Mit dem Drecksrad bergab
von Paula Z.Was’n Glück…
dass mir an meinem Urlaubsort in Schleswig-Holstein ein betagtes, aber voll funktionsfähiges Fahrrad zur Verfügung steht. Ab und zu kühlt es ja doch soweit ab, dass man sich mal wieder ein wenig bewegen möchte.
Und in der Landschaft des nördlichsten deutschen Bundeslandes – das macht Radfahren für mich nämlich erst reizvoll – gibt es, ähnlich wie in Dänemark oder den Niederlanden, kaum nennenswerte Erhebungen (abgesehen natürlich von den Deichen).
Da ist alles richtig schön platt, sogar die Sprache der Einheimischen, und das einzige, wogegen man gelegentlich mal anstrampeln muss, ist eine steife Brise vom Meer her.
Im Gegensatz zu mir radelt der Rest der Familie allerdings liebend gern durch hügeliges Gelände. Insbesondere unsere Söhne, die beide – gepanzert wie Robocop – am liebsten auf ihren “Dirtbikes” “Downhill” fahren.
“Dirtbike”, “Downhill” – Sie wissen nicht, was das ist? Kein Problem, ich kenne mich da inzwischen ein wenig aus – wenn auch nur in der Theorie:
Ein “Dirtbike”, zu deutsch “Drecksrad”, ist ein Rad, an dem so ziemlich alles fehlt, was meiner Meinung nach bei einem Fahrrad unverzichtbar ist: ein bequemer, breiter Sattel, eine butterweiche Federung, eine melodische Klingel sowie eine straßenverkehrsgerechte Beleuchtung.
Trotzdem kostet so ein “Drecksrad” das Mehrfache eines soliden Holland-Rades, das mit besagtem nützlichen Zubehör ausgestattet ist. Viele der überwiegend recht jungen “Dirtbike”-Fahrer hocken, nein, stehen (weil ihr Sattel dermaßen knüppelhart und tiefergelegt ist…) auf dem Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens.
Und “Downhill”, meine Damen und Herren, bedeutet tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes, dass diese tollkühnen Jungs sich auf ihren fliegenden Rädern irgendwelche Berghänge hinabwerfen, die normale Menschen nur kletternd und mit einem Seil gesichert zu bewältigen versuchen würden.
Wenn grad keine Berge in der Nähe sind, treffen sich die Dirtbiker auch gern auf sogenannten “Dirtjump Contests”, wo in Ermanglung echter Hügel künstliche “Tables” oder “Doubles” aufgeschüttet und verschiedene “Tricks”, also Sprünge, vorgeführt werden.
Neulich habe ich mal so eine “New World Disorder – Unchained” DVD gesehen, auf denen (so ein Verkaufstext) die “besten Fahrer unseres schönen Planeten, vielleicht sind auch nicht alle von hier” …, zeigen, “was die Physik zur Zeit mit dem Bike so zulässt”.
Mir hat sich beim Anschauen dieser halsbrecherischen Sprünge ja zunächst mal die Frage aufgedrängt, welche Krankenkasse so etwas eigentlich zulässt…
Falls Sie sich davon ebenfalls ein Bild machen möchten – unter dieser Adresse gibt es einen “Teaser” im Quicktime-Format:
Nachdem ich mir also die Idole meiner Sprösslinge in Aktion angekuckt hatte, war ich sofort bereit, die sauteuren Helme, Arm-, Bein- und Brustpanzer mitzufinanzieren, die man für diesen Irrsinn braucht (das war natürlich auch der Grund, warum sie mir die DVD geliehen hatten…). Darüber hinaus war ich wirklich froh, dass es heutzutage so viele schöne, ökotestgeprüfte Naturhaarfarben gibt, unter denen sich auch für meine nach diesem Erlebnis vorzeitig ergrauten Haare der passende Farbton finden ließ.
Aber ich will mal nicht meckern.
Söhne manch anderer Mütter verbringen ihre Freizeit in Neo-Nazi-Treffs und / oder saufen bis zur Totalverblödung und / oder hocken den ganzen Tag bei Cola und Chips vor Ego-Shootern und Online-Adventures, bis sie so garstig und picklig geworden sind, dass sich wahrscheinlich nie im Leben eine junge Dame für sie interessieren wird.
Da nehme ich doch lieber eine gelegentlich Fahrt in die Ambulanz des nächstgelegenen Krankenhauses (wegen einer angebrochenen Rippe oder so) in Kauf; meine Jungs kommen wenigstens an die frische Luft, und sie kommen an bei den Mädels.
Außerdem muss ich zugeben, dass diese mit heftigen Adrenalinschüben – übrigens auch bei den ZuschauerInnen – verbundene Extremsportart sich vorteilhaft auf das etwas cholerische Temperament auswirkt, das unsere Söhne angeblich von mir geerbt haben (behauptet zumindest ihr Vater).
Seit er sich in freier Wildbahn oder in sogenannten “Bike Parks” regelmäßig mitsamt seines Rades in Schluchten oder Sandkuhlen stürzt, ist unser Ältester so was von ausgeglichen und geduldig, dass man ihm kürzlich sogar eine Ausbildungsstelle in einem Kindergarten angeboten hat. Okay, bei dem jüngeren warten wir bislang noch vergeblich auf diese Wirkung der “Downhill”-Raserei, aber der spielt eben auch Fußball (eine Sportart, die Jungs jeden Alters erfahrungsgemäss wenig entspannt…) und wird außerdem noch von pubertären Hormonschüben geschüttelt.
Fahrrad-Touren mit der ganzen Familie allerdings, wie wir sie gelegentlich unternommen haben, als die Kinder noch kleiner waren, sind zu meinem Bedauern nicht mehr drin.
Die Jungs können und wollen auf ihren “Bikes” gar nicht gemütlich radeln – und finden obendrein das von mir bevorzugte, ebene Gelände sterbenslangweilig.
Und Vater und Tochter behaupten einhellig: wenn sie sich meinem Tempo anpassen müssten, würden sie mit ihren High-Tech-Sporträdern umkippen.
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Hallo,
toll dein Geschreibe in diesem Block (mein erster den ich kommentiere und einer der ersten den ich lese). Du schreibtst toll, hast du vielleicht doch noch irgendwo irgendwas mit professionellen Schreiben zu tun? Wie kommst du zu diesem Block? Was bringt es dir? Noch weiß ich nicht ganz über “Blöcke” bescheid. Gibt es sowas wie einen “Hausfrauenblock”?
Liebe Grüße von Hausfrau Ulli.
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Hallo Ulli,
vielen Dank für das nette Kompliment.
“Professionell” übersetze ich bloß, Anwendungshinweise für Naturkosmetik u.ä., und verfasse gelegentlich kleine Werbetextchen. Da muss man sich immer sehr kurz fassen – deshalb habe ich sehr viel Spaß daran, in diesem “Blog” ausführlich zu allen möglichen Themen schreiben zu können.
Zu deiner anderen Frage: einen richtigen “Hausfrauen-Blog” nur mit Rezepten, Tips und Erfahrungsaustausch gibt es auf den taz-Websites nicht; sowas ist da wohl auch nicht geplant. Meine Kochrezepte hatte ich bloß mal vom Internet-Café an meinem Urlaubsort aus online gestellt, weil dazu nicht täglich Kommentare zu erwarten waren, die ich ja verwalten muss – und weil ich sie mir schon vor dem Urlaub fix und fertig in dem “Entwurfs-Ordner” gepackt hatte… Es gibt aber bestimmt “Hausfrauen-Foren” im Netz, die auf die entsprechenden Themen spezialisiert sind. Wenn du so etwas suchst, google doch einfach mal “Hausfrauen” und “Forum” (oder “Blog”).
Viele Grüße, Paula Z.
Hi, bin auch sehr angetan von deinem Geschreibe. Muss ich mal mehr lesen die Tage…
Fettes VID, dieser teaser. Das sind aber schon alles PROs, nicht ? Nun , macht doch mal’n VID von Papa und Sohnemann .. ?
keep on rolling!
LG aus Kiel – FS
Hallo Paula,
klasse Artikel, lebendig und anschaulich geschrieben. Und der letzte Satz ist zum Schreien…;)
Muss mal noch Deine anderen Blogs lesen, bestimmt sogar.
LG Manati
PS @ Ulli Vor kurzem ist ein interessantes Hausfrauen-Forum ins Netz gegangen, da gibt´s alles – von Politik über Wirtschaftsthemen bis zu Spielen und Rezepten. Vielleicht wär das was für Dich (und Andere?)
http://www.hausfrauenpolitik.de/html/willkommen.html
Hallo
Ich bin Tobias, 16 Jahre alt und komme aus Schleswig Holstein.
Ich finde es gut, dass Sie ma die guten Seiten von Downhill und Dirtjump nennen. Ich selber bin auch Anfänger in der Szene und, naja, finde es allerdings auch ein bisschen übertrieben, wie Sie schildern was man in diesen Sport macht. Das sieht schlimmer aus als es ist und es ist immernoch besser als mit einem Motorrad Sprünge über mehrere Autos zu machen (Evil Kenibel).
Schön Tag noch, Tobias Hamann
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Hallo Tobias,
vermutlich habe ich, was die Risiken betrifft, tatsächlich etwas übertrieben – aber auf dieser DVD, die mein Ältester mir mal geliehen hatte, waren ein paar Szenen zu sehen, die mir echt das Blur in den Adern gefrieren ließen. Da tat schon das Hingucken weh…
Bei meinem Nachwuchs (meine Tochter hat sich jetzt auch ein Dirtbike zugelegt, *seufz*) war bisher eine angebrochene Rippe das Schlimmste, was passiert ist; ansonsten gab es da bisher glücklicherweise “nur” Hautabschürfungen und blaue Flecken.
Ich wünsche dir jedenfalls viel Spaß – und dass all deine Knochen heil bleiben!
Paula
Hallo nochmal
OKay, manche DVDs oder Internetvideos sind echt heftig.
Ich selber hatte bisher nur leichte Abschürfungen und kleine Löcher in den Beinen, aber wenn man normal Downhill oder Dirtjumps fährt ist die Gefahr, sich dabei zu verletzen, genauso hoch als von einen Taxi im Straßenverkehr überfahren zu werden. Darf ich fragen, wie alt Ihr Ältester ist?
Gruß Tobi
PS: Finde cool ,dass Sie als Mutter soviel Ahnung davon haben.
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Hallo,
mein Ältester ist 26, fährt seit etwa fünf Jahren auf Dirtbikes.
“Ahnung” hab’ übrigens ich nur theoretisch; selber fahre ich ein ganz normales Fahrrad – mit Licht, Bremse und extra weichem, bequemen Sattel. Auf so ein Dirtbike würden mich keine zehn Pferde kriegen…
Gruß, Paula
Hi
Jop das kenne ich, meine Mutter ist da auch etwas negativ eingestellt.
Ich bin noch Anfänger und suche noch jemanden, der mir das beibringen kann, da das hier nicht jeder macht.
Manche Menschen haben überhaupt keine Ahnung von sowas, und ich hoffe, dass der Sport weiter verbreitet wird.
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Hi Tobias,
ich hab meinen Ältesten mal gefragt, wo ein Anfänger Leute finden könnte, die ihm was beibringen (oder auch nur ein paar Tipps geben) können…
- Für Hamburg und das Umland gibt es ein interessantes Dirt- und BMX-Forum: http://www.schlickjumper.de/ – (Schlickjumper-Forum)
- In Pinneberg gibt es einen Spot mit 3 “Lines” – Bike Spot Pinneberg
- Wenn du in der Nähe von Elmshorn bist, hast du Glück, sagt mein Sohn – denn da gibt es in Klein Nordende einen krassen Bike-Park. Das sind ganz liebe Leute da, sagt er, die auch gern mal Infos und Tipps geben. Das Ganze dort ist als Verein organisiert, und es gibt seiner Meinung nach sogar Räder und Zubehör zum Ausleihen.
Bei YouTube gibt es eine ganze Reihe von Videos – teilweise von erstaunlicher Qualität! – zum Stichwort “klein nordende”, zum Beispiel (die fand ich ganz nett) “Klein Nordende Dirt” oder “klein nordende biken”
Viel Spaß damit!
(Und hab’ Verständnis für deine “etwas negativ” eingestellte Mutter. Mütter sind nun mal so – die wollen immer, dass der Nachwuchs mit heilen Knochen wieder nach Hause kommt. Und kriegen deshalb beim Angucken solcher Videos schnell ein paar graue Haare…)
Ich bedanke mich vielmals – echt Super Sides
Mit dem drecksrad bergab.. Ho-o-o-o-t