vonEva C. Schweitzer 21.07.2019

Manhattan Media

Eva C. Schweitzer, Buchautorin, Journalistin und Verlegerin, über Amerika und über die Leute, die über Amerika schreiben.

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Gestern war ich auf einem Ausflug nach Vaihingen, das von den Einheimischen wie Karl Valentin ausgesprochen wir, also nicht mit W; Vaihingen liegt in der Tarifzone 5, es fährt aber keine S-Bahn dorthin, sondern eine private Regiobahn, deren Ansage mir fast einen Herzinfarkt versetzt hat, weil die Bahn zehn Minuten vor Vaihingen durchlautsagte: „Nächster Halt Pforzheim?“ Wo, zum Teufel, ist Pforzheim? Bevor ich aber mein Handy befragen konnte, was nicht so einfach war, weil das Frankennetz-WLan  in der Regiobahn noch langsamer ist als das im Flixbus, wurde die Durchsage handmündlich korrigiert; also, long story short, ich kam in Vaihingen an. An der Enz. Oder dem Enz. Ich nehme mal an, der Enz ist ein Nebenfluss der Schiller.

Eigentlich wollte ich noch nach Ludwigsburg, das klappte aber nicht, weil ich zwei Stunden am Telefon damit vertrödelt habe, Eplus dazu zu bewegen, mein iPhone zu entsperren. Auf dem Rückweg spätabends von der Alexanderkirche das Kopfsteinpflaster hoch stolperte ich über das eine, was ich in Marbach bislang vermisst habe: Schillertassen!  Tatsächlich gibt es hier einen Laden, der Schillertassen verkauft, er liegt zwischen dem Schillerhaus und dem Restaurant am Schillerhaus und hat ein Schillerbild im Schaufenster. Leider hatte der Laden am Samstagabend zu, wie fast alles hier. Außerdem fand ich heraus, dass es hinter der Schillerhöhe noch eine ganze Schillerlandschaft gibt, darunter das Restaurant Schillerhöhe, das Parkhotel Schillerhöhe und die Schillergärten. Hier hat Schillers Großvater (oder Urgroßvater) Schillerwein gepflanzt; denke ich wenigstens. Wo soll der Schillerwein, den sie mir im Schillerhaus verkauft haben, sonst herkommen, die werden doch nicht einfach bloß ein Etikett auf die Flasche geklebt haben?

Am Sonntag war ich auf dem Friedhof von Marbach, hinter der Alexanderkirche. Hier ist (jetzt werden wir mal einen Moment wieder ernst) Kurt Pinthus begraben, mit seiner Frau Else. Pinthus lebte in der Zeit von Kurt Tucholsky in Berlin; er war ein linker expressionistischer Autor und Dramaturg, der, wie Tucholsky, für Rowohlt arbeitete. Aber anders als dieser floh er rechtzeitig vor den Nazis nach New York, wo er lange unterrichtete. 1967, relativ spät also, kehrte er nach Deutschland zurück, und zwar nach Marbach, wo er das Literarische Archiv mit aufbaute. Es gibt einen Briefwechsel zwischen Mary Tucholsky und Pinthus, der sich im Archiv befindet. Kurt Wolff und seine Frau Helen liegen ebenfalls auf dem kleinen Friedhof; der Gründer des Kurt Wolff-Verlags, bei dem Pinthus Lektor war. Auch Wolff flüchtete — in letzter Minute und über Frankreich — und lebte danach lange in New York, kehrte zurück und wurde dann, ausgerechnet bei Marbach auf dem Weg zum Archiv, von einem Lastwagen überfahren. Bekannt sind sie aber auch durch den von ihnen gestifteten Helen und Kurt Wolff Übersetzerpreis. Auf die Wolffs geht auch der New Yorker Pantheon Verlag zurück, der heute Bertelsmann gehört. So schließt sich der Kreis.

 

 

 

 

 

 

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