27.03.2010 von dorothea hahn
Geschätzte Gemeinde,
nein! Ich bin nicht verstummt. Mich hat bloß die Nachrichtenlawine eingeholt, die in dieser Stadt täglich über Leute meines Berufsstandes rollt.
Die Themen, die auf meinem Computer ankommen, reichen von dem außerehelichen Sexualleben us-amerikanischer PolitikerInnen, über die Zwischenrufe in der Debatte über die Gesundheitsreform, über die Abschiebungen von MexikanerInnen, bis hin zu den israelischen Siedlungsbauten in Ost-Jerusalem und den Abrüstungsverhandlungen mit Moskau.
Alles scheint gleich nah zu sein. Alles gleich wichtig. Mit dem Sichten und Gewichten, dem Lesen und/oder Löschen der E-Mails bin ich mehrere Stunden täglich beschäftigt. Aber dann habe ich noch lange keine Antworten geschrieben. Und schon gar keine Artikel.
Sowohl die Themenpalette als auch die schiere Menge an E-Mails, die ich in Washington erhalte, übertrifft alles, was ich je erlebt habe. Natürlich laufen sie rund um die Uhr ein. Ein E-Mail kennt keine Pause. Kaum habe ich den Schreibtisch verlassen, um einen Kaffee zu trinken,… weiter lesen
16.03.2010 von dorothea hahn
Als ich zum ersten Mal eine solche Einladung bekam, traute ich meinen Ohren kaum. Die Kollegin hatte mich zwar zu einem “Abendessen” eingeladen – aber ich sollte schon am Nachmittag bei ihr sein. Um 18 Uhr 30. “Dann sind wir um zehn Uhr fertig”, hatte sie hinzugefügt: “Meine Bettgehzeit.”
Mein zweites Abendessen in Gesellschaft begann um 19 Uhr. Wieder saßen ein paar EuropäerInnen mit am Tisch. Um zehn Uhr abends begannen sie mit den Füßen zu scharren. Auch diese Tischgesellschaft war vor elf Uhr abends aufgelöst.
Inzwischen habe ich mich selbst auf einen neuen Rhythmus eingestellt. Das hilft beim täglichen Zeitzonenspagat. Morgens lebe ich in Deutschland. Mittags und Nachmittags in den USA. Am späten Abend auf halber Strecke.
Praktisch geht das so: Ich stehe in Washington vor den Hühnern auf. Mein Wecker klingelt um 5 Uhr 45 (Ortszeit). Dann bleibt eine Viertelstunde, um wachzuwerden, Zähne zu putzen, Kaffee zu trinken.… weiter lesen
09.03.2010 von dorothea hahn
Vor acht Wochen und einem Tag sind die beiden Männer in meine Pariser Wohnung gekommen. In beinahe neun Stunden Arbeit haben sie meine Möbel, Kleider, Geschirr, Bücher, CDs und Teppiche in Kunststücke aus Karton und Klebeband verwandelt. Am Ende trugen sie alles in einen großen Laster.
Für mich begann ein Leben ohne. Nur mit einem Koffer ausgestattet, fühlte ich mich leicht, wie lange nicht mehr. Ich hatte Wintersachen eingepackt. Etwas Warmes für Reportagen im Freien. Etwas Gepflegtes für die Arbeit. Und etwas Elegantes für besondere Anlässe. Dazu einen Computer, ein Aufnahmegerät, ein Mobiltelefon und Dokumente, von denen ich wußte, daß ich sie für den Start in den USA brauchen würde.
Durchschnittlich würde ein Umzug von Paris nach Washington zwei bis drei Wochen dauern hatte der Unternehmer gesagt. In der Zwischenzeit würden die Möbel von Paris aus in einen Hafen gebracht und dort nach Baltimore eingeschifft werden. Baltimore ist eine Dreiviertelstunde… weiter lesen
03.03.2010 von dorothea hahn
“Guten Tag!”, sagt der uniformierte Mann auf Deutsch. Er wendet seinen Blick von den drei Warteschlangen in dem Mobiltelefongeschäft ab. Er macht zwei Schritt aus seinem Wachposten in dem Türrahmen heraus. Und strahlt uns an, als hätten wir ihm ein Geschenk überreicht. In amerikanischem Englisch fährt er fort: “ich war in Deutschland”.
An den Namen des Ortes, an dem er stationiert war, kann er sich nicht erinnern. Auch das Jahr hat er nicht mehr im Kopf. Und von der Sprache hat er nur die Begrüßung behalten. Aber es ist ihm wichtig, uns mitzuteilen, dass es “eine gute Zeit” war.
Der Türsteher war der zweite Unbekannte in Washington, der mir etwas Nettes über Deutschland sagen wollte. Der erste hieß Muñoz, so stand es auf seinem Namenssticker. Er schwärmte von sieben Jahren als Besatzer, und zählte die Namen von deutschen Städten mit US-Basen auf, während er in meinem Pass blätterte.
Seither bin… weiter lesen