vonEva C. Schweitzer 16.04.2018

Manhattan Media

Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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Thomas Rogalla ist tot. Er wurde 65 Jahre alt. Thomas arbeitete zuletzt lange Jahre für die Berliner Zeitung, aber ich kenne ihn noch als Lokalchef der taz, in den Zeiten vor der Wende, als aufregende Dinge passierten und der Lokalteil erst ein paar Jahre alt war und aus vier Redakteuren bestand. Als in West-Berlin noch die heimischen Baulöwen regierten, Diepgen und Landowsky die CDU führten und Jens Krause und Rudi Kujath die Senatsbauverwaltung, und die letzten Häuser um Nutzungsverträge verhandelten, als über die Westtangente gestritten wurde und den Kinderbauernhof.

Ich lernte Thomas vor fast 35 Jahren kennen, als ich an einem regnerischen Vormitteg bei der taz auftauchte. Ein leerstehendes Hinterhaus am Kreuzberger Chamissoplatz, das letzte leerstehende Hinterhaus weit und breit, war gerade besetzt worden. Es sollte abgerissen werden. Senatspolitik. Wir waren schon im frühen Morgengrauen dort, ich als Vertreterin des Süd-Ost-Express, aber auch als Anwohnerin, mit uns waren Annette Ahme, vormals Mieterrat Chamissoplatz und der letztes Jahr verstorbene Kreuzberger Baustadtrat Werner Orlowsky. Das Haus war leer, aber schon ziemlich gammelig, mit winzigen Wohnungen. In einem Stock hatten die örtlichen Tauben einen Friedhof eingerichtet, der bereits einen halben Meter hoch war. Das Haus hatte keine große Zukunft, aber es ging ums Prinzip.

Nachdem ich mich von dem Taubenschock erholt hatte, fuhr ich in die Voltastraße und ging auf die Suche nach dem Lokalchef. Thomas grinste, und fragte als erstes: „Und du gehörst zu den Besetzern, oder?“ Was aus dem Artikel geworden ist, weiß ich nicht mehr, aber danach schrieb ich noch vieles, was Thomas plante, und dann redigierte. Selten habe ich jemanden kennengelernt, der so gut wusste, was man eigentlich hatte schreiben wollen. Und nicht nur das, Thomas hatte immer eine klare Sicht auf das, was geschah, moralisch wie politisch. Einer, auf den man hörte und an dem man sich orientierte.

Und er hatte immer ein trockenes, passendes Wort bereit. Kurz vor der Wende war die Besetzung des Kubat-Dreiecks an der Mauer der große Aufreger. Irgendwann bemerkte Thomas: „Wenn man alle diese Artikel ausdrucken und nebeneinander legen würde, würden die mehr Fläche einnehmen als das Dreieck?“

Als die erste, rot-grüne Koalition kam, ging Thomas ging als Pressesprecher zur grünen Umweltsenatorin Michaele Schreyer, und, nach der Wende, zur Gauck-Behörde. Dann zum SFB und der Berliner Zeitung. Aber wir haben uns nie aus den Augen verloren. Ich ließ ihn unter einem erfundenen Namen — Robert — in meinem ersten Roman auftreten. Thomas schwärmte für Schweden, also ließ ich Robert für Norwegen schwärmen. Anonymisierung, klar. Ab und zu gingen wir in der Kantine der Berliner Zeitung zusammen essen, er klagte über die Geschäftsführung, ich erzählte von der Geschichte der Sklaverei in Amerika. Später tauschten wir uns über Krankenhauserfahrungen aus, ja, man wird nicht jünger. Zuletzt habe ich ihn bei meinem Geburtstag gesehen. Dass es das letzte Mal sein würde, ich hatte keine Ahnung. Das weiß man nie.

 

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https://blogs.taz.de/newyorkblog/2018/04/16/thomas-rogalla-ist-gestorben/

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