Die Sache mit der Berufsjugend

Ich verstehe das Genre der Kollegenschelte nicht. Nicht gezielte (zum Beispiel politische) Kritik, oder der Hinweis auf unredliche Methoden oder unwahre Behauptungen, sondern die Häme über ganze Medienangebote, wie sie grad an zumindest zwei Stellen über den Jugendangeboten großer Medienhäuser ausgeschüttet wird.

Lustigerweise gefallen mir beide Texte selber ganz gut. Der eine in der taz „Textsushi für die Generation YouTube“ und der andere bei dwdl „Hier ist bento, das Portal für junge Babos“, sind unterhaltsam, schwungvoll und meinungsstark. Dabei sind die, das möchte man anmerken, vielleicht gar nicht hämisch gemeint, sondern aus wirklichem Ärger geboren. Ärger über das intellektuell unterkomplexe Gemantsche, das Medienschaffende als Jugendangebot zu verkaufen suchen – denn: die beiden Autoren sind jeweils 18 Jahre alt, also im Zielgruppenalter von bento, ze.tt und BYou. Und anscheinend im Kopf ein wenig weiter als das, was Marketingspezialisten als alterstypischen Durchschnitt errechnet haben.

Die Macher der Angebote sind auch verärgert, Jochen Wegner, Chef von Zeit Online, twitterte gar von „46 Zeilen Hass“ bezugnehmend auf den taz-Verriss. Das ist dann vielleicht doch etwas dick aufgetragen, aber wie gesagt, ein gewisser Ärger scheint aus beiden Texten hervor. Da musste mal was raus. Das ist einerseits natürlich richtig und gut, andererseits verstehe ich es nicht. Obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, hier zur Zielgruppe zu gehören. Oder grade nicht. Denn: Es ist mir (zumindest als Konsument) ziemlich egal, wie die Jugendangebote von Spiegel, der Zeit oder gar der Bild aussehen. Die würde ich vermutlich auch dann nicht lesen, wenn dort Jugendsprache und embeddede Tweets verboten wären. Ich gehöre halt nicht zur Zielgruppe.

Ist also diese Zielgruppe nicht eigentlich die Zielgruppe? Ja, da steht zwei Mal Zielgruppe, denn: Ärgern sich die Autoren wirklich über diese Webseiten? Oder nicht doch mehr über ihre Peers, die so „dumm“ (das ist zitiert) sind, diesen Kram zu konsumieren?

Wenn es so wäre, verstünde ich die Kollegenschelte in diesem Falle vielleicht doch ein bisschen, auch wenn ich sie fehlgeleitet finde. Da versuchen Leute ein Geschäftsfeld zu öffnen. Das muss man nicht mögen, also weder das mit der Geschäftigkeit, noch das konkrete Produkt. Da kann man natürlich drüber schimpfen – und hört die nächsten 40 Jahre nicht mehr auf damit. Man kann das aber auch einfach ignorieren und die Energie nutzen, über Besseres zu schreiben. Oder: Besseres schreiben. Das machen die natürlich schon; bestimmt auch über wichtigere Sachen, als die Versuche der Verlage, Rahmen zu bauen, in denen neue Werbeformate ausprobiert werden können [wobei diesen Verlagen, ganz ohne Ironie, von ganzem Herzen Glück gewünscht sei].

Naja, vielleicht muss man sich doch erst einmal aufregen, sich reiben, definieren, das Eigene durch Abgrenzung vorbereiten. Ach, keine Ahnung. Ich hätte halt einfach nicht die Energie für so etwas, aber für Energie bin ich – gut 20 Jahre älter – der Zielgruppe offenbar ebenfalls entwachsen, was auch irgendwie bedauerlich ist. (weinend ab)

Im Bild: Jugendliche haben Spaß. Pff. (dpa)

 

1 Kommentar

  1. So wie Journalismus nur die eine Seite der Medaille ist, die andere mit ihm untrennbar verbundene Rückseite Seite ist verlegerischer Kapitalismus. So ist die Rückseite eines erfolgreichen Medienprodukts für Jugendliche die ernsthafte Einbeziehung genau dieser. Wären einige schlaue Jugendliche bei der Entwicklung der neuen Produkte als begleitende TesterInnen einbezogen worden: Wer weiß, was dann Schönes entstanden wäre.

    Vor einer Weile war ich eine intensiv verwöhnte Jugendliche in der jugendfreundlichen Berliner City. Ich merkte, wie viele tolle Projekte und Produkte sich um mich bemühten: extrem aufwendig hergestellte Lernmaterialien in gebundenen Hochglanzbüchern zu Musik beispielsweise. Krasser Aufwand, whoah … geil. Blätterte ich begeistert kurz auf, nahm sie mit nach Hause und gab sie dann kaum gelesen wieder in einer Bibliothek ab. Wieso?

    Weil Lernen nun mal Lernen ist und wie Arbeit in der Regel Anstrengung kostet. Ich konnte mich immer am besten anstrengen, wenn ich mir klar war, wofür. Ohne Abi kein Studium und eine chancenärmere Zukunft? Ok, besserer Notendurchschnitt wäre super. Zurück zu Nachrichtenmedien. Wenn MacherInnen von Nachrichten für junge Menschen nicht klar rüberbringen, dass: Lesen grundsätzlich anstrengend ist, da in der Menschheitsgeschichte untypisch. Dass Lesen von Nachrichten trotzdem sinnvoll ist, da man sich mit ihnen im Alltag orientieren kann. Dass man unter dem Strich besser auf sein Umfeld wirkt. Dass man sich gesünder entwickelt und sogar erfolgreicher sein kann.

    Dann ist ihr Geschaffenes es nicht wert, angeklickt zu werden. Dann vergisst man es nach einmaligem Ansehen besser wieder und empfiehlt es Freunden lieber nicht weiter. Sollte ja wenn schon gut für die sein und kein Quatsch.