Robert E. Lee, Andrew Jackson und die Nazis in Charlottesville

In Charlottesville, Virginia, haben Neonazis und Konförderiertenfreunde mit Fackelaufmärschen demonstriert, eine Frau starb, als ein Auto in eine Menge von Gegendemonstranten raste. Amerika ist in Aufruht. Was ist passiert?

Der Konflikt begann, als die Stadtverwaltung von Charlottesville beschloss, ein Denkmal für Robert E. Lee zu entfernen. Lee war der General des Amerikanischen Bürgerkriegs auf der Seite der Südstaaten, die ihre Unabhängigkeit vom Norden erklärt hatten, um die Sklaverei zu verteidigen. 1865 gewann der Norden, aber es gab nach dem Krieg einen Konsens mit dem Süden, bei dem es hauptsächlich um Versöhnung ging. Die Afro-Amerikaner waren frei, aber segregiert. Noch 100 Jahre nach dem Bürgerkrieg durften Afro-Amerikaner in vielen Südstaaten nicht wählen, bis nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Rassetrennung in Schulen, Bussen, Restaurants und Krankenhäuser.

Das ist kein Wunder, denn auch der Norden hatte Sklaven, nur eben nicht so lange (und so viele) wie der Süden. George Washington, der erste Präsident hatte Sklaven und er schaffte die Sklaverei nicht ab. New York City, die Stadt, die nun das große Wort führt, erlaubte Sklaverei bis 1841 — bis zu einem Viertel der Stadtbevölkerung waren schwarze Sklaven — und stimmte gegen den Bürgerkrieg. Das Denkmal von Andrew Jackson, der Gründer der demokratischen Partei, der die Indianerstämme des Südens auf einen Todesmarsch schickte und der ebenfalls Sklaven hielt, steht noch heute in New Orleans. Der Demokrat Woodrow Wilson, US-Präsident im Ersten Weltkrieg, führte die Rassentrennung bei der  Eisenbahn und  Greyhound ein. Sein Name ziert noch heute Universitäten. Franklin D. Roosevelt kämpfte mit einer segregierten Armee, in der schwarze Soldaten Weißen kein Blut spenden durften, gegen die Nazis.

Das eigentliche Problem in Amerika ist die Geschichtsvergessenheit. Statt sich einer ehrlichen Debatte zu stellen, zeigen Nordstaatler auf Südstaatler mit dem Finger, als ob der Süden die Sklaverei erfunden hätte. Dabei sind die liberalen Nordstaatler die ersten, die ihre Kinder auf weiße Privatschulen bringen, wenn ihr eigenes Stadtviertel zu divers wird. Statt sich an Lee als Symbolfigur abzuarbeiten — der weniger Kriegsverbrechen zu verantworten hat als Andrew Jackson —, wäre eine ehrliche Geschichtsbetrachtung gefragt.  Dann verschwinden auch die Neonazis mit ihren Fackeln wieder.

 

Wer mehr über die Geschichte der USA wissen will:

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