Camping.
von dorothea hahnVor acht Wochen und einem Tag sind die beiden Männer in meine Pariser Wohnung gekommen. In beinahe neun Stunden Arbeit haben sie meine Möbel, Kleider, Geschirr, Bücher, CDs und Teppiche in Kunststücke aus Karton und Klebeband verwandelt. Am Ende trugen sie alles in einen großen Laster.
Für mich begann ein Leben ohne. Nur mit einem Koffer ausgestattet, fühlte ich mich leicht, wie lange nicht mehr. Ich hatte Wintersachen eingepackt. Etwas Warmes für Reportagen im Freien. Etwas Gepflegtes für die Arbeit. Und etwas Elegantes für besondere Anlässe. Dazu einen Computer, ein Aufnahmegerät, ein Mobiltelefon und Dokumente, von denen ich wußte, daß ich sie für den Start in den USA brauchen würde.
Durchschnittlich würde ein Umzug von Paris nach Washington zwei bis drei Wochen dauern hatte der Unternehmer gesagt. In der Zwischenzeit würden die Möbel von Paris aus in einen Hafen gebracht und dort nach Baltimore eingeschifft werden. Baltimore ist eine Dreiviertelstunde von Washington entfernt.
Ich hatte dem elsässischen Unternehmer meinen Zuschlag nach langen Verhandlungen gegeben. Die anderen Angebote kamen aus Schottland und aus Berlin. Alle drei Anbieter hatten bei fast identisch hohen Preisen begonnen. Alle drei waren fast gleich viel herunter gegangen. Und alle drei rühmten sich langjähriger Erfahrungen mit den USA. Als ich mich entscheiden mußte, wählte ich das Unternehmen, das Paris am nächsten lag.
Den immer noch beeindruckend hohen Preis rechtfertigte ich damit, dass ich mich in meinen eigenen Möbeln in dem neuen Land schneller Zuhause fühlen würde. Und dass die komplette Neuanschaffung eines Hausstandes in den USA vermutlich auch nicht billiger werden würde. Abgesehen davon hatte ich in Paris gar keinen Platz, an dem ich meine Möbel hätte unterstellen können.
In der zweiten Februarwoche – einen Monat nachdem die Männer mit meinen Kartons in Paris abgefahren waren und während ich meine Möbel bereits in unmittelbarer Nähe wähnte – erhielt ich in Washington ein Mail von meinem Umzugsunternehmer. Er teilte mir mit, die Möbel seien in Antwerpen. Sie würden in den nächsten Tagen auf ein Schiff verladen. Und kämen voraussichtlich am ersten März in New York an. Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, dass meine Möbel zwischendurch einen Schlenker über Strassburg gemacht hatten.
Natürlich habe ich über die lange Wartezeit geschimpft. Aber der auf die USA spezialisierte Unternehmer ließ sich auf keine Diskussion ein. Er habe eben früher niemanden gefunden, der ebenfalls von Paris nach Washington umzog und mit dessen Möbeln er meinen Container hätte auffüllen können, antwortete er. Eine Erklärung für den doppelten Schlenker über Straßburg und New York, bei dem meine Möbel hunderte von Kilometern durch Europa und von Meilen durch die USA reisen, bekam ich nicht.
Schon Ende Januar hatte ich mich in Washington neu eingekleidet. Auf Schneehöhen bis zum Oberschenkel, war ich nicht eingestellt. Ich brauchte eine Mütze, Moonboots und Skiunterwäsche. In der neuen Wohnung liehen mir Nachbarn eine Matratze und Bettzeug. Sie versorgten mich auch mit einem kleinen Kochtopf, einer Pfanne, zwei Stühlen, einem Klapptisch und ein bisschen Geschirr.
Am Anfang war das Campieren in den leeren Räumen lustig. Ich fühlte mich in die Wohnung ein. Malte mir aus, wohin ich die Möbel stellen und die Bilder hängen würde. Und änderte immer wieder meinen Plan. In der Küche improvisierte ich kleine Gerichte mit einem Topf, einer Pfanne und drei Tellern.
Am Ende des ersten Campingmonats hatte ich die Wohnung in Gedanken eingerichtet. Es fehlten nur noch die Möbel.
Heute – eine Woche nach ihrer angekündigten Ankunft in New York – habe ich erneut ein Mail von meinem Umzugsunternehmer erhalten. Er teilt mit, dass der Container mit den Möbeln in New York angekommen seien und dass die US-Behörden ihn für vertiefte Zollkontrollen ausgewählt hätten. Sie würden meine Möbel röntgen. Dadurch, so schreibt er, entstünden zusätzliche Kosten. Die werde er mir in Rechnung stellen. Vertragsgemäß.
Von einem Liefertermin ist in dem Mail keine Rede. Da gerade der Frühling in Washington ausbricht, und mein Reisekoffer dafür nichts her gibt, werde ich mich in den nächsten Tagen wieder neu einkleiden.
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Ja, das ist schrecklich. Ein Freund von mir hat das gleiche Problem als er von Chicago nach Berlin zog. Nach mehrere Wochen bekam er eine Mail aus Hamburg: Musste hin, unterschreiben und Zoll bezahlen. Also, könnte immer noch schlimmer sein ;-/ Entschuldigung.
Eines, dass mir noch immer gefällt: Seit Berlin, hap ik keen Fernseher mehr. Det iss jut!
Wow! Das klingt wie von einem Roman von Flaubert oder Zola – der Bourgeoise des 19ten Jahrhunderts und seine Moebel! What century do you live in ? Hoffentlich erzaehlen Sie das niemand in USA. Wenn man in eine “neue Welt” faehrt sollte man doch wieder ein anderes Leben anfangen. Mit 49 habe ich meine Wohnung und Auto verkauft – und bin fuer “immer ausgestiegen” – mit zwei Koffern weg und zehn Jahre gereist oder gehaust in Dominikanische Republik, Mexiko, Guatemala, Honduras, Costa Rica, Venezuela, Panama, Ecuador, Peru, Chile, Argentinien, Puerto Rico, Paraguay, Uruguay, Brasilien. Mit einem “Auto” kommt man doch niemals wirklich “wohin”, und die “Wohnung” kann man ueberall moebiliert mieten – ueberall – in den Bergen, in der Wueste, im Urwald, am Strand – am Besten am Strand! Thoreau der amerikanische Philosoph schrieb: “Wenn ich eine Kuh halte, dann melkt mich die Kuh!” Sie werden sicherlich nicht fuer “immer” in DC bleiben – dann muessen Sie noch wieder von “ihren” Moebeln “gemelkt” werden… (Hier in USA faehrt man zu einen “furniture warehouse” sucht sich die Moebel aus und hat sie angeliefert. Wenn man umzieht gibt man die Moebel eine wohltaetige Organisation und setzt das von den Steuern ab.) Ich brauchte kuerzlich ein Bett, nahm ein Taxi mit Laderaum, fuhr 23 Uhr am Sonntag (kein Verkehr) zum Supermarkt-Plus und kaufte ein Bett – $ 350 , plus Taxi+Tip 60. Welcome to the New World!
Berichtigung: Das Bett, Marken-Matratze, Underbox, Gestell, nur $ 250 + sales tax. Hier kann man auch im Supermarket-Plus um Mitternacht am Sonntag ein Bett und alle Grundnoetigkeiten einer Wohnung und des taeglichen Lebens kaufen – natuerlich auch alle Lebensmittel. Immer geoffnet – niemals “geschlossen”… und billigst…
Cool, so ein Leben aus dem Koffer. Da passen ja auch nicht gerade viele Schuhe hinein. Stell ich mir recht anstrengend vor. Wenn ich davon ausgehe, dass da vielleicht auch noch ein Campingkocher und ne Luma drin ist, ganz zu schweigen von den Ravioli Dosen. Gott sei Dank gibts um Washington so viele Golfplätze, wenn du da in mehreren Mitglied bist, fällts gar nicht auf, dass du jeden Tag woanders zu Duschen kommst und die Vereinshandtücher benuzt. Ich find es auch einen enormen Vorteil was Bexaron von wegen Bett, Plusmarkt und Steuervorteile geschrieben hat. Wenn du das richtig machst, brauchst du nicht mehr Arbeiten gehen sondern lebst von der Steuer. Ist aber bestimmt anstrengend, jeden Abend zum Plus und dann mit dem Taxi nach Hause. Ich wünsch dir jeden Falls viel Glück im Abenteuerland, grüß Obama lieb von uns, der hat auch gerade seinen Wohnort gewechselt, konnte aber nicht viel mitnehmen.