiert, ob ich nicht seines besprechen wolle?

Es handelte sich um ein deutsches Kochbuch, ich lehnte also höflich ab, aber zu spät: Er hatte mich bereits auf eine Liste gesetzt, die täglich ein Kochrezept verschickt. Ich bat ihn, das zu lassen  (nun schon ungehaltener), und er versprach, mich von der Liste zu nehmen. Das passierte natürlich nicht, und ich beschwerte mich nun noch etwas geharnischter. Daraufhin er, stockbeleidigt: Er hätte gedacht, Journalisten seien an neuen Informationen interessiert, stimme etwas mit mir nicht? Daraufhin blockierte ich seine Adresse, thomasrpsixt@gmail.com, in meinem Emailfilter. Als nächsten Schritt hätte ich Google gebeten, ihn auf eine No-Fly-List zu setzen. Naja, vielleicht ein bisschen übertrieben.

Besonders penetrant ist es, wenn PR-Fritzen versuchen, sich in Fachlisten zu drängeln, wo sich Journalisten gegenseitig Tips geben, wie man in die KSK eintritt, oder wie man nichtzahlende Auftraggeber oder Klaukopierer verklagt. Dort aufzutauchen, ist ungefähr so, als gehe man uneingeladen auf eine Geburtstagsfeier, um den Gästen Versicherungen zu verkaufen. Noch penetranter und zahlreicher ist die Species natürlich in Amerika, hier habe ich es aber wenigstens noch nie erlebt, dass ein PR Hack, dem man sagt, interessiert mich nicht, außerdem bitte keine Mails an meine Privatadresse, anschließend stundenlang herummopst, was denn dem kleinen Frauchen einfällt, den großen Herrn abzuweisen. Vielleicht sollte PR-Flaks mal ihr eigenes neues Potenzmittel ausprobieren. Am besten als tägliches Kochrezept.

 

Manhattan Moments. Geschichten aus New York. Knaur TB, 9,95 €

 

 

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