Nationalismus, fangfrisch und preiswert

Augsteins Identitätskitsch verursacht in mir Ekel. Satz für Satz. Lassen Sie mich ausführen. Die Überschrift allein: Unsere Heimat. – „Das sind nicht nur die Städte und Dörfer“, möchte da ich weitersingen, in Gedenken an dieses furchtbar klebrige Propagandalied aus der DDR, das in süßesten Tönen die landschaftlichen Vorzüge des mehr oder weniger zufällig bewohnten Raums anpreist (die Bäume, die Gräser, die Fische, pipapo), nur um in der unverhohlen militaristischen und (ich würde behaupten, gewollt) völkischen Coda zu enden: „Und wir lieben die Heimat, die schöne // und wir schützen sie, // weil sie dem Volke gehört, // weil sie unserem Volke gehört.“

Aber weiter: Zum würdigen Leben gehört mehr als nur soziale Gerechtigkeit. Hört, hört. Einfach mit einer Banalität einsteigen, der wohl niemand widersprechen würde, und dann wird der Hammer ausgepackt: Eine andere Bedingung ist die Identität. Obwohl, Hammer ist das eigentlich nur im Kontext des gesellschaftlichen Klimas, in dem „Identität“ doch nur ein vornehmes Synonym für „Sieg heil“ zu sein scheint. Für sich allein genommen ist so eine Aussage doch einfach nur Quark, also von eher weicher Konsistenz. Wer hat denn keine Identität? „Kein Geld“ hab ich als Beschwerde schonmal gehört, aber „keine Identität“?

Zum Glück wird gleich im nächsten Satz vertieft, worum es wirklich geht: Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration. Die Analogie ist also die zwischen Profitinteressen, die dafür sorgen, dass jemand Geld mit der Arbeit anderer verdient und Ausländern, die kommen und uns die Identität klauen. Wie machen die das? Und warum? Wollen die nicht auch lieber ihre Identität behalten? – Frage ich natürlich rhetorisch, ich weiß ja, worauf Augstein hinauswill, aber das ganze ist einfach Satz für Satz so grenzdebil, dass man sich fragt, ob der Mann gar nicht rechtsradikal sondern einfach nur bekloppt wird.

Das Thema ist für die Linken gefährlich, achja, die berühmten linken Denkverbote, es ist zum Schnarchen, In der Theorie soll doch der Ausländer ein Freund sein. Nein, „der Ausländer“ ist, links gesagt, einfach nur ein Mensch, dessen Wohlergehen, Würde und Identität genauso wertvoll wie jedes „Nicht-Ausländers“ sind. Tatsächlich sind „Ausländer“ unter meinen besten Freunden, aber nicht, weil ich das in der Ideologieschulung so gelernt hab, sondern weil wir uns individuell recht gut verstehen. Mit anderen vertrag ich mich nicht so gut, die sind dann auch nicht meine Freunde, sondern „Deutsche ehrenhalber“ (kleiner Scherz).

Aber in der Wirklichkeit ist die Einwanderung ein Quell der Sorge. Ja, es gibt jede Menge Menschen, die glauben, dass die Einwanderung besorgniserregend sei und das muss man sehr ernst nehmen. Es ist nämlich gefährlich, wenn die Angst vor „Fremden“ um sich greift, vielleicht in Abwehr umschlägt und Gewalttäter und solche, die ihnen applaudieren hervorbringt. Und solche natürlich, die Rassismus und überhaupt Hass auf alles fremde und andere nicht mit Aufklärung begegnen, sondern lieber politisches und publizistisches Kapital daraus schlagen wollen.

Wenn die Aufgabe einer linken Regierung die Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung ist, dann gehört dazu auch der Schutz der Heimat. Wenn nun aber so ein Ausländer auch arbeitet, schon länger vielleicht, soll die linke Regierung dann auch mit ihm solidarisch sein? Oder gilt als arbeitende Bevölkerung nur, was auch den richtigen Ahnenpass vorweist? Und wie schützt das unsere Heimat? Was wird aus dem Gras auf der Wiese, aus dem Korn auf dem Feld? Wer denkt an die Bäume im Wald, die Fische im Fluß? Aber ich schweife ab. Wenn der Typ die Heimat so dringend schützen will, kann er sich doch gegen Autobahnen, Kraftwerke und so Kram engagieren. Würde er ganz nebenbei auch was gegen die Dominanz der Profitinteressen tun, aber da scheißt der Populist im Zweifel drauf, Hauptsache die Identität stimmt.

Das war übrigens nur der erste Absatz.

Es geht weiter mit Améry als Kronzeugen. Wer grad nicht weiß, warum das fast ein bisschen lustig ist, mag vielleicht Amérys Essay „Der ehrbare Antisemitismus“, mal mit Augsteins sonstiger Publizistik im Hinterkopf nachlesen.

Anyway: Denn „das Menschenrecht“, das die Linke in ihrem alten Kampflied besingt, umfasst mehr als höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Also erstens ist das ein bisschen redundant, aber ok, die Würde, die mehr als soziale Gerechtigkeit braucht, heißt sechs Zeilen später also Menschenrecht. Aber noch immer braucht es eine weitere ganz bestimmte, geheimnisvolle Komponente zur Vollkommenheit. Zweitens heißt das alte Kampflied, na, wer weiß es? – „Die Internationale“. Nicht „Die Nationale“, nein. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber es bedarf schon einer besonderen Portion Honkigkeit, als Zeugnis für die eigene These das buchstäbliche, das wortwörtliche Gegenteil dessen heranzuziehen, was man anzupreisen versucht.

Auch Heimat ist ein Menschenrecht. Sag das den Flüchtlingen, die du aussperren willst.

Und es sind weiß Gott nicht nur AfD-Demagogen, die sich angesichts des großen Zustroms von Migranten Sorgen um ihre Heimat machen. Wir wiederholen uns erneut, nicht wahr. In nur leichter Variation hat Augstein ja schon im ersten Absatz genau das geschrieben. Dessen ungeachtet möchte ich doch auf eine Ungenauigkeit hinweisen: Demagogen machen sich nicht zwingend Sorgen, sondern zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Sorgen ihrer Anhänger verstärken und somit zur politischen Gewalt werden lassen, statt nach zivilen und konstruktiven Lösungen zu suchen und für diese zu werben. Und ja, das machen nicht nur die Demagogen von der AfD, sondern auch die in den nächsten Absätzen in Kronzeugenschaft genommenen Wagenknecht und Palmer. Und angelegentlich der eine oder andere deutsche Publizist.

Das war der zweite Absatz und es ist mir ein völliges Rätsel, wie man auf so engem Raum derart viel Boshaftigkeit und Verlogenheit wie Augstein unterbringen kann. Der Rest lässt sich vielleicht etwas raffen. Wagenknecht bezeichnet er als durch und durch bürgerliche Linke, Palmer als grünen Provokateur. Beide zitiert er nach dieser freundlichen Verharmlosung anerkennend.

Als sie [Wagenknecht] gesagt hat, auch ein Flüchtling könne durch sein Verhalten sein Gastrecht verwirken, warf man ihr AfD-Rassismus vor. Unsinn. Nö, kein Unsinn. Allein die Vokabel „Gastrecht“ ist völlig unangemessen und ist von der AfD mit Macht in den Diskurs gedrückt worden. Die dahinter stehende Weltsicht und Rechtsauffassung bedient in jedem Falle Rassismus und lässt sich eben nur rassistisch begründen und kommunizieren.

Ein Problem verschwindet nicht, indem man nicht hinsieht. Das stimmt wohl, aber man kann Probleme auch herbeireden – oder verschleiern. Es ist eine Tatsache, dass viel Zuwanderung erst mal viele Probleme schafft. Und es sind eben die „hart arbeitenden Menschen“, von denen Martin Schulz spricht, denen diese Probleme auf die Füße fallen. Zuwanderung schafft keine neuen Probleme, sondern verschärft bestehende und spült vielleicht die der Gesellschaft innewohnenden Widersprüche, beispielsweise Einkommens- und Vermögensunterschiede und diverse Unterdrückungsverhältnisse an die Oberfläche – das könnte eine linke Deutung sein. Eine die die wirklich hinzuschauen und Lösungen zu finden versucht und nicht intellektuelles Kleingeld demagogisch aufwertet.

Dann kommt noch ein bisschen Wagenknecht, dann Palmer mit seinen berühmten blonden, vom immergeilen Araber bedrohten Professorentöchter. Palmer hatte da ein klassisches Muster bedient, blond gegen arabisch, Identität gegen Alterität. Das eigene gegen das andere also, so stammesmäßig, völkisch, rassistisch. Du siehst nicht aus wie ich, du gehörst hier nicht her. Rechts ist offenbar das neue links.

Aber Politik hat die Wirklichkeit der Menschen zu berücksichtigen, nicht die Konvulsionen der Kommentatoren. Die Wirklichkeit der Menschen? Die Palmer-Anekdote ist durch nichts belegt. Hier wird Wirklichkeit nicht berücksichtigt, sondern überhaupt erst geschaffen, über eine repetitive und durch und durch, verzeihung, es gibt halt keinen anderen Begriff dafür, rassistische Erzählung.

Es folgt ein bisschen Unterschichtenfolklore, wohl in der Absicht auf der Diskurs-Höhe der Zeit zu wirken (Eribon! – der aber nicht selber zitiert wird, ein Böllstiftungsmitarbeiter muss herhalten). Migranten sind Konkurrenten um Wohnraum und Arbeitsplätze. Ja, das nennt man wohl Kapitalismus. Da ist das so. Alles Konkurrenten. So ein paar Linke haben mal versucht, dagegen die, wir erinnern uns, Internationale zu setzen. Muss man natürlich nicht wissen. Die Kolumne heißt ja auch „Im Zweifel links“. Alles klar. Zweifel kennt Augstein schließlich nicht.

Und sie sind zusätzlich Konkurrenten im Lebensstil. Das ist so schief und blödsinnig, das kann nur dafür gemacht sein, eben nicht über Wohnraum (wem gehört der?) und Arbeitsplätze (wer verdient daran?) reden zu müssen, sondern weiter über Identität faseln zu dürfen und fleißig abzuschieben.

Der dann folgende Vorschlag, die Zahl von Migrantenkindern in Schulklassen zu begrenzen, kommt gleich ganz ohne den typischerweise vorgebrachten verbrämt altruistisch Hinweis aus, dass das ja auch für die selber besser sei. Wozu auch, in der Sphäre, in die Augstein bis hierhin hinabgestiegen ist, braucht es kein Deckmäntelchen sozialer Verantwortung – „schmeißt die einfach raus“, mehr will er doch gar nicht mehr sagen.

Denn in den Migrantenklassen, in den Migrantenbezirken wachsen die Probleme von morgen heran. Jeder weiß das. Genau, jeder weiß das. Und zwar weil die Sarrazins und Augsteins das immer wieder rausschreien, obwohl sie ganz genau wissen, dass Schulen nicht wegen der Migranten schlecht sind, sondern weil sie so schlecht geführt, finanziert und entwickelt sind, dass sie ganz generell nicht mit Kindern, die zu stark von der Norm abweichen, umgehen können. Aber es geht nicht um bessere Schulen, es geht darum, sich im eigenen Rassismus zu suhlen. Man fragt sich langsam, wer unsere schöne Identität noch so stört, wenn erst mal alle Ausländer entfernt sind.

Kurz vorm Ende dann: Man sollte sich durch sinkenden Zustimmungswerte der AfD nicht täuschen lassen. Die Migration wird Wirklichkeit bleiben. Und eine kleine Wochenzeitung lässt sich bestimmt gut damit vermarkten, dass ihr Eigentümer die Stimme der Sorgenvollen gibt. Hier liegt wohl der Hund begraben. Augstein ist gar nicht bekloppt, sondern fährt eine Marketingkampagne für den „Freitag“. Und jetzt hat er Angst, dass die Stimmung trotz anstehender Bundestagswahl vielleicht doch nicht so aufgeheizt bleibt, dass die Abokurve daran steigen könnte. Also schnell mal das größere Sprachrohr bei Spon nutzen, um das Feuer zu schüren. Was für ein Dreck.

Und das ekelt mich an.

 

Im Bild: Augstein vor einigen Jahren mit seinem Spielzeug (dpa)