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vonEva C. Schweitzer 24.11.2017

Manhattan Media

Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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Das neueste aus dem deutschen Antifa-Kindergarten: Eine Initiative „Zentrum für Politische Schönheit“ hat vor der Haustür des Thüringer AfD-Chef Björn Höcke eine Miniaturausgabe des Holocaust-Mahnmals aus Pappmaché nachgebaut, 24 Stelen, auf einem gemieteten Nachbargrundstück. Das Zentrum versteht sich als Schutzstaffel, äh, Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit.  Es findet, die Lehre aus dem Holocaust müsse sein, Flüchtlinge aus dem islamischen Raum aufzunehmen, allerdings nicht dorthin, wo die Initiatoren selber leben — der Sprecher, Philipp Ruch ist ein Berufswichtigtuer mit Schweizer Pass, der in der Danziger Str. 6 wohnt, im flüchtlingsfreien Szenebezirk Prenzlauer Berg. Sollte der nicht erstmal ein paar Goldbarren zurückgeben? Aber ich schweife ab.

Verbunden ist die Aktion mit einer Videoüberwachung von Höckes Haus, und nun diskutiert ganz Deutschland, ob man den politischen Feind bespitzeln und ausspionieren darf, wenn man glaubt, man gehört zu den Guten. Wem fällt da nicht Stasi-Chef Erich „Ich liebe auch doch alle“ Mielke ein! Und wer sonst würde den kopieren, wenn nicht ein gebürtiger Dresdner wie Philipp Ruch? Vielleicht sollten wir uns das mit der Maueröffnung nochmal überlegen. Andererseits, gerade in den Zeiten von Masseneinwanderung auch von allerlei Übelbolden ist es ganz gut, wenn sich die Deutschen bezeiten an flächendeckende Überwachung des öffentlichen Raums gewöhnen. Das schützt auch die friedlichen Flüchtlinge.

Der Grund für die Aktion ist, dass Höcke vom „Denkmal der Schande“ gesprochen hatte. Während sich jüdischen Organisationen eher bedeckt bis kritisch halten, freut sich die Initiatorin des Mahnmals, Lea Rosh. „Das ist eine wunderbare Idee“, sagte Rosh. Die Aktion so kurz vor der Weihnachtszeit sei eine „herrliche Bestrafung“ für Höcke.

Also, noch einmal von vorne: Rosh findet, dass der Blick auf das von ihr iniitierte Mahnmal eine „herrliche Bestrafung“ sei. Offenbar hält sie ihr eigenes Mahnmal für eine Art Äquivalent zu einer Müllverbrennungsanlage oder Tierkörperverwertungsanstalt, Nutzungen, die der Stadtplaner sonst aus gutem Grund in unbelebten Randregionen abkippt. Das heißt letztlich, dass sich Rosh und Höcke in der Bewertung des Mahnmals einig sind. Es geht jetzt nur noch darum, wer den Anblick ertragen muss. Kein Wunder, dass es nicht so einfach ist, Faschisten und selbsternannte Antifaschisten zu unterscheiden.

 

Europa im Visier der USA. Das Ende der transatlantischen Freundschaft? Eva C. Schweitzer. Berolina, 192 Seiten, 14.99 €. Erschienen im Oktober 2017.

https://www.buchredaktion.de/produkt/europa-im-visier-der-usa-1936841

Außerdem, frisch aktualisiert:
Trump Party. Der weiße Wahn. Wie Amerikas Neue Rechte nach der Macht greift. Eva C. Schweitzer. Manahatta, 288 Seiten, 12.00 €.
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