Urlaubsende.
von dorothea hahnBeim ersten Mal kam ich aus Paris. Ich war vorgewarnt. Und ich hatte es eilig, endlich in Washington anzukommen. Vielleicht war es das.
Vielleicht lag es auch daran, dass es schnell ging. Oder dass der Grenzbeamte freundlich plauderte. Oder dass die Stadt von einer dichten Schneedecke verzaubert war.
Jedenfalls haben mich jene Einreiseprozeduren kaum beeindruckt.
Dieses Mal komme ich aus dem Süden Amerikas. Von den insgesamt 60 Grenzkontroll-Schaltern am Flughafen von Dallas sind nur drei für die größte Gruppe von Reisenden besetzt. Während sich nebenan die US-AmerikanerInnen zügig durch die Kontrolle bewegen, stauen sich auf unserer Seite hunderte von AusländerInnen. Die meisten stammen aus Lateinamerika.
Wir warten in einer von eng gespannten Seilen markierten Schlange. In der Halle herrscht texanische Hitze. Es gibt weder Sitzplätze, noch Trinkwasser. Draußen tobt ein Sommersturm. Harter Regenfall und Donnerschläge hämmern auf das dünne Dach. Kleine Kinder schreien. Erschöpfte Alte bemühen sich, Haltung zu wahren. Ab und zu defilieren Uniformierte vorbei und schauen uns prüfend an.
Nach etwas mehr als einer Stunde Stehen darf ich zu einem Grenzbeamten an den Schalter vortreten. Im Befehlston kommandiert er mich durch die erkennungsdienstliche Behandlung, mit der die USA ihre ausländischen Besucher empfangen. Bei jeder Einreise erneut. Als Erstes muss ich die vier Finger meiner rechten Hand zum Abdruck auf sein Gerät legen, dann den rechten Daumen, dann die vier Finger der linken Hand, dann den linken Daumen. Anschließend sagt er: “Foto” und weist mit einer Kinnbewegung auf ein winziges Gerät auf einem Stativ. Ich blicke wütend in die Kamera.
Ein paar Stunden später hüllt mich der heißeste 24. Juli der Geschichte Washingtons ein. Die Temperatur ist dreistellig: 103 Grad Fahrenheit. Das entspricht 39,44 Grad Celsius auf dem Thermometer. Doch die gefühlte Hitze ist noch höher. Wegen der Luftfeuchtigkeit.
Die Straßen sind menschenleer. In den Medien werden wir aufgefordert, möglichst zuhause zu bleiben. In meinem Badezimmer erwarten mich die Kadaver von zwei untertassengroßen Kakerlaken.
Nachdem ich lange mit der Klima-Anlage gehadert habe, empfinde ich sie an diesem Tag als Segnung. Im Schutz ihrer Kühle harre ich bis in den späten Abend aus. Erstmals nutze ich auch die Abwesenheit von geregelten Ladenschlußzeiten. Kurz vor 23 Uhr, als die Luft ein klein wenig abgekühlt ist, schleiche ich ganz langsam zum Supermarkt, um den Eisschrank nach dem Urlaub zu füllen.
PS: Die Hausverwaltung will den “Exterminator” schicken, damit er meine Wohnung gegen Kakerlaken behandelt. Das sei völlig ungefährlich, versichert sie. Bloß Haustiere müßte ich in Sicherheit bringen. Ich überlege noch, ob ich erst einmal Kakerlaken-Fallen aufstelle.
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Also der angehende ExGouverneur Kaliforniens wurde nach Washington einberufen, als Kammerjäger!
Ich bin an die Hitzewelle in den 90ern in Chicago erinnert worden. Es gab Stromausfall. Da sich viele ältere Menschen an fensterstauenden Klimaanlagen schon generationenlang gewohnt waren, doch nicht in der Lage diese Schwerkisten allein zu beseitigen, kriegten sie keine Lüftung. Über 400 Menschen, überwiegende allein gelassene Senioren, sind gestorben.
Sehen Sie nach Ihren Nachbarinnen. And “stay cool”
Danke für den Tipp.
Das klingt ja wie das Alten-Sterben im Frankreich des Hitzesommers 2003…
Wann gab es diese mehr als 400 Toten in Chicago?
Gruß, dorothea hahn
Meine Erinnerung sagte mir später, aber das Internet sagt 1995.
http://www.isws.illinois.edu/atmos/statecli/General/1995Chicago.htm
Etwas Sie bestimmt schon bemerkt haben: In den US sind die Klimaanlagen in einer Unmenge von Häuser auf “furchtbar kalt” eingestellt. Noch problematisch finde ich wie viele öffentliche Gebäudefenster gesiegelt sind, also ohne Alternative. In Deutschland scheint dies auch ein zunehmender Trend zu sein.
Ach, Entschuldigung. Kleinen Fehler. Ich dachte, da ich mich genau daran erinnere: Ich bin wegen der Stromausfall und Hitze südlich von North Ave. gefahren, nicht um Blair Witch Project zu sehen, sondern im Kino abzukühlen. Das war in 1999. Da gabs nur 103 Todesfälle. Die Zahl von 1995 hat mir aber eingeprägt. Irgendwie kam mir ’99 doch noch schlimmer vor.
Auch interessant:
http://www.slate.com/id/2068612/
Yours, davidly
Gern geschehen. 1995 war es:
http://www.isws.illinois.edu/atmos/statecli/General/1995Chicago.htm
Obwohl ’99 kam mir irgendwie schlimmer vor, damals starb “nur” um 100 – auf gleichen Grund, denke ich.
Mag durchaus sein, dass es dennoch 99 schlimmer war.
Die geringere Anzahl von Toten ließe sich vielleicht mit damit erklären, dass viele der “potenziellen 99er-Opfer” schon am weniger schlimmen Sommer 95 verendet sind und es deshalb 99 weniger TodeskandidatInnen (Herzkranke, sehr Alte,…) gab.