18.02.2010 von dorothea hahn
An einem meiner ersten Tage in Paris stiess ich an der Place d’Italie auf das riesige Werbeplakat mit der Aufschrift: “L’éléctrique c’est chic”. Es war eine Aufforderung des Energiekonzerns EDF, auf Elektroheizungen umzustellen und eine Ermunterung, überhaupt mehr Strom zu verbrauchen. Das sei billig, sauber und elegant.
Der Werbeslogan war mein erster Aufhänger, einen Text über das Leben im Atomstaat zu schreiben. Es sollte der Anfang einer langen Serie werden.
Seit General de Gaulle nach Kriegsende entschieden hat, daß eine große Nation sowohl Atomraketen, als auch Atomstrom braucht, sind in Frankreich die AKWs wie Pilze aus dem Boden geschossen. Heute stehen sie in Reih und Glied mit historischen Schlössern, direkt weltberühmten Weinlagen und am Ufer von Badeseen. Nirgendwo - weder in der Hauptstadt, noch in den idyllischsten ländlichen Regionen des Landes – ist es in Frankreich weit bis zum nächsten AKW. Die meisten sind in Betrieb. Manche schon verschrottet. Als… weiter lesen
12.02.2010 von dorothea hahn
Ich war auf alles Mögliche eingestellt, als ich nach Washington DC ging: Auf Machtspiele und Intrigen auf dem “Hill”, wie der Hügel heißt, auf dem das Parlament sitzt. Auf technologische Revolutionen. Auf Lobbying. Auf Finanzkatastrophen. Auf Weltpolitik. Auf Attentate. Und auf Kriege.
Aber eines habe ich nicht erwartet: dass ein Naturereignis diese Stadt lahm legen würde.
Ein paar Dutzend Zentimeter Schnee haben mich eines Besseren belehrt. Und in Washington den Zusammenbruch des öffentlichen Lebens ausgelöst. Seit einer Woche geht fast nichts mehr.
Die Schulen sind geschlossen. Die Ministerien sind geschlossen. Die Betriebe sind geschlossen. Die Busse bleiben im Depot. Die Metro verkehrt nur ab und zu – und auch das nur auf den überdachten, innerstädtischen Strecken. Die Flughäfen funktionieren – wenn überhaupt – nur stundenweise. Die Supermärkte sind geschlossen oder haben leer geräumte Regale. Vorstädte sind von der Außenwelt abgeschnitten. Ganze Straßenzüge müssen wegen eingestürzter Strommasten tagelang ohne Strom und… weiter lesen
08.02.2010 von dorothea hahn
Die MeteorologInnen hatten es präzise vorausgesagt: Der Schneefall würde 24 Stunden dauern.

So lange schneite es ohne Unterlass. Dichter Nebel hüllte die Stadt ein. Alles öffentliche Leben kam zum Stillstand. Die Geschäfte machten zu. Die Straßen waren leer. Die Menschen igluten sich zuhause ein.
Am Samstag Nachmittag klärt es schlagartig auf. Die Wolken verziehen sich. Ein paar Sonnenstrahlen fallen auf die Stadt. Dick eingemummte Gestalten versuchen, ihre Autos zu identifizieren.
Die stecken unter einer mehrere Dutzend Zentimeter dicken Schneeschicht. Washington ist verzaubert. Weiß. Unberührt. Leise.
Die Stadt gehört den FußgängerInnen und LanglaufskifahrerInnen. Kein Auto, kein Bus, kein Flugzeug und kein Hubschrauber stört. Der pulvrige Neuschnee knirscht.
Am Sonntag wacht Washington unter einem strahlend blauen Himmel auf. Bei eisiger Kälte.
Im Umland der Hauptstadt sind Strommasten eingestürzt. Für Hunderttausende Haushalte dort ist der Schnee eine Katastrophe. Sie haben weder Heizung noch Licht, noch passierbare Straßen.
Die HauptstädterInnen hingegen erleben die… weiter lesen
06.02.2010 von dorothea hahn
“Dies sind die Dinge für die drei Tage”, sagt eine Vermieterin, als sie mir ihre Wohnung zeigt. Es ist eine beiläufige Bemerkung. Dabei öffnet sie einen Schrank, der bis oben mit Konservenbüchsen, Nudeln, Reis, Wasserkanistern aus Plastik und Medikamenten gefüllt ist.
Als ich ein paar Tage später in die Wohnung einziehe, liegt dort ein Stapel Material über das Verhalten in Notfällen. Illustrierte Broschüren, in denen der Bürgermeister von Washington DC und die von Ex-Präsident George W. Bush 2002 gegründete Abteilung für “Homeland Security” erklären, was zu tun ist. Unter anderem soll jede Familie einen eigenen “Desaster-Plan” entwickeln. Soll Not-Pakete mit Essen, Kleidung und Medikamenten für drei Tage packen. Soll nach mehreren Fluchtwegen (möglichst drei Strecken in verschiedene Himmelsrichtungen) suchen. Und soll allen Angehörigen eine Telefonnummer in einem – aus Sicherheitsgründen möglichst weit entfernten – Ort der USA geben, damit sie sich nach einer möglichen Trennung wieder finden können. “Vor allem… weiter lesen