Noch ist Polen nicht verloren

von Paula Z.

Was’n Glück…

- dass ich keine Satirikerin bin – und in Polen tätig.

Zwar ist es auch hierzulande mit gewissen Risiken behaftet, den Geist und die Prominenz der Zeit mit spitzer Feder zu porträtieren – Wiglaf Droste etwa kann ein lustig’ Liedlein davon singen – aber zumindest wird das Vergackeiern eines führenden Politikers, wenn überhaupt, von deutschen Gerichten “nur” mit einer Geldstrafe geahndet. Und nicht mit ein- bis zweijährigen Haftstrafen, so wie bei unseren Nachbarn im Osten, wo satirische Kritik an einem Staatsoberhaupt als “Beleidigung” oder gar “Erniedrigung” und als Straftat gewertet werden kann.

Einen solchen Text über das Leben des nationalkonservativen und homophobem Präsidenten Lech Kaczynski veröffentlichte die taz vor knapp drei Wochen unter dem Titel “Polens neue Kartoffel” auf ihrer letzten Seite (“Die Wahrheit”) – im Rahmen der Satire-Serie “Schurken, die die Welt beherrschen wollen”.

Roland Koch (“Der hessische Kanonenschlag”) war im Januar 2003 Titelheld der ersten Folge; ihm folgten überwiegend bundesdeutsche PolitikerInnen, wie etwa Christian Wulff (“Der Tapetenmusterknabe”), Ulla “Frau Doktor Honigkuchenpferd” Schmidt, oder die “Mutter des Humanvermögens”, Ursula von der Leyen.
Sigmar Gabriel, heute Bundesumweltminister, wurde schon vor mehr als drei Jahren ebenfalls als Erdapfel verspottet (“Der König der Kartoffeln”), und auch leibhaftige Präsidenten fremder Länder gab es bereits vor Lech Kaczynski, nämlich Saddam Hussein (“Er wollte Baletttänzer werden”), den “Bulldozer Gottes” George W. Bush und Alexander Lukaschenko (“Das Monster von Minsk”).

Keiner der Genannten hat sich je darüber beschwert, auf diese Weise durch den Kakao gezogen worden zu sein… was aber fraglos auch daran liegen kann, dass man in Bagdad, Washington oder Minsk die komischste Seite der taz einfach nicht liest.
Im Amtssitz des polnischen Präsidenten ist das offensichtlich anders; allerdings entging den LeserInnen bzw. ÜbersetzerInnen dort, dass auf der “Wahrheit”-Seite ausschließlich Satiren, Albernheiten und Cartoons zu finden sind.

Jedenfalls hält sich, seit Kaczynski das “Weimarer Treffen” mit Kanzlerin Merkel und Präsident Chirac einen Tag vor dem vereinbarten Termin wegen einer Magen-Darm-Verstimmung absagte, trotz offizieller Dementis aus Warschau hartnäckig das Gerücht, es sei die taz-Satire gewesen, die für die “Verstimmung” des Präsidenten gesorgt hätte. Dafür sprechen nicht nur die bekannte Anfälligkeit Kaczynskis für politisch begründete Erkrankungen (den Feierlichkeiten zum 20. Gründungstag des polnischen Verfassungsgerichts blieb er ebenso “aus gesundheitlichen Gründen” fern wie der Geburtstagsparty der Queen, nachdem die britische Regierung um eine minimale Terminänderung gebeten hatte…), sondern auch zahlreiche, besagte Satire betreffende Verlautbarungen aus seinem Umfeld.

Die Außenministerin beispielsweise findet es “beunruhigend und sehr enttäuschend”, dass eine Reaktion deutscher Behörden auf den Artikel ausblieb, und feuert den Pressesprecher, der die Satire im Internet-Pressespiegel ihres Ministeriums veröffentlicht hatte. Aus der Präsidialkanzlei heißt es, der “empörende” Satire-Artikel sei “Grund für eine enorme Verärgerung” des Präsidenten, und beide Stellen vergleichen die taz mit dem Nazi-Hetzblatt “Stürmer”. Gleiches tut auch der Fraktionsvorsitzende von Kaczynskis “PiS”-Partei, der beim Abschreiben allerdings den “Stürmer” zum “Steiner” macht und ansonsten hofft, den taz-Autoren strafrechtlich verfolgen zu können.
Der Präsident selbst – das ist die momentan neueste Meldung – findet den Artikel “schändlich”, vor allem wegen der Erwähnung seiner “Mutter, die kein Politiker ist”.

Als vor Wochen ein paar islamische Länder die Regierung Dänemarks aufforderten, den Abdruck der berühmt-berüchtigten “Mohammed-Karikaturen” in einem Provinzblatt – die ihre “Berühmtheit” übrigens militanten dänischen Muslimen verdankten, die mit diesen (und einigen selbst hinzugefügten) Bildern im Gepäck eine Tournee durch die islamische Welt absolviert hatten – mit einer “harten” Bestrafung der Zeichner und der verantwortlichen Redakteure zu ahnden, da zuckte der größte Teil Europas nach kurzer Debatte mit den Schultern, dachte sich: ‘Na ja, die Mullahs, die haben’s halt nicht so mit der Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit’, ließ die vom Miet-Mob demolierten Botschaften reparieren und ging zur Tagesordnung über.

Bei der jetzt heraufdämmernden “Staatsaffäre” liegt die Sache etwas anders.
Gekränkt fühlt sich hier nicht irdische Stellvertreterschaft eines (im Paradies verorteten) Propheten aus irgendwelchen obskuren “Gottesstaaten”, sondern der ganz und gar unhimmlische Präsident eines dem Vernehmen nach demokratischen Landes, der als sogenannte Person des öffentlichen Interesses mit satirisch oder karikaturhaft zugespitzten Porträts nun wirklich rechnen muss.
Und Polen liegt auch nicht irgendwo im fernen Morgenlande, sondern gleich hinter der Oder…

“Noch ist Polen nicht verloren” – mit dieser verhalten optimistischen Botschaft beginnt nicht nur die polnische Nationalhymne, sondern so lautet auch der Titel eines Theaterstücks, das 1942 von Ernst Lubitsch unter dem Titel “To be or not to be” verfilmt wurde. Die 1939 in Warschau spielende Verwechslungskomödie gilt als Meisterwerk der politischen Satire und brachte das Kinopublikum in der ganzen Welt dazu, über die Nazi-Besatzer zu lachen.
Umfragen und aufmunternde E-Mails an die taz-Redaktion belegen, dass auch heutzutage viele BürgerInnen Polens nicht so humorlos sind wie manche Mitglieder ihrer Regierung – glücklicherweise!

Wenn es zum Beispiel für Premier Marcinkiewicz “kaum vorstellbar” ist, “dass sich in Polen jemand erlauben würde, so über das Staatsoberhaupt eines anderen Landes herzuziehen”,so zeigt das nur, dass der Mann sich in der Medienlandschaft des eigenen Landes nicht sonderlich gut auskennt. Sonst wäre ihm wohl jenes Titelbild der Zeitschrift “Wprost” aus dem Jahre 2003 eingefallen, das den damaligen deutschen Kanzler Schröder – der diese Abbildung zwar “mehr als unappetitlich” fand, aber deswegen noch lange kein diplomatisches Tamtam vom Zaun brach – als von der Vertriebenen-Chefin Steinbach (in SS-Uniform) gerittenes “trojanisches Pferd” zeigt…

03_wprost.jpg


8 Kommentare zu "Noch ist Polen nicht verloren"

  1. Die Steinbach ist in Wahrheit hoechst intelligent, ohne Scheiss…, und absolut nicht boese. Die Welt ist nun mal wie sie ist, das muss man berichten duerfen (und darf sie hopefully auch).

  2. Also wie ich diesem Bericht, den ich mal als Stellungnahme der TAZ werte, entnehmen kann, haben Sie nichts getan, als Ihr gottgegebenes Recht der Meinungsfreiheit auszuüben, ganz so harmlos sollen die Karrikaturen aber ganricht gewesen sein, wie es mir in diesem Artikel zumindest glauben gemacht werden will, in einem Bericht des DLF wurde ganz klar auf eine Art “UNTERSTE SCHUBLADE” mit schweinischen Tendenzen hingewiesen, hmmmm wem glaube ich jetzt dann wohl lieber mehr?
    Der Taz die ihre Hände in Unschuld wäscht und sich über die schier endlosen Zuspruchsbekundigungen von polnischer Seite freut?!

    Oder dem Deutschlandfunk, der auf eindeutig unsaubere und mal wieder die Grenzen des Guten Geschmacks ausufernde Verunglimpfung hinweist. Ich habe echt meine liebe Not gehabt, mehr Informationen zu diesem Vorgang zu finden, daher bleibte alles was ich hier äußere vonmiraus ausdrücklich unter Vorbehalt, aber eines ist mir bei der Lektüre Ihrer Stellungnahme direkt klar geworden; Ihre Schilderungen finde ich schon verdächtig ;-) und jetzt noch die “Wprost” mit in ihr Boot zu zerren naja, abwarten.
    Sie fühlen sich meines Erachtens, ohne die Umstände genauer zu kennen auf jeden Fall erstaunlich unschuldig, von schweinischen unsauberen Verunglimpfungen kann ich hier natürlich nichts lesen, aber nicht einmal ein indiz für mögliches Fehlverhalten wird mir im Rahmen ihrer Offenbahrung deutlich.
    Ist die TAZ tatsächlich Opfer eines bösen polnischen Staatspräsidenten oder ist die TAZ Täter bei der unnötigen Provokation unserer Nachbarn, egal ob im Glauben oder geografisch?

    Freiheit heisst auch Verantwortung, dass sollten sie, jedoch nur in dem Falle, dass sie tatsächlich ein Fehlverhalten zu verantworten haben, kapieren, mit der Beleidigung unserer polnischen Nachbarn, sowie der Andersgläubiger im zurückliegenden Streit tragen sie nicht gerade zu einer notwendigen Verständigung bei.

    “NOCH IST DIE TAZ NICHT VERLOREN”

  3. Hallo Benedikt24,

    ich freue mich natürlich sehr über Ihren Kommentar zu meinem Text “Noch ist Polen nicht verloren” – aber dennoch sind dazu wohl einige Klarstellungen fällig:

    1. Der Text “Noch ist Polen nicht verloren” gibt ausschließlich meine private Meinung wieder und ist KEINE Stellungnahme der taz. Als langjährige Leserin habe ich von der taz die Gelegenheit erhalten, hier im Rahmen des Blogs “Notizen aus der Online-Provinz” meine Meinung zu verschiedenen Themen kund zu tun; meine Texte werden aber von der taz vor ihrer Veröffentlichung weder kontrolliert noch in irgendeiner Weise überarbeitet.

    2. Meinungs- oder Pressefreiheit sind nicht gottgegeben, sondern hierzulande vom Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantierte Rechte.

    3. Stein des polnischen Anstosses waren keine – egal, ob schweinischen oder harmlosen – Zeichnungen (für deren Veröffentlichung die taz übrigens nicht verantwortlich war!) wie im erwähnten “Karikaturenstreit” ( siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Karikaturenstreit ), sondern ein auf der “Wahrheit”-Seite der taz veröffentlichter satirischer Text über Präsident Lech Kaczynski.

    Ob dieser Text nun eine über alle “Grenzen des guten Geschmacks ausufernde Verunglimpfung” darstellt oder nur die spöttisch bzw. sarkastisch überspitzte Darstellung eines prominenten Politikers, wie in der westlichen Welt allgemein üblich (s.a. das “Wprost”-Titelbild), müssen Sie für sich nicht danach entscheiden, wem Sie “lieber mehr glauben”. Sie können die besagte Satire “Polens neue Kartoffel” auch einfach lesen und sich selbst ein Urteil bilden.

    Hier noch einmal der Link:

    http://www.taz.de/pt/2006/06/26/a0248.1/text

    4. Persönlich fühle ich mich selbstverständlich “unschuldig” daran, dass sich der polnische Präsident und PolitikerInnen aus seinem Umfeld wegen dieser taz-Satire aufgeregt haben.
    Und ich finde, auch die taz kann sich da vollkommen “unschuldig” fühlen, denn es ist wahrlich nicht ihr Problem, wenn einige Mitglieder der polnischen Regierung eine meines Erachtens durchschnittlich bissige Satire als eine Art Majestätsbeleidigung begreifen.

    (Das ist, wie bereits erwähnt, MEINE Meinung!)

  4. Wie schon vor dem Regierungantritt der Kaczynski Bros. wird jede noch so absurde Gelegenheit an den Haaren herbeigezogen, gegen Deutschland und den Rest der Welt zu polemisieren. Das lenkt zwar von der innenpolitischen Ratlosigkeit ab, gibt aber die “normalen” Polen der Lächerlichkeit preis und verschärft durch die zunehmende internationale Isolation die (immmernoch zunehmend) vorhandenen, tatsächlichen Probleme der Menschen in Polen.
    Allerdings ist “der Pole” so gestrickt, dass er sich (im Gegensatz zu uns) nicht alles alle Zeit gefallen läßt. Die Ernüchterung über die gewählte Clique greift um sich (GENAU wie bei uns ) und so wie ich das polnische Volk (ein-)schätze, wird die nächste Wahl (genau wie bei uns) VOR dem Ende der Legislaturperiode stattfinden. Danach dürfte diese Seilschaft wohl in der Versenkung bzw. Provinzpolitik verschwinden, das allerdings wieder im Gegensatz zu DER bei uns!

    i.d.S. Weiter so, TAZ! Und am besten einen festen Platz für Satire über diese Urkomiker, scheint ja mehr zu wirken als Politik.

    Hook

  5. Vorurteile, zementiert, und wieder aufgelockert …

    Als Schweizer fällt es mir leicht, mich über die Polen zu abfällig zu äußern. Weshalb? Weil ich voller Vorurteile bin. Ganz abgesehen von den Heerscharen Krimineller polnischer Herkunft, die unser heißgeliebtes Heidiland tagtäglich als unerwünschte Gäste heimsuchen, um beispielsweise im Bündnerland Parfümerien auszurauben oder in den Kantonen Aargau und Zürich Automobile zu stehlen, betrachte ich lieber die Dirnen, die von jenseits der Flüsse Oder und Neiße zu uns herübergekommen sind, um mir ein großes Vergnügen zu versprechen, für hundert Schweizerfranken oder weniger, falls ihre Zuhälter bereits verhaftet worden sind.

    Nun, da Poland von zwei Zwergen mit Knollennasen regiert wird, die ich gerne Max und Moritz nennen würde – wären sie denn nur annähernd so witzig wie Wilhelm Buschs weltbekannte Geschöpfe – kann ich erleichtert sagen, daß ich noch viele Polen und Polinnen kenne, die mir im Laufe meines Lebens liebgeworden sind. Auf Anhieb spreche ich den Namen Zbigniew Seiferts aus, des viel zu früh verstorbenen Violinvirtuosen – und gleich danach den Namen Michał Urbaniaks, der seine ehemalige Frau, die Gesangskünstlerin Urszula Dudziak, mit der Violine derart einfühlsam begleitete, daß einem jeden gefühlvollen Menschen das Wort „unerhört“ unerhört vorkam. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren brachten es Freunde von mir fertig, die Urbaniaks nach Thalwil ins Kirchgemeindehaus zu locken, vor ein Publikum, das aus höchstens zwanzig Zuhörern bestand.

    Ach, wie die Zeit vergeht! Unsere heiligen Bundesordner werden heute in Polen hergestellt – um die von uns emsig produzierte Makulatur abheften zu können.

  6. hallo, Peter Lüber!
    schweizer oder nicht: es ist doch klar, dass es in einem milliarden-volk alle möglichen charaktere und typen gibt. vorurteile gibt’s in der regel trotzdem; man hat halt ein stereotyp im kopf, dass sich – auch durch ganz konkrete begegnungen – nur schwer ändern lässt.

    zu der kontroverse über den “kartoffel”-artikel allgemein: mir scheint, dass hier wie anderswo sehr schnell zwei ganz verschiedenartige fragen durcheinandergebracht werden, nämlich:
    1) was darf satire überhaupt?
    2) wie finde ich DIESE satire?

    ich z.b. finde die “kartoffel”-satire nur mäßig gelungen, aber die reaktion der polnischen regierung darauf trotzdem absolut deplaziert.

  7. Die – ehemaligen – polnischen “Kinderstars” haben sich aus ihrer Kindheit wohl – auch – den Horizont erhalten können.

    Dass Egoisten ein Fleck auf dem Wams mehr stört als ein trauriges Ergebnis, darauf werden wir uns wohl weiterhin verlassen können.

    Lachen oder schimpfen?
    Lachen ist gesünder.

    Benedikt Gresser

  8. I don’t understand german but I think you should pay that money for Poland. Warsaw was destroyed in 85% by Germans in WW II. And I also think that …

    _____________________________________________________________

    And I really don’t understand, why somebody like you – who doesn’t understand a single word of what I have written in this blog – feels like posting a comment on what I have written in this blog…

    I’m not very good in english, but let me try to explain a few things:

    “Noch ist Polen nicht verloren” is not about World War II, it’s not about the Waffen SS or about the Wehrmacht – and it is definitely not about any money which I (?) or Germany (?) should or should not pay to Poland.
    “Noch ist Polen nicht verloren” is just a funny little text about the lack of humour of the former polish president Lech Kaczynski.

    So maybe you should better write comments on blogs, which you understand. 

    Serdeczne pozdrowienia, Paula 

Kommentar Schreiben

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*


*