Die Paywall einreißen. Dringend.

Drei Beobachtungen und eine Frage, betreffend die Notwendigkeit des freien und frei zugänglichen Journalismus im Internet

Beobachtung 1: Als am 15. April 2013 drei Menschen durch Bombenattentate auf dem Boston Marathon starben, entschied die Zeitung Boston Globe, ihr sonst kostenpflichtiges Angebot im Netz frei zugänglich zu machen. Als erste Nachrichtenquelle aus dem Chaos war das Medium über Tage die wichtigste Adresse für Menschen aus der Stadt (und Interessierte aus aller Welt), um über den Fortgang der dramatischen Ermittlungen informiert zu bleiben.

Der Gedanke hinter der Öffnung des Angebots auf der Webseite ist so simpel, wie überzeugend: Wenn Medien sich als wesentliche Säule des Gemeinwesens verstehen, in allererster Linie berichten und überzeugen wollen, müssen sie in Momenten der Unsicherheit und gefühlter wie tatsächlicher Bedrohungen mit aller Macht daran arbeiten, Menschen mit gesicherten Fakten zu versorgen. Eventuell lebenswichtige Informationen hinter einer Paywall zu verbergen, liefe dem Aufklärungsanspruch und einer grundlegenden gesellschaftlichen Verantwortung völlig zuwider. Ganz nebenbei war die Öffnung der Webseite auch ein Marketingerfolg für den Boston Globe – als zitierfähige und verlinkbare Quelle war die Zeitung in den Tagen nach dem Attentat allgegenwärtig.

Beobachtung 2: Mitten in der sich zuspitzenden Debatte um das Erstarken des Rechtspopulismus (ach, wir sind doch unter uns, also: Faschismus), den Anbruch des sogenannten postfaktischen Zeitalters und gar das Ende der liberalen westlichen Demokratie, kämpfen nicht wenige klassische Medien um ihr wirtschaftliches Überleben. „Nicht verschenken“ möchten die Qualitätsmedien ihren Journalismus, der sei schließlich ein Produkt qualifizierter Arbeit, die ihren Preis haben müsse.

Sie beklagen eine „Kostenlos-Kultur“ im Netz, nicht wenige haben sich den Kampf gegen diese auf die Fahnen geschrieben und versuchen mit verschiedenen Paywall-Modellen die Verluste aus dem seit Jahrzehnten rückläufigen Anzeigengeschäft auszugleichen. Das Internet, vor allem aber Google und immer wieder Facebook werden als die Schmarotzer gesehen, die den wertvollen Content abgreifen und erfolgreich monetarisieren. Gleichzeitig werden die immerhin ausfinanzierten öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland dazu gezwungen, ihre Inhalte im Netz nur befristet zugänglich zu machen.

Beobachtung 3: Kein Trollblog versteckt seinen Dreck hinter einer Paywall. Ein Hassprediger ohne Facebookaccount wäre ein einsamer Idiot, statt Lautsprecher für Tausende oder gar Millionen zu sein. Die Lüge, der Hass, die Verleumdung, die Hetze – all das ist kostenlos zu haben. Zumindest fürs Erste. Abgeschobene, Verprügelte, Ermordete, Verarmte und Verfolgte erfahren am eigenen Leib, dass für jede Lüge letztlich immer jemandem die Rechnung präsentiert wird. Aber einem Paywall-Layer über Fakenews und Nazihetze werden wir eher selten begegnen.

Frage: Wenn wir das Erstarken der radikalen Rechten als mehr begreifen, als einen vorübergehenden Schluckauf der Demokratie, wenn wir Sorge haben, dass die westliche Demokratie auf eine Katastrophe zusteuert und die Linke ganz allgemein keine schlüssige Antwort auf diesen Zustand findet, wenn uns die Übermacht der unverschämten Lügen fast sprachlos macht, wenn wir nicht mehr wissen, warum Menschen ihresgleichen so sehr hassen, dass Figuren wie Trump, Le Pen, Petry et al ihnen als valide Alternativen zu Stillstand, (gefühltem) Abstieg und als geeignete Fackelträger der Rückbesinnung auf ihren jeweiligen nationalen Mythos erscheinen – ist dann der Rückzug hinter Paywalls nicht genau die falsche publizistische Strategie?

Ich bin mir des Problems mangelnden verlegerischen Spielraums bewusst. Wie Geld im Netz zu verdienen wäre, ist keine banale Frage für Medien, sondern eine überlebenswichtige. Für eine Gesellschaft im Umbruch jedoch ist sie nachrangig. Niemand wird in 5, 10 oder 30 Jahren fragen, ob das metered Modell bei Medium A, die harte Paywall bei B oder die Fokussierung auf Werbeumsätze bei C besonders erfolgreich war, während gleichzeitig auf allen Kanälen der harte Kampf, nicht um die Deutung von Fakten, sondern um die Fakten als Grundlage jeder Diskussion selber geführt wurde. Niemand wird applaudieren, wenn wir einst berichten werden, dass diese oder jene kluge Analyse von mehreren hundert LeserInnen mit 99 Cent bezahlt wurde. Wir werden uns fragen lassen müssen, wie Legionen kluger, denkender Menschen sich hilflos in ihren Kleingarten zurückzogen und von einer Propagandamaschine überollen ließen, deren Mittel der Wahl die Amplifizierung von Ängsten, Ressentiments und offenem Hass ist, um den Zweck politischer Wirkungsmacht zu erreichen, die in ein neues, weltweites autoritäres Zeitalter münden kann.

Journalismus ist, wenn er es überhaupt je war, nicht mehr die unabhängige beobachtende Instanz, die objektiv und ausgeruht Ereignisse berichtet und sie abwägt. Bereits die sachliche Darstellung überprüfbarer Fakten trifft schließlich auf heftigsten Widerstand, macht JournalistInnen zur Partei, im Konflikt eben nicht nur um die „Wahrheit“, sondern bereits um Wahrnehmung faktischer Wirklichkeit. Wie kann unter diesen Umständen anders reagiert werden, als mit dem Kampf um maximale Reichweite? Wenn der Boston Globe für einen Doppelanschlag auf den Marathon seine Paywall fallen lässt, weil er seine Verantwortung für das Gemeinwesen ernst nimmt, wie können Medien angesichts des fortwährenden Anschlags auf die Demokratie Bezahlschranken überhaupt einführen und sich noch ernsthaft als Teil der demokratischen Öffentlichkeit beschreiben?

Natürlich brauchen JournalistInnen Geld. LeserInnen müssen zahlen, wenn sie wollen, dass es eine starke, unabhängige und objektive vierte Gewalt gibt. Damit diese Gewalt aber wirklich Kraft entwickelt, sollten alle, die bereit sind zu zahlen, ihren Beitrag an eine Bedingung knüpfen: Dass nämlich der Content unter gar keinen Umständen exklusiv sein darf, dass er gerade allen zur Verfügung gestellt werden muss. Kostenlos. Auf allen Kanälen. Auch auf Facebook. Gerade auf Facebook. Denn nur so gibt es Hoffnung, dass in der unendlichen publizistischen Jauchegrube des Hasses und Terrors auch Stimmen der Vernunft, der Wirklichkeit und Wahrheit zu finden sind.

Anekdote: Die us-amerikanische Wochenzeitung The Nation hält auf ihrer Webseite einen Beitrag vor, der sich mit dem Boston Globe und seinem Umgang mit den Anschlägen beschäftigt. Er hat den Titel „What the Boston Globe got right and why it should change how papers think“. Ich hätte ihn gern gelesen, jedoch informiert mich ein Layer über dem Text: „You’ve read all of your free articles“ (siehe Bild oben). Keine Pointe.

Kommentare (10)

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  1. Dilemma

    Als Leser von regelmäßig knapp 10 Medien setze ich meine finanziellen Möglichkeiten gezielt ein – die taz ist trotz allem immer noch dabei. Anecken, provozieren lassen, aus dem umgebenden Meinungssumpf raus.

    Schade – durch den Autor hätte ich mir konkrete Vorschläge erhofft.

    Klar ist, die finanzierenden Leser und Inserenten sind Teil der „vierten Gewalt“. Und der Journalisten-„Elite“ sollte klar werden, daß sie derzeit aufgrund des nun seit mehreren Jahren offenbar werdenden Verlusts an Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, Niveau abgewählt werden. Finanzentzug durch die angeblich „Unterbelichteten“, Unbelehrbaren, Rechtspopulisten, Rassisten, Islamophobe, Dunkeldeutsche, Globalisierungsverlierer, abgehängte, Sachsen….
    Das Öffentlich-Rechtliche, politisch korrekte Merkel-Grün-Meinungsmonopol ist Geschichte, bis (s. Drohung Kauder; China; Erdogan) die Zensur ausgerechnet über Frau Stasi-Kahane im Internet ankommt.
    Nun sind Internetnutzer selbst – ganz demokratisch!!! – 5. Gewalt und haben die Umerziehung, Belehrungen, Wahlvorgaben, vor allem das Dummverkaufen (s. Migration, Islamismus, Trump) satt.

    Ist es nicht so, daß selbstbefruchtende Journalisten ihre Daseinsberechtigung nicht mehr vermitteln können?

  2. Was machen wir wenn der Hass besiegt worden ist?

  3. Hervorragender Artikel! Der Verfasser hat nicht nur excellent beobachtet, sondern weit darüber hinaus auch Rückschlüsse gezogen und Perspektiven entwickelt. Daß er nicht gleich auch noch LösungsVorschläge mitliefern kann, müssen wir ihm nachsehen, denn dafür ist die Komplexität des Sachverhalts schlichtweg zu hoch, und ausserdem ist der Autor selbst ein Bestandteil des Systems, Mitarbeiter der Medien, der „vierten Gewalt im Staat“.

    Die klassischen Medien, wie sie sich zu Recht etabliert haben, werden derzeit jedoch von der „Fünften Gewalt in der Welt“ überrannnt. Der Autor benennt „die fünfte Gewalt“ schlicht als „unendliche publizistische Jauchegrube“ und hat damit nicht ganz Unrecht, liegt aber dennoch falsch. Das Internet ist bereits seit über 20 Jahren öffentlich, und hat die Gratis-Kultur von medialen Inhalten etabliert. Und Soziale Netzwerke, die es jedem ermöglichen, Inhalte zu publizieren, sind fast ebenso lang online, aber erst seit ca. 10 Jahren immer populärer. Erst die Verbreitung von mobilen HosentaschenGeräten mit InternetZugang, wie Smartphones und Tablet-PCs, sowie fast überall frei zugängliche Internetverbindungen per Funk, wie W-Lan, WiFi, HotSpots etc, (außer in Deutschland), haben die Nutzung des Internet geradezu explodieren lassen. Doch zurück zur neuen „fünften Gewalt in der Welt“: 1. bietet das Internet Gratis Content und gratis Teilnahme, und 2. kann im Internet jeder Mensch jeden Medialen Content global publizieren. 3. ist das zwar zunächst sehr demokratisch, aber 4. auch ziemlich ungeregelt und unkontrolliert, und kann zu Mißbrauch jeder Art führen.

    Daß die kalssischen Medien davon überrollt werden, ist offensichtlich. Die Musikbranche war der erste Wirtschaftsbereich, der davon betroffen war, und hat bis heute keine nachhaltigen Konzepte, um ihren Erfolg aus der Zeit vor dem Internet wieder herzustellen. Das Gleiche blüht den NachrichtenMedien. Folglich sind Visionäre gefordert, die Konzepte entwickeln, wie die mediale Zukunft aussehen könnte. Selbstverständlich müssen Journalisten von ihrer Arbeit leben können, und selbstverständlich müssen deren Arbeitgeber ihren Aufwand ebenfalls vergütet bekommen müssen. Dabei stellt sich jedoch die Frage, welches unserer in Deutschland gegenwärtigen Modelle, einerseits Öffentlich-Rechtlich GebührenFinanziert, und anderseits PrivatWirtschaftlich Werbe- und VerkaufsFinanziert, die bessere Grundlage für eine sinnvolle mediale Zukunft bietet. Oder von der MetaEbene betrachtet, ob es überhaupt überlebensfähig ist, bearbeitete Informationen nur gegen Geld abzugeben. dazu schreibt der Autor, daß es heutzutage in bestimmten Fällen notwendig ist, daß kommerzielle Medien bestimmte Informationen Gratis verbreiten. Derzeit unterliegt das jedoch der Unternehmerischen EntscheidungsFreiheit, abgesehen von der RechtsGrundlage und den Pflichten der Deutschen Öffentlich-Rechtlichen Medien, und wiederspricht damit dem Grundgedanken der freien und kostenlosen Information im Internet. Und genau das ist der Knoten, der erst noch gelöst werden muss. Entweder von „Mutti im Neuland“ oder ihrem Nachfolger im Parlament, also als politische Regierungs- und GesetzgebungsEntscheidung, ABER eigentlich auf internationaler Ebene, so wie es das Internet selbst ist, ODER aber die unkontrollierten Veröffentlichungen im Internet werden immer anarchistischer und radikaler und spielen die klassischen Medien in den Tod. Alternativ wäre die nationale Überwachung und Zensierung von Internet-Inhalten, wie dies in totalitären Staaten der Fall ist. Ob das aber den klassichen Medien zur Rückkehr nach mehr Aufmerksamkeit, Glaubwürdigkeit und Endgelt verhelfen würde, ist starkl zu bezweifeln. Die Zeit läßt sich nicht rückwärts drehen und die Entwicklungen lassen sich nicht rückgängig machen.

    Die offenen Kernfragen bleiben also nach wie vor und immer dringender:
    1. Wie kann die Radikalisierung, Desinformation, Propaganda usw. Im Internet verhindert oder zumindest eingedämmt werden?
    2. Wie kann professioneller Journalismus überleben, wenn kein Geld mehr für Inhalte bezahlt werden wird?

    • AD, Ihre zwei Fragen sind eher lustig. Die „gute Medien“ nimmt sie „selbstverständlich“ als die richtige, demokratische, vorurteilsfreie Medien wahr. Es würden die Journalisten der taz nie einfallen, dass sie die Urquelle von Desinformation, Propaganda, Vorurteil und Hassrede sind.

      Gleich mit dem Spruch „professioneller Journalismus“: das ist selten jetzt bei der taz zu finden. Die „Journalisten“ der taz nehmen es einfach an, dass sie „Journalisten“ sind, wenn das nicht länger der Fall ist.

      Die Washington Post hat gerade ihre Fake News Liste veröffentlicht. Der Ursprung dieser Liste ist unbekannt. Die Liste enthielt alle die meist vertrauliche englisch-sprachige Alternativen Medien Sites. Die Sites auf der Liste nehmen es als eine Ehrennadel, dass sie auf der Liste sind.

      Die große Zeitungen und Massenmedien in den USA erlitten große Leserschaft- und Geldverluste. Aber auch die Internetsites, die sie selbst als Alternativen Medien wahrnehmen wollen. Sites wie Huffington Post, Salon, Daily Kos, Slate usw. verlieren auch Leser und Geld, weil das Publikum versteht, wie sie nur eine Erweiterung der Massenmedien sind.

      Das ist auch der Fall mit taz. Taz folgt nur der Richtlinien der diskreditierten Behauptungen die Regierung und der Massenmedien.

      Was die sogenannte „Journalisten“ der taz nach der Wahl über Trump und seine Unterstützer geschrieben haben, war nur Hassreden, Vorurteil, Beleidigungen und falsche Behauptungen.

      AD, ich will gar nicht tazs Radikalisierung, Desinformation, Propaganda usw. verhindern. In einem freien Meinungsmarkt wird die Wahrheit erkannt
      werden. Die professioneller Journalismus, der eigentlich anderswo als die taz stattfindet, hat schon entdeckt, wie er überleben wird.

      • Vieleicht möchten Sie Ihre Behauptungen über die taz irgendwie belegen? Ein Link zu der von Ihnen angesprochenen „Fake News Liste“ der Washington Post wäre auch hilfreich.

  4. Pingback: Hass kennt keine Paywall | Archivalia

  5. Und mit der Moral bezahlen wir dann die Gehälter und die Miete? Wir bei iBusiness.de betreiben seit 15 Jahren eine Paywall und es funktioniert. Einzelne Beiträge schalten wir frei. Andere – wie diesen: http://www.ibusiness.de/aktuell/db/7340031jg.html – nicht. Hier gilt: erst (kostenlos) registrieren, dann lesen, später zahlen.

    Merke: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

    • Aber Sie müssen schon ordentlich Werbung machen, damit überhaupt jemand ihren Kram wahrnimmt, nicht wahr. Hint: In den Kommentaren kleiner Blogs bekommen Sie keine sonderlich gute Reichweite.

      • Der Blog hat mich zum Umdenken gebracht und ich überlege nun, ob ich nicht doch mein taz- Probebetrieb verlängere.
        Als Marketingstrategie: jedes Abo kann den freien Zugang zu Artikeln im Netz ein Stückchen mehr sichern..