Das Making Of zur Fluglärm-Karte der taz

Abb. 1: Die fertige Fluglärmkarte

Der Ärger um den Fluglärm, den der neue Flughafen BBI südlich von Berlin mit sich bringen wird, kocht seit September 2010 hoch. Bei der Kontroverse spielen Datensätze eine zentrale Rolle: Einmal Geodaten – die Flugrouten – sowie die Zahlen zu der absehbaren Lärmbelastungen. Während die Routen recht einfach auf einer Karte darstellbar sind, ist Lärm schwerer zu visualisieren. Was als laut wahrgenommen wird, ist bis zu einem gewissen Grad auch subjektiv. Den einen droht tatsächlich – anderen vermeintlich – eine Beeinträchtigung der Lebensqualität durch den neuen Fughafen. So lässt das Thema die emotionalen Wellen hochschlagen.

Vor diesem Hintergrund war die Idee, den zu erwartenden Fluglärm  faktenbasiert in einen verständlichen Zusammenhang zu setzen. Das „Mapping“ der Daten auf ihren Ort, sprich die Kartendarstellung, dürfte – so war unsere Hoffnung – recht abstrakte Zahlenwerte in Tabellen verständlicher machen. Für den Kunden Taz, der die Anwendung schließlich in sein Onlineauftritt integrierte, waren zwei Aspekte interessant: Das Thema würde mindestens noch ein Jahr aktuell sein, da die Planung der Routen durch die Deutsche Flugsicherung (DFS) nicht abgeschlossen war. Und nicht zuletzt dürfte es auch im Landtagswahlkampf Berlins eine Rolle spielen. Insofern war es essentiell, dass die Karte updatebar ist, also neue Flugroutenentwürfe/-pläne sowie Lärmstudien integriert werden können.

Darüber hinaus dürfte die Anwendung als „Linkbait“ dienen: Die entsprechende Website dürfte viel verlinkt werden und Besucher auf die Seite bringen, die sonst die Seiten der Zeitungen nicht besuchen. Auf dieser Überlegung beruht auch das Feature, einige Artikel der Zeitung zum Thema mit unmittelbaren Ortsbezug über ein Icon in der Karte zugänglich zu machen.

Abb. 2: Der erste Entwurf sah eine Zeitrafferfunktion vor

Der erste Ansatz, den wir verfolgten, erwies sich als nicht umsetzbar. Gerne hätten wir in einer interaktiven Anwendung die Flugbewegungen und anfallenden Lärmbelastungen im Laufe eines Tages simulieren wollen (per Zeitraffer, siehe Abb. 2). Für jedes einzelne Flugzeug sollte der individuelle Lärm, den es erzeugt, gezeigt werden. Die aktuellen Flugbewegungen rund um die großen deutschen Flughäfen sind durch einen Service der DFS online zu sehen – und damit auch zu scrapen, also in einer Datenbank aufzuzeichnen. Aber als alles andere als trivial erwies es sich, den Lärm, den ein einzelnes sich bewegendes Flugzeug erzeugt, auszurechnen. U.a. fließen dort die Faktoren Triebwerkstyp und -anzahl, Geschwindigkeit, Windrichtung und Flughöhe ein. Es gibt diverse Verordnungen, wie Fluglärm zu berechnen sind. Und Rechenmodelle und Software, die das ermöglicht. Aber im Zeit- und Budgetrahmen war die notwendige Einarbeitung in das Thema, der Erwerb entsprechender Software oder die Beschäftigung eines Akustiker/Ingenieurs nicht realisierbar.

Abb. 3: Der 2. Entwurf zeigt UI, Lärmflächen und Ortssuche

Im Rahmen der Recherche stellte sich dann als Grundlage einer gangbaren Alternative eine Prognose vom Infrastrukturministerium Brandenburg heraus (pdf). Zur Recherchearbeit gehörten auch ein Hintergrundgespräch mit dem für die Studie Verantwortlichen. Und das Lesen zahlreicher trockener Verordnungen zur Fluglärmberechnung, Besuch zahlreicher Websites von Bürgerinitiativen usw.

Die so gewonnen Informationen führten dazu, die Idee einer dynamischen Darstellung zu verwerfen und auf eine statische Darstellung der Lärmpegel als Isoflächen zu setzen. Damit war auch der Weg für die Nutzung von Javascript anstelle von Flash geebnet und so auch die Darstellung auf dem iPad möglich (der Faktor Tablet muss auch beim Design des User Interface (UI) hinsichtlich der Fingerbedienung berücksichtigt werden).

Um die komplexen Thematik zu vereinfachen, entschieden wir uns zum einem, die Flugrouten und -bewegungen von Propellerflugzeugen nicht zu berücksichtigen, da sie weniger als 10 Prozent des Verkehrs auf dem neuen Flughafen ausmachen werden (und generell leiser sind als Düsenflugzeuge). Zum anderen wurden die Höheninformationen der Routen nicht direkt in die Karten eingebunden. Das, so die Befürchtung, würde die Karte überladen. Allerdings sind die Flughöhen zentral für die Kontroverse wer vom Fluglärm tatsächlich betroffen ist – um den Sachverhalt zu erläutern, entschieden wir uns dann dazu, eine ergänzende Infografik anzubieten (Abb. 4).

Abb. 4: Eine zusätzliche Infografik erläutert den Faktor Starthöhe

Eine weiterer Teil der Arbeit war die Recherche für einen sinnvollen Algorithmus, der erlaubt, besagte Isoflächen zu errechnen; aber auch Extrapolation der Lärmdaten zu ermöglichen. Somit war es dann machbar, die Ortssuche anzubieten, damit User eine Lärmprognose für eine spezifische Adresse erhalten könnte; ein wichtiger interaktiver Faktor (Stichwort “hyperlokal”) und ein Serviceangebot, das beispielsweise für Bauherren interessant zu sein scheint.

Die IST-Situation, deren Darstellung als zweiter Tab in die Kartenanwendung integriert ist, um die Lärmbelastung derzeit darzustellen, hatte wenig Priorität und ist rudimentärer geraten. Was aber auch an einer lückenhaften Datenlage dient. Mit entsprechender Akustiksoftware hätten mehr Lärmdaten angeboten werden können (seitens des Unternehmens Berliner Flughäfen gibt es zwar Daten -allerdings nicht wirklich als Open Data, aber immerhin online). Zumindest kann die Fluglärmkarte mittels der IST-Situation veranschaulichen, dass dank der Flugspuren die Flugrouten nur idealtypisch gedacht sind und die tatsächlichen Flugbewegungen davon abweichen. Eigentlich großartiges Datenmaterial bietet der Verein Deutscher Fluglärmdienst DFLD an, nahezu in Echtzeit. Leider ist dessen Website unübersichtlich und schwer zu navigieren (sie setzt auf Frames), so dass die dort lagernden Daten schwer zu erschließen sind.

Letztlich war die Entwicklung der Anwendungen ein recht organischer Prozess. Features und Umsetzungen wurden ausprobiert und wieder verworfen. Es ging auch um eine Gratwanderung: Komplexität versus Bedienbarkeit und Übersichtlichkeit. Klar wurde uns auch: Das Thema Fluglärm und Flugrouten ließe sich auch großartig  in einer 3D-Darstellung bearbeiten, man denke nur an die Flugsimulatorfunktion von Google Earth (Abb. 5).

Abb. 5: Die Dauerschallpegel als “L√§rmberg” in Google Earth

Der Anstoß dazu, das Thema Fluglärm datenjournalistisch anzugehen, stammte von Michael Hörz. Für die Taz umgesetzt habe ich die Karte zusammen mit Gregor Aisch, der hervorragende Programmier- und Designarbeit geleistet hat (mit ihm zusammen hatte ich vergangen Herbst bereits die Twitter Live Map zum Castor Transport realisiert). Als Werkzeuge kamen zum Einsatz: Excel, Abbyy (OCR-Software) Google Earth (für Flugrouten), Illustrator (Infografik). Die verwendeten Datensätze gibt es hier in maschinenlesbaren Formaten zum Download.

Die Fluglärmkarte ist das erste Auftragswerk der Firma “OpenDataCity – Die Datengestalter“, die ich zusammen mit Marco Maas Anfang 2011 gegründet habe.

AUTOR: LORENZ MATZAT

Kommentare (2)

  1. Auf http://www.3sat/neues kam erst ein Bericht zur Lärmkartierung. Eine Software für Android und ist zu finden auf noisetube.net (iPone soll kommen, für java gibt es schon was).
    Versuchsweise habe ich diese mal installiert. Es könnte ein gutes Tool sein um auch den gesamten Strassenverkehrslärm kostengünstig zu kartieren.

  2. Hallo Herr Matzat, liebe tazler,

    Bravo. Eine tolle Arbeit, die die Problematik begreifbar macht.

    Weiter so. Mit dem BBI wird es bestimmt noch spannend.

    Mit freundlichen Grüßen
    Iradj Rahn