Trennungs-Tagebuch (2): Since U been gone

von Paula Z.

Was’n Glück, …

dass es heutzutage MP3-Player gibt.

Mit diesen kleinen Knöpfen in den Ohren und dem Player in der Tasche kann man auch noch sehr spät in der Nacht zu lauter Musik wilde Tänze vollführen, ohne dass ein im Nebenzimmer schlafender Sprössling aufgeweckt wird.

Musik ist eine Möglichkeit, Emotionen in Tönen auszudrücken. Deshalb gibt es für jede Lebenslage und jede Gemütsverfassung den passenden Soundtrack.
Wenn es einem gefühlsmäßig nicht so gut geht (was bei von einem geliebten Menschen Verlassenen meistens der Fall sein dürfte) dann spenden die entsprechenden Songs nicht nur Trost, sondern machen auch Mut: Hör mal – da hat jemand offenbar genauso gelitten wie du, aber sie / er ist darüber hinweg gekommen und hat die Traurigkeit, die Furcht und den Zorn sogar noch in ein wundervolles Stückchen Musik verwandeln können…

Natürlich hängt es von der eigenen Sozialisation ab, welche Art von Musik man in einer Lebenskrise als hilfreich empfindet. Es mag Leute geben, die Mahler-Symphonien hören möchten, nachdem ihr langjähriger Partner ausgezogen ist; ich persönlich würde nach einigen damit untermalten Stunden wahrscheinlich auf dem Dachboden nach einem festen Strick zu suchen beginnen.

Ich bin nun mal mit Beatles-Pop und dem Rock der frühen 70er Jahre aufgewachsen.
Als junge Frau entdeckte ich zuerst Jazz-Rock, dann den Jazz, und begeisterte mich sogar für einige klassische Komponisten (zu denen Mahler allerdings nie gehörte).
In den letzten zwanzig Jahren habe ich mir, von Techno über House bis Hip Hop, bereitwillig alles angehört, was meine Kinder gerade gut fanden, und eine erstaunliche Menge davon hat auch mir gefallen – eine Frage nach meinem Musikgeschmack könnte ich daher allenfalls mit “ziemlich undogmatisch” beantworten.

Hier nun die erste Hälfte von ‘Paulas Top Twenty bei Herzschmerz’:

1. “Since U been gone” von Kelly Clarkson ist der derzeitige Spitzenreiter meiner privaten Trennungsmusik-Hitliste.
Die junge Sängerin, die von MusikfreundInnen meiner Generation häufig schon deshalb nicht recht ernst genommen wird, weil sie ihre Karriere einem US-amerikanischen Äquivalent zu “Deutschland sucht den Superstar” verdankt, sieht zwar aus wie ein soeben dem Barbie-Alter entwachsener Teenager, hat aber die amtliche Röhre einer Vollblut-Powerfrau, die Alles, aber auch wirklich Alles, über das Leben und die Kerle weiß… “Since U been gone” (“… I can breathe for the first time – I’m so moving on – Yeah, Yeah!”) ist eine schnurgerade losmarschierende, ‘Old School’-Rocknummer, zu der man phantastisch quer durchs Zimmer fetzen und jede Menge Dampf ablassen kann, Headbanging und Luftgitarrespielen inklusive.

2. “I don’t need a man” von The Pussycat Dolls hingegen ist eine niedlich glitzernde Pop-Perle. Klar, das diese bombastisch aussehenden Grazien keinen Mann brauchen; schließlich gibt es bestimmt hunderttausend Kerls, die beim Angucken ihres Musikvideos pures Testosteron ausschwitzen…
Aber das schreckt eine ausgewachsene Frau wie mich nicht im geringsten; ihr Song ist trotzdem frech und funky und verführt dazu, rhythmisch mit den Hüften zu kreisen und Alles zu schütteln, was sich schütteln lässt – auch und gerade dann, wenn der Ex sich nur für die schmaleren Hüften einer Jüngeren interessiert.
“Let it go, let it go, let it go, let it go…”

3. “You have placed a chill in my heart” von den Eurythmics.
Dies Stück habe ich schon geliebt, als ich noch nicht wusste, dass ich mich eines Tages genau so fühlen würde, wie Annie Lennox in den ersten Szenen des Videos ausschaut: Allein und fröstelnd inmitten einer kargen Wüstenlandschaft, mit verheultem Augen-Make-Up und bitterem Zug um den Mund. Die Sängerin hat schon viele Lieder über Eifersucht (“Who’s that girl”), Verlust (“Here comes the rain again”) und Trauer (“The sadest song I know”) interpretiert, und immer auf so glaubhafte Weise, dass ich jedes Mal, wenn ich ihre schöne, klare Stimme höre, Respekt und Mitgefühl zugleich verspüre.
Am “Chill in my heart”-Video gefällt mir am besten ihre Darstellung eines Supermarkteinkaufs (“buy some love at the ‘Five ‘nd Dime’”), des Telefon-Dialogs zwischen zwei beliebten weiblichen Rollenbildern – dauergewelltes, braves Hausmütterchen und blondgelockter Vamp – und des finalen, triumphierenden Aufbegehrens dagegen, in so engen Schablonen gepresst zu werden (“’cause I’m much too tall, to feel that small!”).

4. “Please Bleed” von Ben Harper.
Warum Ben Harper hierzulande noch kein Superstar ist, finde ich schwer verständlich – in meinem Bekanntenkreis jedenfalls finden alle Menschen zwischen 12 und 62 ihn und seine Band “The Innocent Criminals” total klasse. Der Refrain dieses Songs – “Please bleed – so I know, that you are real – so I know that you can feel – the damage that you’ve done” – ist eine krasse, aber durchaus zutreffende Beschreibung der Gefühle, die ich in den ersten Tagen als “frisch Verlassene” meinem Ex gegenüber hegte – und die auch jetzt immer mal wieder aufflammen. “Good lovers make great enemies…”

5. “Hurt” – gesungen von Johnny Cash, für die ganz, ganz traurigen Momente; wütend sein oder wild tanzen kann man dazu nämlich nicht. Aber ich wüsste kein Lied über das Abschiednehmen, dass mich je so tief berührt hätte.
Dass der große alte Mann des Country mich in dem Musikvideo ein wenig an meinen vor vier Jahren verstorbenen Vater erinnert, hat sicher dazu beigetragen. Mit wie viel Würde und Eleganz man doch Abschied nehmen kann…

6. “Hedonism” von Skunk Anansie gehört vermutlich zu den von Alleingelassenen meistgehörtesten Rock-Songs.
Auch wenn man – in den frühen Phasen der Trennungsarbeit – den in der ersten Liedzeile formulierten frommen Wunsch (“I hope, you’re feeling happy now…”) nicht so ohne weiteres zu teilen imstande ist, so kann man auch dann schon dem Refrain – “Just because you feel good – it does not make you right” – zustimmen. Und der groove geht in jedem Fall in die Beine!

7. “Cry me a river” ist stets eine gute Wahl für alle ‘Lonely Hearts’, egal, ob in der munter drauflos rockenden Live-Version von Joe Cocker mit den “Mad Dogs & Englishmen” oder in der köstlich unterkühlten von Diana Krall:
Einen ganzen Fluss voller Tränen sollst du weinen, Baby, denn so viele Tränen habe ich auch wegen dir geweint!

8. “The thrill is gone” von B.B. King existiert ebenfalls in zahlreichen Versionen. Unter den YouTube-Videos gibt es eins, in dem er gemeinsam mit Gary Moore auf der Bühne steht, aber meine Lieblingsfassung – ebenfalls live vorgetragen, ich weiß aber nicht, wann und wo – ist nach wie vor die von der “B.B. King / The king of the blues”-CD aus der “Blues Collection”.
Auch wenn B.B. King wohl mindestens ebenso oft anderen Menschen das Herz gebrochen hat, wie es ihm gebrochen wurde (15 Kinder von 15 verschiedenen Frauen!), krieg’ ich jedes Mal eine Mega-Gänsehaut, wenn er davon singt, dass der Schauer der Erregung nun “gooooone” sei, weil seine Lady ihm ein Unrecht angetan hat. Und wenn er Lucille, seine Gitarre, die Blues-Version der Geschichte erzählen lässt, auf eine traurige und zugleich doch so beglückende Art…
Denn, nicht wahr, trotz aller Rückschläge ist es ein Geschenk, am Leben zu sein; trotz aller Seelenschmerzen fühlt es sich großartig an, lieben, fühlen, Musik machen, hören und tanzen zu können!
(Oder, wie es der deutsche “Bluessänger auf Abwegen” Dendemann ausdrückt: Das Leben ist so derbe geil…)

9. “Open your eyes” von den Guano Apes ist wahrscheinlich kein Song, den Jede(r) spontan mit Trennungsschmerz oder Abschied in Verbindung bringen würde.
Ich habe ihn in meine kleine Hitliste aufgenommen, weil er 1.) oberaffengeil rockt und 2.) meine Freundinnen – und ich selbst – mir nach der “Beichte” meines Ex immer wieder dieselbe Frage gestellt haben: ‘Du bist doch nicht doof; warum also hast du in all den Jahren nichts gemerkt?’
Antwort: Weil ich nichts merken wollte.
Weil ich es vorgezogen habe, ihm bedingungslos zu vertrauen – mir selbst und meiner Intuition (die mir oft genug signalisierte, dass da irgendwas nicht stimmen konnte…) aber nicht. Weil ich zugelassen habe, dass er zum Mittelpunkt meines Lebens wurde, und deshalb zu feige war, ihn ohne rosa Brille zu betrachten. Neuerdings habe ich oft das Gefühl, aus einem Nebel heraus getreten zu sein und zum ersten Mal seit langer Zeit klar sehen zu können.
Fazit: Öffne deine Augen – je eher du es tust, desto weniger schmerzhaft wird der Anblick dessen, was du dann siehst!

10. “Im Arsch” von Jan Delay feat. Udo Lindenberg.
Bei YouTube finden sich von diesem Stück nur einige knarzige Live-Aufnahmen – wahrscheinlich mit diesen tollen neuen Handys gemacht, mit denen man filmen, Musik hören, fernsehen, im Internet surfen und den Kühlschrank abtauen, aber nur gelegentlich (wenn Akku und Empfang optimal sind) telefonieren kann – vom Konzert in den ‘Docks’ am 18.10.06.
Das ist aber nicht weiter tragisch, denn der Erwerb des ganzen, extrem tanzbaren Albums “Mercedes Dance” ist ohnehin sehr zu empfehlen.
Über “Im Arsch” schreibt ‘laut.de’: Angesagt trifft abgehalftert: Jan Delay holt Udo Lindenberg aus der Mottenkiste. Oberflächlich betrachtet eine ungewöhnliche Paarung. Aber, was geht? Der alte Lindenberg läuft zu Bestform auf. Das Duo kommt in einer Weise organisch daher, als stünden die beiden seit Jahren gemeinsam in der Gesangskabine. (…) Am Ende befinden wir uns ganz am Anfang. Die Birne ist frei für Neues

Oder, wie meine kluge Freundin D. neulich (frei nach André Gide) sagte: Immer, wenn eine Tür zugeht, gehen andere auf.


2 Kommentare zu "Trennungs-Tagebuch (2): Since U been gone"

  1. Paulchen, geschätzte Freundin,
    ich bin stolz auf dich, dass du das Trennungs-Tagebuch doch noch schreibst!

    “Ich vermag’s niemandem erklären,
    Erkläre ich’s nun hier allen”
    (Frigyes Karinthy)

    Was mir fehlt: Du wirkst noch etwas distanziert, ich spüre dich nicht. Du weißt, wir wollten den Pulitzer holen! Also: Gib’s uns die volle Dröhnung Trouble! Denk an deine Leserinnen, die hier mitkotzen möchten.

    Dein alter Fan:
    vagus

  2. “Since I left you” von den Avalanches ist auch recht passend …

Kommentar Schreiben

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*


*