vonDaniél Kretschmar 06.10.2015

Aus dem Onlinebunker

Die tägliche Arbeit im taz.de-Ressort spült Bemerkenswertes, Skurriles und Anregendes in die Inboxen. Das meiste davon geht verloren – einiges wird hier gesammelt.

Mehr über diesen Blog

Ich verstehe das Genre der Kollegenschelte nicht. Nicht gezielte (zum Beispiel politische) Kritik, oder der Hinweis auf unredliche Methoden oder unwahre Behauptungen, sondern die Häme über ganze Medienangebote, wie sie grad an zumindest zwei Stellen über den Jugendangeboten großer Medienhäuser ausgeschüttet wird.

Lustigerweise gefallen mir beide Texte selber ganz gut. Der eine in der taz „Textsushi für die Generation YouTube“ und der andere bei dwdl „Hier ist bento, das Portal für junge Babos“, sind unterhaltsam, schwungvoll und meinungsstark. Dabei sind die, das möchte man anmerken, vielleicht gar nicht hämisch gemeint, sondern aus wirklichem Ärger geboren. Ärger über das intellektuell unterkomplexe Gemantsche, das Medienschaffende als Jugendangebot zu verkaufen suchen – denn: die beiden Autoren sind jeweils 18 Jahre alt, also im Zielgruppenalter von bento, ze.tt und BYou. Und anscheinend im Kopf ein wenig weiter als das, was Marketingspezialisten als alterstypischen Durchschnitt errechnet haben.

Die Macher der Angebote sind auch verärgert, Jochen Wegner, Chef von Zeit Online, twitterte gar von „46 Zeilen Hass“ bezugnehmend auf den taz-Verriss. Das ist dann vielleicht doch etwas dick aufgetragen, aber wie gesagt, ein gewisser Ärger scheint aus beiden Texten hervor. Da musste mal was raus. Das ist einerseits natürlich richtig und gut, andererseits verstehe ich es nicht. Obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, hier zur Zielgruppe zu gehören. Oder grade nicht. Denn: Es ist mir (zumindest als Konsument) ziemlich egal, wie die Jugendangebote von Spiegel, der Zeit oder gar der Bild aussehen. Die würde ich vermutlich auch dann nicht lesen, wenn dort Jugendsprache und embeddede Tweets verboten wären. Ich gehöre halt nicht zur Zielgruppe.

Ist also diese Zielgruppe nicht eigentlich die Zielgruppe? Ja, da steht zwei Mal Zielgruppe, denn: Ärgern sich die Autoren wirklich über diese Webseiten? Oder nicht doch mehr über ihre Peers, die so „dumm“ (das ist zitiert) sind, diesen Kram zu konsumieren?

Wenn es so wäre, verstünde ich die Kollegenschelte in diesem Falle vielleicht doch ein bisschen, auch wenn ich sie fehlgeleitet finde. Da versuchen Leute ein Geschäftsfeld zu öffnen. Das muss man nicht mögen, also weder das mit der Geschäftigkeit, noch das konkrete Produkt. Da kann man natürlich drüber schimpfen – und hört die nächsten 40 Jahre nicht mehr auf damit. Man kann das aber auch einfach ignorieren und die Energie nutzen, über Besseres zu schreiben. Oder: Besseres schreiben. Das machen die natürlich schon; bestimmt auch über wichtigere Sachen, als die Versuche der Verlage, Rahmen zu bauen, in denen neue Werbeformate ausprobiert werden können [wobei diesen Verlagen, ganz ohne Ironie, von ganzem Herzen Glück gewünscht sei].

Naja, vielleicht muss man sich doch erst einmal aufregen, sich reiben, definieren, das Eigene durch Abgrenzung vorbereiten. Ach, keine Ahnung. Ich hätte halt einfach nicht die Energie für so etwas, aber für Energie bin ich – gut 20 Jahre älter – der Zielgruppe offenbar ebenfalls entwachsen, was auch irgendwie bedauerlich ist. (weinend ab)

Im Bild: Jugendliche haben Spaß. Pff. (dpa)

 

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

http://blogs.taz.de/onlinebunker/die-sache-mit-der-berufsjugend/

aktuell auf taz.de

kommentare