Monumente des Scheiterns

USA Today verpflichtet die eigenen JournalistInnen, einmal die Woche den Vertrieb ihrer Arbeit über Social-Media-Kanäle selbst durchzuführen. Was für ein perfides Spiel das doch ist…

Meedia berichtet, dass die Zeitung den Social Media Tuesday ausgerufen habe. Jeden Dienstag sollen nun die MitarbeiterInnen so tun, als wären ihre eigenen Facebook- und Twitteraccounts der einzige Weg, auf dem ihre Arbeit das Publikum erreicht. Die Sprachregelung ist die, dass so der Umgang mit den Verbreitungskanälen geübt, der Kontakt mit den LeserInnen verstärkt und die JournalistInnen besser vermarktet werden. Klingt alles ganz toll.

Schließlich müssen alle Redaktionen der Tatsache Rechnung tragen, dass die Startseite ihrer Zeitung im Netz, an die sie sich grad mühsam gewöhnt hatten, schon wieder an Bedeutung verliert. Viel wichtiger wird der Seiteneinstieg über Verlinkungen von aussen, z.B. Facebook.

Insofern arbeiten wir alle an der Verbesserung unserer Filialen in der bunten Shoppingmall mit Likes und Shares – was bleibt uns auch anderes übrig, wenn wir nicht die mühsam erkämpften Reichweiten verlieren wollen. Schön jedoch ist das nicht.

Facebook, iTunes, Amazon sind die Monumente des Versagens der alten Strukturen zur Verbreitung der Produkte im weitesten Sinne geistiger Arbeit. Ihre Monopolstellung begründet sich im völligen Unvermögen der Plattenfirmen, Buch- und Zeitungsverlage, rechtzeitig auf das sich ändernde Konsumverhalten der KundInnen zu reagieren und eigene Vertriebswege zu schaffen. Mit dem Resultat müssen wir jetzt erstmal leben.

Auf gar keinen Fall aber müssen wir Beifall klatschen, wenn USA Today so einen Wettbewerb auschreiben will: „Wer holt sich die meisten Twitter-Follower in einer bestimmten Zeit?“ Ich will das JournalistInnen um die besten Recherchen und die klügsten Analysen konkurrieren und nicht um das bestgepflegte Facebookprofil. Punkt.

Natürlich ist es schön, wenn sich die KollegInnen für dieses Internet und seine Mechanismen interessieren, vielleicht sogar persönlichen Spaß an der Nutzung bestimmter Tools und Plattformen gewinnen und die Möglichkeit des direkten Dialogs mit LeserInnen schätzen. Aber sie dazu verpflichten? Sind wir schon so zugerichtet, dass wir es ganz normal finden, dass neben Recherche, Schreiben, Bildrecherche, der Produktion für Print und Online dann auch noch die Direktvermarktung unserer eigenen Produkte in unserer Verantwortung liegt?

Wann schlafen wir eigentlich? Und was machen diese Verlage während wir uns nach der Überschrift für Print und der für Online noch eine für Facebook ausdenken? Nee, wenn der „Journalist als Marke“ heisst, dass wir uns einfach nur billig verkaufen sollen, und zwar die ganze Zeit, da danke ich aber schön.

Die Arbeitsbedingungen in den Onlineredaktionen sind nicht die besten, unter anderem deshalb, weil dort Verlags- und Redaktionsaufgaben buchstäblich nur einen Klick auseinander liegen. Anstatt aber hier die Verhältnisse zu verbessern, sollen die anderen genauso arbeiten? Kein Wunder dass die Print-KollegInnen ihre Angst hinter der Hochnäsigkeit gegenüber den Onlinern kaum verbergen können. Wie es in den Köpfen der VertriebsmitarbeiterInnen aussieht, deren Job als erstes durch den Orkus geht und im Netzt ja nun von den JournalistInnen gleich selbst gemacht werden soll, kann man sich leicht ausmalen.

Schön wäre, wenn in deutschen Redaktionen tatsächlich jeder Tag zum Social Media Tuesday werden könnte.“ Natürlich sind das alles interessante Werkzeuge und Wege, auch ist Facebook keineswegs das leibhaftige Böse, aber: Der (selbst)kritische Umgang mit der eigenen Arbeit und den sie begleitenden Prozessen ist doch um so vieles wertvoller als die Freude an ihrer totale Quantifizierung und der Unterwerfung der Einzelnen unter die Mechanismen der permanenten Vermarktung (noch dazu bei eher mäßigem Schmerzensgeld). Nee, beim Social Media Tuesday, da komm ich nicht ran, ohne auf der aus allen Poren fließenden Affirmation auszurutschen.

So, und jetzt das ganze schnell noch auf Twitter und Facebook posten…

Kommentare (15)

  1. Und danach? Falsches Nest angeflogen?

  2. Gleich danach kam die taz, da das mit der Aufklärung nicht mehr so gut lief. Ach ja, was vergessen, war ja noch a bisserl mehr.

    Im 19. Jahrhundert der erstarkenden Nationalstaaten erstarkte mit verbesserten Massendruckereien und auch das Medium Zeitung. Einen Pressekodex gab es damals nicht. Die meisten Zeitungen orientierten ihre Blattlinien an den Gesinnungen der Geldgeber*nnen. Massig Lokalzeitungen erschienen in Deutschland aka Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation und Deutsches Kaiserreich. Tausende Block-SchreiberInnen mit geringen Reich-Weiten.

  3. Am Anfang war die Aufklärung.

    Einer ihrer wichtigsten DenkerInnen war Immanuel Kant. Er postulierte 1784: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ https://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/texte/kant/aufklaer.htm

  4. Die taz. Der Scheiter-Haufen. *Hihi*, nicht so gemeint, bei Scheitern komme ich schnell auf Scheiter-Haufen. Mich interessiert sehr, wie solche schriftstellerischen Größen wie Jörg Magenau die Entwicklung der taz sehen. Er schrieb das lange Porträt-Buch „Die taz – eine Zeitung als Lebensform“. Wie sieht er die Entwicklung? Wiederholt sich ein Teil der Geschichte der tageszeitung?

  5. Ich denke, die Aufgaben bei der digitalen Arbeit müssen Sie künftig weiter aufteilen. So, dass Technisches und Vertriebliches wirklich jemand anderes macht und die JournalistInnen sich um die Inhalte kümmern können.

    Beim Verfolgen der Live-Ticker während der WM hatte ich manchmal den Eindruck, dass die JournalistInnen zu vieles auf einmal machen sollen. Genau weiß ich das als Leser natürlich nicht. Ich nehme an, dass die JournalistInnen in den Tickern selbst die Fotos beschneiden und aufbereiten mussten, mit Abstand Gegenlesen und Ähnliches. Ich hing dann am Ticker und wollte in unserer WM-Runde witzige, kluge, interessante Kommentare besonders zu den Toren in die Runde geben. Kam und kam und kam nichts. Mitunter wurde ein Tor erst Minuten später getickert. In einer WM-Runde kann das eine Ewigkeit sein. Das Spiel ist dann ja längst weiter.

    Die taz könnte sich ExpertInnen heranziehen/selbst recherchieren, wie sich die redaktionelle und verlegerische Aufgabenteilung in Medienhäusern früher eigentlich herausmendelte. Ich bin davon überzeugt, dass sich das auch früher nicht von allein in sachlich-netten Gesprächen entwickelte. Das bedurfte sicherlich stets geschickter Verhandlungen auf allen Seiten.

    • Tatsächlich werden Liveticker bisweilen nur von einem einzigen Onlineredakteur betreut, der die Zurufe der KollegInnen einarbeitet. Das 90 Minuten lang durchzuziehen ist eine krasse Leistung, notwendig wegen des akuten Ressourcenmangels. Hier müssen wir überlegen, inwieweit wir das wiederholen können.

      Die träge Aktualisierung der Seite ist eine technische Schwäche und tatsächlich sehr nachteilig bei so zügigen Abläufen wie Sportereignissen.

  6. Hilfe zur Selbsthilfe vom Nachwuchs aus der taz Akademie
    http://taz.de/Workshop-Nr-9/!109718/
    download.taz.de/workshop_9.pdf (Pdf-Datei)

    Von mir hinzu alles, was ich in meinem Buch „Zitate und Sprichwörter“ zur Causa fand

    Goethe: Fürchterlich ist einer, der nichts zu verlieren hat.

    G. A. Bürger: Verloren ist verloren. (na ja, ob das hilft -> vergessen)

    Schopenhauer: Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.

    Goethe: Wo viel verloren wird, ist manches zu gewinnen.

    Shakespeare: Kein Weiser jammert um Verlust, er sucht mit freud’gem Mut ihn zu ersetzen.

  7. By the way, wie hintersinnig wurde der Blogname ausgewählt? Onlinebunker erinnert an Luftschutzbunker wie: Wir werden überleben, auch wenn alles andere nach der Zeitenwende Digitalisierung am Boden liegen wird?

    • Kann man so lesen, ja, hat aber seine Ursache in einem von keiner Sonne beschienenen Raum, aus dem taz.de betrieben wird.

      • Ah so. Alle Online-Bunker_nnen tun mir Leid. Ich schicke Ihnen demnächst (is ja grad Monatende, sieht gar nicht schön auf meinem Konto aus) eine alternative Spezial-Sonne, die dem Bunker gute Dienste erweisen soll. Tut sie das nicht, bitte dorthin ins Irgendwo entsorgen, wo auch das Bügelbrett, die Holzente und der Vibrator gekommen sind.

        • Wie liebenswürdig, aber machen Sie bitte keine Umstände. Wir tragen unsere der Sonnenarmut geschuldete Blässe selbstbewusst nach aussen. 😉

  8. Eine echt unschöne Entwicklung, die aber (leider?) ihre Parallelen auch in anderen Bereichen der Online-Arbeit findet… Tja, die schöne neue Internetwelt hat leider Ihren Preis, den die Arbeitnehmer in diesen Branchen zahlen zu haben..

  9. Ein sehr interessanter, diskussionswürdiger Kommentar, finde ich. Die folgende Satzaussage aus dem vierten Absatz halte ich für Quatsch:
    „Ihre Monopolstellung begründet sich im völligen Unvermögen der Plattenfirmen, Buch- und Zeitungsverlage, rechtzeitig auf das sich ändernde Konsumverhalten der KundInnen zu reagieren und eigene Vertriebswege zu schaffen.“

    Warum tue ich das? Was hieße das im Fall der tageszeitung denn? Das hieße konkret zum Beispiel:
    – dass Sie sich eine riesige Serverfarm kaufen,
    – die pflegen,
    – massenhaft Smartphones und Tablets selbst herstellen
    – mit passender Zeitungs-Software und kostengünstig an uns LeserInnen verkaufen/verleihen oder das hieße,
    – dass Sie alle Ihre Artikel mit Alleinstellungsmerkmalen, sprich zu den typischen taz-Themen wie Umwelt, Auslandsberichterstattung, Menschenrechte usw. so geschickt an uns LeserInnen verkaufen, dass Ihre Konkurrenz am Abkupfern der Nachrichten keinen Spaß hat und wir LeserInnen das digitale Lesen trotzdem gemütlich leicht haben.

    So what? Ich denke, Sie sollten uns LeserInnen in der nächsten Online-Umfrage genauer fragen. Die letzte fand ich erstens zu kurz, kam ich nur zum Überfliegen und nicht zum Teilnehmen. Zweitens hätte ich lieber mehr qualitative Fragen gelesen. Ich denke beim Lesen der taz auf verschiedenen „Kanälen“, oder wie man das nennen soll, teilweise, dass ich für blöd gehalten werde. Teilweise werde ich gedutzt, teilweise gesietzt. Wenn ich auf mehreren Kanälen gleichzeitig lese, bekomme ich zum Beispiel Belehrungen wie im Blog von Autorin Jacinta Nandi, die mir bei meiner Erwartung von mehr journalistischer Qualität auch an diesem digitalen Ort – das geht, ich lese seit Jahren den Hausblog der taz, klasse – eine Suche über Google – ausgerechnet Google, von der Journalistin Svenja Bergt erfuhr ich in der taz, dass andere Suchmaschinen wie Startpage deutlich besser mit meiner Privatsphäre umgehen und dann empfielt mir die taz Google – eine Suche über Google nach der Definition des Formats „Blog“ über Google nahelegt.

    Bin ich ungewöhnlich, dass ich auf mehreren „Kanälen“ lese? Weiß ich nicht.

    Die Zeitung habe ich nun mal meistens in weniger als einer Stunde durch. Am Wochenende brauche ich länger. Nach der Zeitungs-Stunde möchte ich mehr taz je nach freier Zeit bei mir. Schreibt Margarete Stokowski wenig und frage ich mich, was sie so macht und Neues kommentiert, gehe ich klar an die anderen Orte, wo sie schreibt. Lese also, was sie auf Twitter schreibt. Oder in den taz-Blogs, wenn Buchmesse is. Das Gleiche gilt für viele andere AutorInnen, Live-Ereignisse, die Kommentarbereiche, taz-Radio und sogar Facebook, auf dem ich mich zwar nicht anmelden möchte, aber wenns dort mehr taz gibt und ich Zeit habe: les ick.

    Die Haltung, dass Sie als Journalist, der gute journalistische Arbeit leistet, keine ekelhafte Verlagsarbeit machen möchten, verstehe ich. Sie wiederspricht auch dem, was Ihr Redaktionsstatut und der Pressekodex des Presserats an journalistischen Normen festlegen. Nur, Ihre Haltung basiert darauf, dass Sie einen fleißigen Verlag mit einem funktionierenden Geschäftsmodell im Rücken haben.

    Da sich genau das aber teilweise weiter auflösen wird, wird Ihnen wohl kaum etwas Anderes übrigbleiben, als von Ihrem ehrenwerten, leider teuren Ross herabzusteigen und wieder weiter unten in der Arbeitsteilung in Zeitungshäusern anzufangen. Zur Erinnerung, in den Anfängen der taz zogen Ihre schreibenden VorgängerInnen abends teilweise selbst mit Zeitungen durch Kreuzbergs Straßen und Gastronomien und brachten uns die neuesten Ausgaben. Geschichte wiederholt sich ….

    • D’accord zu fast allem. Nur eine Anmerkung: Ich finde Verlagsarbeit nicht ekelhaft. Grad die neuen Wege zum Erreichen der LeserInnen find ich ganz wunderbar. Wir haben Reichweiten von denen die Papierzeitung nur träumen kann. Ich möchte nur einfach nicht dazu -verpflichtet- werden, das zu machen.

      • Verpflichtet werden klingt für mich, so wie Sie es verwenden, nach gezwungen werden. Zu etwas gezwungen wirkt sich natürlich nicht gut aus. Weder auf Motivation noch auf langfristige Zufriedenheit beim Arbeiten.

        So wie ich die Entwicklung der taz wahrnehme, steht ihr ein finanzieller Crash bevor, sobald die Auflagen der gedruckten taz eine Schmerzgrenze überschreiten. Bis dahin ist noch Zeit, möglichst viel Sinnvolles an digitalem Zeitungs-Verlegen auszutesten und einzusehen. Einen Voll-Crash wie bei Financial Times und Frankfurter Rundschau, großenteils, würde ich sehr bedauern!