Neue Chance für Todeskandidaten.

von dorothea hahn

Für Mumia Abu-Jamal ist es die beste Nachricht seit langem: Ein Bundesberufungsgericht in Philadelphia hat am Dienstag sein Todesurteil als “nicht-verfassungskonform” bezeichnet. Das –> Gericht entschied einstimmig.Zur Begründung verwies es auf die unklaren und irreleitenden Anweisungen, die die Geschworenen bekommen haben, als sie Abu-Jamal im Jahr 1982 zum Tode verurteilten.

Mumia Abu-Jamal. Foto Philadelphia Inquirer

Der heute 58jährige ist der prominenteste unter den mehr als 3.200 zum Tode Verurteilten in den USA. Im Jahr 1982 ist er wegen Mordes an dem Polizisten Daniel Faulker schuldig gesprochen worden. Mit jenem Schuldspruch hat sich das Berufungsgericht nicht befasst. Ihm ging es um den danach erfolgten nächsten Schritt: Todesstrafe oder Lebenslänglich. Das Berufungsgericht verlangt ein neues Verfahren, in dem die Geschworenen unvoreingenommen über das Strafmaß entscheiden können. Für Abu-Jamal könnte das eine Umwandlung des Todesurteils in “lebenslänglich” bedeuten.

Der frühere –> Black-Panther-Aktivist bestreitet den Mord. In seiner eigenen Verteidigung und in der internationalen “Free Mumia” Kampagne zu seiner Unterstützung steht seit nunmehr fast drei Jahrzehnten der Rassimus im Zentrum. Richter Albert Sabo soll 1982 zu den Geschworenen gesagt haben, “Ich helfe Euch, den N….r zu braten”. Eine Stenografin, die für den Richter arbeitete und diesen Satz gehört hat, gab ihn zu Protokoll. Der Satz entspricht dem Ambiente im Gerichtssaal, das Beobachter 1982 erlebt haben.

Im Philadelphia des Jahres 2011 haben sich manche Dinge verändert. Auf dem Papier existiert die Todesstrafe in Pennsylvania zwar weiterhin. Und in den Gefängnissen des Bundesstaates sitzen 220 TodeskandidatInnen. Aber seit 1999 ist niemand mehr hingerichtet worden. Die Verteidigerin von Abu-Jamal ist eine weiße Universitätsprofessorin. Judith Ritter nennt den Entscheid des Berufungsgerichtes: “wichtig. Weil es um Leben und Tod geht”. Der Staatsanwalt, der die gegnerische Seite vertritt, ist ein Afroamerikaner. Seth Williams ruft nach dem Urteil als erstes die Witwe des ermordeten Polizisten an. Sie besteht auch 30 Jahre nach der Tat noch auf Hinrichtung. Ihre alttestamentarische Logik: “Wieso soll der Mörder eine zweite Chance haben, wenn mein Mann keine hatte?” Nach dem Gespräch mit Maureen Faulkner, erklärt Staatsanwalt Williams, er werde das Urteil vor dem Obersten Gericht der USA anfechten.

Von den Jahren völlig unbeeindruckt geblieben, ist die Reaktion von Sprechern von Polizistenorganisationen. “Abscheulich”, nennt John McNesby von dem Fraternal Order of Police –>FOB das Urteil des Berufungsgerichtes, “hier wird ein Märtyrer geschaffen. Dabei sollte dieser Typ längst sechs Fuß unter dem Boden liegen.”

Der Hauptbetroffene hat sich bislang nicht zu dem neuen Urteil geäussert. Abu-Jamal (siehe auch diesen November-Eintrag aus diesem  –> Blog)  arbeitet hinter Gittern weiter als Journalist. Er hat sechs Bücher veröffentlicht und macht jede Woche einen Radio-Beitrag. Sein jüngster Beitrag vom 24. April im –> Prison-Radio handelt von Krieg, Politik und Mineralölkonzernen. Er endet mit dem Satz, der das Markenzeichen des Gefangenen geworden ist und den er möglicherweise demnächst ändern muss: “from Death-Row: Mumia Abu-Jamal” – aus der Todeszelle….

  • 1 like this / 1 don’t   • Posted 7:20 AM, 04/27/2011

    Really, what’s the point? He’s never getting out of prison. If the DA’s office just walked away from this Jamall would be forgotten and left to rot within a month.

    Rowland
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  • 1 like this / 1 don’t   • Posted 7:29 AM, 04/27/2011

    rowland, the point is that jerk should be in his grave by now! It’s absurd that the justice system(?) allows a creep like this freak to continue to appeal and live. He killed a policeman in cold blood and someone explain what second chance Faulkner has gotten. It’s the biggest farce since the OJ debacle.

    erniebanks14
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  • 820 ptsPlayer
    0 like this / 0 don’t   • Posted 8:00 PM, 04/27/2011

    I’m sick of Maureen Faulkner and her endless taxpayer funded vendetta. Daniel Faulkner is dead. Killing Abu Jamal isn’t going to change that. Everyone has tragedy in their lives. This poor woman needs to get on with her life and do something productive with the years she has left. This obsession with seeing Abu Jamal dead shows that Maureen and Mumia have much more in common that they might think.


2 Kommentare zu "Neue Chance für Todeskandidaten."

  1. Es ist sehr erfreulich, dass endlich mal einige Richter gewagt haben, sich in Mumias Fall mit juristischen Fragen zu beschäftigen. Sowohl in der untergeordneten Bundesstaatsebene als auch in der darüber gelegenen föderalen (US Supreme Court) waren bisher stets politische Entscheidungen in Bezug auf Mumia getroffen worden. Und das immer unter dem Begleitfeuer der politisch rechts außen angesiedelten Polizeibruderschaft “Fraternal Order of Police” (FOP) sowie führender Politiker_innen beider großen Parteien.

    Natürlich ist eine endgültige Entscheidung nur verschoben, da die Staatsanwaltschaft dagegen in Berufung gehen wird, aber es ist gut, dass die unmittelbare Todesbedrohung für Mumia erstmal abgewendet ist.

    Nur dürfen wir eines hier nicht übersehen: sie bereiten seine lebenslange Inhaftierung vor. Warum eigentlich? Warum soll jemand bis ans Ende seines Lebens eingesperrt sein, wenn es überhaupt keine Beweise für sein angebliches Verbrechen gibt?

    Teile der US-Justiz vermuten, dass die öffentliche Empörung diesen “Kompromiss” akzeptieren könnte. Mumia, der bereits über die Hälfte seines Lebens ins Isolationshaft sitzt, würde dann nie wieder frei kommen. Die Verurteilung wie auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung darum sind politischer Natur. Daher wird hier nur politischer Druck von unten etwas bewirken können. Es ist wichtig, sich jetzt nicht zurück zu lehnen, sondern in Mumias 30. Haftjahr endlich seine Freilassung zu erwirken.

  2. Frage an die Witwe des Getöteten: Und wenn er tatsächlich unschuldig ist?
    Wie kommt man damit klar, wenn sich im Nachhinein die Unschuld erweist? Dann sind die Rächer ebenso schuldig wie der wahre Täter. Wie verdrängt man dieses Schuldgefühl? Beruhigt es, dies auf andere abzuwälzen?

    Damit könnte ich nicht leben. Wohl aber ließe es sich sehr gut damit leben Schuld zu erlassen. Diese Wohltat muss man erst einmal selbst gewährt haben um zu wissen, dass man sich dafür Frieden schenkt, statt sich an Rache zu klammern. Denn der kurze Triumph klingt ab, dann schmeckt Rache nur noch schal.

    …Und Frieden bekommt man dafür nicht, höchstens Friedhofsruhe.

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