05.04.2011 von dorothea hahn
Das Wappentier der USA ist ein grimmig dreinblickender Raubvogel, mit einer Flügelspannweite von
mehr als zwei Metern, der hoch in der Luft seine Kreise zieht. Auf der Suche nach Beute.
Aber auch Seeadler fangen klein an. Und sind putzig und herzerweichend hilflos.
In diesem Frühling können alle, die einen Computer haben, zuschauen, wie Adler-Küken in grauem Flaum ihre ersten stolpernden Schritte tun und ihre ersten Stücke rohes Fleisch verschlingen.
Zwei Kameras, die am Rand eines Nestes auf einem Baum in Decorah, im Bundesstaat Iowa, installiert sind, machen es möglich. Sie filmen Tag und Nacht das Geschehen bei Seeadlers.
Hunderttausende InternautInnen sind dabei. Am Samstag, als Seeadler-Küken Nummer eins sein Ei sprengt, bringen sie den Server von Raptor Resource zum Zusammenbruch. Doch bei der Ankunft von Küken Nummer zwei, am Sonntag, steht die Leitung wieder.
Küken Nummer drei ist unterwegs. Die Eierschale ist schon rissig. Alles Weitere… weiter lesen
22.11.2010 von dorothea hahn
Ob ich am Samstag Zeit für einen Detektiv hätte, fragte die Dame von der Hausverwaltung am Telefon. Es war Freitag. Ich stand im Supermarkt vor dem Gewürzregal. “Er sucht nach Bettwanzen”, erklärte sie wie beiläufig. Im Nachbarhaus habe es “einen Befall” gegeben. Jetzt gäbe es eine “Inspektion” in den umliegenden Wohnungen: “Vorsichtshalber.”
Natürlich hatte ich Zeit für den Mann. Er kam mit einer Taschenlampe. Und machte sich umgehend daran, die Nähte von Matratzen, Sesseln und Sofas zu untersuchen. “Gut, dass ihre Bettücher weiß sind, da sieht man die Dinger viel einfacher”, sagte er anerkennend.
Er erklärte mir auch, dass Bettwanzen die Größe und Form von Apfelkernen haben und im satten Zustand rotbräunlich aussehen. Und dass ich, falls ich selber welche finde, sie in ein Plastikgefäß geben und zur Hausverwaltung bringen soll.
An der Wohnungstüre hat er sich als “exterminator” vorgestellt. So nennen sich Kämmerjäger in den USA. Bis vor zwei… weiter lesen
12.10.2010 von dorothea hahn
Der Gouverneur von West-Virginia tritt bewaffnet vor die Kamera. Er möchte am 2. November in den Senat gewählt werden.
Joe Manchin trägt waidmännische Farben. Zeigt ein entschlossenes Gesicht. Und spricht die haßerfüllte Sprache der Tea Party-Bewegung. Er nennt die Gesundheitsreform: “Obamacare”. Er beschreibt die Bundesregierung wie einen Feind, den er fern der Grenzen von West-Virginia halten will. Und er kündigt an, dass er gegen die “Ausgabenpolitik” kämpfen wird. Ein eingeblendetes Logo der NRA – der “National Rifle Association” mit mehr als 4,3 Millionen waffenliebenden Mitgliedern – zeigt, welche Lobby den Politiker empfiehlt.
Dann lädt Manchin sein Gewehr. Er steht in einem im Indian Summer rot, braun und grün leuchtenden Herbstwald und schießt. Sein Ziel ist das Klimagesetz. Manchins’ erster Schuß durchbohrt es. Der Gouverneur des Kohle-Staates: “Weil es schlecht ist für West-Virginia”
PS: Der Schütze gehört zur Partei des US-Präsidenten. Er ist Demokrat.
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03.10.2010 von dorothea hahn

Das andere Amerika hat Flagge in Washington gezeigt. Jenes, das vor zwei Jahren für einen historischen Ruck gesorgt und den ersten schwarzen und demokratischen Präsidenten an die Spitze der USA gebracht hat.
Hispanics, AfroamerikanerInnen, GewerkschafterInnen, Feministinnen, Homosexuelle und viele andere Gruppen – zahlreiche Bürgerrechtsgruppen, aber nur wenig Parteien – haben an diesem Samstag in die Mall geladen. Zigtausende sind gekommen. Ihr Motto: “One Nation Working Together”.
Mit ihnen ist der Park im Zentrum der US-Haupstadt auf einen Schlag bunt geworden. Es ist ein starker Kontrast zu der Versammlung, die rechte, religiöse und mehrheitlich weiße FundamentalistInnen von Tea Party und Republikanischer Partei im August an derselben Stelle abgehalten haben. Damals hatte der Organisator den RednerInnen verboten, über Politik zu sprechen. Und die DemonstrantInnen mußten auf seine Weisung ganz ohne Transparente auskommen. Viele lehnten sogar Gespräche mit JournalistInnen ab.
An diesem Samstag hingegen kommt alles zur Sprache, was das Amerika von… weiter lesen
26.09.2010 von dorothea hahn
Bis Mitte der Woche ahnte ich nichts von seiner Existenz. Vor drei Tagen war er auf der Außenseite meines Wohnzimmerfensters. Vor zwei Tagen lief er über meinen Teppichboden. Gestern fand ich ihn in einem Artikel auf der Titelseite der “Washington Post”. Und heute ist er schon in diesem Blog.
Halyomorpha halys hat eine Blitzkarriere gemacht. Der fingernagelgroße Käfer verdankt seinen Aufstieg mindestens drei Faktoren: Der Globalisierung. Seinem eigenen Gestank. Und der ausgeprägten Fähigkeit der US-amerikanischen Medien zur Dramatisierung.
Der Käfer ist ein Neuankömmling in den USA. Erstmals wurde er Ende der 90er Jahre auf Zierpflanzen gesichtet, in Allentown, Pennsylvania, einem Bundesstaat nördlich von Washington. Vermutlich kam er als klandestiner Passagier an. Versteckt in einem Warencontainer aus Asien. Aus China, Korea oder Japan, wo seine alte Heimat ist.
In Pennsylvania begann für Halyomorpha halys ein neues, sorglosesLeben. Mit einer Käfergeneration pro Jahr. Und ohne natürlichen Feind. Das ist ganz anders, als… weiter lesen
06.08.2010 von dorothea hahn
Bevor sie mich in die USA schickten, wollten meine KollegInnen wissen, wie mein Verhältnis zu Land und Leuten ist. Welche Themen mich interessieren. Ob ich mir vorstellen kann, morgens um 5 Uhr 30 aufzustehen. Und was meine Englischkenntnisse hergeben.
Für eine andere Frage – die für eine US-Korrespondentin nicht minder wichtig ist – haben sie sich gar nicht interessiert: die Transportmittel. So konnte ich ihnen vorenthalten, dass ein Wechsel über den Atlantik verkehrstechnisch eine echte Herausforderung für mich werden würde. Ich habe nämlich Flugangst. Und ich fahre nur ungern Auto.
In Europa, wo die Entfernungen klein und das Zug-Netz trotz aller Strecken-Stilllegungen immer noch phantastisch ist, war das kein Problem. Im Gegenteil: In Frankreich kommt frau selbst an weit von Paris entfernten Orten wie Marseille schneller mit dem Zug an, als mit dem Flugzeug. Es dauert exakt drei-einviertel Stunden für stattliche 900 Kilometer. Und ist zwar in der Regel unverschämt… weiter lesen
05.07.2010 von dorothea hahn
Der Duft von Barbecue weht durch das Land. Begleitet von den Klängen der Nationalhymne. Und dem Donnern von Feuerwerken.
In Washington hat meine Vermieterin mir für diesen Tag einen Stapel weiß-rot-blauer Plastikteller und -becher hinterlassen. Doch das patriotische Einmal-Geschirr muss auf ein späteres Picknick warten. An diesem vierten Juli bin ich in Louisiana.
Auch da wünschen sich die Leute einen: “Happy Fourth of July”. Vor Häusern flattern weiß-rot-blaue Fähnchen. Babies krabbeln in Strampelanzügen mit Stars und Stripes-Aufdrucken herum. Bei Frauen baumelt die Fahne am Ohr. Und Männer haben sich Krawatten in den patriotischen Farben und Mustern um den Hals geknotet.
Doch Enthusiasmus kommt im Deep South nicht auf. Das Öl aus der “Deepwater Horizon” hat die Party versaut. Der 234. Geburtstag fällt zusammen mit dem 74. Tag nach der Explosion der Ölbohrplattform. Zahlreiche Orte am Meer haben ihre Feuerwerke abgesagt. Die Strände, an denen sie gewöhnlich stattfinden, sind wegen Öl… weiter lesen
18.02.2010 von dorothea hahn
An einem meiner ersten Tage in Paris stiess ich an der Place d’Italie auf das riesige Werbeplakat mit der Aufschrift: “L’éléctrique c’est chic”. Es war eine Aufforderung des Energiekonzerns EDF, auf Elektroheizungen umzustellen und eine Ermunterung, überhaupt mehr Strom zu verbrauchen. Das sei billig, sauber und elegant.
Der Werbeslogan war mein erster Aufhänger, einen Text über das Leben im Atomstaat zu schreiben. Es sollte der Anfang einer langen Serie werden.
Seit General de Gaulle nach Kriegsende entschieden hat, daß eine große Nation sowohl Atomraketen, als auch Atomstrom braucht, sind in Frankreich die AKWs wie Pilze aus dem Boden geschossen. Heute stehen sie in Reih und Glied mit historischen Schlössern, direkt weltberühmten Weinlagen und am Ufer von Badeseen. Nirgendwo - weder in der Hauptstadt, noch in den idyllischsten ländlichen Regionen des Landes – ist es in Frankreich weit bis zum nächsten AKW. Die meisten sind in Betrieb. Manche schon verschrottet. Als… weiter lesen