Eine Chance für die Atlantikbrückler

Die erste Panik ist vorbei, nun mehren sich die Stimmen, die Donald Trump eine Chance geben wollen. Der Mann sei demokratisch gewählt—nun ja, er hat nicht die Mehrheit der Stimmen bekommen, aber so sei das in den USA nun einmal, das sei deren System, seit 200 Jahren bewährt (vor allem für weiße Männer). Ob ein Staatschef demokratisch gewählt ist, spielt eigentlich sonst nirgends eine Rolle; die Queen von England ist ernannt, und zu ihrem Sturz wird in Deutschland auch nicht aufgerufen, aber das nur am Rande. Jetzt heiße es, Blick nach vorne. Vielleicht werde es mit Trump gar nicht so schlimm, wie die vom Volk entfernten Medien sagten. Der Mann sei schließlich Selfmade-Milliardär. Der müsse doch was auf dem Kasten haben, oder?

Ist er das? Da scheinen einige Experten über Geheimwissen zu verfügen; bisher hat noch niemand die Bilanzen der Trump Organization gesehen, oder auch nur die Steuererklärung. Würde ein Geschäftsmann, der auf sehr großem Fuß lebt, mehrmals Konkurs angemeldet hat, seine Immobilienvorhaben mit ausländischen Geldern aus dubiosen Quellen finanziert und seine Unkosten der öffentlichen Hand aufbürdet, lügen? Nicht doch. Fragen Sie einfach Bernie Madoff, der wird das bestätigen.

Müssen wir in Deutschland jetzt Trump akzeptieren? Was wäre denn die Alternative? Die Bundeswehr nach Amerika schicken, um die Linken und Schwulen, die Schwarzen und Mexikaner von Trump zu befreien? Die US-Botschaft in Berlin schließen, das Personal deportieren, und die Vorstandsvorsitzenden von Apple, Google und Facebook als ausländische Spione (oder Geiseln) einsperren? Einen Hit-Mann des BND mit einer AK-47 ausrüsten und nach Washington schicken? Einen Putsch der Trump-kritischen Kräfte in der CIA finanzieren? Nein, das fordert niemand, und damit würden wir uns wohl auch ein ganz klein wenig übernehmen.

An wen richtet sich die Kritik eigentlich? Eigentlich sollten die Chance-Forderer doch die Mehrheit der Amerikaner betexten, die Trump nicht gewählt hat, statt ihre deutschen Mitbürger, die ja als Unbeteiligte weder gewonnen noch verloren haben. Das passiert aber nicht. Gefordert wird, dass deutsche Trump-Kritiker die Klappe halten. Und wer fordert das? Die Fraktion, die findet, Amerika kann eigentlich gar nichts falsch machen, und jede Kritik an einem US-Repräsentanten sei Anti-Amerikanismus. Diese Fraktion hat vor der Wahl auf das falsche Pferd gesetzt. Fest davon überzeugt, dass Hillary Clinton gewinnt, haben sich die amerikafreundlichen Kommentatoren auf Trump eingeschossen. Man konnte gegen Trump sein, Objektivität und Sachkenntnis demonstrieren und dabei weiterhin treu an Seiten der USA stehen. Denn der Rüpel auf der Rampe würde wohl bald wieder verschwinden — dachten die.

Ja, liebe Tante, nun ist der Rüpel Präsident, und damit setzt das Große Zurückrudern an. Es geht ja gar nicht darum, Trump eine Chance zu geben. Ob die deutsche Kommentatoren-Schar den Donald anhimmelt, angreift, oder ihn mit dem Schicklgruber Adi vergleicht, ist diesem so egal wie der sprichwörtliche Sack Reis in China. Nein, es geht darum, den Neokonservativen und Atlantikbrücklern, dem Heer der Amerikaversteher und USA-Weltbilderklärer wieder eine Chance zu geben, nachdem sie mit Trump ein Jahr lang so falsch lagen wie ein Sportreporter, der den TSV 1968 München als deutschen Meister vorhersagt. Es geht darum, die Lufthoheit über den Intellektuellen-Stammtischen wieder zu erobern.

Das gleiche ließ sich schon bei George W. Bush beobachten: Die gleichen Leute, die glaubten, er werde die Wahl nicht gewinnen, brandmarkten danach seine Kritiker als Anti-Amerikanisten. Und als er nach seinem Abgang von seinen eigenen Parteifreunden fallengelassen wurde, konnte sich keiner mehr daran erinnern, ihn liebgehabt zu haben. Ja, wer sein Fähnchen immer nach dem Westwind hängt, hat es nicht leicht.

Übrigens: Warum wird die sprichwörtliche Chance eigentlich immer nur bei amerikanischen Regenten gefordert? Putin wurde gewählt, Berlusconi, vielleicht demnächst Marine Le Pen. Verdienen die nicht auch eine unkritische Fanboy-Basis, für die Ruhe die erste Bürgerpflicht ist und die erstmal abwarten wollen?

 

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