vonEva C. Schweitzer 15.02.2018

Manhattan Media

Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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„Erstes Kapitel: Er betete New York an. Er vergötterte diese Stadt über alle Maßen. Nein, es muss heißen. er idealisierte sie über alle Maßen. Für ihn existierte diese Stadt, in der das Leben im Rhythmus der unsterblichen Melodien von George Gershwin pulsierte… “ So beginnt „Manhattan“, der Film, den Woody Allen seiner Stadt zu Füßen liegt.

Vor einigen Jahren unternahm ich eine Filmtour durch New York; es war eine dieser Busfahrten für Touristen, bei der einem erzählt wird, wo der Marshmallow Man aus Ghostbusters entlanglief, wo Crododile Dundee in die U-Bahn kletterte und an welchem Hochhaus Spiderman herumschwang. Die einzigen Filme, die bei der gesamten Busfahrt nicht vorkamen, waren die von Spike Lee, der bekannteste afro-amerikanische Filmemacher nicht nur von New York, sondern des ganzen Landes, und Woody Allen. „Ich verstehe Sie schon“, sagte die Tour-Leiterin. „Aber die meisten unserer Kunden sind Touristen aus dem mittleren Westen und die HASSEN Woody Allen.“

Im Moment liebt ihn auch New York nicht. Das ist erstaunlich, denn niemand hat die Stadt über viele Jahrzehnte so präzise und liebevoll abgebildet wie Allen. Nicht das imaginäre New York von Crocodile Dundee, sondern ein anderes New York, das der Standup Comedians wie Jackie Mason und Larry David, die zu Anfang ihrer Karriere schlüpfrige Witze in den Sommerhotels in den Catskills rissen und sich bei Carnegies Delicatessen zu Bagels mit Cream Cheese und Lox trafen, das der Upper-West-Side-Akademiker mit den schwierigen Beziehungen und den Psychotherapeuten, das der neurotischen Frauen und der sonntagsfahrenden Männer, kurz, das jüdische New York.

Mit der #Metoo-Bewegung, die Ronan Farrow losgetreten hat, der Sohn von Mia Farrow und Allen (oder vielleicht auch der von Frank Sinatra, von Farrow hört man da widersprüchliches), der im New Yorker über Harvey Weinsteins Eskapaden schrieb, geriet auch Allen unter Beschuss. Allen, das ist bekannt, hat hinter dem Rücken seiner damaligen Freundin eine Affäre mit deren Adoptivtochter angefangen, Soon-Yi, die um Jahrzehnte jünger ist als er selber. Die beiden sind nun verheiratet und haben zwei Kinder adoptiert. Viele haben dem Filmemacher das übelgenommen, allen voran natürlich Mia Farrow, die Rache schwor, und tatsächlich war das auch ziemlich grenzwertig.

Allerdings nicht ungewöhnlich für Künstler; Picasso und Brecht beuteten ihre Freundinnen aus. Charlie Chaplin heiratete ein Mädchen, das 36 Jahre jünger war als er. Heinrich Mann — auf den Marlene Dietrichs Blauer Engel zurückgeht —, traf seine zweite Frau, eine Bardame, während er noch mit der ersten verheiratet war. Kurt Tucholsky, ein erbitterter Streiter gegen das Schmutz- und Schundgesetz der Weimarer Republik, wurde von seiner Frau verlassen, die sich beklagte, sie müsse über seine Geliebten hinwegsteigen, um in ihr Bett zu kommen. Und Erich Kästner, ebenfalls ein von den Nazis verbrannter Autor, hatte zwei Freundinnen in zwei Städten.

Selbst die härteste Feministin behauptet heute nicht mehr, dass Soon-Yi Allens Opfer sei. Heute geht es um Vorwürfe seiner leiblichen Tochter Dylan, er habe sie als Siebenjährige sexuell belästigt. Dies wurde bereits 2014 öffentlich, als Dylan und Mia Farrow mit Nicholas Kristof sprachen, einem New-York- Times Reporter und (kleiner Interessenkonflikt) Freund der Familie. Das spaltet New York in zwei verfeindete Lager; die einen glauben Dylan, die anderen Allen, der alles abstreitet. Beweise, Zeugen oder weitere Vorfälle gibt es nicht, eine ärztliche Untersuchung erbrachte kein Ergebnis, es gab kein Gerichtsverfahren, geschweige denn ein Urteil. Aber das nutzt Allen nichts.

Mit den Vorwürfen gegen Weinstein kam auch dies wieder hoch. Nur dies. Niemand wirft Allen vor, dass er Schauspielerinnen belästigt oder Rollen versprochen habe, falls ein Starlet mit ihm ins Bett geht — da er nur die gewerkschaftliche Mindestgage von 5000 Dollar zahlt, wäre das auch ziemlich lächerlich. Er hat einigen jungen Schauspielerinnen nachgestellt, wie Mariel Hemingway, die in Manhattan mitspielt, aber das ist nicht ungewöhnlich, und er hat ein Nein akzeptiert.

Weil man Allen in seinem Privatleben heute eigentlich nichts vorwerfen kann, was neu oder gar unbekannt wäre, geraten nun seine Filme ins Visier. Die Kritik an Allen manifestiert sich in der Äußerung, „Mir haben seine Filme noch nie gefallen, deshalb muss an den Vorwürfen etwas dran sein.“ Seine Kritiker — in die sich kürzlich sogar New York-Times-Filmrezensent A.O. Scott einreihte — gucken nun nochmal genau hin. Sind seine Filme nicht unmoralisch? Dekadent? Handeln sie nicht oft von alten Männern, die jungen Frauen hinterhersteigen oder zwischen zwei Frauen schwanken, von Ehebrechern, Verbrechern und Prostituierten und, schlimmer noch, Autoren, die Texte stehlen? Wirklich? Merken seine Kritiker das erst heute? Den Begriff „entartete Kunst“ hat bisher noch keiner gebraucht, aber warten wir’s ab. Jedenfalls, der Reichsfilmkammer hätte Allens Oevre bestimmt nicht gefallen. Und den Filmkontrolleuren, die im Hollywood der dreißiger und vierziger Jahre für einen sauberen Lichtbildschirm sorgten, auch nicht. Allen hat selber schon in „Stardust Memories“ Leute persifliert, die sich beklagen, seine frühen Filme seien doch viel lustiger gewesen. Jetzt aber wird es ernst.

Ja, Woody Allens Frauenfiguren kommen oft nicht gut weg. Stark sind sie oft, aber nicht so niedlich wie Mary Jane in Spiderman. Seine Männerfiguren sind auch keine richtigen Helden. Meistenteils, weil schriftstellernde New Yorker mit Psychotherapeuten nicht die burschikose Fröhlichkeit von Crocodile Dundee haben oder die special powers von Spiderman. Die meisten, die Allens Filme nicht mögen, haben seit Manhattan keinen mehr gesehen, aber das hält niemanden davon ab, eine Meinung zu haben.

Und nicht nur eine Meinung. Schauspielerinnen, die Allen gute Rollen oder Oscar-Nominierungen zu verdanken haben, distanzieren sich nun von ihm. Andere wollen ihre Gage spenden — die gewerkschaftliche Mindestgage von 5000 Dollar, wohlgemerkt. Kein einziger dieser Schauspieler hat Allen persönlich etwas vorzuwerfen, alle reagieren auf den Zeitgeist. Man hat das Gefühl, ein Mob rottet sich gerade gegen ihn zusammen, der neues Fleisch sucht, neue Beute, der aus Leuten besteht, die vor allem auch mal gerne ihren Namen gedruckt sehen wollen. Das alles, natürlich, im Gewande der Guten. Man muss Allens Filme nicht mögen, um es widerlich zu finden, wie diese Meute über einen gebrechlichen, genialen, jüdischen 82-jährigen Filmemacher herfällt.

Eigentlich richtet sich diese Kampagne nicht nur gegen Allen, sondern gegen ganz New York, diese unmoralische Großstadt, in der man anonym sein darf und eine Geliebte haben. Woody Allens New York, Larry Davids New York, Spike Lees New York. Gegen all diese jüdischen oder atheistischen Künstler, die Witzereißer in den Catskills, die Prostituierten auf dem Times Square, die Psychotherapeuten, alles, was nicht suburban ist, und ländlich. Dass die New York Times dabei mitmacht, ist eine Schande. Reicht es dem Mittleren Westen denn nicht, Donald Trump im Weißen Haus zu haben? Brauchen wir jetzt auch noch ihren Kinogeschmack?

 

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https://blogs.taz.de/newyorkblog/2018/02/15/woody-allen-und-der-mob-im-gewande-der-guten/

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kommentare

  • Man muss Allens Filme nicht nicht mögen, um es widerlich zu finden, wie einem Kindesmissbraucher nach wie vor eine Bühne geboten wird.

  • Danke, Danke, Danke für diesen Kommentar. Auf den Seiten anderer linker Zeitungen wie dem Guardian würde eine so weit vom Zeitgeist stehende Meinung nicht durchgehen. In Cannes, auf der Berlinale, bei den Oscars etc. ständen Sie auch ziemlich alleine da. Gerade deswegen: Danke, dass Sie ihre Meinung öffentlich vertreten.

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