24.09.2010 von dorothea hahn
In den hiesigen Medien ist es allenfalls eine Kurzmeldung. Verständnislose Journalisten berichten, dass alle anderen Europäer “viel länger” arbeiten. Behaupten, der französische Präsident habe gar keine andere Wahl, als das Rentenalter heraufzusetzen. Und suggerieren, dass Streiken in Frankreich eine Art Volkssport sei. Dazu zeigen sie Bilder von Leuten, die in der Herbstsonne auf einer Terasse sitzen und das Leben genießen. Wahlweise bei Wein oder Pastis.
Hach! Wie gerne wäre ich heute in Paris. Oder in Marseille. Oder in Toulouse. Auf irgend einem Boulevard, inmitten von verantwortungslosen und genetisch zum Streiken vorprogrammierten Menschen, die auf Lohn verzichten, um soziale Gerechtigkeit zu verlangen. Die in der Demonstration leben. Und die Dinge verteidigen, von denen auf dieser Seite des Atlantiks niemand zu träumen wagt: Die Rente mit 60. Kollektive Lohnvereinbarungen. Und einen starken öffentlichen Dienst.
Nie habe ich ein Land aufregender und inspirierender erlebt, als Frankreich an solchen Tagen. Streiktage in Frankreich mögen… weiter lesen
23.04.2010 von dorothea hahn
Bevor ich in dieses Land kam, habe ich nicht geahnt, wie wichtig das tägliche Brot sein kann. Was es bedeutet, in eine knusperige Baguette zu beissen, deren Inneres sich weich an Zähne und Gaumen schmiegt. Oder in ein würziges, schweres Landbrot, von dem jede Scheibe eine Mahlzeit für sich ist.
Früher bin ich einfach in die Bäckerei gegangen. Natürlich fand ich das Biobrot in Berlin teuer. Und natürlich hat mich in Paris geärgert, dass die Tarife der BäckerInnen schneller steigen, als der Lohn für meine journalistische Arbeit. In der Warteschlange bei meinem Bäcker im 20. Arrondissement bin ich deswegen auf die Idee mit dem “Croissant-Index” gekommen. Der Index zeigte, wie viele Zeilen ich schreiben musste, um ein Croissant zu verdienen. Es wurden jedes Jahr mehr.
Doch gemessen an meinen Erfahrungen mit dem Brot in den USA lag das alles weit unterhalb der Schmerzgrenze. Während in Paris immer neue Bäckereien aufmachen… weiter lesen
08.04.2010 von dorothea hahn
Passiert ist es entweder beim Möbelschieben. Oder bei der Radtour, die ich an Ostern gemacht habe. Jedenfalls war plötzlich mein Rücken verklemmt. Ich habe verschiedene Hausmittel ausprobiert: Abwarten. Wärmflasche. Yoga. Schwimmen. Aber es hilft nichts. Ich kann mich kaum bewegen.
In Paris bin ich in einer ähnlich misslichen Lage an einen wunderbaren Ostheopathen geraten. Er hat mir Fragen über meine Arbeitsabläufe und meine Schlafgewohntheiten gestellt. Das Gewicht meiner Handtasche geprüft. Mich ein paar Schritt machen lassen. Meine Körperhaltung angeschaut. Und gewusst, was zu tun war.
Mit zielstrebigen, ebenso sanften, wie effizienten Manipulationen an meinen Knochen brachte er mich wieder in Form. Ich war buckelig in seine Praxis geschlichen. Und habe sie eine Dreiviertelstunde später erhobenen Hauptes und gut gelaunt verlassen.
Äußerlich ist seine Praxis wie viele andere in Frankreich: Eingerichtet und angestrichen, wie ein Vorgänger sie Jahre zuvor hinterlassen hat. Und völlig ohne Angestellte. Mein Pariser Ostheopath macht alles allein:… weiter lesen
22.12.2009 von dorothea hahn
In zwei Wochen und zwei Tagen steige ich ins Flugzeug nach Washington. “You will love it”, haben mir alle möglichen Leute aus den USA versichert. Darunter auch solche, denen ich nie begegnet bin. Woher sie das wissen wollen, kann ich nicht sagen. Aber sie scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein.
Bis ich selbst meine Liebe zu den USA testen kann, muss ich noch ziemlich viele Hürden überwinden. Darunter bürokratische und handfest materielle und finanzielle. Ich hatte unterschätzt, wie kompliziert so ein transatlantischer Umzug ist. Vor 15 Jahren, als ich von Berlin nach Paris wechselte, habe ich einfach ein Auto bis unters Dach voll gepackt und bin los gefahren. Meine Wohnung hatte ich mit einem Architekten getauscht. Er setzte sich in mein gemachtes Nest in Berlin. Ich in seines in Paris. Am Anfang unserer Zeit in der anderen Stadt, hatten wir je ein Dach über dem Kopf. Dazu einen Fernseher,… weiter lesen
01.12.2009 von dorothea hahn
Lange bevor die SchweizerInnen ihr unseliges Referendum über Minarette veranstaltet haben, ist in Frankreich Nicolas Sarkozy vorgeprescht. Auch er hat eine Pandora-Büchse geöffnet. Zwar nicht gleich mit einem Referendum. Aber immerhin mit einer “nationalen Debatte”. Und die jongliert mit denselben Ängsten und Ressentiments. Praktischerweise findet sie auch noch wenige Monate vor den Regionalwahlen statt.
Vor zweieinhalb Jahren war so etwas schon einmal nützlich für Sarkozy. Damals war die “innere Sicherheit” sein großes Thema im Präsidentschaftswahlkampf. Dieses Mal lautet sein Arbeitstitel: “nationale Identität”.
In beiden Fällen stammen die thematischen Anleihen von der Front national. Sogar die Worte sind bei den Rechtsextremen abgekupfert. Sie waren in Frankreich lange die einzigen, die von “nationaler Identität” sprachen. Die hartnäckig “Immigration” mit “Unsicherheit” gleichsetzten. Und die gegen eine imaginäre “Invasion” des Landes zu Felde zogen. Bei den PolitikerInnnen der anderen Parteien war das tabu.
Als erstes beackerte die Front national die Elendsgebiete am Rande der… weiter lesen