Über dieser Stadt ist kein Himmel

Manche Dinge ändern sich nie in Berlin:

Über dieser Stadt ist kein Himmel. Ob überhaupt die Sonne scheint, ist fraglich; man sieht sie jedenfalls nur, wenn sie einen blendet, will man über den Damm gehen. Über das Wetter wird zwar geschimpft, aber es ist kein Wetter in Berlin. (…) In dieser Stadt wird nicht gearbeitet – , hier wird geschuftet. (Auch das Vergnügen ist hier eine Arbeit, zu der man sich vorher in die Hände spuckt, und von dem man etwas haben will.) Der Berliner ist nicht fleißig, er ist immer aufgezogen. Er hat leider ganz vergessen, wozu wir eigentlich auf der Welt sind. Er würde auch noch im Himmel – vorausgesetzt, daß der Berliner in den Himmel kommt – um viere ›was vorhaben‹.

Oder das:

Was ist das nur für eine Stadt ? Jedermann läuft herum und ist voll großer Projekte und plant ganz große Dinge. Kein Theatermann, der nicht in der allernächsten Zeit – aber die Sache ist noch vertraulich ! – eine neue große Theaterkiste aufziehen wird; kein Filmonkel, der nicht ein Riesenkonsortium an der Hand hat; kein Verleger, der nicht nächstens mal den Leuten zeigen wird, was eine Harke …
Und derweil geschieht gar nichts.

Oder das:

Diese Stadt hat das Kollektivinteresse erfunden. Alle interessieren sich immer zu gleicher Zeit für ein und dieselbe Sache. Neugier, Klatsch und Telefongespräch zittern im selben Rhythmus; die Setzmaschinen fetter Zeitungszeilen werden vom selben Motor getrieben, latente, ewig auf der Lauer liegende Spannung lagert sich uniform um jeweils ein einziges Objekt. Berlin gibt immer eine Parole aus.

Das ist natürlich nicht von mir, sondern von Kurt Tucholsky, aus Berlin! Berlin! Über dieser Stadt ist kein Himmel, Das Buch, gerade erschienen, ist nun vom Tagesspiegel besprochen worden –  Christoph Stollowsky nennt es „ein herrliches Vergnügen zum Lesen und Vorlesen“. Das Buch vereint alle Berlin-Geschichten von Tucholsky, umrahmt von satirischen biographischen Spitzen, von der Geburt des Autors und wie der Liebe Gott ihn bat, sein Leben zu wählen, bis zum fiktiven Begräbnis seines Alter Ego Ignaz Wrobel.

Versammelt sind hier auch Tucholskys Portraits von berühmten Berlinern — von Claire Waldoff bis Heinrich Zille — , Geschichten von Herr Wendriner und Lottchen, und Fotos von Tucholsky, seiner Familie, und seinen Freunden. Das Vorwort ist von Mark Twain, anlässlich seines Berlin-Besuchs im Jahr 1891-92.

Berlin! Berlin!
Über dieser Stadt ist kein Himmel
Kurt Tucholsky, mit einem Vorwort von Mark Twain
208 Seiten Broschur
Format 14 x 21.6 cm
ISBN 978-3-96026-023-3
Preis: 14.00 €

Bestellbar in allen Buchläden und auf Amazon

 

Außerdem zu empfehlen:

Europa im Visier der USA. Das Ende der transatlantischen Freundschaft? Eva C. Schweitzer. Berolina, 192 Seiten, 14.99 €. Erscheint am 4. Oktober 2017.

https://www.buchredaktion.de/produkt/europa-im-visier-der-usa-1936841

Trump Party. Der weiße Wahn. Wie Amerikas Neue Rechte nach der Macht greift. Eva C. Schweitzer. Manahatta, 288 Seiten, 12.00 €.

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